Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut.
Dieser Satz klingt erst einmal simpel. Und doch trägt er eine tiefe psychologische Wahrheit in sich.
Unser Körper und unsere Psyche verfügen über ein feines Alarmsystem. Noch bevor der Kopf Argumente sammelt, meldet sich der Körper. Enge in der Brust, ein seltsames Ziehen im Bauch, eine innere Unruhe, eine spürbare Verspannung, eine bleierne Müdigkeit nach bestimmten Begegnungen. Der Körper spürt, was der Verstand verdrängt: Das fühlt sich nicht gut an. Das Nervensystem signalisiert: Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut.
Unsere Gefühle sind keine Störungen, sondern wertvolle Informationsquellen.
Der Kopf will es nicht wahrhaben, vielleicht weil wir etwas haben wollen, was wir schon lange nicht hatten oder weil ein Bedürfnis stärker ist als das leise Gefühl, das uns warnt. Wir reden uns ein, dass wir übertreiben. Dass wir zu empfindlich sind, zu skeptisch oder zu viele unheilsame Erfahrungen gemacht haben, ob derer wir uns selbst und anderen nicht mehr vertrauen können. Doch unser Nervensystem lässt sich nicht täuschen, unser Denkapparat schon. Und anstatt innezuhalten, beginnen wir diese leisen Warnsignale zu relativieren oder wir versuchen sie zu rationalisieren und wegzuerklären.
Viele von uns haben nie gelernt unseren Gefühlen zu vertrauen.
Vielleicht, weil man uns sagte, du bist zu sensibel. Vielleicht, weil Anpassung und Selbstverleugnung früher Sicherheit bedeutet haben. Doch emotionale Selbstverleugnung hat ihren Preis. Wer seine Gefühle ignoriert oder seiner Intuition misstraut, wer immer wieder Dinge tut, obwohl es sich falsch anfühlt, wer in Beziehungen bleibt, die sich nicht gut anfühlen, verliert die Verbindung zu sich selbst. Doch tiefe Verbindung zu uns selbst beginnt genau hier: in der Fähigkeit, unsere innere Stimme zu hören und sie ernst zu nehmen.
Viele von uns ignorieren ihr Bauchgefühl. Nicht, weil es ihnen egal ist, sondern weil es leichter erscheint, es zu übergehen, als sich den Konsequenzen zu stellen, würde man ihm denn folgen.
Oft liegt der Ursprung dafür in unseren frühen Erfahrungen. Wenn ein Kind gelernt hat, dass Gefühle übertrieben, falsch oder störend sind, wenn seine Gefühle klein geredet oder nicht ernst genommen wurden, wenn es sie unterdrücken musste, entwickelt es ein tiefes Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Wer immer wieder gehört hat „Das bildest du dir ein“, wird verunsichert. Und dann kommt es, dieses: "Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht bin ich zu empfindlich."
Das Ignorieren der eigenen Empfindungen wird mit der Zeit zu einer Überlebensstrategie.
Manche von uns ignorieren ihr Bauchgefühl aus Angst vor den Konsequenzen. Das Bauchgefühl ernst zu nehmen bedeutet: Ich muss etwas verändern oder etwas sein lassen, was ich eigentlich gern hätte. Vielleicht müssten wir eine klare Grenze setzen, eine Beziehung hinterfragen, eine Freundschaft neu betrachten, oder eine Trennung Betracht ziehen. Verzicht und Veränderung aber aktivieren Verlustangst.
Unser Denkapparat liebt alles Vertraute, selbst wenn es uns nicht guttut. Vertrautes fühlt sich sicherer an als das Ungewisse.
Besonders stark wirkt dieser Mechanismus in Beziehungen. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir suchen Verbundenheit und Zugehörigkeit, denn das bedeutet für uns Sicherheit. Wenn das eigene Empfinden in Konflikt mit dem Wunsch nach Nähe gerät, entscheidet sich ein Teil von uns oft für die Beziehung, auch wenn sie uns nicht gut tut, und damit entscheiden wir gegen uns selbst.
Lieber anpassen als verlassen werden. Lieber gemeinsam statt einsam.
Der Kopf hilft dabei, das Unbehagen zu überreden. Er findet Argumente dafür: "So schlimm ist es nicht. Ich muss nur geduldiger sein. Er, sie wird sich schon ändern." Diese Rationalisierungen verschaffen kurzfristig Erleichterung, doch sie lösen die innere Spannung nicht auf. Das Gefühl bleibt, auch wenn wir es zum Schweigen bringen.
Manche von uns haben zudem gelernt, Gefühle abzuspalten, weil es früher überlebenswichtig war. In belastenden oder traumatischen Situationen schützt sich die Psyche durch das Abschalten der eigenen Wahrnehmung. Doch was einst ein Schutzmechanismus war, wird später zum Problem: Wer seine Gefühle abspaltet, obwohl es sich nicht stimmig anfühlt, verliert den Zugang zu den Signalen des eigenen Inneren. Die leise Warnung wird ignoriert in der Hoffnung, dass sie irgendwann verschwindet. Aber Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie nicht haben wollen. Sie verändern lediglich ihre Ausdrucksform. Sie zeigen sich als körperliche Empfindungen, Reaktionen und Symptome. Was wir nicht fühlen wollen, sucht sich einen anderen Weg. "Wer nicht hören will, muss fühlen", sagte meine Oma - im Zweifel, dass es dann richtig weh tut.
Unser Bauchgefühl ist leise und gerade das macht es so einfach es zu übergehen.
Es brüllt nicht, es schlägt nicht laut Alarm, es lädt uns sanft ein hinzuspüren. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, warum wir es ignorieren, sondern was wir fürchten, wenn wir ihm vertrauen würden, wenn es sagt: Das fühlt sich nicht gut an.
„Was sich nicht gut anfühlt, ist nicht gut“.
Diese Worte sind nicht simpel, sie sind sogar sehr kraftvoll, weil sie uns hinführen zu etwas Elementarem: Vertrauen in das eigene Empfinden. Ihm zu vertrauen ist ein Zeichen von Gewahrsein, Klarheit und Selbstvertrauen.
Angelika Wende

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