Montag, 27. März 2017

Aus der Praxis – Wie erkennen Frauen, ob sie sich in einer Missbrauchsbeziehung befinden?


Malerei: A.Wende

Missbrauchsbeziehungen basieren auf zwei Säulen: Macht und Kontrolle.

Ziel des Täters ist es, die totale Kontrolle über sein Opfer und über die Beziehung zu sichern. Diese oft sehr subtilen Methoden sind nicht einfach zu erkennen.

Sie werden am Anfang einer Misshandlungsbeziehung von den Opfern oft falsch gedeutet. Oft deuten die Opfer Kontrolle als besonders große Liebe oder als besondere Fürsorge und glauben der Täter will nur ihr Bestes.

Anzeichen dafür, dass sie sich in einer Missbrauchsbeziehung befinden:
Kontrolle, totale Vereinnahmung, Manipulation, Demütigung

Der Partner will immer nur mit ihnen Zeit verbringen.
Wenn sie gerade nicht zusammen sind, ruft er häufig an oder schickt unzählige SMS. 
Er beeinflusst den Umgang mit Ihren Freunden, will alle kennen lernen, trifft sich sogar alleine mit ihren Freunden und macht sie bei diesen schlecht.
Er macht die Freunde bei ihnen schlecht. Er meint es nur ja gut, indem er sagt: "Der Freund meint es nicht gut mit dir."
Er selbst hat kaum oder keine Freunde und die wenigen Freunde, die er hat, werden sie nie kennen lernen.
Er will immer mit ihnen allein Zeit verbringen, weil sie der einzige Mensch sind, den er braucht, der ihn versteht und dessen Nähe ihn glücklich macht.
Er entwickelt sich zum Zeiträuber, indem er stets ihre Zeit beansprucht und sie drängt Zeit mit ihm zu verbringen, auch wenn sie eigentlich Zeit für sich selbst beanspruchen. Wird ihm dieser Wunsch nicht erfüllt, fühlt er sich zurückgewiesen und ungeliebt. Er macht ihnen Vorwürfe und unausgesprochene Schuldgefühle.
Er will alles über sie und von ihnen wissen. Am Liebsten würde er in ihr Gehirn kriechen.
Er sagt immer öfter, dass er ohne sie nicht leben kann und dass sie seine große Liebe sind und ihn nie verlassen dürfen.
Waren sie alleine unterwegs, fragt er anschließend nach, wo sie gewesen sind und was sie gemacht haben. Manchmal münden diese Fragen in Eifersuchtszenen oder in unangemessene Wutausbrüche.
Er kritisiert die Menschen mit denen sie sich umgeben und behauptet, er tue das nur um sie zu schützen.
Er macht ihnen Geschenke mit der Absicht sie zu Dankbarkeit zu verpflichten.
Er gibt ihnen das Gefühl, dass sie ihn brauchen und ohne ihn nicht lebensfähig sind.
Er fordert ständig ihre Aufmerksamkeit.
Er fühlt sich schlecht behandelt wenn sie ihn nicht genügend beachten oder ihn kritisieren und reagiert mit beleidigt oder macht ihnen Vorwürfe.
Er kennt ihre Schwächen und nutzt sie aus, z.B. ihre Gutmütigkeit oder ihr Helfersyndrom.
Er belädt sie ständig mit seinen Problemen und will, dass sie sich um ihn kümmern.
Tun sie das nicht macht er ihnen Vorwürfe, nach dem Motto: "Mir geht es so schlecht, weil du nicht für mich da bist."
Er erpresst sie emotional.
Er ist extrem eifersüchtig und unterstellt ihnen, dass sie sich für andere Männer interessieren.
Er hält ihnen ihre alten Beziehungen vor und ist eifersüchtig auf diese.
Er wirft ihnen fälschlicherweise vor, ihn betrogen zu haben oder zu betrügen.
Er macht sie vor anderen lächerlich, beleidigt sie oder verletzt sie auf andere Weise in der Öffentlichkeit. Das Ziel: er will sie klein und abhängig machen.
Er verwendet in einem Streit alles was sie ihm an Schwächen anvertraut haben, gegen sie.
Er unterstellt ihnen eine psychische Störung.
Er schreit sie an, ist sarkastisch, beschimpft und bedroht sie, beleidigt sie, würdigt sie herab, lehnt ihre Meinung ab und nimmt ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht ernst.
Bei einem Streit sind immer sie schuld, er ist nicht bereit seine Seite zu sehen und Mitverantwortung für Konflikte zu übernehmen.
Er wird aggressiv und ausfallend, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden.
Wenn sie sich trennen wollen, droht er ihnen mit seinem oder und ihrem Untergang.

Die Spitze des Terrors: Körperliche Gewalt. 
Er stößt sie, packt sie am Arm, boxt sie, schiebt sie weg, hält sie fest, schlägt oder vergewaltigt sie. All das steigert sich und nimmt im längeren Verlauf einer Beziehung kontinuierlich zu.
In vielen Misshandlungsbeziehungen kommt es zunehmend zu verbaler, emotionaler, und körperlicher Gewalt, diese verstärkt sich, sobald das Opfer versucht sich emotional oder räumlich zurückzuziehen.

In Misshandlungsbeziehungen spricht man von einem Misshandlungszyklus: Er besteht aus einer „Honeymoon-Phase“, einer „Phase der Spannungsbildung, einhergehend mit der Destabilisierung des Selbstwertgefühls des Opfers und einem „Ausbruch“, bei dem es zu verbalen und im Extremfall zu körperlichen Attacken und Gewalt kommt. Darauf folgt der nächste „Honeymoon“.  Dieses Muster widerholt sich  in Endlosschleife.
  
Wie fühlen sich die Opfer? 
Zu Anfang glauben Frauen, die in Misshandlungsbeziehungen rutschen, sie haben den Mann ihres Lebens gefunden. Er trägt sie auf Händen, liest ihnen jeden Wunsch von den Augen ab und erfüllt ihn.
Sie sind begeistert von seinem tiefen und nicht nachlassenden Interesse an ihrer Person.
Sie fühlen sich geliebt und verstanden.
Sie schenken totales Vertrauen, erzählen alles über sich und sind überzeugt davon: Das ist der Mensch, der meine Wunden sieht, achtet und heilen kann.
Sie merken nicht, dass dieses „alles Wissen wollen“ dazu dient Kontrolle über sie zu erlangen (Wissen über andere ist Macht).
Sie fühlen sich mit der Zeit von seinen ständigen Anrufen, SMS und E-Mails wie ein Hund an der Leine. Sie haben mehr und mehr das Gefühl nicht mehr frei atmen zu können, sie können sich auf ihre Dinge nicht mehr konzentrieren, weil sie ständig auf „ihn“ reagieren müssen. Sie beschleicht das Gefühl man misstraut ihnen und will sie kontrollieren. Sie werden innerlich immer unruhiger und unsicherer und bitten ihn das zu lassen. Das wird nicht beachtet – die Anrufe und das Kontollieren lassen nur kurz in der Frequenz nach, dann ist es wie vorher.
Um den Stress der Fragen und Rechtfertigungen zu vermeiden, wo und mit wem sie unterwegs waren, verbringen sie immer weniger Zeit mit ihren Freunden oder mit ihren Hobbies. Sie möchten ihn ja nicht verletzen. Sie beginnen immer häufiger klein bei zu geben um die Harmonie zurückzuerlangen, die es Anfangs gab. Sie fühlen sich in ihrem Selbst und ihren Bedürfnissen herabgewürdigt und leiden darunter, dass er ständig ihre Grenzen überschreitet. Er verdreht ihre Emotionen und manipuliert ihre Gedanken und Entscheidungen, sodass die innere Unsicherheit steigt und das Gefühl - ich bin nicht o.k. - wächst. Sie denken, vielleicht bin ich an allem was da geschieht, selbst schuld.

Da es aber eigentlich immer scheinbar nur um kleine Konflikte geht, geben sie um des Friedens willen immer wieder nach und machen sich vor, das seien normale Beziehungskonflikte. Am Ende fühlen sie sich vollkommen vereinnahmt, haben kaum noch soziale Kontakte und sind völlig in der Beziehung gefangen. Ihr Lebensraum ist verengt und genau so fühlen sie sich Innersten: eng und eingesperrt. Sie haben ihr Selbstwertgefühl verloren und leiden unter Schuldgefühlen, denn er meint es ja nur gut. Sie sind seelisch und körperlich völlig erschöpft und emotional oder sogar finanziell abhängig. Sie haben Angst ihn zu verlassen, weil sie glauben, sie sind alleine nicht mehr lebensfähig.

Emotionale Misshandlung ist so subtil, so heimtückisch und so verheerend, weil sie schleichend und subtil vor sich geht und das Selbstbild des Opfers mit der Zeit derart demontiert, dass es nicht mehr weiß wer es ist. 
Die oft jahrelange Kontrolle über das Leben, die Gefühle und Emotionen, die permanente Manipulation und die seelischen Demütigungen führen zu einem Gefühl tiefer Wert- und Sinnlosigkeit und nicht selten in die Depression oder zu Angsterkrankungen. Das Opfer hat das Gefühl wertlos und nicht liebenswert zu sein. Es hat zudem das vernichtende Gefühl, selbst an den Misshandlungen Schuld zu sein, weil man ihm lange genug eingeredet hat, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Frauen in meiner Praxis sprechen von unfassbaren seelischen und körperlichen Demütigungen und (sexuellen) Misshandlungen, die ich meinen Lesern hier ersparen möchte.

Hat das Opfer endlich die Kraft, sich aus einer solchen Beziehung zu befreien, ist diese in den meisten Fällen damit nicht zu Ende. Der Terror beginnt oft erst dann richtig auszubrechen. Der Partner wird zum Aggressor und versucht so weiter die Kontrolle und die Macht über das Opfer zu behalten. Auch wenn das nicht der Fall ist: Das Selbstwertgefühl der Frau ist zerstört und sie hat das Vertrauen in sich selbst verloren. Viele Frauen, die eine solche Beziehug gelebt haben sind traumatisiert. Sie haben Depressionen, Ängste und Panikattacken oder gehen in den sozialen Rückzug.

Es braucht Mut, Kraft, großes Durchhaltevermögen und den Mut zur Selbstreflexion um all das zu verarbeiten und irgendwann wieder ein gesundes, selbstbestimmtes Leben zu führen. 
Wenn sie in einer solchen Beziehung stecken oder sie gerade verlassen haben, suchen sie sich Hilfe!
Den Weg zurück in die Autonomie und zu einem gesunden Selbstwertgefühl schaffen nur wenige Frauen alleine. Die Erfahrung sagt: Es ist möglich!

Und weil ich weiß, dass es möglich ist, helfe ich Ihnen gerne.

Kontakt: Angelika Wende 







Kommentare:

  1. Ein hoffentlich hilfreicher Text - hab ich gerade geteilt, denn er sollte viele Frauen erreichen!

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  2. Hallo Frau Wende, vielen Dank für Ihre Texte die ich gerne und aufmerksam lese. Ich bin ein Mann und einige Dinge die Sie schreiben treffen in einigen Beziehungen auf mich zu in anderen wiederum nicht. Ich finde den Text allerdings ein bisschen einseitig. Sind nicht immer zwei Menschen beteiligt damit es zu so einer Dynamik in der Beziehung kommt? Trägt nicht auch der andere einen Anteil dazu bei? Ich war wie gesagt letztens erst in so einer Beziehung und habe meine Anteile in der Dynamik erkannt und mich auch offen dazu bekannt und ich hatte den großen Wunsch gemeinsam daran zu arbeiten, aber meine Partnerin war dazu nicht bereit, also bestand aus meiner Sicht auch keine Möglichkeit die Dynamik die zwischen uns entstanden ist zu lösen. Mein Gefühl sagt mir, dass solche Dynamiken die wahrscheinlich in Beziehungen in der Kindheit entstanden sind am besten in einer Beziehung mit Hilfe eines Mediators geheilt werden können, aber dazu müssen beide Partner bereit sein. Sie stellen sich in Ihrem Artikel auf die Seite der Frau, aber ich glaube dass die Dynamik auch andersum passieren kann. Was empfehlen sie denn einer Person die die in Ihrem Text beschriebene Tendenzen an sich bemerkt. Ich würde mich freuen wenn sie die Zeit finden zu meinem Kommentar stellung zu nehmen, bzw. mir evtl einen Text empfehlen können in welchen etwas dazu steht. Ich bedanke mich schon jetzt und werde ihre Text auch weiterhin gerne lesen. MfG Alex

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  3. Hallo Alex,

    Ist es wirklich wahr, dass ein Opfer am Akt des Missbrauchs "Mitschuld" trägt? Diese Frage zu beantworten überlasse ich Ihnen. Eine Missbrauchsbeziehung in dem Ausmaß, wie ich sie beschreibe, braucht keinen Mediator, sondern zwei Psychologen und zwar einen für den Mann und seine Störung, den anderen für die Frau, um ihr Selbstwertgefühl und ihre Eigenliebe zu stärken und das Trauma zu verarbeiten. Andersrum kann das natürlich auch möglich sein, aber Frauen missbrauchen anders als Männer. Von Ausnahmen abgesehen, fehlt bei ihnen z.B. die Gewaltkomponente. Zum Thema empfehle ich Ihnen das Buch "Masken der Niedertracht" von Marie-France Hirigoyen. Und wenn Sie das bei sich selbst bemerken, rate ich Ihnen zu einer Psychotherapie.

    MFG
    Angelika Wende

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