Sonntag, 26. Januar 2014

AUS DER PRAXIS - Vom Wünschen ans Universum und dem Geheimnis der Seele


Es gibt Dinge, die verändern auf einen Schlag unser Leben. Solche Dinge sind mir oft passiert. Es waren nicht immer gute Dinge, es waren sogar oft ziemlich ungute Dinge. Eine ganze Zeit lang haben sie mich erschüttert in meinen Grundfesten als Mensch. Jedes mal, wenn mir solche Dinge passiert sind, dachte ich, du bist selbst schuld daran. Ich habe gejammert und geklagt. Vor allem habe ich mich selbst angeklagt. Ich war mein Staatsanwalt und mein Richter. Einen Anwalt gab es nicht, es ging um Totalvernichtung. Das Ende vom Lied war - ich habe mich verurteilt. Ich habe mir eine Strafe auferlegt, die darin bestand abzubüßen, was ich mir als Schuld vorwarf. Mein Urteil hieß sogar einmal lebenslänglich. Lange Jahre saß ich hinter den Gittern meines selbst errichteten Gefängnisses und beschränkte mein Leben um alles, was das Leben ausmacht. Ich arbeitete um zu überleben, aber ich gönnte mir keine Freude und keine Momente des Glücks, denn das hatte ich ja nicht verdient.

In dieser Zeit habe ich mich auf Spurensuche begeben. Ich habe versucht herauszufinden, warum ich so ein schlechter Mensch bin, dass mir immer wieder schlechte Dinge widerfahren. Ich war nämlich der festen Überzeugung, all die unguten Dinge passieren mir nur deshalb, weil ich nicht gut genug bin. Dass ich nicht gut bin, hatte ich als Kind gelernt. Einer der Glaubenssätze meiner Kinderjahre lautete: Wenn etwas schief läuft, dann, weil du es nicht besser verdient hast.

In dieser einsamen Zeit in meiner Zelle habe ich viele Bücher über die menschliche Psyche gelesen. Von Sigmund Freud über Alfred Adler, von Viktor Frankl bis zu Carl Gustav Jung. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, darüber wie kompliziert wir Menschen doch sind. Nicht, das ich das nicht schon längst gewusst hätte, aber all die klugen Bücher dieser weisen und lebenserfahren Männer, ihre Versuche und Methoden um die Seele und ihre Tiefe zu erfassen, flößten mir Ehrfurcht ein. Ich begriff, die Seele ist ein Mysterium, das sich unserem menschlichen Begreifen niemals in ihrer Ganzheit erschließt. Sie ist zu komplex und zutiefst geheimnisvoll. Aber gerade deshalb ist sie es, die mich fasziniert, was mich antreibt sich ihr anzunähern, auch wenn ich weiß ich, werde sie niemals fassen können, die meine nicht und die der Menschen nicht, die zu mir kommen und die ich ein Stück auf dem ihrem Weg begleiten darf. 

Neben dieser wertvollen Literatur las ich auch Selbsthilfebücher, um auf dem schnellen Weg herauszufinden was mit mir nicht in Ordnung war, dass mich so viel Unglück hintereinander traf. Die Autoren dieser einschlägigen Literatur versprachen mir endlich meines Glückes Schmied zu werden. Die Kunst des Glücklichseins, so lautete das Versprechen, liegt einzig und allein in der Macht meiner eigenen Gedanken.

Ich griff zu all den Büchern, die mich aufforderten positiv zu denken und weil ich dessen nicht fähig war, sonst wäre ich ja nicht einer ihrer Käufer gewesen, versprachen sie mir, es mir beizubringen. Wer positiv denkt, hat auch ein gutes Leben, so die Botschaft. Ich habe mich in diese Bücher vergraben um mein positives Denken auszugraben, denn das musste ja irgendwo in mir verborgen sein, wenn ich den Autoren Glauben schenkte. Ich bin der alleinige Schöpfer meiner Welt, welch eine Offenbarung, aber psst - das ist das Geheimnis des Lebens selbst, „The secret“. Ein Geheimnis also! Wie wunderbar es zu lüften, dachte ich. The secret war dann auch das erste jener Bücher, das ich verschlang wie eine lang ersehnte Wundermedizin für meine angeschlagene Seele.

Das Geheimnis, das sich mir offenbarte, war schlicht und einfach: Alle Probleme, die du im Leben hast liegen nur an deinen negativen Gedanken, mit deinen Gedanken ziehst du alles an wie ein Magnet, ob im Guten oder im Schlechten. Hast du gute Gedanken geschieht dir Gutes, sind sie schlecht, geschieht dir Schlechtes. Ich habe es doch gewusst, dachte ich, ich bin also doch ein schlechter Mensch, denn das war die unterschwellige Botschaft, die bei mir ankam, und sie klang genauso wie jene Botschaft aus meinen Kindertagen: An allem bist du selbst schuld!

Der Weg zum guten, glücklichen Leben, versprachen diese Bücher, sei ganz einfach. Ändere deine Denkweise, affimiere, sage dir hundertfach am Tag wie schön das Leben ist, wie wunderbar und wie mächtig deine guten Gedanken sind und es wird geschehen: dein Wunder.

Ich übte gute Gedanken zu denken, was nicht einfach war, denn die anderen, nicht so guten, tauchten ungerufen immer wieder dazwischen auf und manche waren so ungut zu mir, dass sie mich auslachten. Also noch nicht genug getan, entschied ich. Diese Übung war wohl nicht ausreichend für mein Glück und ich schickte meine Wünsche ans Universum. Wie mir im gleichnamigen Buch geraten wurde, wünschte ich, schickte den Wunsch ab und wartete ich geduldig. Ich war zuversichtlich, wissend, es würde Gold regnen wie im Märchen von der Goldmarie und der Pechmarie, war dies doch das märchenhafte Versprechen.

Weil ich mich aber nach einer langen Weile immer noch wie die Pechmarie fühlte und die Erfahrung mich gelehrt hatte, dass Versprechen allzu oft nicht eingehalten werden, begann ich daran zu zweifeln, dass aus mir irgendwann eine Goldmarie werden könnte. Aber ich wusste ja jetzt, Zweifel sind höchst ungute Gedanken und so verjagte ich sie tapfer und probierte es weiter, jeden einzelnen Tag, das mit dem positiven Denken und dem Wünschen. So leicht gebe ich nicht auf.

Es hat nicht geklappt. Im Gegenteil, je öfter ich in diesen Büchern las, desto mieser fühlte ich mich, trotz meiner positiven Gedankenübungen. Das Gefühl, du bist verkehrt, du denkst falsch und weil du falsch denkst, ist alles wie es ist - nämlich ungut, wuchs. Am Ende meines Übungsmarathons war ich der festen Überzeugung, ich bin eine Komplettversagerin und doch an allem selbst schuld, weil ich das mit dem positiven Denken absolut nicht schaffte. Es gab Haftverlängerung, was bei lebenslänglich ein erstaunliches Wunder ist.

Irgendwann hatte ich die Nase voll. Gut, ich bin zwar ein schlechter Mensch, dachte ich, aber kein Masochist. Und dann, nach einer Weile kam ganz leise etwas zum Vorschein, was mich ein Leben lang immmer wieder gerettet und alles Ungute hat überleben lassen: meine Zuversicht und mein Glaube daran, dass alles im Leben einen Sinn hat. Als das aus der hintesten Ecke meines Gefängnisses hervorkroch, kam auch mein gesunder Menschenverstand wieder. Mir wurde klar, ich kann einfach nicht alles in die Realität umsetzen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe, respektive, habe setzen lassen. Ich bin schließlich keine Zauberin und schon gar nicht Gott, der in sieben Tagen eine Welt erschafft mit allem drum und dran und lauter glücklichen Lebewesen, die voller positiver Gedanken in Liebe, Frieden und Harmonie auf ihr umherwandeln und in Dauerschleife „Hallelujah“ singen. Ich habe begriffen, dass, gerade weil ich nicht allmächtig bin, Dinge geschehen, die ich mir nicht gedacht habe und schon gar nicht ausgedacht habe. Also mal ehrlich, wer ist denn so blöd und denkt sich für sich selbst schlimme Dinge aus? Keiner von uns tut das, der liebe Gott übrigens auch nicht, mit dem „Hallelujah singen“ ist es seit dem Sündenfall Evas auf Erden vorbei. 

Die Dinge geschehen, die Guten und die Unguten, ob man positiv denkt oder nicht, sie geschehen den Guten und den „Schlechten“ unter uns und warum das so ist, weiß der Teufel - oder die Seele? Beide sind unergründlich.

Als ich das begriffen hatte, wurde ich langsam wieder lebendig, dank meiner Verbündeten. Ich bewegte mich, Hand in Hand mit meiner Zuversicht und meinem Glauben an den Sinn der Dinge. Es dauerte bis wir stark genug waren um endlich den Schlüssel in die Hand zu nehmen und die Gefängnistür von innen aufzuschließen. Aber schließlich haben wir es getan und zwar nachdem ich mir all die Dinge vor Augen geführt hatte, die ich überlebt hatte und die ich gelernt hatte, trotz und gerade in den schlechten Zeiten.

Ich sagte mir, wenn du wirklich eine Versagerin wärst, wie hast du dann all das geschafft? Wie ist dir das gelungen? Nein, eben nicht mit positivem Denken und frommen Wünschen ans Universum abgeben, das mit Sicherheit besseres zu tun hat, als sich um alle frommen Wünsche der Menschheit zu kümmern, und schon gar nicht mit geduldigem Abwarten und positiven Affirmationen. Mein Geheimnis ist ein anderes: Ich habe am Boden gelegen und ich bin wieder aufgestanden, auch wenn es manchmal lange gedauert hat. Und nach jeder unguten Erfahrung, nach jedem Leid war ich mir selbst als bisschen näher, ich war gewachsen und ich war stärker als vorher. Ich habe gelernt, dass das Leben kein Wunschkonzert ist, kein Schlaraffenland und kein Paradies, und schon gar kein Spaziergang durch ewig blühende Wälder, immergrüne Wiesen, ruhige Flüsse und stille Meere. Ich habe begriffen, dass das größte Abenteuer in diesem Leben ich selbst bin mit dem, was mich ausmacht, und dass dazu alles gehört, das Gute und das Ungute, das Licht und der Schatten, und dass ich meine unschönen Lektionen brauchte, um ganz zu werden und einverstanden mit dem, was ist. Und ich habe begriffen, dass meine Zuversicht und meine Fähigkeit den Dingen Sinn zu verleihen meine Methode ist, um dieses Leben zu bestehen und es nicht zu verdammen, wenn mir schienbar Ungutes widerfährt. Der Weg ist mein Ziel, der Weg selbst ist der Antrieb immer weiter zu gehen -  für mich selbst, meinen Glauben, meine Leidenschaft und meine Vision und für die, die ich liebe.

Hätte ich mich auf die Ratschläge der Positivdenker eingelassen, hätte ich mich selbst verlassen, nämlich Dinge getan, die meinem Wesen in keiner Weise entsprechen. Ich hätte in der Tat lebenslänglich. Wenn ich heute Sätze lese oder höre, wie „du bist der alleinige Schöpfer deines Seins und wenn es dir nicht gelingt ein gutes Leben zu leben, liegt das an dir und deinen negativen Gedanken, werde ich nicht einmal mehr wütend. Ich lächle still und denke: Wem es hilft, fein!

Meine Methode um durch das Leben zu gehen ist das nicht. Sie kann es nicht sein, dazu weiß ich zuviel von der Komplexität der Psyche, von den Auswirkungen der Prägungen, die uns formen und ich weiß, wie schwer es ist, ihnen zu nicht glauben, ich weiß, wie schwer es ist unsere Glaubensmuster zu erkennen und zu unserem Besten zu wandeln und ich weiß, wie lang der Weg ist, um auch nur annähernd unser wahres Selbst zu finden und unserem ureigenen Wesen gemäß zu leben. Und wenn meine Kritiker nun anführen: auch das ist ein Glaubensmuster. Gut, sollen sie, aber es ist mein Glaube und er ist gewachsen aus vielen Erfahrungen, aus vielen Jahren Lernen und wieder lernen – und er hat mir geholfen nach vielen Jahren Leid ein gutes Leben zu leben.

Es geht nicht darum Methoden anzuwenden, die andere erfunden haben, es geht darum herauszufinden, was unsere Methode ist mit der wir das Leben meistern und unserer Methode zu vertrauen und sie nicht zu verdammen, weil sie uns nicht nur das Glück auf Erden beschert. Es geht darum zu begreifen, dass alles, was geschieht Leben ist und dass wir nicht verkehrt sind, nur weil wir nicht immer Glück haben und uns das Schöne und Gutes widerfährt, wenn wir uns das nur ganz doll wünschen. Es geht einzig und allein darum, mit unseren Werkzeugen, die uns der Schöpfer geschenkt hat, den Acker unseres Lebens zu bestellen und zwar auch dann, wenn es hagelt und stürmt und aussieht als würde die Welt untergehen. Sie geht nicht unter, sagt die Erfahrung, aber im Zweifel gehen wir unter, wenn wir anderen mehr glauben als uns selbst. 

Kommentare:

  1. das hat mich heute gerettet, an einem tag, an dem ich wieder mal mit meinem schicksal, mit gott und der welt und überhaupt allem gehadert habe.

    danke!

    monika

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  2. Da kann ich nur sagen, genauso ist es! Danke für diess Worte.

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