Sonntag, 12. April 2015

Aus der Praxis – Resonanzen erkennen und sie zu unserem Besten deuten


Dort, wo wir verletzt oder traumatisiert sind, verharren wir emotional in der Vergangenheit. Der verletzte Teil in uns wächst nicht mit, er entwickelt sich nicht und er beherrscht immer wieder das Ganze. Die Aufmerksamkeit und die Energie hängen in der alten schmerzhaften Erfahrung. Wir reinszenieren auf unendlich vielen Ebenen, was nicht bewältigt ist und leiden die immer gleichen Schmerzen.

Jede bewusst erkannte Reinszenierung aber ist eine Möglichkeit das Alte noch einmal anzuschauen um es zu verarbeiten. Was im Keller unserer Erfahrungen liegt, kann verdrängt, aber nicht vergessen werden.  Ein "ich will nicht mehr zurück schauen", löst das Alte niemals auf. Es bleibt wo es schon lange ist, es erstarrt. Etwas auflösen bedeutet es zu lösen, es aus der Starre in Bewegung bringen. Tun wir das nicht, kommt es uns in den unterschiedlichsten Formen und Gestalten entgegen, oft so gut verpackt, dass wir es erst gar nicht als solches erkennen. 

Die Auseinandersetzung mit unseren Verletzungen und Traumata bedeutet nicht, dass wir ständig darin herumstochern, es geht vielmehr um einen ein aktiven, schöpferischen Prozess, bei dem wir die Reinszenierung als das erkennen, was sie ist: eine von uns selbst künstlich am Leben erhaltene Szene in unserem Lebensfilm, die wir wieder und wieder aufführen müssen, bis wir erkennen –  der ganze Film ist nicht nur diese eine Szene. Sie ist nur ein Teil des ganzen Films, der seither weiter läuft. Solange wir aber diese schmerzhafte Szene wie ein eingefrorenes Bild in uns tragen und es ständig anstarren, wird sich Ähnliches in unserem Leben wiederholen. Solange ein Teil von uns gefühlsmäßig in dieser Energie stecken bleibt, treten wir im Außen mit ähnlicher oder gleich schwingender Energie in Resonanz.

Resonanz (von lateinisch resonare „widerhallen“) ist in der Physik das verstärkte Mitschwingen eines schwingfähigen Systems, wenn es einer zeitlich veränderlichen Einwirkung unterliegt. Dabei wirkt von außen genau die Schwingung auf das System ein, die der Eigenschwingung entspricht.

So geht Verletzung mit Verletzung, Wut mit Wut, Hass mit Hass, Ohnmacht mit Ohnmacht, Schmerz mit Schmerz, Lähmung mit Lähmung, Angst mit Angst, Trauer mit Trauer, innere Leere mit innerer Leere, Chaos mit Chaos in Resonanz. Nicht immer eins zu eins, sondern in den vielfältigsten Ausprägungen, Variationen und Formen. Der Philosoph Georges Bataille beschrieb es einmal so: „Es gibt kein größeres Verlangen als das eines Verwundeten nach einer anderen Wunde.“ Mit anderen Worten: Die Wunde sucht ein mitschwingendes Gegenüber und weil sie diese Schwingung aussendet, wird sie diese empfangen.

Es ist einfach herauszufinden, welche Lebensgefühle in uns vorherrschen, wir müssen uns dafür nur in unserer unmittelbaren persönlichen Außenwelt umsehen, sprich, das entdecken womit wir in Resonanz sind, besonders die Energie der Menschen mit denen wir zu tun haben, ihre Eigenschaften, ihre Emotionen, die sie uns entgegenbringen oder die sie in uns auslösen. Sich das bewusst zu machen ist ein guter Hinweis auf das Ungelöste in uns selbst, auf die Themen, die wir noch nicht bearbeitet haben. Tragen wir beispielsweise unterdrückte Wut in uns wird uns diese in der unterdrückten oder in der offenen Aggression eines anderen bewusst gemacht, oder wir bekommen es immer wieder mit dem Thema Aggression und Gewalt im Außen zu tun. Tragen wir eine tiefe Trauer in uns, ziehen wir traurige, melancholische Naturen an. Wir empfinden Sympathie füreinander (lateinisch sympathia, altgriechisch „Mitgefühl"), weil wir ähnlich fühlen. Wir fühlen mit, weil wir es kennen, wir können mitfühlen, weil wir auch so fühlen oder so gefühlt haben.

Was aber, wenn wir unsere Themen weitgehend bearbeitet haben oder uns im Prozess befinden und uns diese Resonanzen im Außen immer noch oder sogar verstärkt begegnen?

Diese alte Energie bleibt ein Leben lang in unserem System gespeichert. Wir sind Erinnerung. Trigger, (Reizauslöser) sprich ähnlich Schwingendes im Außen, löst diese Energie wieder aus, wenn auch nicht in gleicher Stärke, je nach dem Grad der Entwicklung in dem wir uns befinden.

Resonanz sorgt auch dafür, dass wir Partner anziehen, die ähnliche Verletzungen und Prägungen wie wir selbst haben.

Dies kann zu Irritationen und zu schwerwiegenden Problem führen, wenn die Partner gegenseitig an ihre verletzlichen Anteile gelangen. Je intensiver Nähe aufgebaut wird, desto intensiver und stärker sind wir im emotionalen Kontakt mit diesen Anteilen in uns selbst. Wir kommen tiefer in Kontakt mit den eigenen Verletzungen und den Mängeln. Hier ist es extrem wichtig, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben, bei sich zu blieben, anstatt Gefühle von Verletzung oder Angst vom Partner zusätzlich zu den eigenen Gefühlen zu übernehmen. Man spricht hier auch von Überspiegelung, also einem zu viel an „Gutem“.

Die Resonanz verstärkt sich, sie unterliegt dem Prozess des sich selbst Verstärkens, was die Heilung des Einzelnen für sich erschwert, weil er, auch wenn er selbst im Prozess der Loslösung vom Alten ist, mit den Gefühlen des anderen in steter Resonanz bleibt. Wenn also einer in der Beziehung persnliche Entwicklungsarbeit macht, der Andere dies jedoch nicht im gleichen Maße tut oder kann, muss dieser Eine die Wunden und Schwächen des Partners ausgleichen. Das ist Schwerstarbeit, die jeden Menschen überfordert. Jeder braucht in solch sensiblen Beziehungen seine Kraft zuerst für sich selbst. Wird die Diskrepanz des jeweiligen Entwicklungsstatus zu groß, oder hat einer der Partner sein Resonanzfeld stark verändert, so dass er nicht mehr gleich mit dem anderen schwingt, kommt es zu ernsthaften Krisen. Der Partner wird zum Schwellenhüter für das Weitergehen. Er muss überwunden werden um das eigene Schmerzhafte zu überwinden.



Manchmal spüren wir das, wenn auch nicht unbedingt beim Partner, so doch bei anderen Begegnungen sehr intensiv, dann zum Beispiel, wenn wir uns ruhig, ausgeglichen und leicht fühlen und plötzlich mit unseren alten Themen in Form der Emotionen und Handlungen anderer in Berührung kommen. Wir sind verwirrt und denken: "Wieso denn jetzt schon wieder, ich dachte, ich habe dieses Thema gelöst?"

Auch wenn wir unsere Themen weitgehend gelöst haben, ihre alte Energie ist da und weil sie da ist, erinnern wir uns –  wir gehen immer wieder in Resonanz, aber wenn wir Bewusstseinsarbeit gemacht haben, merken wir, dass das, was sich da plötzlich nicht gut anfühlt, etwas ist, was das Alte in uns triggert. Haben wir unsere Arbeit gemacht oder sind wir dabei sie zu machen, sind wir achtsamer Beobachter des Ganzen und das heißt: Wir können uns schützen, indem wir uns von dieser Energie fernhalten, bevor sie uns nach Hinten zieht, wir wissen: was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut! Wir ziehen unsere Konsequenzen und schützen uns selbst, denn auch das haben wir gelernt.

Selbstschutz ist immer auch Selbstliebe und sie ist eine große Hilfe um Reinszenierungen, die durch äußere Reize und Begegnungen getriggert werden, im Keim zu ersticken. 



Es ist, wie wenn wir ein Haus bauen, indem wir Stein für Stein aufeinanderlegen, damit es wächst. Betreten wir den Resonanzboden eines alten Schmerzes in Gestalt anderer Menschen und umgekehrt, betritt ein Mensch mit ähnlicher Schwingung, den unseren, so ist es, als würden mühsam aufgerichtete Steine wieder abgetragen. Darum ist es hilfreich dieses Energiefeld zu verlassen, um unser Haus in Frieden weiter bauen zu können.

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