Mittwoch, 27. September 2017

Auf dem Boden der inneren Leere liegt die Lösung

Foto: AW

Immer wieder kommen Menschen zu mir, die unter einem Gefühl der inneren Leere leiden. Sie haben von Außen betrachtet alles was ihrem Leben Fülle schenkt, eine gesunde Familie, einen Partner, einen erfolgreichen Job, genug Geld und manche haben alles sogar im Überfluss. Und dann wieder gibt es Menschen, die nichts von alledem haben und dennoch diese innere Leere verspüren. Sich innen leer fühlen hat also nichts mit dem zu tun, was wir haben. Es hat mit unserem Sein zu tun, damit wer wir sind, sprich wie wir uns mit und in uns selbst fühlen.
Menschen die sich innerlich leer fühlen, fehlt häufig der Zugang zu genau diesem Gefühl. Sie spüren sich nicht. Wenn ich sie frage: "Wie fühlt sich diese Leere an?", kommen oft Antworten wie „blöd“ „schlecht“ oder ein: „Ich weiß es nicht, leer halt.“ „Blöd“, „leer“ und „ich weiß es nicht“ sind keine Gefühle. Es sind Beschreibungen eines Zustandes. Und meist kommen diese Beschreibungen aus dem Kopf und nicht von dort her wo der Zustand herrscht und von wo aus er etwas auslöst – die Leere nämlich.

Das Gefühl der inneren Leere kann sich wie eine Lücke oder ein schwarzes Loch anfühlen, das alles in sich einsaugt und verschluckt. Es kann sich wie eine tiefe Sehnsucht anfühlen, die namenlos ist. Es kann sich wie ein sich Auflösen anfühlen oder wie eine große Angst. Es kann sich wie eine tiefe Trauer anfühlen, die keinen Trost findet. Es kann auch eine ohnmächtige Wut sein, die keinen Ausdruck findet. Das und mehr liegt am Boden des Loches, das das Gefühl des Leer seins covert, weil derart existentielle Gefühle oft abgespalten werden, damit sie uns nicht überfluten.

Ungute starke Gefühle sind für uns Menschen schwer auszuhalten. Und weil viele Menschen sie nicht auszuhalten glauben tun sie das Nächstliegende: Sie versuchen das Loch zu stopfen. Übermäßiges Essen, Alkohol, Drogen, Menschen, Beziehungen, ständig in Aktion sein, arbeiten bis zum Umfallen, feiern, Geld ausgeben, exzessiver Sex, Dinge kaufen - all das sind Versuche diese Leere und die Gefühle, die auf ihrem Grund ruhen, zu vertreiben. Es sind untaugliche Versuche mit und an den untauglichen Objekten. Denn dass diese Versuche nicht hilfreich sind, zeigt sich daran, dass sie ständig wiederholt werden müssen und immer zum gleichen Ergebnis führen: Die Leere lässt sich nicht wegkonsumieren, wie exzessiv man es auch betreiben möge.
Auch hier gilt: An den Symptomen herumdoktern heilt nicht die Ursache.

Auf dem Grund dieses Loches ist ein Boden. Auf dem Grund dieses Loches liegt die Ursache, welche die zu diesem Gefühl der Leere führt. Leere ist immer ein Zustand des Mangels. Der gefühlte Mangel also ist der Urgrund der Leere. Dieser Mangel hat viele Gesichter. Es kann der Mangel an Liebe sein, an Wertschätzung, an Anerkennung, an Aufmerksamkeit, an Zuwendung, an Trost, an Lebensfreude u.v.m. Jeder der diese leere kennt leidet unter einem Mangel besonders. Auch ich kenne dieses Gefühl gut und ich weiß, es ist kein schlechtes Gefühl. Es ist ein ehrliches Gefühl, ein nach Oben drängendes Gefühl, das uns als Wegweiser dienen kann unseren Mangel zu erkennen, ihn uns genau anzuschauen und herauszufinden wie alt er ist und auf welches Bedürfnis er verweist. Meist ist dieses Bedürfnis so alt wie wir selbst.

Vielleicht haben wir als Kind nicht die Liebe bekommen, die wir gebraucht haben oder wir wurden ständig übersehen, nicht ernst genommen, nicht gelobt oder gar kritisiert. Vielleicht hat man uns vermittelt, dass wir ein schlechtes Kind sind oder wir wurden emotional und/oder körperlich missbraucht. Besonders Opfer von Missbrauch sprechen häufig vom Gefühl von innerer Leere. Hier hat dieses "sich leer fühlen" die Abwehrfunktion, Gefühle von Schuld und Scham abzuspalten.
Der Hauptgrund des sich leer fühlens liegt also häufig in einem Mangel an Liebe, Halt und Zuneigung zu einem Zeitpunkt in unserem Leben als dies am Nötigsten gebraucht hätten.

Wie aber überwindet man nun diese innere Leere?
Man könnte sich auf die Reise in die Vergangenheit begeben. Man könnte für sich herausfinden, was genau es ist, das diese Leere erschaffen hat. Wenn wir den Urgrund identifizieren können, können wir uns daran machen alte Wunden zu erkennen, sie anzuerkennen und sie zu versorgen, damit sie weniger schmerzen. Vorrausetzung dafür aber ist - und das ist aus meiner Erfahrung das Wesentliche: Der Mut durch einen Schmerz zu gehen, von dem wir glauben nicht aushalten zu können. Der Mut die Angst zu überwinden, die uns von uns selbst trennt und dem was wir wirklich suchen und brauchen.Die Erfahrung sagt: Das sind wir selbst, in all dem was uns ausmacht. Für mich ist es den Mut wert den Schmerz auszuhalten. Er wird sich auflösen, aber nicht, wenn wir ihn ein Leben lang unterdrücken, sondern nur dann, wenn wir ihn endlich herausfließen lassen.

Angelika Wende

www.wende-praxis.de

Kommentare:

  1. Wunderbar analysiert und geschrieben! Das ist genau das, was ich seit jeher fühle und worauf ich mein halbes Leben lang hingearbeitet habe....danke für den Text, von Herzen! Nur stellt sich mir die Frage: wie sich dem Schmerz, den man nicht auszuhalten glaubt, hingeben und parallel dazu in der Gesellschaft weiterfunktionieren? Wie nebenher arbeiten, erledigen, was zu tun ist, Kontakte zu Kollegen etc haben....wenn schon Bis dahin die Nerven oftmals schlapp machen und die Nähe zu der Leere und dem Schmerz ankündigen?

    Alles Gute für Sie und nochmals danke für Uhren Text!

    R.

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  2. Wunderbar geschrieben, analysiert und erklärt! Das ist genau, was ich seit jeher fühle und worauf ich mein halbes Leben lang hingearbeitet habe. Vielen Dank für diesen Text, von Herzen!!!
    Nur stellt sich mir die Frage : wie sich dem Schmerz, den man nicht auszuhalten glaubt, hingeben und parallel dazu in der Gesellschaft weiterfunktionieren? Wie nebenher arbeiten, erledigen, was zu tun ist, Kontakte zu Kollegen etc haben, wenn schon Bis dahin die Nerven oftmals schlapp machen und die Nähe zu der Leere und dem Schmerz ankündigen?

    Alles Gute für Sie und nochmals danke für ihren Text!

    R.

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  3. Wenn wir akzeptiern können, dass der Schmerz zu unserem Leben gehört, lernen wir ihn auszuhalten und er wird seine Übermacht in verlieren.

    "Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, mit Ungeliebten vereint sein, von Geliebten getrennt sein, nicht erreichen, was man begehrt – all das ist Leiden.
    Der Mensch leidet, weil er Dinge zu besitzen und zu behalten begehrt, die ihrer Natur nach vergänglich sind.

    Buddha

    Alles Gute!

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  4. Hallo Frau Wende,

    wunderbarer Artikel, danke dafür!

    Kann ihre Einschätzung aus eigener Selbsterfahrung nur bestätigen: Erst wenn wir den Mut aufbringen, uns dem tiefen Schmerz zu stellen, der letztlich die Wurzel für viele Gefühle, Muster und Erfahrungen in unserem Leben darstellt, kann er sich auflösen. Oftmals müssen wir dafür nochmal einige Tränen fließen lassen, die Wut, die Trauer fühlen und ausdrücken, am besten unter fachmännischer Aufsicht, das wäre ganz eindeutig meine Empfehlung. Danach wird gestaute Energie, Lebensenergie, freigesetzt.

    Aus meiner Sicht und Recherche liegt hier auch ein Weg der Befreiung für einen narzisstisch geprägten Menschen. Mit der Thematik, im Zusammenhang mit Hochsensibilität, befasse ich mich gerade intensiv für ein neues Buch!


    Alles Gute, Oliver Domröse

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  5. Danke und ja ...

    Alles Gute für Sie!

    Angelika Wende

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