Dienstag, 13. August 2013

Aus der Praxis - Und plötzlich sind sie weg, die großen Gefühle des Anfangs





Beziehungen zu führen, die von Dauer sind, ist eine hohe Kunst. Nur gibt es wenige, die diese Kunst beherrschen. Die meisten Menschen glauben nämlich, wenn nur Liebe da ist, ist alles gut. Das ist, wie die Erfahrung zeigt, ein großer Irrtum. Liebe ist, auf die Kunst übertragen, der Inhalt einer Beziehung, jedoch wesentlich um Kunst zu sein, bedarf es ebenso der Form. Der reine Inhalt, der sich in keine Form ergießt oder keine Form bildet, macht noch keine Kunst.

Liebe ist die Voraussetzung um sich überhaupt an einen anderen zu binden, aber sie ist nicht der Garant dafür, dass die Bindung hält. Bindung, darüber nachzudenken lohnt sich für alle Liebenden und die, die es sein wollen. In der Psychologie sprechen wir vom Bindungswillen. Es gibt die Bindungstheorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Ihr Gegenstand ist der Aufbau und die Veränderung enger Beziehungen im Laufe des Lebens. Die Bindungstheorie basiert auf der emotionalen Sichtweise der frühen Mutter-Kind-Beziehung eines In.dividuums

Und da fängt es an, das mit dem Gruseln. Der Erwachsene versucht nämlich genau dieses frühkindliche Mutter-Kind-Bindungsgefühl mit dem späteren Partner wieder herzustellen. Wenn diese frühkindliche Bindung gelungen ist, hat der Mensch im späteren Leben gute Chancen glückliche Bindungen zu erleben. Ist sie misslungen, versucht er sein ganzes Leben lang, das Misslungene zu wiederholen, sprich: Er reinszeniert das Erlebte in einer Art Wiederholungszwang, in der Hoffnung, dass es endlich gelingt. Das Fatale dabei ist: Er projiziert all seine in der Kindheit nicht erfüllten Wünsche nach Bindung auf den jeweiligen Partner. Ich wage zu behaupten, die meisten von uns tun das. Wir tun es unbewusst und erleben das immer Gleiche: Aber ebenso wie einst in der Kindheit, misslingt die Wunscherfüllung.

Liebe allein genügt also nicht für eine erfüllende Bindung, denn mit der Liebe stellen sich nach anfänglichem Schmetterlingsgefühl und rosarote-Brille-Syndrom, schon bald die ersten Unstimmigkeiten ein. Das Bild, das man sich vom anderen gemalt hat, mitsamt aller Projektionen, verliert seine Konturen, es weicht auf oder verblasst zusehends. Auch das eigene Bild, das man schön gemalt hat, um dem anderen zu gefallen, bekommt Patina. Das Deckmäntelchen der Liebe covert die Bilder nicht mehr. Was bleibt sind zwei Kinder, die erkennen müssen, dass ihre schön gemalten Bilder der Sehnsucht sich verlieren und zwar im endlosen Raum ihrer eigenen unerlösten Prägungen und den daraus resultierenden Mustern und Erwartungen.

Die Folge: Die Gefühle sind irritiert, Unsicherheit breitet sich aus, Fremdheit wäschst, ratlos blicken die einst glücklich Verliebten einander an. Habe ich mich so irren können? War alles eine Täuschung? Nein, war es nicht, denn Gefühle lügen nicht, die Täuschung ist, die eigenen Gefühle und deren Urgrund nicht zu kennen. Die Motive nicht zu kennen, warum man sich verlieben und binden will. Um seiner Selbst Willen nämlich und nicht weil man den anderen so sehr liebt. In diesem Sinne ist die erotische Liebe immer blind und narzisstisch. Sie sieht den anderen nämlich nicht. Sie sieht nur das eigene Bedürfnis, das eigene Heil, die eigene Sehnsucht, das andocken will am Objekt der Begierde, welches das Selbst befriedigen soll. Ein Selbst, das das alleine nicht kann und sich den Spiegel sucht, indem es sich zu finden glaubt.

Die erotische Liebe ist nichts für die Ewigkeit, schon gar nicht, bis das der Tod uns scheidet. Sehen wir uns die Scheidungstatistiken an. Die meisten Liebesbeziehungen schaffen es nicht einmal bis zur ersten größeren Schwierigkeit, geschweige denn bis zum Tod. Weit vorher tritt der Tod der Beziehung ein. Auch ein Tod, ein kleiner Tod, allerdings weniger schön, als der petit mort beim sexuellen Höhepunkt. Das Ende vom Lied ist Leid, Liebesleid. Aber Liebe tut nicht weh. Wahre Liebe tut nicht weh. Und von dieser Liebe, behaupte ich, haben wir Menschen keine Ahnung oder nur einen blassen Schimmer.

Zurück zur erotischen Liebe. Gefühle, die am Anfang groß und schön illusioniert wurden, halten genau diesem überhöhten Anspruch nach einer Liebe, die nicht schmerzt und auf ewig selig macht, selten stand. Gefühle kommen und gehen, man kann sie nicht festhalten, ebenso wenig wie die Liebe, denn die ist flüchtig. Und am schnellsten flüchtet sie, wenn wir sie festhalten wollen – sie (an) binden wollen.

Auch die erotische Liebe lässt sich nicht binden, sie ist. Und was sie ist, weiß bis heute kein Mensch. Wir spekulieren erfolglos. Wir haben ein Bild von der Liebe zwischen Mann und Frau, oder Mann und Mann oder Frau und Frau und dieses Bild ist ebenso vielschichtig und individuell interpretierbar wie ein Gemälde und für jeden ist es ein anderes, ein aus Prägungen und Wünschen zusammengesetztes Idealbild, ein Bild von bedingungsloser Liebe, das man den meisten von uns verwehrt hat, als wir Kinder waren, ein Wunschbild, das der Realität genau aufgrund dessen, selten standhält.

Nehmen wir der idealisierten Eros-Liebe die Überhöhung und betrachten die Form.

Was passiert wenn wir uns verlieben? Im besten Fall begegnen sich zwei freie und autonome Gegenüber. Zwei, die ihr Leben einigermaßen im Griff haben, die wissen, was sie tun und wissen was sie wollen. Jeder der Beiden hat sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt irgendwie auf die Reihe bekommen und bis dato überlebt. Unbeschwertheit, Lockerheit, Souveränität und Unabhängigkeit haben Anziehungskraft.

Im Laufe der Beziehung geschieht Folgendes:
Das eine Leben vermischt sich mit dem Leben des anderen. Der Alltag kehrt ein. Das ganz normale Leben mit dem Funktionieren müssen, dem Geld verdienen müssen, dem Haushalt, dem Einkaufen und und und. Mit der Zeit kommen Konflikte und gegenseitige Verletzungen, denn in jeder Bindung binden sich nicht nur Menschen aneinander, sie binden auch ihre Mängel,ihre Erfahrungen und ihre Probleme aneinander. Es entsteht eine Melange, in der man plötzlich Gefühle hat, die einem bisher fremd waren, in der man Dinge erlebt, die einem nicht entsprechen, Kompromisse macht, die einem schwer fallen und alles um der Liebe willen, oder besser, um des Bindungswillen willen.

Plötzlich stehen sich zwei emotional Bedürftige gegenüber. Aus dem Begehren und der anfänglichen Leichtigkeit des Verliebtsein wird ein Brauchen. Die Wahrheit kommt an die Oberfläche, die ungeliebten Kinder, die im tiefsten Inneren wohnen beginnen sich mehr und mehr zu melden, der Partner soll ihnen endlich das geben, was sie niemals hatten:  Bedingungslose Liebe. Er soll sie bemuttern oder bevatern und alles gut machen. Aus der vermeintlichen Liebe ziwschen zwei Erwachsenen wird ein Brauchen. Beim einen mehr, beim anderen weniger. Denn meist ziehen sich Menschen an, die ihre eigenen Defizite im anderen instinktiv spüren, der sie dann an ihrer Stelle auslebt, damit sie sich nicht entwicklen müssen. Dass das ganze unterbewusst abläuft ist klar, denn wäre es bewusst, würde es anders laufen. 

Meist braucht der eine mehr und der andere weniger Nähe, der eine mehr, der andere weniger Bemutterung oder Bevaterung. Sobald von einer Seite das Gefühl kommt, dass er gebraucht wird, er eine Funktion hat, obwohl er ganz offensichtlich trotz Bindung seine inner und äußere Freiheit benötigt, kippt das vormals attraktive Gleichgewicht zwischen den Beiden in kritischer Weise. Es verwandelt sich in eine destruktive Schieflage.

Ab dem Moment, wo ein einigermaßen seelisch autonomer Mensch erkennt, dass sein Beziehungswunsch einer Forderung standhalten muss, nämlich der, gebraucht zu werden, werden seine Gefühle verschüttet. Und plötzlich sind sie weg, die großen Gefühle des Anfangs. Sie sind belastet mit dem Gefühl, der Grund dafür zu sein, dass Leben des anderen von ihm abhängt, von seinem Dasein, seiner Aufmerksamkeit, seiner Unterstützung und seiner Verfügbarkeit. Er hat das Gefühl, dass der andere ohne ihn unglücklich ist und leidet. Welch eine unerträgliche Last. Eine Last, die keine Liebe ertragen kann, denn, wie gesagt, die Liebe ist frei und will fließen. Das kann sie nun aber nicht mehr. Sie wehrt sich, sie kämpft um ihr ureigenes Wesen: Freiheit. Sie entwindet sich der Bindung und löst die Fesseln. Sie hat keine andere Wahl, denn bleiben wäre ihr sicherer Tod.
Zurück bleiben zwei traurige, enttäuschte, innerlich einsame Kinder.




Kommentare:

  1. Hallo Angelika, da kann ich dir nicht ganz zustimmen. Es ist natürlich das die großen Gefühle vom Anfang weg aber wenn man sich in einer Beziehung die Chance gibt neue Gefühle zu entwickeln wird es sich auch in der Beziehung niederschlagen. Ich bin jetzt 37 Jahre mit meiner Frau zusammen und immernoch glücklich.Was das wichtigste ist dem anderen die Freiheit zu lassen in der Beziehung ein eigenes Leben zu führen. Nicht alles zusammen zu machen nicht dasselbe Hobby nicht die gleichen Freunde. Ich glaube das ist vielleicht der Weg für eine lange Beziehung vielleicht sogar bis in den Tod!!

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