Mittwoch, 13. Juli 2016

Mach kein Drama draus




mach doch kein drama draus, das ist doch kein weltuntergang und ausserdem, es gibt weiß gott schlimmeres. sicher es gibt immer schlimmeres, das weiß nicht nur gott, wenn er überhaupt was weiß, von dem da unten, dem alltäglichen mist, den wir wegkehren müssen, weil wir ihn uns selbst vor die tür geschaufelt haben oder jemand anderes uns. was weiß ich, was gott weiß ? im moment weiß ich gar nichts, weil ich gerade in ein ziemlich dunkles loch gucke, das meine zukunft ist und ich nicht sehe, was mich da erwartet. das loch hat eine ziemlich große anziehungskraft, ich starre und glotze und sehe trotz aller anstrengung wirklich nichts, was mich in irgendeiner weise dazu verlocken könnte, kein drama zu machen, auch wenn ich weiß, es gibt schlimmeres als das, was mir gerade so schlimm vorkommt. ich habe auch schon schlimmeres erlebt, so ist es ja nicht. aber ganz ehrlich, nur weil ich schlimmeres erlebt habe, muss ich das, was jetzt passiert doch nicht weniger schlimm finden. wer sagt denn so was, und wer hat denn schon eine ahnung davon was schlimm für mich ist? keiner hat die und schlimmes mit anderem schlimmen vergleichen, egal ob es das eigene ist oder ein fremdes, hat noch nie was gebracht. ja, ich kann mir helfen, allerdings nicht so gut wie ich anderen helfen kann, der schuster hat selbst die schlechtesten schuhe. ich weiß auch, der dramatische anfall geht wieder vorbei. ich weiß es, weil das immer so ist. also, warum lasse ich ihn nicht jetzt sofort in dieser sekunde vorbei gehen, ich weiß doch wie das geht? weil ich keinen bock habe. punkt.

wer sagt denn, dass ich das gedankenstoppschild im hirn aufstellen muss, wenn mein bauch meint, es ist zeit für drama? mein bauch hat immer recht und mein hirn hat auch recht und manchmal haben sie gleichzeitig recht und dann wird es kompliziert, weil ich mich dann für eins von beiden entscheiden muss. wir haben nämlich immer die wahl, egal wie schlimm es kommt, sagt mein hirn und ich sage, schleich dich, auf wählen hab ich nämlich gerade auch überhaupt keinen bock. ich fühle mich mies und ungerecht behandelt vom schicksal und von einem, dem ich vertraut habe und von mir selbst. ich möchte kotzen und weinen und schreien und mich in luft auflösen und das alles gleichzeitig, aber natürlich lasse ich das. wie gesagt, ich habe schon schlimmeres erlebt und es überlebt, aber ganz ehrlich, ich habe es satt immer wieder etwas schlimmes zu überleben, ich habe sie satt diese geburtswehen wenn etwas neues geboren wird, was ja immer so ist, wenn etwas altes stirbt, sie machen mich mit der zeit mürbe. mein bauch sieht langsam auch bald aus wie mürbeteig und das gefällt mir auch nicht. im moment gefällt mir nicht viel und ich kann auch nicht viel finden, was mir im moment gefallen könnte, ich bin nämlich aus meinen gewohnten rahmen gefallen und verliere den halt. ich muss aufpassen, sonst falle ich noch in das loch in das ich stiere und dann dauert das ziemlich lange bis ich da wieder raus komme. das weiß ich auch, weil ich es schon hundert mal überlebt habe, das bodenlose.

überleben was heißt das denn? es geht doch ums leben im leben und nicht ums überleben. ha, sagt mein hirn, dann frag mal all die, die immer nur am überleben sind, eigentlich müsste es drüberleben heißen, die haben gar keine zeit übers leben nachzudenken und ins loch gucken die auch nicht, die sitzen nämlich schon drin und wie´s da drinnen aussieht geht niemand was an. wie es da drinnen aussieht, geht niemand was an, das hat meine mutter immer gesagt und ihre tränen in pullover gestrickt, damit sie irgendwo ankommen konnten und nicht umsonst geflossen sind. ich weiß schon, warum ich die nicht anziehen wollte auch wenn sie wirklich hübsch waren, sie waren mir einfach zu schwer. meine mutter hatte es wirklich schwer, sie hatte sich dann irgendwann mit dem überleben arrangiert und nicht mehr viel darüber nachgedacht, aber als sie so richtig mürbe war vom ewigen überlebenskampf, hat sie zu mir gesagt, schreib auf meinem grabstein: hier ruht ein ungelebtes leben. sie lebt immer noch und am ende überlebt sie vielleicht sogar mich, weil ich das mit dem arrangieren nicht so drauf habe wie sie. aber wer weiß das schon, nix weiß niemand und ich weiß auch nix. also gucke ich jetzt erst mal eine weile in mein loch und wenn ich lange genug hineingeguckt habe kommt dann das, was immer kommt am ende des lochs - das licht. ich weiß das, weil das licht erst dann ausgeht, wenn mein licht ausgeht und dann steht auf meinem grabstein: hier ruht ein gelebtes leben. was immer das auch heißen mag.


Kommentare:

  1. was für ein kraftvoller, lebendiger text!
    da steckt viel lebensenergie drinnen. sehr gut geschrieben!

    liebe grüße
    gabriele

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  2. Mut heißt nicht keine Angst zu haben, sondern trotzdem weiter zu gehen.
    Alles Liebe!

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  3. Dein Blog ist eine wahre Offenbarung für mich. Danke für all die tollen Beiträge.

    Tanja

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