Donnerstag, 19. Juli 2018

Gefühl und Bedürfnis


Foto: A. W.

Unsere Gefühle haben große Bedeutung für unser Wohlbefinden. Daher mögen wir ungute Gefühle nicht gern fühlen. Wir sind so konditioniert, dass wir Gefühle in Gute und Schlechte einteilen. Wir haben gelernt, dass manche Gefühle unpassend oder gar schlecht sind, während wir andere als normal, gut und passend empfinden. Das macht es uns schwer unsere Gefühle zu akzeptieren so wie sie nun mal in diesem Moment in der Zeit oder schon lange Zeit immer wieder sind. Wir leben in einer Gesellschaft in der alle gut drauf sein wollen. Viele tun so als seien sie gut drauf, denn das wirft den goldenen Schein aufs Selbstwertgefühl, das eigentlich nicht ganz so glänzend ist, wie sie es gerne hätten. Hey, ich habe mein Leben im Griff. Ich bin cool, alles läuft. Alles gut! Hört sich richtig gut an. Aber, wehe dem, der es wagt zuzugeben, dem sei nicht so. Der hat keine sonderlich guten Karten im ewigen Spiel um Erfolg, Macht und Glück. Er wird vielleicht sogar als schwach empfunden, als Mensch, der sein Leben, sprich sein Gefühlsleben, nicht im Griff hat. Solche Leute sind uns suspekt. Sie sind uns suspekt, weil sie uns einen Spiegel vorhalten und wir darin etwas sehen, was wir so cool verdrängen. Nein, so sind wir nicht. Wir haben es im Griff. Übrigens, ich mag Menschen, die nicht alles im Griff haben, sie sind um vieles spannender.

Wahr ist, unsere Gefühle haben uns im Griff.  
Es sei denn wir sind Meister in der Übung der Achtsamkeit, dann haben wir sie im Griff, aber auch nur in der Form, dass sie uns nicht mehr überwältigen und wir eine gesunde Selbstregulationsfähigkeit erworben haben. Wie schwer das ist, trotz der stetigen Übung der Achtsamkeit, weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Gefühle sind stark und manchmal denke ich, wow, wie toll, dass du so tief fühlen kannst. Das spricht für deine emotionale Intensität, die dir das Leben nicht abgewöhnen kann. Danke dafür!

Gefühle führen ein Eigenleben. Dennoch sind sie eng mit unseren Gedanken und unserem Körper verbunden.  
Eins beeinflusst das Andere. Ich kann zum Beispiel meine Gefühle durch meine Gedanken beeinflussen oder durch meinen Körper, sprich den Umgang mit dem Atem. Indem ich durch ruhiges Atmen den Körper beruhige, beruhigen sich meine Gedanken und damit beruhigen sich meine Gefühle. Das genau ist Selbstregulation. Aber dabei geht es nicht darum das Gefühl weghaben zu wollen, sondern darum es zuzulassen, in nicht überflutender Weise, es zu beobachten, es anzunehmen und hinzusehen was es mir sagen will.

Je mehr wir versuchen unsere Gefühle zu verdrängen, zu unterdrücken, abzuwehren, zu ignorieren, zu kompensieren, zu verschweigen, uns selbst und anderen gegenüber, desto mächtiger werden sie. Und je mächtiger sie werden, desto schwerer ist es mit ihnen angemessen umzugehen.
Es ist unfassbar was manche Menschen sich den lieben langen Tag selbst und somit auch anderen vormachen. Sie sind wahre Meister im Aufrechterhalten der äußeren Fassade nur um ihre eigenen Gefühle nicht fühlen zu müssen. Ziemlich unklug, denn Gefühle, die wir verdrängen, haben keine Chance uns ihre Botschaft zukommen zu lassen. In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass Menschen, wenn ich sie bitte mir zu schildern: "Wie fühlen sie sich gerade?", zwar Worte finden wie gut oder nicht gut oder schlecht, aber ein Gefühl zu benennen fällt ihnen schwer. Manche sagen sogar: „Ich weiß nicht, was ich fühle“, oder: „Ich fühle schon was, aber ich kann es nicht ausdrücken“.
Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein ...

Unsere Gefühle beeinflussen uns auch dann, wenn sie nicht in Worte gefasst werden können. Gelingt es uns aber sie zu benennen, fühlen wir (uns) bewusster. 
Um z.B. mit Gefühlen wie Angst, Wut, Schuld und Scham effektiv umgehen zu können, ist es wichtig zwischen dem unterscheiden zu lernen was wir fühlen, und dem, was wir über unser Fühlen denken. Sobald wir lernen Gefühle und Gedanken auseinanderzuhalten, werden wir uns selbst klarer erkennen. Und darüber hinaus gelingt es uns mit uns selbst und anderen in Beziehung zu treten.

Unsere Gefühle, egal ob gut oder ungut, erzählen uns viel darüber was wir brauchen. Sie führen uns zu unseren Bedürfnissen.  
Wenn sich ein Mensch einsam fühlt braucht er ein Gegenüber oder eine Gemeinschaft. Wenn ein Mensch ständig das Gefühl hat alles unter Kontrolle haben zu müssen, braucht er (Selbst)Vertrauen, weil er Angst empfindet. Wenn ein Mensch traurig ist, braucht er Trost, Verständnis und Mitgefühl, wenn ein Mensch Leere fühlt, hat er das Bedürfnis nach Sinn. Was weh tut wiegeln wir meistens ab. Ok, sagen wir, ist scheisse, aber ändern geht nicht und schlucken unsere Gefühle runter.

Ändern geht nicht. Ist das wahr? Wir können das ändern. Leicht ist es nicht, aber was ist schon leicht? Und warum erwarten viele Menschen eigentlich immer, es müsste leicht sein?  
Das ist wahrlich etwas was ich nicht mehr hören kann. „Ich schaffe das nicht, das ist nicht so leicht, wie sie sagen.“ Ich weiß das es schwer ist. Aber es wird nicht leichter, wenn ich mir selbst immer wieder sage, dass es schwer ist und nicht den Versuch mache, das Schwere zu erleichtern, indem ich genau hinschaue, was ich gerade fühle und was ich brauche. Indem ich mich selbst ernst nehme im Schweren und nicht davonlaufe, weil es nicht so leicht ist, bin ich mir selbst nah. Bin ich mir selbst nah, bin ich mir selbst gut und ich achte mich als Mensch. Veränderung dauert, die geschieht nicht in ein paar Sitzungen. Das geht nicht leicht und das geht nicht schnell. Sind wir Computer, die man  zack, umprogrammiert und alles ist besser? Wir sind emotionale Wesen. Wir fühlen und unsere Gefühle machen uns aus und sie machen uns wertvoll.

Wenn wir wirklich spüren, was wir fühlen, wenn wir uns selbst die Erlaubnis geben, dass jedes Gefühl da sein darf, dann verpassen wir keine lebenswichtigen Signale, die uns helfen können unsere Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen.
Bedürfnisse sind lebenswichtige Ressourcen. Jeder von uns hat sie und sie unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander, höchstens in der Gewichtung. Wir haben alle die gleichen Grundbedürfnisse. Maslow hat das einmal sehr deutlich in seiner Bedürfnis-Pyramide aufgezeigt. Das sind Grund- und Existenzbedürfnisse, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Sozialbedürfnis, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Exploration.

Wenn es uns gelingt eine Verbindung zu unseren Bedürfnissen, besonders zu jenen, die uns am Wichtigsten sind, herzustellen, verstehen wir unsere Gefühle besser und vor allem – wir bewerten sie nicht mehr in selbstschädigender Weise, weil wir wissen, dass sich unerfüllte Bedürfnisse wiederum in Gefühleverwandeln, die uns ganz klar sagen, was wir brauchen und was wir schmerzlich vermissen. Es gibt keine falschen Gefühle, wie oft sage ich das meinen Klienten, wenn sie sich schämen oder schuldig fühlen, weil sie doch scheinbar alles haben und meinen sie seien undankbare Menschen, weil da doch etwas fehlt. Wenn es fehlt dann fehlt es. Punkt. Es ist okay! Dann schauen wir wie wir das, was fehlt, identifizieren und ins Leben rufen können.

Unsere Gefühle in Verbindung mit unseren Bedürfnissen zu bringen macht es uns leichter Mitgefühl für uns selbst zu empfinden, anstatt uns zu verurteilen, für etwas was in uns rumort und absolut seine Berechtigung hat lebendig werden zu dürfen. Das Leben ist kurz. 

Namaste

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