Sonntag, 14. Dezember 2014

Heute ist kein guter Tag



es gibt tage, da bin ich kurz davor den glauben an das, was ich tue, zu verlieren. es gibt sie nicht oft, aber immer wieder und, dem himmel sei dank, nicht oft genug, denn sonst würde ich aufhören zu tun, was ich tue. nun, vielleicht wäre das auch ganz unerheblich und ohne bedeutung für den rest meiner kleinen welt, aber für mich wäre das ein innerer zusammenbruch, denn ich müsste zugeben, dass ich in meinem tun keinen sinn mehr sehe. was dann übrig bliebe wäre ein tun, das allein für mich sinn macht und das zu finden ist nicht ganz so leicht, denn mein sinn ist mit dem sinn anderer nun mal verbunden, dagegen kann ich nicht viel machen, es sei denn ich wollte es. also was würde ich tun, wenn ich wollte? ich würde ganz ichbezogen meine tage mit schreiben und malen verbringen und schon mal hartz iv beantrragen, weil ich vom malen und schreiben nicht leben kann und mich einreihen in die arbeitsuchenden über fünfzig und irgendeinen job annehmen, der mich total unterfordert, aber zumindest seelisch nicht überbeansprucht. ich würde, wenn ich gerade so darüber nachdenke, vielleicht auf diesem wege leichter meinen inneren frieden finden und meine kleine welt könnte mich mal ... in guter erinnerung behalten. welch eine illusion, angelika! du weißt längst, dass du deinen inneren frieden durch nichts und niemanden im außen findest, sondern nur in dir selbst.

ich weiß, aber diese tage ...
diese tage kommen immer dann, wenn ich erlebe, wie viele menschen sich etwas vormachen, nur weil sie angst haben der wahrheit und zwar der eigenen, ins gesicht zu schauen. es ist wirklich kaum zu glauben, wie viele menschen sich beharrlich in die eigene seele lügen. sie tun das, auch wenn sie dabei dauerhaft leiden. sie tun das, auch wenn ihr körper ihnen signale gibt, indem er schmerzt oder sogar mit krankheiten alarm schlägt, damit sie endlich aufwachen, sie tun das, auch wenn sie längst aufgewacht sind und - das ist das erschreckende - sich trotz des erwachens wieder sand in die augen streuen, nur damit sie nicht anschauen müssen, was sie wach gemacht hat: die wahrheit nämlich über ihre eigene situation, ihren seelenzustand und über ihr leben. sie tun das, weil sie lieber weiter im dörnröschenschlaf verharren, denn dann, denken sie, könnte irgendwann doch noch der prinz kommen, der sie zärtlich und sanft erweckt und alles für sie gut macht. bei männern wäre das die gute fee, die einmal "bling bling" macht und alles ist gut, gut - ohne selbst etwas dafür tun zu müssen.

oh ja, es soll gut werden von alleine oder mit hilfe eines anderen, sozusagen gut "gemacht" werden, damit man selber nichts machen muss, schon gar nicht hingucken, denn dann müsste man vielleicht etwas machen und das ist ja so anstrengend und schmerzhaft könnte das auch werden und arbeit würde das bedeuten und zwar arbeit an sich selbst und man hat ja schon genug arbeit mit allem anderen, nö, das tun wir uns doch nicht auch noch an.

und dann sitzen sie da, diese menschen, und jammern und klagen und lügen sich die taschen voll, bis es oben herausquillt und fühlen sich nicht wirklich gut dabei, aber etwas verändern hieße etwas schaffen, losgehen und unbekanntes gebiet betreten. gott bewahre, davor hab ich eine heidenangst, sagen sie sich, denn dann könnten die illusionen über mein leben und über mich selbst einen ziemlichen knacks kriegen. brauch ich nicht. ich mache so weiter wie bisher, da weiß ich wenigstens was ich habe und da kenne ich mich aus und muss nichts anders machen, wo ich doch eh nicht weiß, wie das gehen soll.

"die menschen wollen eigentlich nicht geheilt werden. sie wollen nur linderung und trost, denn heilung ist schmerzhaft", sagte der psychoanalytiker anthony de mello, gott hab ihn selig, einmal, und ich kenne einige kollegen, die ob diesen satzes mit verhaltener resignation zustimmend nicken würden. de mello hat recht, es soll nicht mehr ganz so weh tun, es soll sich leichter anfühlen im schweren und es soll trost her, damit man sich einrichten kann im jammertal des eigenen seins und dann lässt es sich wieder eine weile aushalten, der ganze irrsinn, der frust, die unerfüllten bedürfnisse, der kummer, der streit, der schmerz, diese bodenlose leere, die mit allem gefüllt wird, nur nicht mit sich selbst und dem, was wirklich von bedeutung ist. bis zum nächsten mal, wenn die seele wieder schreit: ich halte das nicht mehr aus, mach was!

wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, sehen wir unsere situation wie sie ist und nicht wie wir sie gerne hätten. aus einem apfel wird keine birne, so wie aus einer illusion keine wahrheit wird, wenn wir nur lange genug daran festhalten. die wahrheit lässt sich nicht verdrängen oder verwandeln, weil wir sie nicht haben wollen. solange wir nicht wahrhaftig sind, sind wir blind für uns selbst und für andere.

leider ist diese welt voller blinder. und ja, vielleicht bin ich auch auf einem auge blind, aber ich will sehen, ich bin bereit hinzuschauen und ich bin bereit etwas auszuhalten um sehen zu lernen. an guten tagen bin ich sogar überzeugt davon, dass wir alle die kraft besitzen, die wahrheit zu sehen und sie dann zu sagen, erst uns selbst und dann anderen. an guten tagen wohl gemerkt. heute ist kein guter tag.

Kommentare:

  1. Oh Angelika, wie gut ich das auch aus meiner arbeit kenne, was du beschreibst! du bist katalysatorin für die wandlungsbereitschaft der menschen, die zu dir kommen. ich finde es manchmal sehr schwer zuschauen zu müssen, wie menschen nichts mehr fürchten, als veränderung und lieber in der sch...e sitzen bleiben und doch ist es ihre entscheidung. wir wissen das natürlich, aber das anzunehmen ist nicht immer leicht. ich sage mir täglich dass meine aufgabe darin liegt zu vermitteln zwischen dem unterbewusstsein und dem bewusstsein des betreffenden. was er/sie damit macht ist allein seine/ihre sache. das ist unsere arbeit, wobei ich als schwerpunkt direkt am körper arbeite, allerdings den menschen in seiner gesamheit erreiche. manchmal, durch zufall erreicht mich nach jahren eine information oder ein danke darüber, dass sich eine nachhaltige richtungsänderung durch meine arbeit eingestellt hatte. das ist das schwere an dieser art von arbeit. die in den menschen grundgelegten individuellen rhythmen lassen uns "erfolge" nicht leicht oder gar nicht erkennen. wir sind starke seelen und/oder charaktere, weil wir eine arbeit tun, die selten unmittelbare erfolgserlebnisse implizieren. in meiner arbeit ist das vielleicht sogar eher der fall, wenn eine/r von der liege aufsteht und es tut nicht mehr so weh, ab und zu. nicht dass wir uns auf die schulter klopfen sollten, aber ein bisschen in die richtung, dass wir in uns selbst anerkennen, dass wir einen großen beitrag leisten, um die welt ein bisschen leidensärmer und hoffnungsvoller zu machen. das ist VIEL! ich übe mich täglich im annehmen, dass alles so gut ist wie es gerade ist, das macht mich ein stück freier, weil es mir die last von den schultern nimmt, alles noch besser zu machen. ich gehe immer öfter meinen weg, mache, was mir freude und lust bereitet und habe immer seltener ein schlechtes gewissen, wenn ich lang schlafe (wenn es termintechnisch geht) und die halbe nacht meinen vergnügungen fröhne.

    ich staune immer wieder über deine bilder, fotos, texte! da ist soviel unmittelbare kraft, schönheit und wissen über das leben drin. so viel kreativität und tiefe, das was nicht so oft zu finden ist! hast du eine galerie, mit der du zusammenarbeitest oder stellst du manchmal aus?

    alles liebe und liebe grüße
    elisabeth

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  2. Dafür dass heute kein guter Tag ist, hast Du ES aber gut auf den Punkt gebracht ! Für mich gehört zu solch einem Tag mir dankbar einzugestehen, dass ich heute auch mal blind sein darf und die (meine) Welt mal nicht aus den Angeln hebe. So wie ein kleines Luftholen für die nächste Runde ...
    Einen kleinen Gruß zu Dir von Joona

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  5. Danke liebe Angelika. Es tut weh, denen nicht helfen zu können und dabei zusehen zu müssen, richtig? Doch ich hoffe der große Dank derer, die Du auf ihrem schmerzhaften Weg begleitest, tröstet Dich ein wenig.

    Und ist es mein Alter, das mich immer mehr und mehr Menschen sehen lässt, die sich sosehr selbst belügen? Oder werden es tatsächlich mehr?

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