Montag, 18. November 2013

UMBRUCH

zeiten des umbruchs. das ist jetztzeit, für viele unter uns. ich kenne einige menschen in meinem umfeld, mich selbst eingeschlossen, bei denen sich das leben gerade anfühlt, als würde sich eine riesige welle aufbäumen, die über alles gewesene hereinzubrechen droht. das macht angst. denn, wer will schon im strudel einer riesenwelle mitgerissen werden? welch eine gruselige vorstellung, dieser gewaltige sog ins tiefe meer, welch ein schreckliches gefühl das herumgewirbelt werden und die riesenangst zu ertrinken. ein fieser gefühlscocktail ist das.

als ich jung war, so vor einem viertel jahrhundert etwa, habe ich es erlebt, das mit der welle. ich schwamm ins meer hinaus und plötzlich war sie da, ziemlich schnell und ziemlich hoch kam sie auf mich zu und riss mich mit sich in die tiefe. ich dachte - das war es jetzt, aber sie hat mich nur ordentlich durchgerüttelt und ich kam, nach einer gefühlten ewigkeit, wieder an die wasseroberfläche. ich bin nicht ertrunken, obwohl ich da unten dachte, das überlebst du nicht. es kamen noch ganz andere wellen in meinem leben. manche waren ziemlich hoch und mitreissend. alle hatten eins gemeinsam - sie gaben mir das gefühl der ohnmacht.

in der ohnmacht haben wir die kontrolle verloren, wie sind handlungsunfähig, gelähmt, kräften ausgesetzt, die wir nicht beeinflussen können. wir sind nicht mehr fähig zu agieren, weil es für uns agiert. aus der ohnmacht resultiert nicht selten die verzweiflung, der schlimmste affekt. die ohnmacht macht uns deutlich wie klein wir sind und wie wenig wir letztlich am rad unseres lebens drehen können. ich hasse dieses gefühl. dennoch ist in ihm eine der lektionen verborgen, die ich lernen musste, warum auch immer. die lektion wiederholt sich auch immer wieder, allerdings abgestufter als ich sie in der vergangenheit erlebt habe. jeder umbruch macht sie mir phasenweise wieder bewusst. aber im laufe der zeit habe ich eins begriffen - gegen die ohnmacht anzukämpfen macht sie nicht besser. ich fühle mich nicht besser, wenn ich in den widerstand gehe, wenn ich krampfhaft festhalten will was aus meinem leben verschwinden will, verplempere ich alle energie, die ich dazu brauche den umbruch zu bewältigen und aus dem, was bleibt, das beste herauszuholen. also habe ich gelernt - nach der wut und der trauer über den verlust, den jeder umbruch mit sich bringt, mich dem zu ergeben was mich ohnmächtig macht und mich dem zuzuwenden was im umbruch verborgen ist - das potenzial zur veränderung meiner ansichten, meiner glaubensmuster, meiner lebensumstände und meiner noch verbleibenden möglichkeiten.

ja, es sind die neuen möglichkeiten, das, was wir noch nicht probiert, noch nicht erfahren haben, noch nicht erlebt haben, die dann vor uns liegen, die erstaunliche möglichkeit neues zu entdecken, die jeder verlust des gewesenen in sich trägt, die wir ohne ihn nie erfahren können.

ich suche immer das gute im unguten, weil ich weiß, wer sucht findet. immer. suchen wollen - das ist der moment, in dem sich das gefühl der ohnmacht aufzulösen beginnt. das ist der moment, in dem ich als mensch sage - dein wille geschehe und mich selbst beobachte, wie ich aus dem strudel der welle wieder nach oben gespült werde. nass bis auf die haut, aber glücklich überlebt zu haben.

die erfahrung sagt: nichts geschieht ohne grund, die erfahrung sagt: alles, egal was es ist, bringt uns weiter so lange wir leben, weiter zu dem menschen, der wir auch sind. und irgendwann zeigt uns das weitere leben: der umbruch hat zwar schmerzhaft etwas abgebrochen, aber meistens etwas, das nicht mehr zu uns gehört.

Kommentare:

  1. ...die Leben laufen so gänzlich unterschiedlich ab und doch ist die Grundaussage Deines wunderbaren Textes auch für mich gültig...
    was uns nicht umbringt macht uns hart (sorry für den Gemeinplatz!) - aber ein jedes neue Auftauchen aus dem Niedergang hat unsere Augen erneut geöffnet und ge w e i t e t!
    Weitere Inspirationen von Innen und Außen wünsche ich Dir von ganzem Herzen

    Gabriele

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  2. Antworten
    1. liebe gabriele, ja jedes leben ist anders und doch verbindet uns vieles. u das ist es was mich antreibt - das verbindende. wir sind nicht ganz allein, denn viele von uns haben ähnliches zu tragen und fühlen ähnlich ...

      ich danke dir! von ganzem herzen, angelika

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