Sonntag, 11. September 2016

Ein unachtsamer Satz wie: „Ich verstehe Sie nicht“, ist ein Therapiekiller.


 
Viele Menschen, die in Krisen zu einem Berater oder einem Therapeuten kommen,  haben in ihrer Kindheit psychische Traumatisierungen, also schwere seelische Verletzungen erfahren, die sie bislang nicht aufarbeiten konnten, egal wie alt sie zu diesem Moment in der Zeit sind.

Menschen mit Traumatisierungen aus der Kindheit und Jugend können schwerer mit einer Krise umgehen, denn oft sind es gerade die alten Traumata, die als Ursache oder Mitursache fungieren, wenn sie in einer scheinbar unlösbaren Lebenskrise stecken. 

Diese Menschen erleben Krisen auch als Erwachsene meist ähnlich wie Kinder. Es treten Ängste auf, die denjenigen gleichen, die in den belastenden Kindheitserfahrungen entstanden sind und sich im weiteren Leben, wurden sie nicht aufgearbeitet, verfestigt haben. Mit anderen Worten: Die Krise kann einen traumatisierten Menschen retraumatisieren. Sie wirkt wie ein Trigger, der ihn emotional nach Hinten wirft. Diese sogenannten Trigger (Auslöser) bewirken dann unter Umständen heftige Überreaktionen, die von Außenstehenden kaum nachvollziehbar sind.
Menschen mit einem Entwicklungstrauma, das immer auch eine Bindungsstörung zur Folge hat, entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Fülle von symptomatischen  Verhaltensweisen, um ihre seelischen Defizite auszugleichen und zu kompensieren. Dissoziative Symptome, die Aufspaltung in verschiedene Teilpersönlichkeiten Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch, Zwänge, Essstörungen, Selbstverletzung, Selbsthass, unangemessen erscheinende Wutausbrüche, Ängste bis hin zu Panikattacken, Depression oder Suizidgedanken sind meist auf seelische Traumatisierungen in der Vergangenheit zurückzuführen.

Bei einem akutem Trauma, dazu gehören z.B. der Tod eines Angehörigen, Trennungen, Missbrauch, Verlust der Arbeit, Unfälle und Katastrophen, was meist die Schwerpunkte bei Krisenintervention sind, können sich diese Symptome massiv verstärken oder wenn sie lange Zeit nicht auftraten, wieder neu auftreten. 

Dieser möglichen Hintergründe müssen sich alle Berater und Therapeuten bewusst sein. Es ist also immer möglich, wenn uns ein Mensch in der Krise begegnet, dass da in dem Erwachsenen der vor uns sitzt, ein verängstigtes, misstrauisches, verlassenes, nach Hilfe schreiendes Kind sitzt, dem Schlimmes widerfahren ist und das sich der aktuellen Situation vollkommen hilflos ausgeliefert fühlt. Ein Kind, dem mit erwachsenen Mitteln und Denkmustern nicht zu helfen ist, weil es gerade keinerlei vernünftigen Überblick über die Situation und seine Gefühle hat. Aus diesem Grund ist es in Krisensituationen nicht hilfreich rational und sachlich, sprich von Erwachsenem zu Erwachsenem, das emotionale Desaster der Betroffenen eindämmen zu wollen. Vielmehr gilt es anzuerkennen: Dieser Mensch fühlt sich tatsächlich völlig hilflos und ohnmächtig, auch wenn er auf den ersten Blick klug, intelligent und rhetorisch gewandt formulieren kann was ihn belastet und ziemlich erwachsen rüberkommt. 

Gerade traumatisierte Menschen sind Meister der Verstellung. Sie haben sich oft eine Rüstung zulegen müssen, um sich vor neuen Verletzungen zu schützen.
Hinter diese Rüstung zu blicken, das verletzte Kind durch die Rüstung zu spüren, es zu erkennen und es in seiner existentiellen Not ernst zu nehmen, ist die Voraussetzung um eine tragfähige Beziehung  in jeder Art von Krisenintervention aufzubauen. Traumatisierte Menschen, die in einer Krise stecken, brauchen Achtsamkeit, Achtung, Annahme und Verlässlichkeit. Sie brauchen Verstehen und sie brauchen die Sicherheit, die sie als Kind von ihren Bezugspersonen nicht bekommen haben. 

Vor allem aber erfordert eine erfolgreiche Krisenintervention in diesen Fällen, neben bestimmten allgemeingültigen psychologischen Prinzipien eine Form des Nachempfindens. Alice Miller nannte das Compassion: Mitgefühl als die Frucht einer lebendigen Beziehung.
Ist dieses Mitgefühl seitens des Helfers nicht vorhanden, ist die Intervention nutzlos. Bleibt der Berater, bzw. der Therapeut, distanziert und auf dem Level eines „über den Dingen stehenden Erwachsenen“, wiederholt er genau das, was einst die Eltern des traumatisierten Kindes getan haben: Er lässt es allein. 

Es ist daher elementar wichtig dem Betroffenen zu glauben, das heißt, von seiner Sicht der Dinge auszugehen, auch wenn sie für uns als Helfer rational nicht nachzuvollziehen ist. Es ist elementar wichtig das momentane Verhalten, die Überreaktionen und die von außen betrachtet unangemessen scheinenden dramatischen Empfindungen als Notsignal zu verstehen. Jeder Versuch den Betroffenen mit moralischen oder vernunftorientierten Argumenten zu ermahnen oder ihm seine Gedanken und Gefühle ausreden zu wollen ist kontraproduktiv und im Zweifel zutiefst schädlich.

Jeder Berater und jeder Therapeut muss sich bemühen, die Bedeutung und die subjektive Notwendigkeit der Notsignale nachzuvollziehen oder nachzuempfinden. Im besten Falle aber hat er "Compassion". Wer mit Menschen arbeitet und kein Mitgefühl in sich trägt kann zwar sein Lehrbuch gut kennen, das Menschliche aber, in all seinen Tiefen, Irrungen und Verwirrungen, ist und bleibt ihm fremd.

Ein unachtsamer Satz wie: „Ich verstehe Sie nicht“, ist ein Therapiekiller.
Diese Worte vernichten nicht nur das Vertrauen, das dem Helfer geschenkt werden soll oder geschenkt wurde, sie katapultieren den Betroffenen mitsamt seinem Leid dahin zurück wo sein Leid begonnen hat: In das verletzende Elternhaus. Er bleibt wieder unverstanden und fühlt sich von aller Welt verlassen. Seine Sicht und sein Empfinden von Welt werden bestätigt und weiter verfestigt.  

Menschen in der Krise leiden. Sie sind auf der Suche nach Zuwendung, Verständnis, Sicherheit und Schutz.  
Beratung und Therapie sind eine Möglichkeit, etwas davon zumindest für die Zeit der gemeinsam verbrachten Stunden zu empfinden. Und sie sind eine Möglichkeit die Erfahrung einer tragfähigen Beziehung zu machen, deren Basis Wahrhaftigkeit, Verständnis und Vertrauen ist, etwas was diese Menschen vielleicht nie zuvor erleben durften. Das ist heilsam.Ud wenn es zutiefst heilsam wirkt, ist es sogar eine Möglichkeit dieser Erfahrung zu verinnerlichen und in das weitere Leben mitzunehmen. 

Erst wenn diese Beziehung gegeben ist, können der Helfer und der Betroffene, gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, um den Weg aus der Krise finden und ihn bis zum Ende gehen.

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Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle.

Franz Kafka









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