Samstag, 3. Juni 2017

Wenn ich dich nehme, dann nehme ich dich so wie du bist.




Manchmal sind wir so hungrig nach Zuwendung, dass wir sie nehmen, egal woher wir sie kriegen können. Wir sehnen uns danach gesehen zu werden. Am Meisten sehnen wir uns danach, als der Mensch gesehen und angenommen zu werden, der wir sind. Das ist ein zutiefst menschlicher Wunsch. Wir möchten, dass man uns mag wie wir sind und wir möchten als der einzigartige Mensch geachtet und wertgeschätzt werden, der wir sind.

Wir alle sind einzigartig. Keiner ist wie der andere, jeder hat seine eigene Persönlickkeit, jeder ist ein kleines Wunder Mensch. Und jeder von uns hat seine ureigene Geschichte. Viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst, wenn sie einander begegnen und sich kennen lernen. In dieser einzigartigen Geschichte ist ein Wesen verborgen, dass so viele Schalen hat wie eine Zwiebel. Wenn ein Mensch uns wirklich zugeneigt ist, wird er sich die Mühe machen, all diese Schalen behutsam aufzublättern um uns als Ganzes verstehen zu lernen. Er wird beobachten, fragen, zuhören, sich langsam vortasten und sich kein Bild von uns machen, bis er nur annähernd einen vagen Eindruck hat von all dem, was uns ausmacht. Er wird uns nicht vergleichen mit Menschen, die er vor uns kannte oder die er im Jetzt kennt. Er wird sich nicht fragen, wie wir werden könnten und was aus uns werden könnte oder was nicht. Er wird unsere Einzigartigkeit achten und ein liebevolles Interesse daran verspüren, sie in ihrer ganzen Tiefe kennenzulernen. So beginnen Liebesgeschichten. So bleibt Liebe. So kann Liebe wachsen.

Im richtigen Leben ist das, was ich da beschreibe vielen von uns nicht vergönnt. Oder es ist uns einmal vergönnt und wenn das so war oder ist ist das das Kostbarste was uns widerfahren kann. Viele von uns erleben wieder und wieder Begegnungen, die ganz anders sind. Begegnungen, die über die Faszination einen Strohfeuers nicht hinausgehen und uns traurig zurücklassen. Es ist selten, dass wir einem begegnen, der uns sieht ohne seine Gedanken und Vorstellungen über uns zu konstruieren, einer, der uns nicht in eine Schublade steckt  und uns nicht aufteilt in schwarz und weiß, in "das mag ich an dir und das nicht". Das nicht zu tun ist auch nicht möglich, das wäre wirklich zu viel verlangt.

Wir alle belegen den anderen mit dem Eigenen, mit Erfahrungen und Erinnerungen, mit Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen oder was auch immer. Vor allem belegen wir einander mit Projektionen und Übertragungen. Und ja, auch ich bin nicht frei davon. Aber, so hart es klingt: damit ist der Käse schon gegessen. Futsch die Illusion, so gesehen, so genommen zu werden, wie wir nun einmal sind. Und dann bleibt uns nur der Rückzug zu uns selbst. Wir gehen zurück in unsere Einzigartigkeit, die so nicht genommen werden konnte vom anderen.

"Wenn ich dich nehme, dann nehme ich dich so wie du bist", sagte einmal einer zu mir.
Das klang ziemlich arrogant in meinen Ohren. Will ich denn den anderen entscheiden lassen, ob er mich nimmt? Wer bin ich denn, abhängig von diesem "wenn, dann"? Nimmt der mich erst wenn er für sich entschieden hat, ob er mich nimmt, weil ich bin wie ich bin und er in der Lage ist mich so zu nehmen? Diese Aussage machte mich ziemlich wütend. Ich habe tagelang über diesen Satz nachgedacht und schließlich kam ich zu dem Schluss.
Da ist etwas sehr Wahres dran. Ich kann den anderen nur nehmen, wenn ich ihn nehmen kann wie er ist. Alles andere wäre genau das, was wir nicht wollen, nämlich als der genommen zu werden, der wir nicht sind. Ich will das nicht.




Kommentare:

  1. " Es ist selten, dass wir einem begegnen, der uns sieht ohne seine Gedanken und Vorstellungen über uns zu konstruieren"

    Schön, aber wie soll das eigentlich gehen? Es geht eigentlich nicht! IMMER hat man Vorstellungen und Konstrukte, um den anderen "verstehen" zu können. Wenn man ehrlich ist, versteht man den anderen immer unvollständig.
    Aber: Es ist schön, wenn man EINRÄUMT, daß der andere ein Mysterium ist.

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  2. Genau so erlebe ich es immer wieder einmal. Ein kurzes Strohfeuer, dass aufflammt und damit ist es wieder getan. Ein kurzes Interesse und dass war es dann schon auch.
    Selten treffe ich jemanden, der sich wirklich für den anderen Menschen interessiert. Schon alleine der Satz: "Wie geht es dir", ist eine Überforderung.
    Danke für deinen Text.

    Herzliche Grüße
    Barbara

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