Sonntag, 13. September 2015

Aus der Praxis – Leugnen was ist




"Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben", lautet ein Zitat von
Philip K. Dick.

Ich höre schon den Aufschrei einiger meiner lieben Leser: "Nein, das stimmt nicht. Niemand kann beweisen, dass es tatsächlich eine Realität gibt!"

Nun, es kann durchaus lustvoll sein, sich vorzustellen, dass überhaupt nichts außerhalb unseres eigenen Bewusstseins existiert. Man kann sogar soweit gehen, zu sagen, dass die Sonne gar nicht existiert, wenn ich sie nicht sehe, man kann sogar sagen, wir alle leben in einer Matrix, an die unser Gehirn angeschlossen ist, auch das habe ich schon gehört. Der gleichnamige Film setzt das ja auch deutlich in Szene. Allerdings, wer nach dem Motto: Es gibt keine Realtität!, durchs Leben geht, der könnte sich konsequenterweise die Frage stellen: Wenn es sowieso keine Realtität gibt, warum sollte ich dann überhaupt noch irgendetwas machen oder entscheiden? Er könnte sich auch fragen: Warum, wenn die Realität außerhalb meiner Selbst nicht existiert, treffen mich Dinge, Situationen und Menschen, die ich in meinem Bewusstsein ums Verrecken nicht haben will?
Warum? Weil die Realität das ist, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.

Sie existiert eben doch, wir müssen zur Arbeit, wir müssen Geld verdienen um unsere Wohnungen und unser Essen zu bezahlen, wir müssen zum Arzt, wenn wir krank sind und wir müssen Steuern zahlen, wir müssen unsere Kinder in die Schule schicken, wir müssen den Garten pflegen, wenn er gedeihen soll, und und und ...

Unfassbar was wir in dieser Realtität doch alles müssen, dafür, dass sie in den Köpfen mancher nicht gibt, und angeblich auschließlich ein Konstrukt des eigenen Bewusstseins ist. Natürlich ist es bei all dem Müssen verständlich, dass das Akzeptieren der Wirklichkeit kein leichtes Unterfangen ist. Die Wirklichkeit akzeptieren zu lernen ist das Ziel jeder Therapie. Es ist ein Zeichen von seelischer Gesundheit, wenn ein Mensch fähig ist, die Wirklichkeit zu erkennen und sie zu akzeptieren wie sie jetzt, in diesem Moment in der Zeit, in seinem Leben ist.

Viele Menschen belügen sich ob der Realität, die in ihrem Leben herrscht. Sie belügen sich selbst, manchmal weil das Erkennen der Realität mehr ist als ein Mensch ertragen kann. Das Leugnen ist ein Behelf der Psyche wenn es Probleme gibt, die wir glauben nicht meistern zu können. Wichtig Leugnen ist kein Lügen, es lässt uns nur nicht erkennen, was Realität ist. Leugnen ist wie schlafen, sagt der Psychiater Noel Larson. Im Leugnen verschließen wir unsere Augen und unser Bewusstsein vor dem was ist. Wir sind uns nicht einmal bewusst darüber, dass wir das tun. Wir machen einfach dicht, schauen nicht hin und wenn wir aus diesem Schlaf einmal kurz erwachen kommt dieses: "Nein, das kann nicht sein!" Wenn wir leugnen weigern wir uns hinzuschauen. Es ist ein geistiges Ausweichen, wenn Verluste, massive Veränderungen oder unüberwindbare Probleme in unser Leben treten. Leugnen ist im Prozess der Trauer die erste Phase. Wir leugnen das Unerträgliche, wir unterdrücken damit unsere Gefühle, aus Angst von ihnen überwältigt zu werden. Leugnen ist dazu gut, das Dilemma nicht sehen zu müssen.

Aber das Leugnen verändert nicht was ist. Vielmehr bleibt das, was ist, durch das Leugnen genau das, was es ist. Aber, nur indem wir annehmen was ist, ist Veränderung überhaupt möglich. Das ist leicht gesagt. Wie so vieles leicht gesagt ist, was von uns den Willen zur Veränderung fordert.

Ich kenne Menschen, die seit Jahren die gleichen Probleme haben und sich vormachen, dass sie gar nicht existieren. Den meisten dieser Menschen geht es nicht gut, es geht ihnen sogar immer schlechter. Aber sie leugnen weiter beharrlich die Realität und leben mehr schlecht als recht in ihrer eigenen Illusion von Wirklichkeit, die an der Realität da draußen immer wieder aneckt oder gar scheitert. Unter Stress verschließen wir uns gefühlsmäßig, intellektuell und manchmal sogar körperlich dem Erkennen. Es scheint als habe die Psyche einen eingebauten Mechanismus, der automatisch negative Informationen abschirmt und uns daran hindert überflutet zu werden. Das erleben wir auch in traumatischen Situationen. Es macht irgendwo im Hirn "Klick" und das Bewusstsein schaltet um, es kommt zur Dissoziation, das heißt - wir spalten die Unerträglichkeit dessen, was geschieht, ab. Es ist eine Art unbewusster Schutzmechanismus, den das Gehirn anwendet, um bedrohliche Situationen oder Angst zu vermindern. Dazu ist dieser Mechanismus sinnvoll, dann nämlich, wenn er eine instinktive Realtion auf unerträglichen Schmerz, schrecklichen Verlust und kathastrophalenVeränderung ist. Hier schützt er uns, er wirkt wie ein Stoßdämpfer der Seele. Ein Stoßdämpfer, der aber irgendwann seine Schuldigkeit getan hat, denn auch Traumata können sich nur dann auflösen, wenn wir sie uns mit professioneller Hilfe sanft bewusst machen und sie aufzulösen versuchen.

Nicht sinnvoll aber ist das bewusste Leugnen, das Menschen dann anwenden, wenn sie etwas nicht wahrhaben wollen, wenn sie trotz besseren Wissens die Augen vor dem verschließen, was sie nicht in ihrem Leben haben wollen. Wer leugnet was ist, belügt sich selbst und damit andere. Beim Leugnen geht die ganze Energie in die Selbstlüge, wir weigern uns Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Wenn wir leugnen sagen wir nein zu unserer momentanen Realtität, wir verschwinden dort, wo alle Probleme ihren Anfang haben -  im Verschließen vor der Wirklichkeit, der äußeren und der inneren. Etwas leugnen heißt: Etwas nicht wahr haben wollen, es sich schön oder wegreden oder erst gar nicht hinschauen wollen.

Wenn sich aber etwas in unserem Leben verändern soll müssen wir nun einmal ganz genau hinschauen, was es ist, bevor es das kann - sich verändern. Wenn etwas anders werden soll müssen wir die Realität anschauen und vor allem - wir müssen sie annehmen. Wenn wir seelisch gesund werden wollen müssen wir begreifen, was uns daran hindert. Und nicht selten ist es das Leugnen, dessen was ist. Annehmen ist das Zauberwort, dessen Zauber sich uns nur dann offenbart, wenn wir hellwach sind. Annehmen heißt dabei nicht etwas duldsam hinnehmen, es bedeutet nicht zu resignieren und sich dem zu ergeben was ist. Annehmen heißt - was jetzt ist, die Situation oder den Zustand, indem wir uns jetzt befinden, zu erkennen, anzuerkennen und zu akzeptieren. Nur indem wir annehmen was ist und uns nichts mehr vormachen übernehmen wir Verantwortung für uns selbst, finden wir die Ruhe und die Kraft unsere Probleme zu bewältigen und sie zu lösen. Wer leugnet hält das Problem aufrecht, er bleibt im Status quo stecken. Ein Mensch beispielsweise, der ein Alkoholproblem hat, wird zur Heilung seiner der Krankheit die notwendige Entscheidung erst dann treffen, wenn er sein Alkoholproblem erkennt und bejaht. Er hört auf sich etwas vorzumachen, er hört auf die Existenz seines Problems zu leugnen, er hört auf Ausreden, Entschuldigungen und Gründe zu suchen um weiter zu trinken.

Wenn wir aufhören zu leugnen hören wir auf unsere Seele zu traktieren und unser Bewusstsein zu betäuben, wir quälen uns nicht länger damit uns über die Realtität hinwegzutäuschen. Das ist der erste Schritt um zu uns selbst ehrlich zu sein. Solange wir aber die Realität nicht annehmen, solange wir nicht in jedem Moment in der Zeit die Tatsachen unseres Lebens annehmen mit einem: "Ja, so ist es, auch wenn ich das ganz und gar nicht gut finde, aber so ist es!", solange wir uns weigern, uns  der Situation zu stellen und uns die Wahrheit nicht eingestehen, kann sich nichts ändern. Mit anderen Worten: Erst dann, wenn wir die Realität anerkennen stellen wir uns auf ihre Seite, anstatt uns ihr entgegenzustellen, und nur auf dieser Seite ist Veränderung möglich. Die Realität verschwindet nämlich nicht, wenn wir nicht an sie glauben.


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