Samstag, 28. Juli 2018

Der Schmerz des unwillkommenen Kindes


Malerei: A.Wende

"Mein Hunger nach Anerkennung, Zuneigung und Liebe führt dazu, dass ich mich selbst ausbeute indem ich mich ausbeuten lasse". Diese Worte meiner Klientin zeigen, dass sie weiß, warum sie tut, was sie tut. Aber dieses Wissen hilft ihr nichts um ihr selbstschädigendes Verhalten zu ändern. Etwas, das viele von uns kennen, wir wissen genau, was wir tun, wir wissen, dass es uns nicht gut tut, aber wir können einfach nicht damit aufhören.

Es ist ein Irrglaube, dass Wissen etwas Wesentliches verändert. Veränderung findet nicht über den Verstand allein statt.
Ja, es ist hilfreich um seine Thematik zu wissen. In meiner Arbeit liegt mir viel daran, Menschen zum Spezialisten ihres eigenen Themas werden zu lassen. Je besser ich verstehe was in mir, aus welchen Gründen, (wobei wir nie alle erfassen werden, denn der Zugang zum Unterbewussten ist begrenzt), vorgeht, was mich geprägt hat und woran ich unbewusst glaube, desto tiefer und umfassender ist der Zugang zu allen Anteilen meiner Persönlichkeit. Auf diese Weise mache ich mich mit mir selbst vertraut. Es ist sogar so, als würde man sich einen Fremden vertraut machen, dem Fremden in uns.

Das Fremde in uns. Das, was wir mit dem Vorbewusstsein so schwer erreichen ist das, was uns fatalerweise am meisten bestimmt, was unser Denken, Fühlen und Handeln angeht.
Das Fremde, das man uns von außen eingegeben hat, als wir nicht fähig waren es auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen, damals als Kind. Es scheint uns vertraut, es scheint das Unsere zu sein, so fühlt es sich ja auch an. Solange bis wir überprüfen was unsere eigene Wahrheit ist, leben wir in Wahrheiten, die man uns über uns beigebracht hat, wir leben fremdbestimmt im eigenen Seelenhaus.

Zurück zu meiner Klientin. Es dauerte eine Weile bis wir herausfanden, was ihre stärkste innere Wahrheit über sich selbst ist. Sie lautet: "Ich bin nicht willkommen". Wer als Kind erfährt nicht willkommen zu sein, versucht diese unerträgliche Erfahrung irgendwie für sich selbst erträglich zu machen. Entweder er wird früh verhaltensauffällig und entwickelt in der Jugend eine Persönlichkeitsstörung oder Suchtprobleme, er bleibt stabil und entwickelt sich dennoch gesund, er versucht sein Dasein durch besondere Leistungen zu rechtfertigen, oder er versucht sein Unwilkommensein wieder gut zu machen und wird zum Helferkind. Helferkinder bleiben es oft ein Leben lang. Sie versuchen ihr Unerwünschtsein in der Welt auch noch als Erwachsene zu kompensieren, indem sie anderen ihre Hilfe antragen, indem sie anderen geben bis zur Selbstaufgabe, indem sie sich selbst ausbeuten, indem sie sich ausbeuten lassen, indem sie sich aufopfern. Helferkinder bergen ein hohes co-abhängiges Risiko. Sie suchen sich nicht selten unbewusst suchtkranke oder seelisch gestörte Partner, die sie brauchen, so wie sie das Gefühl gebraucht zu werden brauchen um ihre Existenz in der Welt zu rechtfertigen.

Der inneren Überzeugung: "Ich bin nicht willkommen", entspringt eine Kompensation. Sie  lautet:"Nur wenn ich anderen helfe, bin ich willkommen."
Ein klassischer Fall von Helfersyndrom. Aber das, was wir Helfersyndrom nennen, tut nicht gut, nicht dem Helfer. Das ewige Helfen macht das Gefühl des Nichtwillkommenseins nicht weg. Der Drang zu helfen verstärkt sich sogar. Er hört nicht auf, er ist eine Art Zwang um das Gefühl nicht spüren zu müssen, was wirklich da ist: Der Schmerz über das Ungewolltsein. Und dieser Schmerz würde ganz groß werden, wenn sich der Helfer auf das Nichthelfen verlegen würde, denn da wäre dann nichts mehr was ihn von seinem Leid ablenkt.

Wenn eine Helferpersönlichkeit niemanden mehr hat um den sie sich kümmern kann, niemanden mehr, der sie braucht, fällt sie in ein tiefes Loch unerträglicher Verlassenheitsgefühle.
Dieser Mensch fühlt sich leer und nimmt sein Leben als sinnlos wahr. Er hat das Gefühl sich vollkommen aufzulösen, er verliert den Halt, den das Helfen und Umsorgen ihm gab. Er realisiert, er kann sich selbst nicht helfen. Diese gefühlte Erkenntnis ist ein Sturz ins Bodenlose. Da ist nichts mehr, nur er selbst und der Schmerz nichts wert zu sein, nichts zu sein. Die Wunde des unwillkommenen Kindes reißt auf. Der Hunger nach Zuneigung wird plötzlich bewusst gespürt, denn er wird nicht mehr gestillt durch die Anerkennung des eigenen Ich, die dieses Ich erfährt, wenn es sich im Modus des Helfens befindet. Die Konzentration auf das Objekt der Fürsorge fällt weg und  der Blick fällt in die vermeintliche Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, welche ihm einst abgesprochen wurde.

Das Helfen müssen ist der verzweifelte Versuch des inneren Kindes, das wieder und wieder versucht seinem Schmerz zu entkommen.
Dieses innere Kind braucht unser Mitgefühl, es braucht unsere Hilfe, die wir so verschwenderisch überall dort hingeben, wo sie oft nicht einmal anerkennt oder gewürdigt wird, wo sie als selbstverständlich genommen wird, wo sie in Vergeblichkeit verpufft, wo wir am Ende unserer Kraft angelangen, weil der, der die Hilfe nimmt, nicht uns nimmt oder gar wertschätzt, sondern das, was er von uns bekommt. Das ist Ausbeutung. Und wir selbst, wir allein sind es, die das zulassen, weil wir (noch) nicht anders können. Ein Leben in dieser Weise, nach diesem Muster, endet in Enttäuschung und Verbitterung.

Wir brauchen eine Lösung, die für uns gut ist. Eine Lösung, die nicht wie die bisherige das Negative aufrecht erhält, sondern das Positive in unser Leben lässt.
Und zwar bevor wir da landen wo meine Klientin gelandet ist, am Zusammenbruch ihrer Kräfte, am Kollaps der ausgebeuteten Seele, am Tor der Sinnlosigkeit, das ihr den Blick auf sich selbst und ihr wertvolles Dasein verschlossen hat. Die Lösung muss das alte Muster: "Ich helfe, also bin ich willkommen", sprengen. Dazu muss sich die alte Überzeugung: "Ich bin nicht willkommen",  auflösen dürfen. Schwer, denn hier muss in der Tat zuerst der Verstand zum Einsatz kommen, denn das Gefühl ist ja davon überzeugt, dass es wahr ist und das von Kindesbeinen an.
Welches neue Muster aber ist überzeugend genug um das Alte aufzulösen?
Und wie muss es aussehen, damit es meine Klientin überzeugen kann?
Und wie stark ist ihre Motivation, ein neues Muster überhaupt zuzulassen?

Es ist kompliziert, denn Veränderung findet nur dann statt, wenn wir eine wirklich starke Motivation haben, die unserem tiefsten Bedürfnis entspringt.
Was sich in all den Jahren meiner Arbeit mit Menschen immer wieder zeigt: Das größte Problem in der Therapie ist die innere Motivation, das, was uns zu verwirklichen im Leben von Innen antreibt. Sprich: Das tiefste Bedürfnis, das nach Befriedigung drängt. Sind Motivation und Ziel nicht im Einklang, ist eine innere und äußere Veränderung nur schwer möglich. Diese unterbewusste Motivation gilt es daher zu entlarven.

Ist die stärkste Motivation: "Ich will meinen Hunger nach Zuneigung stillen, egal um welchen Preis", haben wir, so hart es jetzt klingt, schon verloren. Alte Muster sind mächtig, Bedürfnisse sind mächtig. Sie bäumen sich noch mächtiger auf, wenn wir ihnen zu Leibe rücken wollen.
Sie bilden gerade dann, wenn wir dagegen angehen wollen einen derart starken Widerstand, dass es uns im Prozess der Veränderung vorkommt, es wird noch schlimmer als es ist. Warum ist das so? Alte Muster haben den Vorteil, dass sie uns vertraut sind und alles was uns vertraut ist, gibt uns ein Gefühl der Sicherheit und damit Halt. Woran uns halten, wenn das wegfällt? Und mit dieser Frage kommt der Zweifel: Kann ich wirklich glauben, dass ich willkommen bin, ohne etwas dafür tun zu müssen?
Schafft es nicht wenigstens der Verstand ja zu sagen, haben wir schlechte Karten.

Wenn der Zweifel siegt sind wir grausam uns selbst gegenüber.
Kein Mensch ist unwillkommen. Jeder Mensch hat ein Recht zu leben, willkommen zu sein auf dieser Welt, sich willkommen zu fühlen im Leben. Oder denkt jemand anders? Leider ja, wie die aktuelle Situation mit den Menschen, die man im Meer absaufen lassen will, zeigt. Diese Missachtung menschlichen Lebens hinterlässt Spuren in den Köpfen der Individuen. Und das macht es nicht leichter Menschen zu helfen, die von sich selbst glauben nicht willkommen zu sein. Solche Unmenschlichkeit prägt das kollektive Gedächtnis und zerstört Menschenliebe und Empathie in einem Ausmaß, das wir uns noch gar nicht vorstellen können.

Es gibt kein Leben, das nicht willkommen ist. Keiner hat das Recht uns das Recht auf Leben abzusprechen. 
Leider ist es den Unwillkommenen unter uns genauso passiert.
Ist das nicht grausam? Ist das unsere Schuld, dass andere so grausam sind? Wollen wir weiter aus deren Grausamkeit eine Wahrheit machen, die unser Leben vergiftet? Wollen wir auf deren Grausamkeit vertrauen oder in uns selbst? Wollen wir in Liebe für uns handeln oder in Grausamkeit uns selbst gegenüber weiter leiden?

Natürlich wollen wir in Liebe handeln, aber man hat unsere Kindheit mit solch hoher Dosis vergiftet, das das Gift in jeder Zelle sitzt. Das unwillkommene Kind in uns ist so narkotisiert, dass es sich nur unter großen Anstrengungen aufwecken lässt. Und wenn es endlich wach ist, wird es sagen: "Ich bin nicht willkommen, lass mich. Ich spüre es doch, ich fühle es doch".

Und Gefühle denken wir, lügen nicht.
Und genau das ist nicht wahr!
Man hat es uns fühlen machen. Das Fremde in uns hat das getan und wird es weiter tun, solange wir ihm nichts entgegensetzen. Das sind nicht wir.
Sich das, jedes Mal, wenn der Zweifel Oberhand nimmt, bewusst zu machen, sich das mit dem Verstand bewusst zu machen, wenn das verlogene Gefühl sich meldet, ist eine Übung, die wir konsequent machen können um dem destruktiven Gefühl etwas heilsames Konstruktives entgegen zu setzen. Aus Erfahrung weiß ich wie schwer das ist und wieviel Disziplin, Durchhaltevermögen und Geduld es braucht. Es ist Arbeit, harte Arbeit. Es ist eine bisweilen erschöpfende Arbeit, aber sie ist das Einzige was uns hilft.

Wer dran bleibt kommt ans Ziel. Der Weg heißt: Umprogrammierung.
Aus: "Ich bin nicht willkommen", wird ein: "Ich bin jetzt willkommen. Ich bin mir selbst willkommen!"Dazu ist es wichtig, das Gefühl dazu im Körper zu erspüren und wahrzunehmen. Je öfter wir diese Übung wiederholen, sobald der destruktive Gedanke auftaucht, desto stärker ist die Wirkung auf unser Gehirn. Der neue Gedanke verstärkt sich durch Wiederholung. Es wird sich verändern.
Slow and steady wins the race.
Wer jetzt meint, alles Blödsinn, hallo ich grüße den inneren Widerstand alter Muster!, irrt.
Die Hirnforschung hat es bewiesen: Bis ins hohe Alter bleibt unser Hirn plastisch, alte  Programmierungen sind veränderbar, vorausgesetzt es besteht eine hohe Motivation. Allerdings braucht diese Veränderung Zeit. Und sie braucht, dass wir uns diese Zeit geben und nicht meinen, das muss doch flott gehen. Wer so denkt, denkt gegen sich selbst.

Wie soll sich etwas flott verändern, was über Jahrzehnte im Programm gespeichert war und durch ständiges Abspulen nachhaltig verstärkt wurde? Bitte, so naiv kann doch kein Mensch sein.
Meine Klientin übt. Sie sagt: "Jedes Mal, wenn ich mir sage, du bist jetzt willkommen, schwappt ein großer Schmerz nach Oben". Es ist okay. Es ist unmöglich das Alte loszulassen ohne den Schmerz, die Wut und die Trauer zu fühlen. Ohne tiefes Mitgefühl für das verletzte Kind in uns zu spüren, das so viel Schmerz in sich trägt, wird dieses nach Zuneigung hungernde Wesen in uns weiter glauben, was man ihm über es beigebracht hat, denn ihm fehlt das, was es am Nötigsten braucht um aus seinem Leid herauszufinden: Liebende Annahme und Verständnis. Sich dem Schmerz zuwenden, ihm die Erlaubnis geben endlich da sein zu dürfen, solange bis er sich auflösen kann, ist Übung im Selbstmitgefühl.
Du bist jetzt willkommen, auch mit deinem Schmerz.
Du bist willkommen, vertrau mir!

Namaste Ihr Lieben









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