Sonntag, 15. Januar 2017

Wer vor sich selbst flieht, kann sich selbst nicht berühren.


Malerei: AW

Viele denken, dass das Drama des Narziss die Selbstverliebtheit ist.
Das ist aber nicht richtig. Das Drama des Narziss, damals und heute, ist die Überzeugung: In dem Moment, in dem ich mit mir selbst in Berührung komme, zerfalle ich und bin nichts. Wer das Gefühl hat, im Inneren nichts zu sein, der muss im Außen alles sein.
Ist es nicht immer schwieriger, der zu sein, der man ist?
In einer Welt, die immer größeren Wert auf das Unwesentliche legt, die den Superlativ fördert und in der Authentizität zunehmend verloren geht, wird es für jeden Einzelnen zum Kampf bei sich selbst anzukommen. Nicht wenige ergreifen die Flucht vor sich selbst und verbringen ihr Leben im Außen. Dieses Außen wird immer schneller, will immer mehr, immer höher, immer perfekter sein, es fordert laut ein „du musst dich optimieren“um mithalten zu können und nicht herauszufallen aus der Welt, sprich dem Bild von Welt, das man uns Tag für Tag in der multimedialen Welt als Wirklichkeit malt. 

Wie da ein Leben leben, das uns selbst entspricht?
Wer vor sich selbst flieht, kann sich selbst nicht berühren.

Kommentare:

  1. Gibt es denn überhaupt JEMANDEN? Im Sinne von "der, der man ist"?

    Mein langjähriger Yogalehrer hat gerne das Beispiel von der Zwiebel verwendet: Yoga (inkl. andere spirituelle Wege) ist die Methode, die verschiedenen Schichten des falschen Selbsts zu entlarven. Wir schälen sie ab wie die Schalen und Schichten einer Zwiebel. Darunter kommt immer eine neue Schicht, die es wieder abzuschälen gilt... und am Ende? Was bleibt? Nichts!

    Ich verstehe, dass diese Sicht der Dinge für viele recht negativ klingt, die bisher mit der Vorstellung eines "wahren Selbst" umgehen, zu dem man zurück finden, "zu sich kommen" müsste.

    M.E. ist das zwar eine schöne Vorstellung, doch meine Erfahrung entspricht eher dem Zwiebelbeispiel. Was man findet, ist nie das wahre letzte eigentliche Selbst, sondern einfach die nächste, frischere Version, entlastet vom Ballast nicht mehr funktionierender Vorstellungen, Haltungen und Handlungsgewohnheiten.

    Man fühlt sich zwar wie "neu geboren", aber fünf, sieben oder 10 Jahre später ist auch dieses Ich 2.0 wieder zu einseitig, zu etabliert, zu eingeschliffen und unflexibel - eine weitere Häutung steht an, wobei es wenns gut läuft nicht wieder ein totales Tief sein muss, das dazu zwingt. Wir lernen ja durchaus aus gemachten Erfahrungen und können nun besser sehen, wenn Änderungsbedarf und Loslassen angesagt ist.

    Ich finde die Vorstellung, dass da NICHTS, bzw. "im Grunde nichts Festes" ist, schön und befreiend. Denn das bedeutet ja auch: ich kann "im Prinzip" ALLES sein. Das Nichts schlägt nahtlos ins Potenzial von Allem um, was menschenmöglich ist.

    Diese Vorstellung hat auch den Vorteil, nichts Trennendes zwischen den Menschen anzunehmen: Dein wahres Selbst ist anders als meins... etc. usw.




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  2. Ist mein Kommentar nicht angekommen?

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  3. Ok, ich bin nun mal nicht sehr geduldig, verstehe aber gut, dass "Kommentare frei schalten" auch mal Tage warten muss, weil es Wichtigeres gibt.

    Hab das Thema also als eigenen Blogpost gestaltet:

    http://www.claudia-klinger.de/digidiary/2017/01/17/gibt-es-das-wahre-selbst/

    danke für die Inspiration! Und gerne würde ich dich mal "von Angesicht" treffen.

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  4. Liebe Claudia,

    ich schreibe weniger, ich bin weniger hier auf dem Blog, weil ich zur Zeit an einem Buch schreibe und Einiges in meinem Leben verändere, nachdem alles was war, weggebrochen ist.

    Zu Deinem Kommentar und der Frage: Gibt es denn überhaupt JEMANDEN? Im Sinne von "der, der man ist"?

    Ich bin davon überzeugt, jedes Kind weiß im Moment seiner Inkarnation wozu es gekommen ist. Es will sich seinem ureigenen Wesen nach entfalten. Jeder von uns trägt dieses tiefe innere Wissen um den Sinn seines Da - seins in sich. Es ist die Tragödie des Menschen, dass wir dieses Wissen im Laufe unserer Entwicklung verlieren. Je mehr von diesem Wissen verloren geht, desto verantwortungsloser werden wir uns selbst gegenüber. Wir verlieren den roten Faden unserer Seele im Labyrinth des Lebens. Wir verlieren das Wissen über den Menschen,der wir sind. Das Selbst ist deshalb nicht per se keine starre Größe, aber es gibt einen Kern, der uns ausmacht, der uns einzigartig macht.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass es diesen Kern in uns gibt, der sich entfalten will und dass die ganze Lebensreise im Grunde eine Reise zu diesem Kern ist. Dahin formen wir uns wenn wir bewusst und wach sind.

    Novalis sagte: „Wenn wir uns nach Innen wenden, haben wir eine ganze Gesellschaft in uns.“
    Ja, so ist es. Aber in dieser Gesellschaft gibt es das, was man den inneren Beobachter nennt - jene Instanz des Höheren Selbst. Und es ist meiner Meinung nach das, was uns von Innen hält, wenn alles andere wegfällt. Diese Erfahrung schenkt mir das Leben gerade. Ja, in meiner Welt gibt es diesen Jemanden, im Sinne von der, der man ist - im Tiefsten ist.

    Nn, es möge jeder seinen Glauben haben. Das macht die Welt bunt und spannend.

    Lieben Gruß aus Wiesbaden
    Angelika

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  5. Danke Angelika,

    ja, ich kenne dieses Konzept, habe selbst einige Jahre damit gelebt.

    Letztendlich hat jedoch das Leben und mein ZEN-inspirierter Yoga-Lehrer mich auf die andere Seites des Spektrums des "Denkens über ein Selbst" bewegt. Wo andere das "wahre Selbst" suchen, erwarte ich nichts, sondern befasse mich allenfalls mit der Entlarvung / mit dem illusionären Charakter jeglichen festen Ichs - inkl. der "inneren Gesellschaft", die ja alle nur Funktionen und Emanationen der einen (aus verschiedensten Strebungen zusammen gesetzten, nicht ewa "wesenhaften") Psyche sind, die halt funktioniert wie sie funktioniert.

    Dass ich "vom Glauben an ein Selbst" abgefallen bin, liegt wohl auch daran, dass ich mich in den Kontexten, in denen das gelehrt wurde, zu sehr genötigt wurde, an allerlei Phänomene zu glauben bzw. diese krampfhaft zu imaginieren. Zuviel "Magie" bei alledem, obwohl dies und das durchaus gut funktionierte.
    Das alles war letztlich zu weit weg von mir - was ja für sich genommen auch schon wieder eine witzige Aussage ist in diesem Zusammenhang. :-)

    Wie du am Ende schreibst: Es möge jeder seinen Glauben haben... leider ist das offenbar sehr schwer, sonst wäre nicht soviel Krieg und Streit in Glaubensdingen. Da wären vielleicht mal Projekte angesagt, die verschiedene Menschen mit ihren unterschiedlichen Glaubenssystemen darstellen, ihr Wirken in der Welt, ihr Befinden - damit man sehen kann, dass es fürs Ergebnis nicht entscheidend ist, ob man am Konzept des Selbst oder Nichtselbst oder zig anderen Denkweisen hängt. Sondern daran, was man daraus macht.

    Lieben Gruß
    Claudia

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    1. Liebe Claudia,

      ich lebe immer weniger nach Konzepten, sondern nach dem was ich erfahre und fühle.

      Und dann mache ich das draus, was mein Leben ist ;-)

      Lieben Gruß,
      Angelika

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