Dienstag, 10. Juni 2014

Aus der Praxis - Schuldgefühle aus der Kindheit loslassen

In fast jeder Kindheit ist etwas schief gelaufen, wir alle tragen mehr oder weniger große Traumata mit uns herum und sie alle haben eins gemeinsam: Wir schleppen sie wie einen Rucksack auf unserer Reise durch das Leben mit uns herum. Ein großes Bündel in diesem mehr oder minder schweren Rucksack sind Schuldgefühle. Jedes Kind glaubt unbewusst die Schuld daran zu haben, dass es nicht so behandelt oder nicht so geliebt wurde, wie es das gebraucht hätte.

Solange wir diese Schuld uns selbst geben, machen wir uns zum Sündenbock für die Fehler oder die Unfähigkeit der Eltern. Jedes Lebewesen, jedes Kind hat ein Recht darauf, in eine liebevolle und fürsorgliche Welt hineingeboren zu werden. Das will die Liebe für jeden Menschen, davon bin ich überzeugt. Jedes Kind hat ein Recht darauf, beschützt, geachtet, geliebt und voller Ermutigung auf seinem Weg begleitet zu werden. Kinder sind Gäste, die wir eingeladen haben und Gäste verdienen es gut behandelt zu werden. Aber manchmal sind Kinder unwillkommene Gäste oder sie werden, weil sie anders sind, als die Eltern sich das erwartet haben, unwillkommen, oder sie haben Eltern, die selbst seelisch so angeschlagen sind, dass sie ihren Kindern nicht geben können, was sie brauchen: bedingungslose Liebe.

Nicht viele Menschen sind in eine liebevolle Welt geboren wurden, warum das so ist, werde ich nie verstehen, wozu das so ist schon eher, aber dazu ein anderes Mal mehr. Das Warum nützt in diesen Falle sowieso nichts. Wenn wir uns diese Frage ein Leben lang stellen, kommen wir nicht weiter.
Wir kommen aber auch nicht weiter, wenn wir uns unbewusst die Schuld dafür geben, dass wir ungeliebte Kinder sind. Schuldgefühle hindern am Leben, sie sabotieren unsere Entfaltung, wer Schuld trägt muss büßen und sie abarbeiten, aber wem nützt das schon? Niemandem, uns selbst schon gar nicht.

Wir müssen irgendwann aufhören die Schuld zu tragen für das, was andere uns angetan haben, bewusst oder unbewusst. Um in diesem Leben bestehen zu können sind Schuldgefühle kein Antriebsmittel, sie sind fiese Blockierer. Erst wenn uns klar wird, wenn wir spüren, dass wir nicht schuld an der Unvollkommenheit und Lieblosigkeit unserer Kindheit waren, können wir uns entfalten, vorher ist das Leben ein Kampf gegen uns selbst und wer mit sich selbst kämpft, kämpft meistens auch gegen andere.

Unsere Eltern konnten nicht alles perfekt machen, aber wenn wir ihnen das verzeihen, ohne die Auswirkungen, die das auf unsere Seele hatte zu verarbeiten, werden wir in unseren Schuldgefühlen stecken bleiben, lebenslänglich.

Klienten sagen oft, aber sie konnten doch nichts dafür, ich will das vergessen, das ist nun mal meine Vergangenheit und die ist nicht veränderbar. Ja, das ist Vergangenheit, aber sie ist in uns, solange wir sie nicht geheilt haben wirkt sie wie eine Kletterpflanze, die das Herz umschlingt und unser Leben schleichend erwürgt. Das Wunschdenken die Vergangenheit einfach zu vergessen ist und bleibt ein Wunsch, einer der sich leider niemals erfüllt. Vom Wünschen wird nichts anders, vom Wollen schon, sage ich dann, und dann ändert sich auch die Vergangenheit, nämlich indem wir sie anders sehen, bewerten und fühlen.

Wahrheiten dieser Art sind unbeliebt. Ich weiß das, Versprechen und Verdrängen sind beliebter. Aber das einzige Versprechen, das hilft ist: Sobald du anfängst hinten aufzuräumen wird es dir vorne besser gehen. 

Jede Art von Verdrängung trägt das Potential in sich uns krank zu machen. Man stelle sich einen Dampfkochtopf vor, der kocht und keiner nimmt ihn vom Herd. Der Kochtopf wird irgendwann explodieren, weil er den angestauten Dampf ablassen muss. Und das müssen wir auch, Dampf ablassen, um nicht zu explodieren oder zu implodieren.

Schuldgefühle machen auf Dauer wütend und zwar wütend auf uns selbst, weil wir es nicht wagen, die Wut dahin zu richten wo sie hingehört, zu denen, die uns verletzt haben. Nein, als Kinder sind wir nicht verantwortlich für das, was mit uns geschieht, auch wenn uns das manche Leute weismachen wollen. Es ist nicht wahr. Für mich ist das nicht wahr. Die Erfahrung sagt, das ist nicht wahr. Eine solche Sicht ist nicht menschenliebend und nicht nützlich für die, die verletzt sind. Als Erwachsen haben wir es in der Hand ob wir uns weiter verletzen lassen, aber auch das nur begrenzt, denn wahr ist, jeder kann uns verletzen und viele von uns werden immer wieder verletzt, wir sind dann nur insofern dafür verantwortlich, dass wir uns als Erwachsene entscheiden können, uns nicht mehr verletzen zu lassen, indem wir uns abgrenzen und von Menschen trennen, die das tun. Als Kinder können wir uns nicht wehren und schon gar nicht trennen.

Wer unter Schuldgefühlen leidet macht sich ständig fruchtlose Selbstvorwürfe, er lädt alles was ihm widerfahren ist, vor der eigenen Haustür ab, anstatt es dahin abzuladen, wo es wirklich hingehört - ins Mutter und/oder Vaterhaus nämlich.

Wir alle wissen wie destruktiv es ist Schmerz, Wut und Ärger mit sich herumzuschleppen, der keinen Kanal findet, außer den Kanal, der zu uns selbst zurückfließt. Die Wut auf unsere Verletzungen der Kindheit gehört genau dahin wo sie entstanden ist - zu denen, die sie ausgelöst haben. Sie auszudrücken, in diese Richtung, ist ein wesentlicher Bestandteil des Heilungsprozesses, wenn wir in der Vergangenheit verletzt worden sind. Wieso sollten wir das Verhalten der Eltern auf Kosten ihrer vermeintlichen oder wirklichen Unschuld entschuldigen? Wir müssen irgendwann wütend werden, den Schmerz zulassen und ihn aus uns herauslassen, um den Kanal zu unserer eigenen Lebenskraft auszuputzen, damit das Leben wieder in Fluss kommt, damit der Dampfkessel nicht erst explodieren muss, damit wir nicht erst krank werden müssen, um endlich wach zu werden und uns selbst endlich zu verzeihen. Wir müssen wütend werden um uns besser zu fühlen. Wenn das geschehen ist - dann können wir verzeihen.

Es gibt sie nicht die perfekten Eltern, aber das heißt nicht, dass wir nicht das Recht haben den Schmerz und die verzweifelte Wut des Kindes auszudrücken, das gute Eltern gebraucht hätte. 

Wenn wir die Wut und den Schmerz endlich herausgelassen haben fühlen wir uns anders, wir fühlen uns entlastet, freier, wahrhaftiger, weil wir ehrlich zu uns selbst waren und zu denen, auf die wir in Wahrheit wütend sind. Es geht nicht darum, die alten Eltern anzubrüllen, anzuklagen und ihnen den ganzen Kummer verbal vor die Füße zu werfen, sie würden es vielleicht nicht einmal verstehen, es geht darum, es vor uns selbst zu tun, uns selbst gegenüber diese Wut und den Schmerz zuzugeben. Hau sie auf ein Kissen, schreib sie in einen Brief, den du niemals abschickt, aber drück es aus - denn alles, was sich nicht ausdrückt drückt sich ein, es erdrückt, wie dieser schwere Rucksack auf dem Buckel.

Erst wenn wir uns von unseren Selbstvorwürfen und unseren Schuldgefühlen befreien sind wir überhaupt bereit wirklich zu begreifen, wirklich zu fühlen, dass unsere Eltern auch nur Kinder waren, die die Liebe, die sie gebraucht hätten nicht bekommen haben. Wenn wir der Wut und dem Schmerz Ausdruck geben wird ein Prozess abgeschlossen, der dazu führt endlich Trauer zu spüren, Trauer über die Vergangenheit. Trauer ist ein heilendes Gefühl, in der Trauer fließen Tränen, Trauer bringt etwas in den Fluss und wenn etwas in Fluss kommt, kann es wegfließen mit der Zeit. Wenn wir nicht betrauern, was uns als Kind verletzt hat, kann die Wunde nicht heilen. Es wird dauern bis es soweit ist, denn was jahrelang in uns keimt, lässt sich nicht mit einem kräftigen Ruck, herausreißen. Aber wenn wir niemals anfangen wird dieser Keim unser Herz endgültig überwuchern.



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