Montag, 8. April 2024

Fatou


                                                                   Foto: A.Wende

 
Ich sitze im Speisewagen des ICE. Ich brauche eine Auszeit. Ich muss mal wieder raus. Raus aus der grauen Enge der Stadt, in der ich lebe. Ich fahre nach Hause. Mein Zuhause ist Berlin, meine kleine Familie, die dort lebt.
Eine alte Dame fragt, ob sie sich zu mir setzen kann.
„Gerne“, antworte ich.
Mit zitternden Händen holt sie ein kleines Heft und einen Stift aus ihrer Tasche, legt beides auf den Tisch. Es ist ein Sodoku Heft. Der Kellner kommt. Die alte Dame bestellt eine Schokolade.
„Wissen Sie“, sagt sie plötzlich zu mir, "ich gehe immer in den Speisewagen. Im Abteil ist es mir zu eng, außerdem sitzt da immer jemand neben mir, der mich mit seinen Geschichten vollquatscht. Das strengt mich an. Sie lächelt. Es ist ein seltsam reduziertes Lächeln. Das Zittern und dieses Lächeln, sie hat Parkinson, denke ich.
"Ich rede nicht viel", sage ich. "Sie können beruhigt sein."
„Das ist gut.“
„Ja, das ist gut“, sage ich. 
 
Sie beginnt ihr Sodoku zu lösen. Ein echtes Sudoku-Rätsel hat nur eine Lösung, die eindeutig durch logische Kombination zu bestimmen ist, denke ich und, dass ich noch nie Sodoku gespielt habe. Ich bin keine Spielerin, außerdem weiß ich, dass es für alles mehrere Lösungen gibt, außer bei Sodoku eben.
Mit zitternden Händen hebt sie ihre Tasse und führt sie langsam an den Mund. Vorsichtig nimmt sie einen Schluck. Ein kleines hellbraunes Rinnsal läuft über ihre Lippen.
Ich sehe weg. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, sie zu beobachten, obgleich ich es tue. Sie rührt mich an. Sie ist mir ähnlich, denke ich, eine einsame Wölfin.
Ich wende mich meinem Tagebuch zu. Schreibe. Meine Art nach Lösungen zu suchen ist Schreiben. Schreiben und reden. Und zuhören. Ich höre den ganzen Tag Menschen zu. Ich würde es der alten Dame gerne sagen und ihr sagen, dass ich es privat genauso wenig mag wie sie, wenn mich fremde Menschen vollquatschen. Ich sage es nicht. Wir haben Schweigen vereinbart. 

„Ich habe Parkinson“, unterbricht sie meine Gedanken.
„Ich weiß“, sage ich, „ich sehe es.“
Sie lächelt mich an.„Sie sehen viel.“
"Ja", sage ich. "Manchmal zu viel."
„Ich habe Parkinson, seit mein Mann vor drei Jahren gestorben ist. Na ja vielleicht hatte ich es schon früher, aber ich hatte keine Zeit es zu bemerken, ich war zu beschäftig damit ihn zu pflegen. Ich habe ihn bis zum Ende gepflegt, das macht man doch, wenn man einen Menschen liebt.“
„Ja“, sage ich, "Sie haben es gemacht, weil sie Ihren Mann lieben."
„Als er dann tot war, bin ich nicht mehr raus. Nur noch um Besorgungen zu machen und zum Arzt. Der hat dann Parkinson festgestellt. Ich komme mittlerweile klar damit und ich gehe wieder raus.“
„Das ist gut“, antworte ich.
„Wissen Sie, eigentlich wollte ich nicht mehr leben nachdem er gestorben ist. Er war mein einziger Mensch. Ich habe niemand in Berlin. Mein Sohn lebt in Franken, da war ich gerade.“
„Warum ziehen sie nicht nach Franken zu Ihrem Sohn, da wären sie nicht mehr allein?"
„Nein, das ist nichts für mich. Berlin ist meine Heimat. Eine einsame Heimat jetzt. Aber hier war mein Leben, mit ihm. Ich muss ja auch auf den Friedhof, ihn besuchen.“
Ich nicke. „Ja, das verstehe ich sehr gut.“
„Wissen Sie, als ich nicht mehr leben wollte, da ist etwas Seltsames passiert. Ich gehe gern in den Zoo, das haben wir immer gemacht, damals als mein Mann noch lebte. Jeden Sonntag sind wir hingegangen. Eine Träne rinnt über ihr schmales Gesicht. Eines Tages bin ich, nachdem ich auf dem Friedhof war, in den Zoo. Da habe ich ihr in die Augen gesehen.“
„Wem haben Sie in die Augen gesehen?“
„Fatou.“
„Fatou?“
„Ja, die alte Gorilla Dame, die dort wohnt. Sie haben sie, weil sie alt und schwach ist, von den anderen getrennt. Sie ist ganz allein in ihrem Gehege. Das machen die, weil die starken Gorillas den Schwachen das Futter wegnehmen.“
„Das wusste ich nicht“, sage ich.
„Das hat mir der Zoowärter erzählt, darum weiß ich das. Ich weiß jetzt viel über Gorillas. Als ich Fatou sah, so abgetrennt und alleine in diesem Gehege und ihre einzige Freude, wenn man ihr das Futter hinschiebt, da hat sie mir schrecklich leid getan. Ich bin ganz lange vor dem Gehege gestanden und plötzlich hat sie mir in die Augen geblickt. Darin lag so eine Traurigkeit.Da passierte es, ich dachte, du bist frei, du bist nicht eingesperrt, du kannst raus.
Du lebst."

1 Kommentar:

  1. Danke liebe Angelika, diese Zeilen haben mich sehr angerührt .. wie so oft: Deine wunderbare Befähigung auszudrücken .. und hier: die alte Dame .. ihr Sosein und Dasein .. die Gorilla-Dame .. meine Tränen kullerten bereits beim: "Sie sehen viel."
    Wie wunderbar, wenn zwei Menschen aus dem "gleichen Stamme" einander erkennen und in Verbindung gelangen. Wie wunderbar, wenn Menschen mit dem Herzen sehen und daraus ihr Leben gestalten.

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