Freitag, 13. Juni 2014

Aus der Praxis – Introjekte, das Fremde in uns oder vom unverdaut Geschluckten




Ich bin erwachsen, wie oft ich das höre, ich weiß, was ich tue und was gut für mich ist. Kennt ihr diesen Satz? Ich kenne ihn und ich sage ihn oft selbst und ich glaube das auch noch. Von wegen, wir sollten uns auf unser Erwachsensein nicht zu viel einbilden, im Grunde sind wir beherrscht von unseren kindlichen Verteidigungs- und Überlebensmechanismen. Dazu gehören unsere Introjekte.
Das Wort Introjektion kommt aus dem Lateinischen. Es ist ein Kunstwort, gebildet aus intro (hinein) und iactare (werfen). Unter Introjektion versteht man die unverdaute, unassimilierte Aufnahme von Nahrung. Übertragen auf die Psychologie sind hier Überzeugungen, Glaubensmuster, Normen, Verhalten, Gefühle oder sich selbst erfüllende Prophezeiungen wichtiger Bezugspersonen gemeint, die wir als Kind vertrauensvoll schlucken.
Im Grunde hat jeder Mensch sein Leben mit einer Introjektion begonnen, nämlich mit dem Schlucken der Muttermilch.
Kinder schlucken alles was man ihnen einflößt. Sie haben nicht die Fähigkeit zu reflektieren, zu bewerten, sie haben keine Möglichkeit etwas als stimmig oder unstimmig, als gut oder ungut zu reflektieren oder es zu verändern. Introjektion ist somit der Prozess des ungefilterten In-Sich-Aufnehmens von Werten, Überzeugungen und Normen, die der Vater oder die Mutter oder beide Elternteile und das soziale Umfeld im Rahmen der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung weitergeben.
Alle möglichen Introjekte werden im Laufe der Entwicklung passiv und ohne die freie Entscheidung des Kindes von außen eingegeben, sie können daher mehr oder weniger von seiner eigenen Persönlichkeit abweichen und sogar konträr dazu stehen.
Das Kind versucht jedoch bis ins Erwachsenenalter unbewusst diesen tief verinnerlichten Introjekten zu folgen. Das schafft einen permanenten inneren Kampf und erschwert die Möglichkeit zu sich selbst zu finden und damit zur eigenen Wahrheit. Mit anderen Worten: noch als Erwachsener lebt der Mensch teilweise ohne es zu merken, fremdbestimmt.
Ein Beispiel: Ein Mann hat von seinem Vater die Überzeugung übernommen, dass man, wenn man im Leben Erfolg haben will keine Schwächen zeigen darf, und dass jedwede Abhängigkeit von anderen Menschen ein Zeichen von Schwäche ist. Sein Leben lang versucht der Mann die Introjektion, „du musst stark sein, du musst unabhängig sein“, zu erfüllen. Er ist hart gegen sich selbst, arbeitet sich gnadenlos gegen andere die Karriereleiter nach oben und ist nicht in der Lage erfüllende persönlichen Beziehungen herzustellen. Im Grunde fühlt er, dass ihn dieses Leben nicht glücklich macht, aber so lange er an der vom Vater introjizierten Überzeugung festklebt, fühlt er sich nicht verantwortlich für die entstehenden Probleme, denn er handelt ja richtig. Zudem hat er das väterliche Introjekt derart verinnerlicht, dass es zu einem mächtigen Teil des ganzen Menschen, der ist ist, wurde, ein destruktiver Teil zwar, aber das gelangt nicht in sein Bewusstsein.  Das Introjekt "du musst stark sein!“, ist ihm quasi zur zweiten Natur geworden.
Man stelle sich eine Lehre vor, die wir als Ganzes geschluckt haben, ohne sie zu verstehen, die wir wie ein auf der Festplatte installiertes Computerprogramm automatisch anwenden, als ob sie unsere eigene wäre – so funktioniert ein Introjekt.
Introjekte haben eine immense Macht, denn sie wohnen im Unterbewusstsein. Sie entheben sich unserer Kontrolle, solange sie uns unbewusst bleiben. Der Mann ist also ständig in einem inneren Konflikt gefangen, schwankend zwischen dem Gefühl, das schadet mir, und getrieben von der Macht des Introjekts, das ihn immer weiter antreibt, zu immer mehr Erfolg. Das Introjekt lässt nicht zu, dass eine eigene Erfahrung überhaupt versucht wird. Hin und hergerissen zwischen den Polaritäten in seinem Inneren, wobei das Introjekt immer der mächtigere, weil früh unzerkleinert, geschluckte Pol ist, kommt er nicht in eine gesunde Mitte. Er lebt fremdgesteuert aus dem eigenen Selbst heraus. Dazu kommt: wie alle Introjekte hat auch dieses auch eine gute Funktion – und zwar den Erfolg des Mannes im Berufsleben.
Die angemessene Weise durchs Leben zu gehen liegt jedoch in der Mitte, nämlich zwischen den Polaritäten.
Auf der einen Seite steht das ungeprüfte Aufnehmen dessen, was vom Vater aufgenommen wurde, auf der anderen Seite die ungeprüfte Ablehnung. Um in die gesunde Mitte zu gelangen bedarf es der Fähigkeit die positiven Aspekte des Introjektes  zu suchen und anzunehmen und das überwiegend Destruktive abzulehnen, selbst wenn dies schmerzlich sein mag, weil es bedeutet, so fühlt es das Unterbewusstsein, den eigenen Vater abzulehnen. 
Introjekte liegen wie ein Stein auf der Seele, bzw, um beim Bild der Nahrung zu bleiben, sie liegen wie ein Stein im Magen. 
Wir fühlen und möchten nichts lieber als es wieder von uns geben. Wer das versucht, stößt es aus seinem innerpsychischen System aus. Das bedeutet, da fehlt dann ein Teil. Das Gefühl des Abgerissenseins von etwas Vertrautem und sogar Lebenswichtigem, das dann entsteht, ist beängstigend, es bedroht gefühlt die innere Stabilität, denn die hilfreichen Apsekte des Introjektes würde damit ja auch ausgestoßen.
Deshalb macht es keinen Sinn es auszuspucken. Sinn macht, im wahrsten Sinne des Wortes, als erwachsener Mensch das, was wir als Kind nicht verdauen konnten, wiederzukäuen um es endlich zu verdauen. Tun wir das nicht vergiftet es im Zweifel unser Leben. Nur was wir verdaut haben, haben wir uns zu Eigen gemacht. Es beherrscht uns nicht mehr wie eine zweite Natur. Erst dann können wir die positiven Aspekte unserer Introjektionen wirksam nutzen.
Es ist befremdlich und auch ein wenig unheimlich sich vorzustellen, das da etwas übernommenes Fremdes eine solche Macht haben soll, aber viele von uns spüren es: Die Andere oder den Anderen in unsselbst, diesen nicht fassbaren Teil, der uns immer wieder zu etwas antreibt oder uns etwas einsagt, das wir eigentlich nicht wollen und von dem wir genau wissen, dass es uns nicht hilfreich ist. 
Das Kind, das am Anfang schlucken muss, was man ihm gibt um nicht zu verhungern, kann erwachsen werden und selbst entscheiden was ihm schmeckt und gut tut. Es muss nicht mehr sein Leben auf einem aus fremder Hand übernommenem Glaubens- und Wertesystem führen, es kann lernen empfänglich für seine eigene Wahrheit und Bedürfnisse zu werden. Für denjenigen, der sich die Werte und Überzeugungen der Eltern, der Lehrer und der allgemeinen Norm weiter unverdaut einverleibt, geht das Leben immer fremdbestimmt weiter. Wenn sich dann etwas in diesem Leben verändert bekommt er es mit der Angst zu tun und reagiert mit Widerstand und Abwehr. Im Grunde aber reagiert sein Introjekt, das um sein Überleben kämpft. Selbst wenn die Introjektion Erfolge bringt zahlt dieser Mensch einen hohen Preis – er hat das Gefühl der freien Wahl im Leben nie erlebt.
Die fundamentale Schwierigkeit bei der Aufhebung der Introjektion liegt in der langen Existenz in der Psyche des Menschen, sie liegt in seiner unbedingten Macht, die so lange wirkt bis wir beginnen das Introjekt zu entlarven. Das erfordert den Mut das Fremde in uns zu entlarven, es herauszufordern, damit es sich zeigt, in seiner ganzen Gestalt. Dann haben wir die Macht, wir dürfen es behutsam zu der Größe zurechtstutzen, die ihm zusteht und die unserer Seele nützt, anstatt ihr zu schaden. Die gute Nachricht ist: Introjekte sind dumm. Sie haben nichts dazugelernt – wir selbst im besten Falle schon.

Kommentare:

  1. Was für ein Artikel. Alles was ich dazu schreiben würde, wäre ein Abklatsch.

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  2. Das sagt ja auch Schopenhauer. Unsere Vorstellung ist fremdbestimmt. Unser Wille ist unfrei, da er von vielen uns bedingenden Faktoren - Erziehung, Belehrungen, etc. - bestimmt ist; wir sind uns dessen auch nie bewußt und werden dennoch/deshalb in unserem Handeln, Denken, Fühlen, Urteilen, etc. von diesen Determinationen gesteuert. Fremdbestimmt mithin. Es ist faszinierend, einen solchen Gedanken, völlig unerwartet, ausformuliert zu finden.

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  3. Sehr gut dargestellt. Vielen Dank für die Erklärung!

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