Mittwoch, 15. April 2026

Wenn die Kindheit Spuren hinterlässt – komplexe PTBS erkennen und verstehen

 

                                                           Malerei: A.Wende


Wenn ein Kind über längere Zeit Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt, bleibt das nicht in der Vergangenheit zurück. Die Erfahrungen prägen bis ins Erwachsenenalter. Die sogenannte komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS) beschreibt genau diese tiefen und vielschichtigen Folgen. Sie betrifft nicht nur einzelne Symptome, sondern das gesamte innere Erleben, Gefühle, Selbstbild, Beziehungen und sogar das Verständnis von sich selbst und Welt. 
 
Viele Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu fühlen und/oder sie zu regulieren. Sie fühlen sich schnell überwältigt, leer, innerlich erstarrt oder innerlich abgeschnitten. Nicht selten kommt es auch zu einer Art innerer Taubheit, weil das Nervensystem, in der Absicht zu schützen, alles runterzufährt. Es schaltet das Fühlen ab, um zu überleben. Häufig ist auch das Selbstbild stark geprägt von Scham, Schuld oder dem Gefühl, „falsch“ zu sein. Nähe zu anderen wird sehnsüchtig gewünscht und zugleich als beängstigend empfunden. Es kommt zu Gedanken wie: Wenn ich Nähe zulasse werde ich nur wieder enttäuscht und verletzt. Also bleibe ich allein. Die Folgen sind: emotionaler Rückzug, Selbstisolation, Abschalten - ein Verschwinden im eigenen Schutzraum. Viele Betroffene sind zutiefst erschöpft, aber sie können sich nie wirklich entspannen. Sobald sie zur Ruhe kommen werden sie innerlich unruhig. Sodass sogar Ruhe als Bedrohung empfunden wird. Mit der Zeit kann sich eine Trauma-Identität entwickeln, das Gefühl, dass die frühen Verletzungen das ganze Ich bestimmen. Sprich: der ganze Mensch identifiziert sich mit dem Trauma der Kindheit. 
 
Warum die kPTBS so oft übersehen wird
Obwohl belastende Kindheitserfahrungen bei vielen psychischen Problemen im Erwachsenenalter eine große Rolle spielen, werden sie in Therapien nicht immer erkannt. Stattdessen bekommen Betroffene fälschlicherweise häufig Diagnosen wie Angststörung, Depression, eine bipolare, zwanghafte, narzisstische, abhängige oder eine Borderline-Persönlichkeitstörung diagnostiziert. Was nicht heißt, dass kPTBS nicht mit diesen Störungen zusammen auftreten kann. All diese Diagnosen können zwar zutreffen, aber sie erklären oft nicht die eigentliche Ursache: das Trauma.
Auch Süchte können entstehen. Für viele ist es ein Versuch, den inneren Schmerz zu dämpfen, Gefühle zu betäuben oder überhaupt etwas zu fühlen. Was von außen wie Problemverhalten aussieht, ist oft der verzweifelte Versuch, mit dem Unerträglichen irgendwie umzugehen.
All diese Reaktionen sind keine Schwäche.
Es ist die verzweifelte Anpassung an Umstände, die für ein Kind unerträglich waren, ein Ausdruck dessen, wie ein Kind versucht, mit etwas Untragbarem zurechtzukommen und unter extremen Bedingungen versucht zu überleben.
 
Wenn Hilfe nicht greift
Wenn die tieferliegenden Ursachen nicht erkannt und das Trauma nicht bearbeitet wird, nutzt Therapie wenig bis nichts. Daher fühlen sich viele Betroffene in Therapien nicht gesehen und missverstanden. Manche verlieren das Vertrauen und geben die Hoffnung auf, dass ihnen überhaupt jemals geholfen werden kann. Sie fühlen sich, wie damals, im Stich gelassen und reagieren mit Misstrauen oder genereller Ablehnung auf Therapien. Manche von ihnen verzweifeln an der Vorstellung, dass sie derart gestört und kaputt seien, dass es niemals besser wird. Dieses Gefühl entsteht genau daraus, dass die eigentlichen Wunden nicht gesehen werden.
 
Wie man typische Merkmale der kPTBS erkennt
Viele Betroffene erleben immer wieder ...
starke emotionale Rückfälle
Albträume
starke innere Anspannung bei bestimmten Auslösern (Triggern)
Vermeidung von Situationen, die erinnern könnten
tief sitzende Scham udn Schuldgefühle
die Tendenz, sich selbst zurückzustellen oder aufzugeben
eine sehr harte, abwertende, kritische innere Stimme
ein negatives Selbstbild
Misstrauen, Angst vor Nähe und zwischenmenschlichen Beziehungen
 
Ein besonders deutliches Merkmal sind sogenannte emotionale Flashbacks. 
Dabei werden nicht unbedingt konkrete Erinnerungen wach, sondern intensive Gefühle. Plötzlich ist da wieder die alte Angst, die Einsamkeit, die Verlassenheit, die Scham oder die Verzweiflung des Inneren Kindes. Viele Betroffene beschreiben es so, als würden sie sich wieder wie das hilflose, verletzte Kind von damals fühlen, ohne genau sagen zu können, warum.
Wenn der Schmerz Wege sucht
Manche Betroffene entwickeln Verhaltensweisen wie Selbstverletzung oder andere selbstschädigende Muster. Auch Suizidgedanken sind nicht selten. So schwer das zu verstehen ist: Es geht dabei nicht darum, sich bewusst selbst schaden, sondern darum, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen oder überhaupt etwas zu spüren.
Auch Gefühle wie Trauer, Scham, Schuld oder Wut spielen eine große Rolle. Häufig sind sie so belastend udn unaushaltbar, dass sie unterdrückt oder nicht bewusst wahrgenommen werden, gechweige denn in Worte zu fassen sind. All diese Strategien waren früher überlebenswichtig. Heute schränken sie das Leben massiv ein. Sie erschweren nicht nur die Beziehung zum eigenen Selbst, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen.
 
Wichtig zu wissen
Die Folgen eines Kindheitstraumas sind keine Zeichen von Schwäche oder „Kaputt sein“. Sie sind absolut nachvollziehbare Reaktionen auf das Unerträgliche, das ein Kind nicht allein bewältigen konnte.  
Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, die alten Muster können verstanden, aufgearbeitet und Schritt für Schritt verändert werden. Die alten Anpassungsreaktionen können, weil sie erlernt wurden, wieder verlernt oder vermindert und durch neue gesunde Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster ersetzt werden. 
 
Was ist das Ziel
Das Ziel ist nicht, das Erlebte loszuwerden oder zu vergessen, als wäre nie etwas passiert. Das funktioniert nicht. Das Ziel ist Integration. Integration bedeutet, dass das Trauma einen Platz bekommt, aber nicht mehr das ganze Leben bestimmt. Dass die Vergangenheit als Teil der eigenen Geschichte (an)erkannt wird, ohne die Gegenwart zu beherrschen. Es bedeutet, dass Erinnerungen nicht mehr überwältigen, sondern gehalten werden können. Dass Gefühle gefühlt werden können, ohne zu überfluten. Dass innere Anteile, die verletzt wurden, gesehen und verstanden werden, statt verdrängt oder bekämpft.
Integration heißt auch, zu lernen, sich selbst anders zu begegnen: mit Verständnis statt Härte und Selbstverurteilung, mit Selbstmitgefühl statt Schuld und Scham. Die alten Muster verlieren dann langsam ihre Macht. Nicht, weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht mehr gebraucht werden. Aus einem ständigen Überlebensmodus kann Schritt für Schritt wieder ein Leben werden, das mehr ist als nur Überleben. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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