Malerei: A.Wende
Anna ist 40 Jahre alt, als sie sich in meiner Praxis vorstellt. Anlass war zunächst eine über Jahre bestehende Tablettensucht, eine generealisierte Angststörung und eine depressive Symptomatik. Sie leidet unter starken Selbstzweifeln, Scham-und Schuldgefühlen und äußert immer wieder den Satz: „Besser ich wäre tot.“
Im Verlauf der Sitzungen berichtet sie vom Missbrauch durch den Vater in der Kindheit, von dem sie erst kürzlich durch ein Familienmitglied erfahren hat. Sie selbst hat nur intrusive Erinnerungsfragmente. Anna zieht es den Boden unter den Füßen weg. Sie ist schockiert, fassungslos, empfindet Ekel und Wut gegenüber dem Vater. Sie fühlt sich von ihm betrogen und verraten. Was sie besonders quält, ist nicht allein das Trauma selbst, sondern ein massiver Loyalitätskonflikt. Immer wieder sagt sie: „Ich habe ihn doch geliebt.“
Der Vater sei zugewandt, unterstützend und liebevoll gewesen und habe viel Zeit mit ihr verbracht, er habe mit ihr gespielt und ihr viel Wertvolles nahegebracht. Genau diese Erinnerungen führen dazu, dass sie das Geschehene nicht einordnen kann. Sie ist in einem emotionalen Konflikt, der sie sie innerlich zerreißt.
Was sie quält ist, dass ihr Bild des „guten Vaters“ zerbrochen ist und ihm jetzt ein Bild des „schlechten Vaters“ gegenübersteht. Da ist einerseits Gewalt und andererseits liebevolle Zuwendung. Anna fragt sich: „Wie kann ich ihn noch lieben, wo er mir das angetan hat?“ „Darf ich ihn noch lieben, ohne mich selbst zu verleugnen?“, wird nicht ausgesprochen.
Hier zeigt sich ein zentrales klinisches Phänomen: die traumatische Bindung.
Wenn wir als Kind missbraucht wurden und den Täter gleichzeitig geliebt haben, entsteht ein tiefer innerer Konflikt, der noch im Erwachsenenalter stark belastet. Dieser Konflikt ist jedoch kein Zeichen von Widersprüchlichkeit, sondern eine nachvollziehbare Folge kindlicher Bindungsdynamik. Ein Kind ist existenziell auf seine Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung sichert sein Überleben. Deshalb kann ein Kind selbst dann Liebe empfinden, wenn eine Bezugsperson zugleich übergriffig ist. Für das kindliche Nervensystem stehen Bindung und Schutz an erster Stelle. Dass Liebe und Missbrauch nebeneinander existieren konnten, bedeutet nicht, dass der Missbrauch weniger schlimm war – es zeigt vielmehr, wie stark das kindliche Bedürfnis nach Bindung ist. Das kindliche Nervensystem priorisiert Beziehungssicherung, selbst um den Preis massiver Selbstverleugnung. Um das Unerträgliche zu ertragen, spaltet ein Kind das traumatische Erlebnis ab. Es kommt zur Dissoziation. Es wirkt abwesend oder es erinnert sich nicht. Es spaltet Gewalt und Zuwendung voneinander ab. Es übernimmt implizit Schuld, um das Bild des „guten“ Elternteils aufrechterhalten zu können. Es entwickelt eine innere Loyalität, die stärker ist als sein Schutzimpuls, um emotional zu überleben. In vielen Fällen übernimmt das Kind sogar unbewusst die Verantwortung für das Geschehene – es fühlt sich schmutzig, falsch und wertlos. Der Preis dafür ist Selbstverlust.
Das bis dahin funktionale Abwehrsystem gerät, nachdem Anna die Wahrheit erfahren hat, ins Wanken. Das Bild vom guten Vater kollabiert – es kommt zur Ambivalenz.
Um Anna im ersten Schritt zu helfen, steht jetzt nicht die Konfrontation mit dem Trauma im Vordergrund, sondern Stabilisierung und kognitive Einordnung.
Viele Betroffene quälen sich mit Gedanken wie: „Wenn ich ihn geliebt habe, kann er doch nicht so schlimm gewesen sein“ oder „Vielleicht war ich schuld“. Hier ist eine klare Haltung entscheidend: Ein Kind trägt niemals Verantwortung für Gewalt und Missbrauch. Niemals! Die Verantwortung liegt ausschließlich beim Täter. Schuld- und Schamgefühle sind typische Traumafolgen, aber sie beruhen nicht auf realer Schuld. Es handelt sich um Loyalitätsbindungen, in denen Fürsorge und Gewalt miteinander verwoben sind. Das zu verstehen, kann bereits entlastend wirken.
In der therapeutischen Arbeit geht es darum, das „liebende Kind“ ernst zu nehmen und gleichzeitig klar zu benennen, dass das Geschehene Unrecht war. Das Kind durfte den Vater lieben – und der Vater hat dennoch seine Grenzen massiv verletzt. Diese Differenzierung ermöglicht es, innere Spaltungen langsam zu integrieren. Ziel ist nicht, den Vater nur noch zu hassen oder die Liebe zu ihm zu verleugnen, sondern beide Gefühle nebeneinander halten zu können, ohne sich selbst dafür zu verurteilen.
Integration statt Schwarz-Weiß-Denken ist hier ein zentraler Prozess.
Es geht um die Normalisierung der Ambivalenz. Für Anna bedeutet das - dass sie den Vater geliebt hat, spricht nicht gegen den Missbrauch. Es spricht für Ihre damalige kindliche Abhängigkeit und ihr Bedürfnis nach Liebe und Bindung. Ziel ist nicht Polarisierung „nur Täter“ vs. „nur Vater“, sondern affektive Integration. Diese Perspektive kann, wenn es gelingt sie emotional zuzulassen, zu Entlastung führen. Anna kann beide Realitäten nebeneinander stehen lassen: „Ich war ein liebendes Kind. Und mir wurde schlimmes Unrecht zugefügt.“
Ein Kind trägt niemals die Verantwortung für Missbrauch.
Für das Unfassbare müssen wir Worte finden, ohne dass diese emotional überwältigend oder retraumatisierend sind. Es aussprechen und reden hilft zu verstehen: Was mir widerfahren ist, hat einen Grund. Der Missbrauch, den ich in der Kindheit erlebt habe, hatte nichts mit mir zu tun. Es hat allein mit dem zu tun, der ihn mir angetan hat. Es ist seins, seine Geschichte. Und die gehört nicht zu mir. Bei der Aufarbeitung des Traumas geht es nicht darum, den Täter zu hassen und ihn zu verurteilen, es geht nicht darum Verständnis zu haben, warum er so gehandelt hat, es geht nicht darum, dass wir entschuldigen, was uns widerfahren ist – es geht darum, uns um uns selbst zu kümmern und den Schaden, den wir erlitten haben, zu verarbeiten. Missbrauch und Gewalt sind und bleiben Unrecht, auch wenn sie aus traumatischen Erfahrungen des Täters heraus entstanden sind.
Es geht um Differenzierung und um Einordnung. Es geht niemals um Selbstabwertung.
Es geht nicht um Selbstverurteilung, sondern darum Mitgefühl mit uns selbst zu finden.
Statt das „liebende Kind“ zu korrigieren, geht es darum, ihm Schutz und Würde zurückzugeben. Der Fokus liegt nicht auf der Auslöschung der Liebe, sondern auf der Integration der widersprüchlichen Affekte. Beides kann gelten. Für Anna kann das heißen: „Ich durfte ihn lieben. Und trotzdem war das, was er getan hat, falsch.“
Diese Differenzierung markiert einen entscheidenden Integrationsschritt. Die Spaltung zwischen Idealisierung und Selbstanklage kann sich langsam auflösen. Die Ambivalenz verschwindet nicht vollständig, aber sie wird haltbar. Letztlich braucht die Verarbeitung Zeit, Geduld und Selbstmitgefühl. Annas Ambivalenz ist Ausdruck ihrer damaligen kindlichen Not. Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, das ist unmöglich, Heilung bedeutet: die innere Zerrissenheit zu ordnen, zu integrieren und uns selbst von unberechtigter Schuld und Scham zu entlasten.
.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen