Samstag, 3. Januar 2015

AUS DER PRAXIS - Warum lesen heilen hilft






„Ich weiß nicht, warum ich das solange ausgehalten habe“, oder: „Ich verstehe mich selbst nicht, irgendetwas stimmt nicht mit mir, was ist das bloß?“ Diese und ähnliche Fragen stellen viele Menschen, die zum ersten Mal in die Psychologische Beratung oder in die Therapie kommen. Sie verstehen sich selbst nicht, aber sie wissen, dass es so wie es ist, nicht gut ist.
Ein wichtiger Schritt ist immer das Verstehen der Störung. Die Betroffenen sollten Experten ihrer Schwierigkeiten werden. Dazu trägt neben den Gesprächen wesentlich die Bibliotherapie bei. Unter Bibliotherapie versteht man den Einsatz von Büchern zu therapeutischen Zwecken in der Medizin und in der psycholpgischen Arbeit mit Menschen, gemeint ist damit der Einsatz von Literatur zur Unterstützung der Heilung. Bibliotherapeutische Materialien können Romane, Biografien, Schicksalsberichte und psychologische Ratgeber sein. Lesen bildet, aber es bildet auch ein Bild von etwas, das wir nicht verstehen, bis man es uns zeichnet. Aus diesem Grund helfen Bücher, die über die eigene Problematik berichten, unsere Probleme, unsere psychische Struktur sowie unsere kleinen und großen Neurosen besser, oder überhaupt erst zu verstehen. Darüber hinaus erfahren wir, dass wir mit unseren Themen nicht allein auf der Welt sind, dass wir sie mit anderen Menschen, die ähnliches erfahren haben oder durchleben, teilen.
Aus meiner Erfahrung in der psychologischen Arbeit mit Menschen weiß ich, dass dies eine sehr wertvolle Einsicht ist, denn manche Klienten dazu neigen zu glauben, nur sie allein hätten dieses spezielle Problem und schämen sich dafür. Beginnen sie jedoch sich mit ihrem Thema auch lesend zu beschäftigen, z. B. mit Hilfe von psychologischen Büchern oder Ratgebern, gelingt es ihnen mit der Zeit die Ursachen zu verstehen und in der Folge, ihre Probleme ale Herausforderung zur Entwicklung anzunehmen und bewusster damit umzugehen. Lesend können wir erlernen psychologische Strategien anzuwenden und uns damit bei der Bewältigung negativer Gefühle und Emotionen effektiver selbst zu helfen. Das ist auch das Ziel jeder psychologischen Intervention: Professionelle Hilfe zur Selbsthilfe und diese besteht im Wesentlichen darin, dem Betroffenen Werkzeuge an die Hand zu geben um sein Leben wieder selbst, im Vertrauen auf die eigene Kraft, und eigenverantwortlich zu meistern und zu gestalten. Es geht immer darum, in die eigene Macht zu kommen, sich von den „störenden Teilen“ der Persönlichkeit nicht überfluten oder beherrschen zu lassen und durch Selbstbeobachtung destruktive Gedanken und Muster zu erkennen, und sie durch positive, neu gelernte Gedanken und Muster, nach und nach zu ersetzen. Das bedeutet: Mit den besten Werkzeugen, die man besitzt, den Acker seines Lebens zu bestellen, auch dann, wenn es hagelt und stürmt und aussieht, als würde die Welt untergehen und zu wissen, ich schaffe das, egal was kommt.  Und es geht darum herauszufinden, was unsere Werkzeuge sind mit denen wir das Leben meistern, zu lernen sie zu benutzen und ihnen zu vertrauen.
Das zu erreichen, dafür ist natürlich in erster Linie die gemeinsame Arbeit in den Therapiestunden von entscheidender Bedeutung, aber die Erfahrung zeigt, es ist hilfreich in der Zeit zwischen den Stunden Bücher zu lesen, insbesondere wenn ihre Inhalte auf denselben Prinzipien beruhen, die auch in der Therapie angewendet werden. Es ist von hoher Bedeutung den Klienten zu informieren, ihn zum wissenden Spezialisten seiner eigenen Problematik zu machen, ihm theoretische Grundlagen an die Hand zu geben – mit anderen Worten ihn „mündig“ zu machen und dabei gilt es ihn mit allen Hilfsmitteln zu stärken, die ihn dabei unterstützen, sich praktische Bewältigungsstrategien anzueignen. Jede psychologische Arbeit mit Menschen braucht die Einsicht und Mitarbeit des Klienten sonst bleibt sie wirkungslos. Der Wandel zum Besseren stellt sich erst dann ein, wenn sich der Mensch mit seiner Erkrankung bewusst auseinandersetzt.
Die Ergebnisse einer klinischen Studie  an der Universität Glasgow, die sich mit der Wirkung  von Bibliotherapie befasst hat, konnten dies untermauern. An der Studie nahmen 281 Patienten mit Depressionen teil. Sie wurden auf zwei Gruppen randomisiert. Alle Patienten setzten die bisherige Therapie wie gewohnt fort. Die Hälfte der Gruppe erhielt zusätzlich einen Patientenratgeber. Dieser glich eher dem Skript einer Schulung als einem Hochglanz-Ratgeber und  fasste die Berufserfahrungen des früheren Präsidenten der British Association for Behavioural and Cognitive Psychotherapies zusammen, dem Fachverband für die kognitiven Verhaltenstherapeuten. Wichtig für den Erfolg der Bibliotherapie war, dass die  Skripte den Patienten nicht einfach nur ausgehändigt wurden. Die Therapeuten nahmen sich die Zeit in drei Einzelgespräche von jeweils einer Dreiviertelstunde, mit den Patienten die Skripte durchzugehen. Nach Abschluss der Studie hatte sich bei den Teilnehmern an der Bibliotherapie das Beck-Depressions-Inventar (BDI) von 29,8 auf 16,4 Punkte verbessert und damit um 5,26 Punkte mehr als unter der konventionelle Therapie, wo der BDI von 29,0 auf 22,1 zurückging. Der Unterschied von 5,26 Punkten war nicht nur statistisch signifikant, sondern auch klinisch relevant: Nach 4 Monaten hatten sich mit 42,6 Prozent mehr als doppelt so viele Patienten von ihrer Depressions-Episode erholt als in der Vergleichsgruppe, wo es nur 24,5 Prozent besser ging.
Natürlich kann die Bibliotherapie keine Therapie ersetzen. Aber sie kann Mut schenken und helfen, sich selbst besser zu verstehen und sich selbst mit allem anzunehmen was gerade ist, im Wissen, dass wir weitaus mehr für uns tun können als wir glauben, um unser Leben zu verbessern und gesünder zu werden. Mut, Hoffnung, Glaube und Zuversicht, aber vor allem das Wissen um die Vielfalt der Möglichkeiten zum Verstehen unserer Selbst, aktivieren unsere Selbstheilungskräfte. Und - ohne Selbstheilungskraft ist keine Heilung möglich.



Das eine Buch lehrt uns das Leben, das andere verschönt es.
Michael Genin





Kommentare:

  1. Schön zusammengefasst, was ich aus eigenem Erleben während bisher 53 lesender Lebensjahre erfahren habe. Meine Resilienz bekam Aufwind und einen Anker, als ich lesen lernte und ab dem Zeitpunkt zog ich mich aus vielen schwierigen Situationen selbst aus dem Sumpf, manchmal früher manchmal später. Meine Intuition zu entwickeln und ihr mehr und mehr zu vertrauen brachte mehr Leichtigkeit, das bezog sich auch auf die Wahl des zu lesenden Materials. Wenn ich auf Empfehlungen hörte, brachte das nicht immer Freude, wenn ich mich auf mein Gefühl bezog, hatte ich meist, was ich in dem Moment am meisten brauchte und mir wertvolle Information brachte. Danke für den Post, ich finde mich hier wieder!
    Liebe Grüße mit den besten Wünschen für ein wundervolles neues Jahr
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  2. liebe elisabeth, danke für deine worte!

    auch dir ein sanftes und gutes neues jahr.

    lieben gruß,
    angelika

    AntwortenLöschen