Freitag, 14. Oktober 2022

Gewöhnung

 



 

Er trank. Irgendwann hatte er sich auf das Trinken verlegt.

Trinken, vergessen, betäuben, was weh tat.

Abend für Abend saß er da vor seiner Flasche. Mal war es roter, mal weißer Wein.

Der Rote floss schneller ins Blut, machte schneller betrunken, zog ihn schneller ins Trübe. Dann lallte er, wenn er zu ihr hin redete.

Sie hasste sein Lallen. Es schob ihn weg von ihr.

Weg gehen, dachte sie dann jedes Mal. Ich muss weg gehen.

Sie blieb. Mochte ihn nicht, mochte sich selbst noch weniger, weil sie blieb.

Sie wusste nicht einmal mehr warum sie blieb. Bleiben war eine Gewohnheit geworden wie sein Trinken.

Manchmal trank sie mit. Es schob sie nicht zu ihm hin, nur weiter von sich selbst weg.

Am Morgen war im schlecht.

Sie sah ihn an und dachte, gut so, selbst schuld. Das schob sie noch weiter von ihm weg. Nur nicht zu sich selbst hin. Da hin musste sie, zu sich selbst, zu der, die sie war, ohne ihn und sein Trinken. Ohne ihn sein war schwer vorstellbar, sie war so an ihn gewöhnt.

Eine Entwöhnung, immer wieder sagte sie es, du brauchst eine Entwöhnung.

Er nickte, sagte ja. Am Abend trank er wieder, weil er gewöhnt war an den Alkohol.

Er wird sich niemals entwöhnen, dachte sie, weil es schon zu lange war wie es war.

Und sie mitgefangen in der Gewohnheit, gewöhnte sich an den Gedanken.

An das Trinken würde sie sich niemals gewöhnen.

Ohne ihn sein, daran würde sie sich gewöhnen, irgendwann.  

 

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