Donnerstag, 17. Mai 2018

Wenn du vor einem schwarzen Loch sitzt




Eine problematische Eigenart des Menschen ist es, wenn er sich in einer Krisensituation befindet, dass er außer der Krise nichts mehr anderes im Focus hat. Er befindet sich nicht in der Krise – er ist die Krise. Er steckt so sehr in der Krise, dass er sich vollkommen mit ihr identifiziert und eine Art Tunnelblick entwickelt, der geradewegs in das schwarze Loch fällt, das wir alle kennen und fürchten.

Da ist diese schwarze Tiefe, die uns zu verschlucken droht, die uns Angst einjagt, der wir nicht zu entkommen glauben. Es ist das Gewahrsein des Bodenlosen, das uns um den klaren Verstand bringt. Wir sind gelähmt, bewegungsunfähig und finden keine konstruktiven Lösungen mehr.

Anstatt uns die Zeit zu nehmen um uns bewusst und ruhig mit dieser Tiefe zu befassen, beginnen wir zu graben. Wir suchen nach Gründen, die uns hierher gebracht haben, wir fühlen uns schuldig, wertlos, als Versager, wir klagen uns selbst an, wir jammern uns selbst und anderen die Ohren voll. Ununterbrochen ziehen destruktive Gedanken durch unseren Geist. Wir fühlen uns schrecklich. Eine andere Variante ist die Betäubung, um die unguten Gefühle nicht spüren zu müssen , die uns so zu schaffen machen. Viele Menschen konsumieren dann Substanzen wie Psychopharmaka, Schlaftabletten und/oder Alkohol. Aber auch das hilft keinen Deut weiter, denn jede Betäubung hat auch mal ein Ende. Am nächsten Tag ist alles beim Alten und das schwarze Loch ist immer noch da. Wir verlieren immer mehr Kraft und werden immer hilfloser.

Mit oder ohne Betäubungsversuche - das Affengeschnatter im Kopf, wie es die Buddhisten so treffend nennen, kennt keinen Anfang und hat kein Ende. Wir sitzen vor dem Loch und sind völlig aufgelöst. Anstatt inne zu halten und unsere Gedanken und Gefühle zu überprüfen bewegen wir uns immer weiter nach unten indem wir graben und grübeln bis das Loch uns verschluckt.
Bewegen wir uns mit diesem Denken in eine Richtung, die aus dem Loch herausführt?
Nein, sagt der gesunde Menschenverstand, der das aber nicht mehr erkennt, weil er vom Affengeschnatter komplett verwirrt ist.

Was ist hilfreich?
Es hilft den Zustand erst einmal einfach zur Kenntnis zu nehmen.
Ohne zu bewerten ist da ein Loch, das sich vor mir auftut. Nichts weiter. Ein Loch ist ein Loch. Wenn ich nichts Bedrohliches hineindenke ist es nur ein Loch. Und Punkt.
Gut ich sitze also vor dem Loch.
Im Moment ist das so.
Ich habe im Moment noch keine Idee. Ich habe keine Möglichkeiten, die mich von diesem Loch wegholen. Ich habe im Moment noch keine Mittel und keine Werkzeuge um mein unheilsames Denken zu beenden. 
Ich stecke fest. Aha. Es ist okay.
Das bedeutet, dass ich im Moment noch nicht sofort aus meiner Position heraus muss. 
Vielleicht ist dieses Loch genau das, was ich im Moment brauche. Vielleicht ist das Leiden, das ich durch dieses Loch erfahre genau das, was ich schon lange mit mir herumtrage und es unterdrücke. Jetzt wo ich es spüren kann, hilft es mir meine Wahrheit zu erkennen und mein Leben in eine andere gesündere Richtung zu bringen. Vielleicht liegt in meiner Bewegungsunfähigkeit die Chance endlich zur Ruhe zu kommen und das zu erkennen und zu lassen, was mir nicht mehr gut tut. Vielleicht liegt am Boden des Loches gar nicht das, was ich hineinfantasiere. Vielleicht sollte ich offener werden für das Unbekannte, das Unkontrollierbare im Leben und das Klammern aufgeben. Vielleicht sind große Bewegungen im Moment gar nicht nötig, weil mir dazu die Kraft fehlt und ich mich nur weiter antreiben würde, hin zu etwas was mir nicht (mehr) entspricht. 
Vielleicht liegt am Boden des Loches die alles entscheidende Frage: Wie aufrichtig will ich mit mir selbst sein?

Auf diese Weise hören wir auf kopf- und sinnlos zu graben. Wir lenken wir unsere Gedanken in einen offenen Raum – denn genau der liegt in diesem Loch – ein offener Raum, den wir dann sehen, wenn wir die Angst vor dem Loch loslassen können und es als das erkennen was es auch ist – eine Chance in der Krise.





Kommentare:

  1. Liebe Angelika, ich glaube, dass ein solcher Text entstehen kann, nur so entstehen kann, wenn Mensch halt gerade nicht in einer Krise steckt... Steckt Mensch drin, stecke ich drin, kann ich es nicht als Chance sehen. Dann kommen die schwarzen wände des schwarzen lochs unaufhaltsam auf mich zu und werden mich, früher oder später, zerquetschen.... Dann habe ich nicht die Kraft, mir den Boden des lochs anzusehen, dann will ich, dass es aufhört, endlich aufhört! Ich will dann einfach weg, weglaufen, nicht ausharren, nicht ausgeliefert sein...
    Wenn es mir einigermaßen gut geht, versuche ich es so zu sehen und zu verstehen, wie Du es schreibst...

    Danke für Dich und Deinen Blog!
    Namaste

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  2. Liebe Anopnym,

    ich weiß, dass ein solcher Text auch und gerade dann entstehen kann, wenn ein Mensch in der Krise ist, denn ich bin es gerade. Aber ich habe gelernt auch in der Krise wach zu bleiben. Was mir dabei hilft ist Meditation.

    Liebe Grüße
    Angelika

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