„Solange Sie das Unbewusste nicht bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen."
Dieser Satz ist von dem Psychoanalytiker C.G.Jung.
Ein krasser Satz, den ich nicht glauben will, denn ich bin der Überzeugung, es gibt etwas, das größer ist als wir, ich nenne es Gott, andere nennen es das Universum oder eben Schicksal.
Aber wenn ich tiefer darüber nachdenke und meinen inneren Widerstand gegen den Satz löse muss ich Jung zustimmen - er hat in dem Sinne Recht, dass weder Gott, noch das Universum uns Schaden zufügt oder uns rettet. Schaden tun wir Menschen uns selbst und gegenseitig, und retten dürfen wir uns auch selbst.
Vieles von dem, womit wir uns schaden, ist uns nicht bewusst, es kommt aus dem Unterbewusstsein.
Das sogenannte Eisberg-Modell ist eine psychologische Metapher, die Sigmund Freud zugeschrieben wird. Es veranschaulicht, wie unser Bewusstsein und unser Unterbewusstsein zusammenspielen.
Das Bild: Ein Eisberg im Meer. Nur eine kleine Spitze ragt sichtbar aus der Wasseroberfläche, während der weitaus größere Teil unsichtbar unter Wasser liegt. Der kleine Teil über dem Wasser steht für unser Bewusstsein. Hier befinden sich unsere aktuellen Gedanken, Entscheidungen, Wahrnehmungen und alles, worüber wir uns Moment bewusst sind. Dieser Bereich ist uns zugänglich und kontrollierbar. Er macht aber nur einen kleinen Teil unseres gesamten Erlebens aus. Unter der Wasseroberfläche liegt das sogenannte Unterbewusstsein, der Teil unseres Gehirns, auf den wir nicht direkt zugreifen können. In diesem Bereich liegen verdrängte Erinnerungen, frühkindliche Erfahrungen, Traumata, Ängste, Wünsche, Triebe und automatische Verhaltensmuster.
Alles was wir abspalten, ausblenden oder vergessen löst sich nicht in Luft auf. Es verlässt unser Bewusstsein, wandert ins Unterbewusstsein und von dort aus beeinflusst es weiterhin unser Denken, Fühlen und Handeln - und zwar stärker, als wir es bewusst wahrnehmen und als uns lieb ist. Wir glauben zwar bewusst zu entscheiden, doch viele unserer Gedanken, Gefühle, Reaktionen und Handlungsweisen haben tiefere, unbewusste Ursachen. Mit anderen Worten: Ein großer Teil unserer inneren Prozesse läuft automatisch und außerhalb unseres Bewusstseins ab.
Wir alle haben Gedanken und Gefühle, die unsere täglichen Handlungen beeinflussen. Vieles von dem was wir tun, führen wir unbewusst aus, weil wir einfach nicht wahrnehmen warum wir es tun. Jede Aktion, jede Handlung hat Folgen, sie erzeugt eine Reaktion in uns selbst, in unserem Leben und in den Menschen mit denen wir in Kontakt gehen.
Jung geht mit seiner Annahme, wie Freud, davon aus, dass es in uns unbewusste Anteile gibt – also Gedanken, Prägungen, Ängste, Wünsche und innere Konflikte, die wir nicht bewusst wahrnehmen. Diese unbewussten Inhalte beeinflussen jedoch unser Verhalten, unsere Entscheidungen und vor allem auch unsere Beziehungen. Wir agieren automatisch, ohne zu verstehen, warum wir so handeln, wie wir handeln.
Ein Beispiel: Eine Frau gerät immer wieder an Männer, die emotional nicht erreichbar sind und sie schlecht behandeln. Sie sagt sich: „Ich habe einfach Pech in der Liebe“ oder „Das ist mein Schicksal“.
Wir wissen aber heute, auch dank Freud und Jung, dass Erfahrungen, Prägungen und unbewusst verinnerlichte Bindungsmuster aus der Kindheit dazu führen, dass genau das vertraut wirkt, was wir kennen und wir es unbewusst, in einer Art Wiederholungszwang, immer wieder suchen. Es zieht uns an. Dabei wiederholt sich ein frühes unbewusstes Muster. Weil die Frau in meinem Beispiel den Zusammenhang aber nicht erkennt, wirken ihre unheilsamen Beziehungen wie äußeres Schicksal – obwohl es innerlich, also aus ihr selbst heraus, gesteuert ist.
Mit „das Unbewusste bewusst machen“, statt es Schicksal zu nennen, meint Jung also Selbstreflexion, heißt: sich mit den eigenen Motiven, Ängsten, Schatten und Prägungen auseinanderzusetzen um das, was unbewusst ist, ins Bewusstsein zu holen.
Erst wenn wir tief tauchen und diese inneren Prozesse erkennen, gewinnen wir mehr innere Freiheit. Wir sind nicht mehr Marionetten des Verdrängten, sondern fähig bewusster zu entscheiden, anstatt automatisch zu reagieren. Kurz gesagt: Was wir nicht in uns anschauen, steuert uns im Hintergrund. Und was uns im Hintergrund steuert, fühlt sich dann wie Schicksal an.
Hört sich richtig gut an. Wir machen es uns bewusst und gut ist es. Nur funktioniert das aber nicht immer gut.
Der Verstand kann zwar erkennen, dass eine bestimmte Beziehung, Gewohnheit oder Entscheidung unheilsam ist, doch Gefühle wie Angst vor Verlust, Einsamkeit oder Unsicherheit sind oft stärker als jede rationale Einsicht. Unser inneres System ist darauf ausgerichtet, emotionale Sicherheit zu bewahren, selbst dann, wenn diese Sicherheit uns schadet.
Hinzu kommt, dass alte Verhaltensmuster vertraut sind. Vertrautheit vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Wenn wir beispielsweise in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem emotionale Kälte vertraut war, fühlt sich das später richtig, bzw. oder gewohnt an, auch wenn es schmerzhaft ist. Das Nervensystem bevorzugt das Bekannte gegenüber dem Unbekannten, selbst wenn Letzteres heilsamer wäre. Zu allem Übel erfüllen selbstschädigende Verhaltensweisen häufig unbewusste Bedürfnisse. Manche Handlungen verschaffen kurzfristige Erleichterung oder emotionale Betäubung. Das kommt besonders bei der Sucht zum Tragen. Auch wenn das Suchtmittel schadet, wird es innerlich als belohnend empfunden und wiederholt.
Gleichzeitig leben in uns innere Anteile mit unterschiedlichen Zielen: Ein Teil möchte Veränderung, ein anderer sehnt sich nach Vertrautem und Sicherheit, ein anderer hat Angst vor den Konsequenzen, der nächste ist schlicht und einfach faul. Diese inneren Konflikte und Ambivalenzen führen dazu, dass wir widersprüchlich handeln oder uns wieder besseren Bewusstseins selbst Schaden zufügen.
Auch Gewohnheiten spielen eine große Rolle.
Durch Wiederholung entstehen im Gehirn stabile Muster, die automatisch ablaufen. Selbst wenn wir wissen, dass ein Verhalten schädlich ist, reagiert unser System oft schneller als unser bewusster Wille.
Und dann sind da noch die tief verankerten Glaubenssätze. Wer z.B. innerlich davon überzeugt ist, nicht gut genug zu sein oder nichts Gutes zu verdienen, wird unbewusst Situationen wählen oder tolerieren, die dieses Selbstbild bestätigen.
Was sagt uns das?
Wissen findet auf kognitiver Ebene statt und verändert erst mal wenig bis nichts.
Echte Veränderung bedarf komplexer emotionaler, körperlicher und identitätsbezogener Prozesse. Bewusstwerdung ist ein wichtiger erster Schritt, doch nachhaltige Veränderung und inneres Wachstum braucht viel Bereitschaft, Geduld, Zeit, Kontinuität, Konsequenz und Disziplin und bewusstes Handeln um unser „Schicksal“ in eine bessere Richtung zu wenden.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
