Mittwoch, 15. Juli 2015

Aus der Praxis – Untreue




Liebe ist nicht haltbar und schon gar nicht steuerbar. Es gibt keinen Garantieschein, dass Amors Pfeil, einmal ins Herz getroffen,dort auch stecken bleibt, bis dass der Tod die Liebenden scheidet. Liebe ist vergänglich, jedenfalls die Liebe, die Menschen in Beziehungen führt – die erotische Liebe, Eros, wie die griechische Philosophie sie einst benannt hat. 
Auch wenn man sich noch so sicher ist, dass man den Partner liebt und man ihn niemals verlieren möchte, weil es da so vieles an Wertvollem im gemeinsamen Leben gibt, die Liebe kann Risse bekomme und sie kann vergehen, ob wir das wollen oder nicht. All die tiefen Gefühle von Wertschätzung und Zuneigung, die Nähe und Zuverlässigkeit, die schönen und weniger schönen Zeiten, die man gemeinsam erlebt hat, all das, was den Kitt einer tiefen Bindung zu einem Fremden, den man sich vertraut gemacht hat, ausmacht, kann aufweichen oder gar zerbröseln. Zuverlässigkeit und Vertrauen zu diesem Menschen, den wir unseren Partner nennen, können etwas weichen, das sich weniger gut anfühlt, nämlich Lüge und Betrug, und das große Wir, das einst Halt gab und die schönen Gefühle: Du bist nicht allein, du bist geliebt!, in Frage stellen oder sogar erschüttern und zerstören. 

Dass jede Beziehung einmal anders werden kann, wissen wir alle, aber wissen wollen wir das nicht. Wir spüren es, wenn dieses anders werden sich anschleicht, erst als ein nicht fassbares subtiles ungutes Gefühl, dann als wachsendes ungutes Gefühl, das uns einflüstert, dass uns etwas fehlt. Dabei ist es ziemlich egal was da fehlt – das Gefühl des Fehlenden, des Mangels, ist eine Gefahr für jede Beziehung, eine Gefahr, die bei manchen Menschen, egal ob Mann oder Frau, dazu führt, dass sie dem Partner untreu werden. 

Die Untreuen haben alle eines gemeinsam: Anstatt den Mut aufzubringen und sich das Herz zu fassen und dem Partner seine Gefühle des Mangels ehrlich zu offenbaren, drücken sie sich vor der Verantwortung und vor der Achtung dem anderen gegenüber, der die Wahrheit verdient hat und - sie drücken sich vor der eigenen Wahrheit, indem sie die Ursache des inneren Mangelns nicht ergründen, sondern die vom modernen Menschen priorisierte ASAP Methode wählen, die ihren Zustand des inneren Mangels, schnell beheben soll -  und die geht so:  Sie suchen die (Er) Lösung für das, was ihnen in der Beziehung  und in sich selbst fehlt, woanders - im Außen, sprich bei einem anderen Menschen, der ihre innere Not beheben soll. So wird der feige Mensch untreu.

Ich habe mich oft gefragt: Was ist Untreue und wo beginnt sie? Wo kann ich meinen Partner noch verstehen und ihm verzeihen, und wo sollte mein Verständnis und mein Verzeihen ein Ende haben? Ich bin zu dem Schluss gekommen Untreue ist nichts das über den Menschen hereinbricht oder ihn schuldlos erwischt. Untreue ist immer ein Akt der Willensentscheidung - und der Auftakt für diesen Akt beginnt im Kopf. Bevor ein Mensch untreu wird, hat er sich mehr oder weniger bewusst, aber in jedem Fall aus freiem Willen dazu entschlossen. Niemand wird gegen seinen Willen zum Untreuen, niemand wird gegen seinen Willen verführt, wenn da nicht die innere Bereitschaft ist die Verführung zu wollen oder sie zuzulassen. 

Der Dritte im Bunde wird eingeladen.
Eine intakte Beziehung lässt diese Lücke nach Außen nicht zu, sie ist eine selbstverständliche Einheit gegen die Eindringlinge keine Chance haben. Der Eindringling von Außen braucht immer die Lücke, er braucht die Bereitschaft des Untreuen sein Leben und seinen Beziehungsraum zu betreten – er bekommt die Einladung. Deshalb trägt derjenige, der die Untreue begeht, auch die Verantwortung für den Treuebruch, mag er sich noch so viele Ausreden und Entschuldigungsgründe zurechtlegen - man wird nicht untreu gemacht, man will es sein. 

„Ich bin in Versuchung gekommen", oder: "Man hat mich verführt“, sind lausige Ausreden, mit denen der Untreue sich selbst zum unschuldigen Opfer macht, aus Angst die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und weil das Opfer doch immer den Bonus der Unschuld für sich beanspruchen darf. So gelingt es vielen Untreuen dem betrogenen Partner zu suggerieren, dass sie nicht alleine die Verantwortung für ihr Handeln tragen. Sie schieben den Treubruch auf alles Mögliche, im Zweifel auf die Lieblosigkeit des Partners, nur um nicht da zu stehen wo ihr wahrer Platz ist – nämlich in der Ecke des Betrüger und des Verräters an der Beziehung und am Vertrauen des Partners. 

In der Welt der Untreuen gibt es immer bestimmte „äußere“ Umstände die zur Untreue führen. Gerne genommen werden auch Argumente wie: „Ich fühle mich von dir nicht mehr wertgeschätzt, nicht mehr verstanden oder nicht mehr geliebt, ich bin in der Beziehung innerlich einsam, du machst mich nicht mehr glücklich, nur deshalb suche ich mir die Zuneigung und die Wertschätzung anderswo". Auch sexuelle Probleme oder sexuelle Unzufriedenheit in der Beziehung geben gute "Gründe" für die Untreue her. Dabei ist die sexuelle Unlust in den meisten Fällen gar nicht das eigentliche Problem, sondern vielmehr nur eine Auswirkung anderer tiefer liegender Probleme in der Beziehung auf der sexuellen Ebene. Wo sich sexuelle Unlust breit macht, stimmt in diesen zwei Menschen etwas nicht mehr und im Miteinander dieser beiden stimmt etwas nicht mehr. Wo sich Sehnsucht nach einem anderen Körper meldet, der einen die Lust wieder fühlen machen soll, liegt der Urgrund in der Sehnsucht selbst, der Sehnsucht, die im Eigenen keine Erfüllung mehr findet und damit auch nicht mehr im Partner. 

Wo also beginnt Untreue?
Braucht es den sexuellen Betrug oder beginnt die Untreue bereits dort wo sexuelle Handlungen fehlen, zum Beispiel dann, wenn sie sich im Kopf und im emotionalen Bereich des Untreuen abspielt? Genau da beginnt sie. Sie beginnt dort wo der eine Partner sich vom anderen gedanklich und emotional wegbewegt und sich auf ein neues Objekt der Begierde zubewegt, auch wenn es noch namen- und körperlos ist, sie beginnt dort, wo die Selbstlüge die Lüge bedingt und man dem anderen nicht sagt, wie man sich wirklich fühlt - mit sich selbst in der Beziehung und das nicht mehr Gefühlte bei einem anderen sucht. 

Wer sucht, der findet.  
Fremdverlieben ist leicht. Für den, der im Chaos der eigenen Gefühlswelt keine Ordnung schaffen will ist die Untreue der feige Hinterausgang um zu vermeiden was wirklich ansteht: Aufräumen, und zwar im eigenen Innenraum und im Raum der Beziehung. Wer Letzteren nach der Aufräumaktion dann dennoch verlässt, weil es keinen Sinn macht zu bleiben, ist wahrhaftig und hat Rückgrat, etwas das dem Untreuen abgeht.

Übrigens für die Betrogenen gilt: Sie können großmütig versuchen, den Betrug zu verzeihen, aber der Vertrauensbruch bleibt und mit ihm das Misstrauen. Die Demütigungen belogen und betrogen worden zu sein nagt am Selbstwertgefühl und verrückt den Wert der Beziehung hin zur Fragwürdigkeit des gemeinsamen Lebens. Außerdem: Welche Botschaft geben die Großmütigen dem Untreuen, wenn sie ihm verzeihen? Er lernt, dass er noch einmal davon gekommen ist und wird es das nächstes Mal geschickter anstellen. Er wird nichts lernen, außer der Gewissheit, dass er auch beim nächsten Mal sehr wahrscheinlich mit seinen Ausreden durchkommen wird.
Ob Untreue wirklich verziehen werden kann? Nun, immerhin bringt sie einen Vertrauensverlust mit sich, der nie wieder gut zu machen ist, ein wackeliges Fundament für eine stabile Beziehung, finde ich.








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