Freitag, 21. September 2012

Aus der Praxis - Sprich mit mir - und ich sage dir wie du dich und deine Welt siehst





Die Art und Weise wie wir sprechen, welche Worte wir wählen, wie wir betonen, verrät viel über unsere Persönlichkeit und bestimmt wie andere uns wahrnehmen.

Ohne uns dessen bewusst zu sein sind wir ständig die Ich - Erzähler unseres eigenen Lebens. Wir sind sozusagen die Helden unseres Lebensdrehbuches. Jeder einzelne Tag im Leben beschreibt eine Seite in diesem Buch. Was wir in uns tragen beeinflusst das Aussen und wiederum beeinflusst das Aussen unser Inneres.

Wenn wir sprechen dringt eigenes Inneres ins Aussen. WIE wir sprechen beeinflusst nicht nur wie andere uns wahrnehmen, sondern spricht davon, wie wir selbst uns spüren und sehen und es beeinflusst zugleich unsere Eigenwahrnehmung und verfestigt diese. Wir sprechen wie wir sind, über den Menschen, der wir sind - oder zu sein glauben.
Umso unbegreiflicher ist es für mich, wie wenig Menschen sich mit der eigenen Sprechweise auseinandersetzen, sie bewusst wahrnehmen und trainieren. 

Unsere Sprechmuster senden, neben Gestik und Mimik ein "Bild" von uns selbst ins Aussen. Dieses "Bild" wird wahrgenommen. Es wird gesehen, gehört und bewertet.
Menschen bewerten. 

Der Mensch ist so angelegt - er muss bewerten, nicht zuletzt um sich in seiner Wirklichkeit sicher zu fühlen. 

Mit jedem gesprochenen Wort, mit jedem Satz, kommunizieren wir unsere individuelle Deutung von Wirklichkeit - unser Gefühltes und Gedachtes In - der - Welt - sein. Unsere Sprechmuster und die Eigenschaften unserer Stimme, Klang, Sprechduktus und Tonlage sind Werkzeuge der Persönlichkeit. Sie formen sie sogar. Und mit der Zeit zementieren sie sie sogar. In Sprechweise und Wortwahl, in Klang und Ton, drücken wir aus wer wir sind. Und kommunizieren hörbar unser Sein. Tag für Tag.

Wir alle wissen - es kommt nicht nur darauf an WAS wir sagen, sondern WIE wir es sagen.
Wie wir sprechen, wie laut, wie leise, wie schnell, wie tief, wie hoch, spricht vom Umgang mit uns selbst. 

Ich kenne Menschen, die so leise sprechen, das man sie kaum versteht. Verstehen sie sich selbst? Glauben sie, dass sie etwas zu sagen haben? Ich kenne Menschen, die reden so schnell, dass sie das Luftholen vergessen. Haben sie Angst, dass man sie nicht aussprechen lässt? Glauben sie, sie müssen schnell sprechen, damit man ihnen überhaupt zuhört? Ich kenne Menschen, die andere ständig "überreden", sie nicht zu Wort kommen lassen. Überreden sie sich selbst? Glauben sie, sich selbst etwas einreden zu müssen? All das sind Beispiele, die zeigen, wie sehr unsere Sprechweise Aspekte unserer Persönlichkeit hörbar macht. 

Sprechen, Hören und Fühlen haben viel miteinander zu tun. Viele Menschen sprechen ohne sich selbst überhaupt bewusst zu hören. Hineinhören in sich selbst, um das, was im Innen ist wahrzunehmen - um es im Aussen hörbar zu machen. Bewusstsein für uns selbst beginnt damit uns selbst zu hören, uns zuzuhören. Um dann auszusprechen, was wir gehört haben. Auf uns hören lernen - das ist die Vorraussetzung um zu sprechen, gehört und verstanden zu werden. 

Wir alle möchten gehört werden, möchten, dass man uns zuhört, man uns erhört, auch das. Aber wie - wenn wir uns selbst nicht hören? 

Sich hören, sich sprechen hören, bedeuted Achtsamkeit mit uns selbst üben. Und dann achtsam mit unserer Sprache umzugehen. 

Sprich mit mir - und ich erkenne wie du denkst und fühlst, über dich selbst.
Unbewusst erkennen wir einander an unserer Sprechweise.
Schludrige gewohnheitsmäßig benutzte Sprechmuster, Sprechtöne, Stimmeigenschaften, Räuspern, Füller wie "eh" oder Ähnliches, unterstützen schludrige Eigenschaften und manifestieren ungute Verhaltensmuster.
Die Entwicklung unserer Persönlichkeit zeigt sich hörbar an unserer Sprache und umgekehrt ist eine Persönlichkeitsentwicklung unter der Beibehaltung alter Sprechmuster nahezu unmöglich.

Der Ton macht die Musik! Und unschön klingende Sprechtöne machen eine Musik, die man nicht gerne hören mag. Man selbst nicht und andere auch nicht.



Kommentare:

  1. "Sprechen, Hören und Fühlen haben viel miteinander zu tun...":
    Ich arbeite gerade an einem Impulsreferat für eine Gruppe zum Thema "Hören", und dabei ist mir dieser enge Zusammenhang zwischen Hören und Fühlen erstmals aufgegangen - Hören i s t eine Art zu fühlen. Es war ein ziemliches Aha-Erlebnis für mich, die ich oft Probleme habe, mich selbst gut zu spüren (und das gilt dann eben auch für das Einfühlen in ein Gegenüber). Was du schreibst, macht mir bewusst, dass ich beim Versuch, besser hinzuhören, mich selbst nicht außen vor lassen darf. Und bevor ich "in mich hinein" höre, sollte ich üben, mir meiner äußeren Stimme hörend, fühlend bewusst zu werden.
    Deine Texte sind immer inspirierend. Danke.

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