Mittwoch, 1. Oktober 2014

Für alle, die es nicht leicht haben ...



Heute morgen beim Aufwachen dachte ich an all die Menschen, die ich kenne, wie sie ihr Leben leben, wie sie sich fühlen, in diesem Leben. Und ich dachte am Ende meines Nachdenkens, dass es keiner von ihnen leicht hat. Ich dachte an die Ängste und die Schwierigkeiten, die sie haben und ich dachte, wenn ich nur könnte, würde ich zaubern und ihnen Ruhe und Zufriedenheit ins Herz zaubern. Aber ich bin keine Zauberin und auch wenn das ein bisschen schade ist, so versuche ich doch meinen Beitrag zu leisten um die Welt einiger Menschen ein bisschen besser zu machen. Ich kann nicht anders. Hätte man mir, als ich jung war, gesagt, dass ich das einmal wollen würde, ich hätte es nicht geglaubt. Das Einzige was ich wollte, war glücklich sein und das hieß für mich zu lieben, zu leben, zu lachen und eine Karriere als Künstlerin zu machen. Heute Morgen dachte ich auch, dass ich das Meiste gelebt habe und meine Zeit jetzt kürzer ist, als die Zeit zuvor. Ich hatte ein aufregendes Leben, ein gutes und ein ungutes und wenn ich jetzt, Mitte Fünzig, auf dieses Leben zurückblicke, muss ich gerechterweise sagen: Das Gute und das Ungute hielten sich die Balance und wenn ich noch etwas genauer hinschaue, muss ich sogar sagen, ohne das Ungute wäre das Gute überhaupt nicht erst entstanden.

Alles hat einen Sinn. Das ist für mich kein übernommenes esoterisches Geschwafel, es entspringt meiner Lebenserfahrung. Ich bin oft durch meine persönliche Hölle gegangen und fühlte mich innerlich so einsam und verlassen, dass ich das Gefühl hatte, ich bin der einzige Mensch auf dem Planeten. Da war niemand, der mir Trost und Halt gab, niemand, der mir zuhörte und sagte: Du schaffst das! Niemand, der mich in den Arm nahm und mir das Gefühl gab, es wird wieder besser. Die, auf die ich glaubte zählen zu können, waren in den unguten Zeiten nicht da. Heute weiß ich, diese Einsamkeit hat mich zu mir selbst geführt. Durch die Verzweiflung, die Wut, die Angst und die Ohnmacht, die ich fühlte, habe ich zu der gefunden, die ich heute bin. Heute bin ich nicht mehr allein, ich bin immer mit mir, dem besten Freund, den ich habe.

Alleinsein, von allen verlassen sein, ist bitter. Wer das kennt, weiß, wie bitter es ist. Ich habe diesen Zustand einmal als große Ungerechtigkeit empfunden, aber ich weiß heute, und zwar genau deshalb weil ich allein war, ich bin mehr als meine gedachten oder gefühlten Grenzen und vor allem, ich bin mehr als das Bild, das ich in jungen Jahren von mir selbst hatte. Dieses Bild ist Vergangenheit. Ich hadere nicht mehr damit, dass manche meiner Jugendträume sich nicht erfüllt haben, ich weiß nämlich, dass das Leben etwas anderes mit mir vor hatte als mein Ego. Dieses Ego brauchte genau diese unguten Zustände und Erfahrungen um das zu begreifen. Es brauchte die Angst, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung, die Verluste, die Wut und die Enttäuschung.

Trauer, Wut, Enttäuschung und Angst sind zutiefts menschliche Gefühle. Jeder kennt sie in mehr oder weniger großer Feldstärke. Bei mir war diese Feldstärke oft gewaltig, aber diese Intensität hat mich geformt und mir beigebracht, dass das auch das Leben ist und nicht etwas, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Es geht sowieso nicht. Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt und wie es kommt müssen wir es nehmen. Es liegt dabei an uns selbst, wie wir es nehmen. Wir können uns dagegen wehren und Widerstand leisten wie ein Kind, das sich auf den Boden legt und schreit: Ich will das aber nicht, oder wir können es nehmen und sagen: So beschissen das auch gerade ist, jetzt ist das ein Teil meines Lebens. Das verändert viel, es hilft über die eigenen Grenzen zu gehen, auch wenn es verdammt schwer ist und wir glauben, dass wir es niemals schaffen. Ich habe es geschafft mit einigen Blessuren und einigen verloren gegangenen Illsuionen über das Leben, die Liebe und die Menschen. Aber das verbittert mich nicht, vielmehr ist es ein Antrieb mir zeigen zu lassen, dass es vielleicht doch Illusionen gibt, die keine sind, nur weil ich sie verloren habe.

Ich glaube an das Gute im Menschen ebenso wie an das Schlechte im Menschen. Da ist immer beides. Ich trenne es nicht mehr. In jedem von uns liegen beide Möglichkeiten, auch in mir, so wie in jedem von uns die Möglichkeit liegt, das Gute und das Schlechte auszuleben, zur einen und zur anderen Seite hin. Wir können wählen und zwar innerhalb der Möglichkeiten, immer. Das ist nicht leicht, eben weil das Leben nicht leicht ist. Manche Menschen werden böse, weil sie ihr Leben als ungerecht empfinden, manche beklagen sich ohne Unterlass, dass sie nicht bekommen haben, was sie so sehr wollten, manche ertränken ihre Enttäuschung in Alkohol oder anderen Drogen, manche machen andere für ihr Schicksal verantwortlich und manche sagen ja zum Leben, ganz gleich, was es ihnen vor die Füße legt. Sie heben es auf und machen das Beste daraus.

Und jetzt bin ich wieder am Anfang, bei all den Menschen, die ich kenne und die es gerade nicht leicht haben. Sie selbst wählen, wie sie mit dem Schweren umgehen und zwar aus ihren Möglichkeiten heraus, den Möglichkeiten, die in ihnen angelegt sind und aus dem Bild heraus, das sie von sich selbst haben.

Bilder kann man verändern, sogar die, die andere in uns sehen wollen oder jene, die sie in uns hineinerzogen haben. Wie ein Künstler kann man sie verändern, indem man die alte Farbe abkratzt, neue Farben und Formen darüberlegt oder indem man sie zerstört um neue zu malen. Auch deshalb male ich so gerne, weil ich genau das fühlen kann, wenn ich ein Bild male: Ich kann alles was auf der Leinwand erscheint wieder verändern, was nichts anderes für mich heißt als - ich kann gestalten mit dem Material, das ich vor mir liegen habe, dem Material, das das Leben mir jetzt gerade schenkt.



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