Donnerstag, 23. April 2026

Gefangen im eigenen Muster - Warum Bindungsprobleme oft von Therapie abhalten

 

                                                                Foto: A.Wende

 
 
Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich, dass Menschen mit Bindungsproblemen immer wieder daten und neue Kontakte knüpfen, obwohl sie selbst irgendwie spüren, dass sie für eine Partnerschaft eigentlich nicht bereit sind. Wenn man diesen Widerspruch jedoch unter dem Aspekt der Bindungstheorie betrachtet, wird dieses Verhalten nachvollziehbarer. Dahinter steckt in den meisten Fällen keine bewusste böse Absicht, sondern ein innerer Konflikt: Der Wunsch nach Nähe und die Angst vor Nähe. 
 
Das Bedürfnis nach Bindung verschwindet nicht einfach, nur weil ein Mensch in frühen Bindungen oder späteren Beziehungen ungute Erfahrungen gemacht hat oder sich emotional unsicher fühlt, oft ist es sogar besonders stark ausgeprägt.  
Neue Kontakte vermitteln dann die Hoffnung, dass es dieses mal anders sein könnte. Gerade die Anfangsphase eines Kennenlernens fühlt sich dabei relativ sicher an, weil sie noch unverbindlich ist. Man kann sich zeigen, ohne sich vollkommen zu öffnen und Nähe in kleinen, kontrollierbaren Dosen erleben. Für viele Menschen mit Bindungsproblemen ist genau dieser Zustand angenehm, erst wenn es tiefer und verbindlicher wird, werden die alten Schutzmechanismen aktiviert.
Solche Verhaltensmuster laufen oft unbewusst ab. 
 
Menschen handeln nicht unbedingt mit der klaren Einsicht, dass sie sich selbst widersprechen, sondern folgen automatisch inneren Prägungen, Überzeugungen und Mustern.
Zudem können neue Begegnungen kurzfristig den fragilen Selbstwert stärken, weil sie das Gefühl vermitteln, gesehen zu werden, gewollt und interessant zu sein.
Paradoxerweise ist das ständige Knüpfen von Kontakten auch eine Form der Vermeidung. Statt sich auf eine tiefe, verbindliche Beziehung einzulassen, was mit Unsicherheit und Angst verbunden ist, geht man kurzzeitig immer wieder Kontakt und weicht der eigentlichen Herausforderung sich ernsthaft einzulassen aus. Wenn es dann nicht funktioniert, wird das oft der Situation oder dem Gegenüber zugeschrieben, während in Wahrheit das eigene innere Muster weiterläuft. Dieses Verhalten ist weniger ein bewusstes „Ich will, bzw. ich kann mich nicht binden, date aber trotzdem“, sondern Ausdruck des ungelösten inneren Konflikts. 
 
Warum machen Menschen mit Bindungsproblemen dann keine Therapie?
Weil der gleiche innere Konflikt, der Beziehungen schwierig macht, auch einer Therapie im Weg steht. Ein zentraler Punkt bei Bindungsproblemen ist Angst.
Therapie würde bedeuten, sich genau mit den Themen auseinanderzusetzen, die vermieden werden, nämlich Nähe, Angst vor Verletzung und die Konfrontation mit den unheilsamen Bindungserfahrungen der Kindheit. Da Therapie immer auch Beziehung bedeutet, kann sich das für Menschen mit Bindungsproblemen ähnlich bedrohlich anfühlen wie eine enge partnerschaftliche Beziehung. Allein der Gedanke, sich einer fremden Person emotional zu öffnen, löst dann auch hier eher Vermeidung als Motivation aus. Hinzu kommt, dass viele Betroffene ihre eigenen Muster zwar spüren, aber nicht klar als Problem erkennen, an dem man arbeiten kann. Stattdessen wird es oft verdrängt und als Pech in der Partnerwahl oder als Eigenschaft „Ich bin eben so“ abgetan. So entsteht weniger oder kein Leidensdruck, etwas verändern zu müssen. 
 
Vermeidung funktioniert sehr subtil.
Solange man sich durch immer neue Kontakte ablenken kann, bleibt der Leidensdruck gering. Therapie würde bedeuten, sich nicht mehr abzulenken, sondern hinzuschauen. Und das kann schmerzhaft sein. Deshalb wird innerlich blockiert. Auch Scham spielt häufig eine nicht unwesentliche Rolle. Sich selbst einzugestehen, dass man in Beziehungen Schwierigkeiten hat oder vielleicht sogar bindungsunfähig ist, fühlt sich nicht gut an. Etwas stimmt mit mir nicht, ist schwerer zu akzeptieren als - es klappt eben nicht, weil der oder die Richtige noch nicht gekommen ist. 
 
Letzlich gibt es noch ganz praktische Hürden.
Therapieplätze sind schwer zu bekommen. Therapie bedeutet Arbeit, sie kostet Zeit, Kraft, Energie und manchmal auch Geld. Wenn keine Motivation und keine Bereitschaft vorhanden sind, reicht schon einer dieser Gründe um nichts zu tun. In den meisten Fälle aber ist es vielmehr so, dass genau die Muster und Mechanismen, die Menschen mit Bindungsproblemen davon abhalten eine verbindliche Beziehung einzugehen, sie gleichzeitig davon abhalten, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
 
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Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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