Samstag, 26. September 2015

Aus der Praxis – Über die Trauer und die Traurigkeit



Malerei: A. Wende

Ich kenne es gut, dieses schwermütige Gefühl. Es ist als läge ein Schleier über meinem Innersten, der alles in ein trübes Licht taucht. Alles scheint grau und trostlos, was Freude machte ist eine blasse Erinnerung, die sich nicht willentlich herstellen lässt. Dann ist es wieder so weit: Die Melancholie tritt in mein Leben. Und nein, mit ihr ist es nicht immer so wie Victor Hugo einst schrieb: „Melancholie ist das Vergnügen traurig zu sein“. Manchmal ist sie kein Vergnügen, sondern eine schwere Last, die mich niederdrückt, eine bleierne Müdigkeit, die meine Tage begleitet und Gehen zu einer großen Anstrengung macht. Am Liebsten möchte ich dann die Zeit anhalten, so lange bis sie wieder von mir geht, diese tiefe Traurigkeit, die kommt, wenn ich wieder einmal erkenne: Ich bin allein, im Tiefsten bin ich allein. 

Melancholie ist manchmal schön, dann macht sie mich kreativ und ich male Bilder, die mein Innerstes ausdrücken und es geht mir gut damit. Manchmal ist sie nicht schön, dann wenn sie einen Auslöser hat in der realen Welt, wenn ich etwas aufgeben muss und damit verliere, was mir viel bedeutet. Ich habe viel aufgeben müssen in meinem Leben, und jedes Mal war es schwer und auch wenn ich weiß, es geht vorbei dieses Gefühl, es ist ein schmerzhaftes Vorbeigehen, dessen Zeitdauer ich nicht bestimmen kann und das Geduld, Demut und Nachsicht mit mir selbst fordert.

Traurigkeit ist ein intensives Gefühl, ein Gefühl, das uns stark belasten kann, auch wenn wir wissen, dieses Gefühl ist eine ganz normale und gesunde Reaktion, beispielsweise auf einen Verlust. Wie Freude oder Zorn gehören Trauer und Traurigkeit zu den grundlegenden Emotionen unseres Menschseins. Sie sind absolut natürliche Reaktionen auf einen Verlust. Wir sind traurig, wenn eine Beziehung scheitert, wenn uns jemand, den wir lieben, zurückweist, verletzt oder gar verlässt oder wenn wir ihn verlassen, weil wir keinen anderen Weg mehr sehen. Wir sind traurig, wenn wir an einer Aufgabe scheitern, die wichtig für uns war, wenn wir einen Traum begraben müssen, wenn wir einen Ort verlassen müssen, an dem wir zuhause waren, wenn wir unseren Arbeitsplatz verlieren, wenn wir aufgrund einer Krankheit aus dem gewohnten Leben gerissen werden und am traurigsten sind wir, wenn wir ein Wesen, das wir lieben, durch den Tod verlieren. Wenn diese Dinge geschehen ist traurig zu sein ein Zeichen seelischer Gesundheit. Trauer ist Teil eines Verarbeitungsprozesses und sie ist der erste Schritt auf dem langen und mühsamen Weg zur Akzeptanz, denn nur ihr folgt ein Neuanfang.

Traurig zu sein ist ein Teil von uns wie Freude, Glück und all die anderen schönen Emotionen, die wir so sehr lieben. Und dennoch, Traurigkeit ist ein ungeliebtes Gefühl. Auch wenn sie eine natürliche Grundstimmung des Menschen ist, wir empfinden sie nicht so, auch wenn wir das wissen. Bereits Babys und kleine Kinder haben ihre melancholischen Momente und sogar der Hund, der lange Zeit mein Begleiter war, hatte seine traurigen Phasen, wo ihn nicht einmal der Ball, dem er so gern hinterher rannte aus seiner Melancholie reißen konnte. Er lag da und ab und zu schnaufte er so tief und herzerweichend, als sei sein Leben ein armseliges Hundeleben. Ich erinnere mich an meine Melancholie aus Kindertagen als ich plötzlich erkannte, dass es das Sterben gibt und wie unsagbar traurig mich der Gedanke machte, dass ich einmal nicht mehr sein könnte. Ich erinnere mich an den Tag an dem meine Großmutter starb, bei der ich aufgewachsen bin bis ich Fünf war, und wie starr und fassungslos es mich machte, als man sie auf einer Bahre aus der Wohnung trug und Großvater stumm und keine Hilfe in meiner Angst. Ich erinnere mich an diesen unendlichen Schmerz über das verzweifelte Erkennen, dass Oma nie mehr wiederkommen würde um mich in ihre warmen Arme zu schließen und ich nicht mehr den Geruch ihrer frisch gestärkten Schürze einatmen würde, der mir das Gefühl von Zuhause und Geliebtsein gab. Es war verloren mit ihrem Verlust und die Trauer darüber begleitet mich noch heute. 

In unserer Spaßgesellschaft ist Traurigkeit nicht sonderlich beliebt, sie hat schon fast etwas Uncooles und passt so gar nicht in das „Lebe, Liebe, Lache Konstrukt“ einer Gesellschaft, die Selbstausbeutung und Funktionieren zu ihrer Maxime gemacht hat. Wer traurig ist hat dafür zu sorgen, dass dieses Gefühl schnell mit allen Mitteln aktiv bekämpft wird. Es hagelt geradezu von guten Ratschlägen, die meisten nach dem Motto: "Tu Dir was Gutes, dann geht es Dir wieder besser!"

Ich erinnere mich an eine Klientin, deren Beziehung gescheitert ist. Sie saß in ihrer berührenden Traurigkeit vor mir und alles was sie wollte war, dass das ganz schnell weg geht. Ich sagte ihr, dass das, was da schnell weg gehen soll, wichtig ist, dass es normal ist über den Verlust zu trauern, dass sie sich dafür entscheiden könne die Trauer auszuhalten, weil sie eine natürliche Reaktion ist, und dass es doch eine Ursache für ihren Blues gibt – verlassen worden zu sein nämlich. Ich erinnerte sie daran, dass ihre Seele Ruhe braucht und Zeit um den Verlust zu verarbeiten und ich fragte sie, wie sie diese Zeit nutzen könne um ihre eigene Mitte wieder zu finden. Es war vergeblich. Die Traurigkeit musste weg und sie entschied sich dafür sich schnell Männerbekannschaften zu suchen, die ihr die Gefühle der Trauer wegmachen sollen. 

Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest", lautet eine Zeile aus einer Geschichte über die Traurigkeit.
Und weiter: „Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht, und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen, und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."
 
Das Vermeiden schmerzhafter Gefühle ist menschlich, aber sie haben einen Sinn und das zu begreifen ist auch menschlich, für mich ist es menschlicher. Denn in der Traurigkeit begegnen wir uns selbst zutiefst menschlich. Unsere Traurigkeit zeigt uns, was wirklich wichtig für uns ist. Sie macht uns bewusst, wonach wir uns sehnen und was uns so schmerzhaft fehlt. Vor allem aber - die Traurigkeit bringt uns dahin, uns mit der Vergänglichkeit der Dinge und unseres Lebens zu beschäftigen. 

Wir spüren wie zerbrechlich wir sind, wie zerbrechlich dieses Leben ist. Und wenn wir ganz nah bei uns sind, bei unserer Zerbrechlichkeit, begegnen wir uns selbst in unserer ganzen Tiefe. Wir schauen in unser Gesicht ohne die Maske, die wir tragen um uns zu schützen vor dem, was wir nicht fühlen oder zeigen wollen. Unsere Haut ist hauchdünn wenn wir traurig sind, unsere Nerven hoch empfindsam für das, was uns in unserem Innersten wirklich ausmacht und für das, was uns fehlt um uns ganz zu machen. In der Trauer begegnen wir unserer eigenen Wahrheit. Sie zeigt uns unsere Grenzen, sie macht uns bewusst, dass wir nicht alles haben können, nicht alles erreichen können, nicht alles verändern und nicht alles kontrollieren können, schon gar nicht andere Menschen oder das Schicksal.

In der Trauer bricht manches alte Leid wieder auf, sie zeigt uns die Wunden, die nicht verheilt sind und wir erkennen, was noch zu heilen ist, was noch unerledigt ist und was uns wirklich berührt. Wenn wir die Trauer zulassen und all ihre Tränen weinen, kommt etwas in den Fluss - das Schmerzhafte fließt aus uns heraus und liegt vor uns damit wir es sehen. Nur was wir sehen kann geheilt werden. Nur wenn wir sie spüren und anerkennen können unsere Wunden zu heilen beginnen, wenn wir die Schleusen öffnen um all die Knoten der Verdrängung zu lösen, die sich in uns festgesetzt haben. Doch viele Menschen wollen gar nicht, dass sie sich lösen, sie wollen wie meine Klientin, dass das schnell weggeht. Sie suchen den Ausweg, anstatt den Weg nach Innen zu gehen. Sie begreifen nicht, dass sie, wenn sie bereit sind ihre Traurigkeit anzunehmen und sie aushalten lernen, sich selbst annehmen. Wenn unsere Traurigkeit sein darf und wir Ja zu ihr sagen, spüren wir: genau in diesem Ja steckt die Kraft die Traurigkeit auszuhalten und eine große Wahrheit über uns selbst.




Deine Traurigkeit ist der dunkle Samt, auf dem die Juwelen deines Lebens leuchtend funkeln. So wird dir sichtbar, über welch reiche Schätze du verfügst.“
Helen Ambach


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