Samstag, 10. Oktober 2020

Kritik? Bloß nicht!

                                                             Zeichnung: A. Wende
 
Etwas annehmen ist keine leichte Sache für manche Menschen, besonders wenn es etwas ist, was sie als Kritik verstehen. Kritik wirft uns aus unserer Komfortzone. Sie kann uns unsicher machen und das Bild, das wir von uns selbst haben, kommt ins Wanken. Das mögen wir gar nicht. Verständlich. Wir wollen unser Selbstbild erhalten, denn es gibt uns das Gefühl von Selbstsicherheit.
Ein selbstsicherer Mensch aber kann Kritik zulassen. Er ist offen dafür, vorausgesetzt sie begegnet ihm mit Wohlwollen. 
 
Kritikfähig zu sein bedeutet, Kritik anzunehmen, die sachlich formuliert und gerechtfertigt ist.
Der Kritikunfähige aber hat damit Probleme. Und je größer die Probleme sind, die ihm das macht, desto unsicher ist dieser Mensch in sich selbst. Die kleinste Kritk und es wird um sich geschlagen, mit Worten. Der Kritiker wird angegriffen und im worst case abgewertet. Der Kritikunfähige geht in die Abwehr nach Außen, anstatt nach Innen, wo der richtige Ort wäre um zu reflektieren. Und das würde so gehen: Ich frage mich, ob der Kritiker vielleicht Recht hat, ob er mir damit einen wertvollen Hinweis gibt auf etwas, was ich selbst nicht erkennen kann. Auf etwas, das mir vielleicht im Leben schon so manches versaut hat und was ich anders machen könnte.
Es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein, wenn wir sagen können: Danke für den Hinweis, wie kann ich es besser machen?
Es kann aber auch sein, dass wir zu dem Schluss kommen, dass unsere Sicht der Dinge oder unser Standpunkt für uns der richtige ist. Kritikfähigkeit bedeutet nicht alles zu bejahen was andere meinen. Sie bedeutet aber: wir hören uns die Meinung des anderen an, wir zeigen Interesse am Feedback des anderen, wir nutzen die Anregungen und die Gedanken, die uns gegeben werden. Kritikfähigkeit heißt auch zu erkennen, dass andere gute Gründe haben anders zu denken oder es anders zu wollen als wir selbst, dass sie andere Ideen, Wahrnehmungen, Ideen und Lösungsvorschläge haben.
Kritikfähigkeit heißt, dass wir das Gesagte dann in unsere Gedankenwelt mit einbeziehen und so über unsere Sicht der Dinge hinausblicken. 
 
Jede respektvolle Kritik ist ein Ausdruck dafür, dass sich der andere für uns interessiert, dass wir ihm wichtig sind und er uns helfen will.  
Nur indem wir uns für einander öffnen und bereit sind andere Gedanken anzunehmen, können wir unseren Horizont erweitern und vielleicht sogar blinde Flecken in uns erkennen, die wir allein nicht sehen konnten. Und wir können wieder ein bisschen wachsen.
Die Abwehr des Kritikunfähigen allerdings schließt die Tür. Die Tür zum anderen hin und die Tür zu mir selbst und zu dem, was ich an mir selbst nicht wahrnehmen kann, weil ich es einfach nicht sehe oder nicht wahrhaben will. 
 
Menschen die keine Kritik vertragen sehen sich oft als Opfer.  
Typisch für die Opferhaltung ist: Es sind immer die anderen. Es sind die anderen, die Schuld haben, die anderen, die sie nicht so verstehen wie sie es sich wünschen, die anderen, die ihre Erwartungen und Bedürfnisse nicht erfüllen. Es sind die anderen, die ihnen das Leben schwer machen und es sind die anderen, die sich ändern müssen, damit es ihnen besser geht.
Kritikunfähigkeit kann auch ein Symptom für eine Persönlichkeitsstörung sein, wie z.B. bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Hier geht es um das erhöhte Selbstbild des narzisstischen Menschen, das auf keinen Fall Kratzer bekommen darf, denn das stürzt den Narziss in eine Krise. Er fühlt sich klein und unbedeutend und das hält er nicht aus. 
 
Der Kritikunfähige fühlt sich in seiner ganzen Person bedroht und das macht ihm emotionalen Stress.
Auf diese emotionale Bedrohung reagiert er entweder mit Flucht, Angriff oder Starre. Das bedeutet: Entweder er wendet sich ab, greift aggressiv an oder tut so als habe er nichts gehört. Das alles sind Manifestationen von Kritikunfähigkeit und diese kommen immer aus einem mangelnden Selbstbewusstsein. Mangelndes Selbstbewusstsein klammert sich an etwas was so zu sein hat und nicht anders, denn es verträgt keine Erschütterungen, weil es so fragil ist. Gesundes Selbstbewusstsein ist neugierig, offen und freut sich über Impulse, die es dazu anregen etwas dazuzulernen. 
 
Wie gehen wir mit einem kritikunfähigen Menschen um?
Wir machen uns bewusst: Wir haben keine Macht über andere Menschen. Menschen sind so, wie sie sind und es ist nicht unsere Aufgabe sie zu ändern. Wir regen uns nicht auf. Wir akzeptieren, dass der andere unsere Gedanken und Gefühle zu seinen Ansichten nicht hören möchte. Wir lassen ihm seins und wir lassen ihn sein.
Es ist okay.

2 Kommentare:

  1. Hallo liebe Angelika. Danke für diesen hilfreichen Text! Hab versucht es heute umzusetzen und ich denke, es war für alle Beteiligten gut so.

    Nico

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Nico,
    das freut mich :)

    Liebe Grüße
    Angelika

    AntwortenLöschen