Freitag, 24. Juli 2020

Angst und Liebe

Foto: Angelika Wende

"Wenn ich bislang etwas aus Corona gelernt habe, dann ist es, dass es nicht gut ist, wenn man Menschen in die Angst jagt", sagt Gerald Hüther in einem Interview in dem er sein neues Buch mit dem Titel „Wege aus der Angst“, das im September 2020 erscheinen wird, vorstellt.

Das berührt mich. Das bringt mich zum Nachdenken.
Und nein, ich bin kein Verschwörungstheroretiker und ich trage auch keinen Aluhut. Ich habe Respekt vor Corona. Ich habe Angst vor einer Infektion und ich arbeite täglich mit Menschen, die Angst haben. Ich kenne die Angst gut und ich weiß, was Angst mit uns macht.
Die größte Angst ist die Angst um uns selbst und das eigene Leben und um das Leben unserer Liebsten. Um diese Angst geht es seit Monaten. Sie ist unser täglicher Begleiter geworden. Bei den einen bewusst, bei den anderen unbewusst. Manchen gelingt es sie zu verdrängen, sie zu kompensieren, sie abzuwehren, aber sie ist da, in jedem von uns und sie treibt seltsame und auch bedrohliche Blüten.

Angst macht uns unfrei. Angst macht eng.
Die Weite des Denkens wird eingeschnürt. Der Blick reduziert sich auf eine bedrohliche Wirklichkeit, die im physischen Sinne lebensbedrohlich werden kann, denn trifft uns das Virus, wird uns im schlimmsten Falle die Luft zum Atmen abgeschnürt, wir ersticken.
Eine grausame Vorstellung, die uns über Monate wieder und wieder vorgeführt wurde. Die Bilder von Menschen, die am Beatmungsgerät um ihr Leben kämpfen, überfluten die Medien. Die Vorstellung eines elenden, schmerzhaften Erstickungstodes, wurde in unsere Köpfe gepflanzt und diese Vorstellung macht eine Heidenangst. Allein, ohne die Hand der Liebsten halten zu dürfen, müssen wir auf grausame und würdelose Weise sterben.

Diese Bilder sind in unseren Köpfen gespeichert und sie werden dort bleiben. Das nennt man Konditionierung.
Oft genug haben wir sie gesehen, oft genug sehen wir sie noch. Oft genug hören wir Berichte von schwer Erkrankten, deren Leben und Gesundheit nie mehr so sein wird wie vor Covid-19. Das sitzt. Das sitzt so tief, dass wir eine Angst in uns tragen, die uns nicht gut tut.

"Wer anderen Angst machen will, arbeitet mit der Vorstellung der Angst", sagt Hüther.
Wir leben jetzt mit diesen angstmachenden Vorstellungen. Wir tragen Masken, damit diese Vorstellungen der Angst nicht zu unserer Realität werden. Damit wir die Angst ja nicht vergessen. Wir halten Abstand und entfremden uns voneinander. Auch das macht Angst. Der Nächste ist der potenzielle Feind, ist eine potenzielle Bedrohung, er kann uns krank machen. Nähe und Berührung müssen gut überlegt sein. Wen lasse ich an mich heran? Lohnt sich die Nähe, wage ich Berührung und welchen Preis muss ich im Zweifel dafür zahlen?
Wir verlieren Wesentliches: Die Sinnlichkeit. Wir schauen in Augen, nicht mehr in Gesichter, wir erfassen keine Mimik mehr und damit nicht die Gefühle des Gegenübers. Es ist kalt da draußen mitten im heißen Sommer, eiskalt.
Dort wo Nähe entsteht, in den Straßen, beim Einkaufen, im Café, im Restaurant, im Park, im Schwimmbad, in Bussen und Bahnen. Überall begegnen uns Augen in denen Angst, Abwehr, Wut und/oder Traurigkeit liegen. Wir werden einander fremd und fremder. Wir sind Getrennte.
Mitfühlen, Verstehen ist schwer, wenn ich die Gefühle des anderen nicht sehen kann, in seinem Gesicht, denn dort sind sie zu finden.

Das Menschliche als solches wird entfremdet – wir sind Vereinzelte in einer von einem tödlichen Virus bedrohten Welt. Wir dürfen einander nicht nahe sein, jetzt wo wir genau diese Nähe so dringend brauchen.
Nähe, sich nah sein, sich verbunden fühlen mit anderen Menschen, ist ein Heilmittel gegen die Angst.
Diese Nähe hat man uns genommen.
Wozu führt das? Wozu führt es, dass wir uns getrennt durch Monitore besprechen, miteinander arbeiten? Wozu führt diese entmenschlichte Art zu leben?
Sie führt zu noch mehr Angst.

Die Weite der Möglichkeiten ist begrenzt, so begrenzt wie sie noch nie zuvor war. Die Freiheit des Miteinanders ist begrenzt.
Nichts mehr ist sicher, nichts mehr ist planbar. Wir haben den Halt verloren und hangeln uns Tag für Tag durch das unberechenbare Jetzt in eine unberechenbare Zukunft. Immer mit der Angst im Bauch, denn da ist sie längst gelandet - aus dem Kopf ins Gefühl.
Unser Jetzt - eine Zeit, die Angst hervortreibt und sie beständig anheizt. Die Todesangst, die wir aus gutem Grunde verdrängten, bäumt sich ganz groß auf. Wir werden darauf gestoßen. Und was fürchten wir mehr als den Tod?

Diese Angst wird befeuert. Medial. Am Anfang mit grausigen Bildern und täglichen Horrornachrichten, jetzt in kleinen täglichen Dosen. Auf das sie bleibe, auf dass wir in der Angst stecken bleiben.
Angst macht uns gefügig. Es kann so Vieles durchgesetzt werden, was ohne die Angst der Menschen niemals hätte durchgesetzt werden können. Und wehe es erhebt ein kritischer Verstand die Stimme, dann ist er ein Verschwörer, der mundtot gemacht wird. Die Zensur arbeitet auf Hochtouren. Videos Andersdenkender werden gelöscht. Kritische Beiträge werden in eine Ecke geschoben, in der es gefährlich ist zu sein, denn wer dort ist, ist ein Corona Gegner und nicht konform und damit gefährlich für das System. In Österreich sagt der Kanzler laut und deutlich: „"Menschen sollen Angst vor Ansteckung haben". Endlich einer der es ausspricht.
Das macht mir Angst. Das macht mir mittlerweile mehr Angst als das Virus.

Wohin hat uns die Angst gebracht, die wir haben sollen?
In die Auflösung aller normalen menschlichen Bindungsbedürfnisse. Der Körper des anderen ist vom eigenen fern zu halten, der Atem des anderen ist im Zweifel eine Bedrohung unserer Unversehrtheit, die Berührung im Zweifel tödlich.
Wie tödlich ist das Virus wirklich? Für wie viele von all den Menschen auf der Welt ist es das wirklich? Die Vorstellung die man uns in die Köpfe gesetzt hat, lautet: Für alle.

Ist das wirklich wahr?
Nein, es ist nicht wahr. Es kann tödlich sein, wie jedes Virus, wie jede bakterielle Infektion, wie jede schlimme Krankheit. Wahr ist. Das Leben ist tödlich. Immer. Jeden Tag kann uns der Tod treffen. Auch ohne das Virus. Aber jetzt hat der Tod einen Namen - einen auschließlichen Namen.

Wie wollen wir mit dieser Angst weiter leben?, fragt Gerald Hüter. Als Biologe merkt er an: Es wird keinen Impfstoff geben. Das Virus mutiert. Wir unterliegen einer Illusion, die an der Realität zerplatzen wird. Was schützt uns davor, dass wir uns Vorstellungen zu eigen machen, die andere in die Welt setzen, damit wir uns so verhalten wie sie es wünschen?, fragt er weiter. Und: Was ist die große Zukunftsqualifikation, die wir brauchen?
Darauf gibt er uns die Antwort: Wir müssen liebevoller mit uns umgehen. Wenn wir liebevoll mit uns selbst umgehen, gehen wir liebevoll mit anderen um und mit der Welt in der wir leben.

Liebe ist stärker als Angst. Liebe zu uns selbst und Liebe zu allem Lebendigen Aber wenn wir uns weiter in dieser Angstspirale verfangen, wenn wir uns weiter von der Angst infizieren und leiten lassen, wird die Liebe kaum eine Chance haben. Dann sind wir verloren.

5 Kommentare:

  1. Die Angst hat es an den Tag gebracht, dass wir nicht in der Wirklichkeit leben, sondern in medialen und virtuellen Welten, wo der Tod keinen Platz hat, wo aber auch kein Leben ist. Wir sind in der Tat verloren... Ich bin Trauerredner und erlebe immer wieder, wie offenherzig mir die Hinterbliebenen begegnen. In meiner kleinen Welt trage ich mein kleines Licht vor mir her. Manche spüren es und können sich daran erwärmen...

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    1. Ich finde wir leben in einer geradezu absurden Welt des Funktionierens. Der absoluten Maxime der Arbeit, der Performance und des Geldes. Ich kann gar nicht mehr verstehen wie ein Mensch gegen seine Seele funktioniert.

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  2. Ja, und auf diese kleinen Lichter kommt es jetzt an.

    Namaste

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