Mittwoch, 31. Dezember 2025

Zeit, Danke zu sagen

 



Ein Jahr geht heute zu Ende.
Dreihundertfünfundsechzig Tage gelebtes Leben.
Dreihundertfünfundsechzig Tage Leben in dem für viele von uns alles drin war: Höhen und Tiefen, Schönes und Unschönes, Gutes und Ungutes, Gewinne und Verluste, alle möglichen Herausforderungen, für manchen von uns auch tiefe Krisen und schwere Verluste.
Wir sind noch da, wir haben auch dieses Jahr gemeistert.
Vielleicht sind wir angeschlagen, aber wir sind gewachsen an dem, was wir erfahren haben oder wir wachsen noch daran.
Manche von uns mussten alles alleine bewältigen, manche von uns haben Menschen, die uns treu zur Seite stehen. Das ist ein Geschenk und ganz und gar nicht selbstverständlich in Zeiten, wo Trennung und Spaltung herrschen und viele Menschen mehr und mehr vereinsamen. Die Einsamkeit ist ein Problem, das es zu lösen gilt, kollektiv und individuell. Ich habe Hoffnung, dass es uns gelingt, Hoffnung, dass Menschen wieder den Wert von realen Beziehungen schätzen lernen und begreifen, dass wir alle miteinander verbunden sind und ich wünsche mir, dass diese Verbundenheit ein gelebter Wert wird. Ich habe Hoffnung, dass wir in diesen Zeiten der Transformation einen kollektive Bewusstseinswandel machen - aufeinander zu, statt noch weiter voneinander weg. Je mehr Menschen das begreifen, desto besser – für das Ganze. Alles ist eins, jedes kleine Teilchen ist Teil des Ganzen und beeinflusst das Ganze.
Möge es so sein. Mögen wir erwachen. 
 
Möge Frieden und liebende Güte sein unter den Menschen.
Wishful Thinking könnte manch einer jetzt sagen, aber Wünsche sind frei und gute Gedanken sind frei und wie wir denken so fühlen und handeln wir. Und das schafft unsere Realität, die so, wie sie jetzt ist, eine unheilsame ist. 
 
Wir Menschen brauchen einander. Beziehungen schaffen Sinn.
„Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes“, schreibt John Donne. Ja, niemand ist eine Insel, auch wenn das Alleinsein und das Alleinleben, mehr und mehr zum Hype auf Social Media wird. Aus der Not geboren, wage ich zu behaupten. Aus der Not heraus, dass es immer schwieriger wird einander zu vertrauen, aufeinander zuzugehen und gesunde Beziehungen zu gestalten und leben. Und aus einem Egoismus heraus, der alles andere als gesund ist.
 
Wie steht es um meine Beziehungen habe ich mich gefragt. Wer sind die wichtigsten Menschen, die mich durch dieses Jahr begleitet haben?
Es sind:
Mein wunderbarer Sohn mit seiner bedingungslosen Liebe und mit seiner berührenden Musik, die mich mit ihm verbindet, wenn er mir fehlt.
Meine Schwiegertochter mit Ihrer Wärme, ihrer liebevollen Güte, ihrer Lebensfreude und ihrer Liebe zur Malerei, die wir teilen.
Meine beste Freundin, die mir, trotz langer schwerer Krankheit zeigt, was es bedeutet, nicht aufzugeben und zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist.
Mein guter Freund, der mich, egal wo er gerade in der Welt ist, jeden Morgen mit einer E-Mail in den Tag begleitet.
Meine KlientInnen, die mir ihr Vertrauen schenken und die Motivation weiterzumachen, mit dem, was ich mache.
Mein Supervisor, der mich ein Mal pro Woche bei der Selbstreflexion unterstützt und mir hilft mich emotional zu entlasten.
Mein Lomi Lomi Therapeut, der mir den Vagus Nerv beruhigt, wenn ich mal out of order bin.
Die Menschen, die mir auf Facebook folgen und hier auf meinem Blog, ob der Wertschätzung meiner Texte und weil Ihr mir zeigt, dass es keine Videos und kein You Tube braucht, sondern, dass auch das geschriebene Wort wirkt.
Die Menschen, die meine Bücher, kaufen und wertschätzen.
Mein Lektor Matthias Thiele, der mir Mut gemacht hat, ein weiteres Buch zu schreiben. Es ist in Arbeit.
Der kleine Dackel Werner mit seinem lieben, sanften Wesen, der wenn ich meine Family besuche, nicht von meiner Seite weicht.
Und last but not least, Menschen, Lebende und Verstorbene, die ich nicht persönlich kenne, und denen ich folge, weil sie etwas Wertvolles über sich selbst in die Welt hinaustragen, bzw. hinausgetragen haben.
Es sind:
ZEN Meister Hinnerk Polenski mit seiner beruhigenden Stimme, seiner Weisheit, seiner Menschenliebe und seinen wunderbaren Meditationen.
Yrvin D. Yalom mit seinem klugen Werk „Existenzielle Psychotherapie“, das mir hilft mich mit dem Prozess des Alterns und dem Tod auf eine besondere Weise zu befassen.
C.G Jung mit seinem faszinierenden Roten Buch und seinen anderen Schriften, von denen ich so viel lernen durfte.
Louise Bourgeois mit ihrer großartigen Kunst und ihrem Mut, ihrer Power, ihrem Trotz, ihrem Durchhaltevermögen und ihrem klugen, faszinierenderen Wesen.
Allways and forever Frida Kahlo, in Erinnerung an ihre wahnsinnige Kraft, ihren Lebenswillen und ihre Liebe zum Leben, trotzdem sie krass gelitten hat.
Und alle Menschen hier auf dieser Seite, die meine Arbeit wertschätzen und mir wohlgesonnen sind.
Ich danke all meinen Begleitern von Herzen.
Viva La Vida!
 
Möget Ihr gut ins neue Jahr kommen. 
 
Namasté
Angelika Wende

Dienstag, 30. Dezember 2025

Wishful Thinking



Gestern fragte mich ein Freund, was meine Vorsätze für das neue Jahr sind. Ich antwortete: Ich habe keine Vorsätze. Wenn ich etwas in meinem Leben ändern will, mache ich es dann, wenn ich merke, dass es einer Änderung bedarf und nicht, weil auf dem Kalender ein Datum erscheint. 
Alle Jahre wieder Ende Dezember beginnt das große Vorsätze-Fassen. 
Menschen nehmen sich vor im kommenden Jahr gesünder zu leben, besser auf sich zu achten, meditieren zu lernen, mehr zu reisen, glücklicher zu werden oder endlich das Rauchen aufzugeben. Die meisten scheitern an diesen Vorsätzen schon in den ersten Wochen des neuen Jahres. Es bleibt beim Wishful thinking. Man fängt auch mit einem neuen Jahr kein neues Leben an.
 
Einer der Hauptgründe, warum Neujahrsvorsätze ins Leere laufen, ist die Unklarheit der Ziele. „Ich möchte gesünder leben“ z.B. ist ein vager Vorsatz, der kaum messbar ist. Stattdessen macht es Sinn klare, spezifische und erreichbare Ziele setzen, wie: „Ich werde dreimal pro Woche Sport treiben“.
Wenn ein Ziel nicht konkret ist, fehlt es an der nötigen Motivation und dem klaren Handlungsplan, um es in die Tat umzusetzen.
 
Menschen neigen dazu, sich selbst durch unrealistische Erwartungen an sich selbst zu überfordern.
Sie setzen sich für das neue Jahr hohe Ziele, die oft nicht im Einklang mit ihrem Wesen, ihren Neigungen, ihren wahren Bedrfnissen oder ihren aktuellen Lebensumständen stehen. Jemand der bisher keinen Sport treibt oder nicht gern Sport treibt, wird nicht plötzlich drei Mal pro Woche joggen gehen, nur weil ein neues Jahr beginnt. Wenn jemand, der gerne Fleisch isst, von heute auf morgen vegetarisch leben möchte, weil es gesünder ist, handelt gegen sich selbst und seine Vorlieben. Das führt zu einem sofortigen Rückschlag, wenn die Umstellung auf eine neue Ernährungsweise nicht direkt klappt. Rückschläge können schnell demotivieren und dazu führen, dass man die guten Vorsätze ganz schnell wieder aufgibt.
 
Warum hat es denn letztes Mal schon nicht geklappt? Wollte man zu viel? Zu schnell?
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und Veränderung ist ein Prozess und kein Quick Fix, der sich einstellt nur weil Neujahr ist. Vor allem: Veränderung geschieht nicht von Außen, schon gar nicht aufgrund eines Datums – sie geschieht von Innen. 
 
Die meisten Neujahrsvorsätze werden oft einmalig formuliert und dann nicht weiter verfolgt.  
Ohne Bereitschaft, Disziplin und Kontinuität geht nichts. Und ohne regelmäßige Überprüfung und Anpassung unserer Ziele verlieren wir schnell wieder den Faden und die Motivation. Vorsätze erzielen keine Wirkung, wenn sie unkonkret, unrealistisch und nicht konseqent aus einer inneren Überzeugung heraus verfolgt werden. Um erfolgreich etwas zu verändern, ist es wichtig sich klare, realistische Ziele zu setzen, die regelmäßig überprüft und angepasst werden. Es empfiehlt sich zudem die eigenen Wünsche und Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen und sich nicht von externen Erwartungen oder überhöhten Erwartungen an sich selbst leiten zu lassen. 
Was meines Erachtens mehr Sinn macht, als gute Vorsätze zu formulieren, ist - sich mit der Frage zu beschäftigen, warum man ein Datum braucht um in seinem Leben etwas zu ändern.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Was geht ...

 

 


 

 

Wenn du alle Masken ablegst, geschieht Folgendes:

Was geht, schafft Raum für das Wahre. 
Was bleibt, erfordert kein Verstecken mehr.

Freitag, 19. Dezember 2025

Aus der Praxis: Da wo die Angst ist, da musst Du hin!

 


 

"Ein Leben ohne Angst ist letztlich kein erfülltes Leben. Der Weg ins Unverwundbare führt mitten durch die Angst hindurch, nicht an ihr vorbei“, schreibt die Autorin und Sterbebegleiterin Lisa Freund. Ein Leben mit zu viel Angst ist letztlich kein erfülltes Leben, möchte ich hinzufügen.

 

Ganz gleich ob Angst sich auf materielle oder existenzielle Dinge bezieht, alle Ängste entstehen auf der emotionalen Ebene und sie entsprechen nicht notwendig der materiellen Realität. Die Angst färbt sie um, die Angst wandelt sie in etwas, was sie nicht ist. Die Angst wirkt von innen nach außen und bewirkt ein Außen, was mehr Angst macht, als es uns in Wahrheit machen müsste. Am stärksten wirkt die Angst die unseren Unbewussten entspringt, die Angst für die wir keinen Namen haben, der wir kein Gesicht geben, weil wir uns davor fürchten ihr eins zu geben, auf dass es uns bloß nicht ins Gesicht springt.

Aber genau das ist es, was wir tun müssen - wir müssen die Angst erforschen, ihr ein Gesicht geben, sie benennen, sie fühlen. „Der Weg ins Unverwundbare führt mitten durch die Angst hindurch, nicht an ihr vorbei.“ Mitten hinein, mitten durch, ist die Vorrausetzung um unsere Angst in ihrem Wesen zu erkennen, um zu wissen womit wir es zu tun haben. Wir müssen erkennen wo der Urgrund der Angst liegt, die Quelle finden, um ihre Macht zu bezwingen.

 

Da wo die Angst ist, da musst Du hin!

Solange wir nicht auf die Angst zugehen, entwickeln wir Abwehrmechanismen, die auf Verleugnung gründen, die zu klinischen Syndromen führen. Der Versuch der Angst zu entkommen indem wir sie verdrängen, liegt im Kern des Neurotizismus. Abwehr und Verdrängung ist ein zweischneidiges Schwert, zum einen entlasten uns Abwehr und Verdrängung indem sie uns Sicherheit vorgaukeln, zum anderen erzeugen sie Lebenseinschränkungen und Lebensverneinung, indem alles vermieden wird, was Angst macht. 

 

Alles was wir verdrängen kostest Lebensenergie, darum ist es so wichtig es ins Bewusstsein zu bringen.

Angst will uns etwas sagen. Immer will sie das. Sie schiebt uns in unser Innerstes, an den Kern unserer Urangst. Angst will, dass wir unsere innere Stimme hören. Sie macht uns klein und dünnhäutig und durchlässig für das,was wir vielleicht ein Leben lang verdrängen. Sie tut das, damit wir die Abwehr endlich lockern und die Maske ablegen, die wir uns selbst und anderen vorhalten, weil wir uns schuldig fühlen und schämen, weil wir glauben wir dürfen so nicht sein - so klein, so verwundbar, so ein jammerndes Häufchen Elend, so ohnmächtig, so voller Angst. Diese Gefühle gilt es zu fühlen und auszuhalten in der Dunkelheit der Angst, solange bis wir Licht hineingebracht haben, das Licht, das uns die Zuversicht gibt weiterzugehen und uns die Kraft schenkt die Angstwand aus Stahl in einen Vorhang zu verwandeln, den wir dann sanft und mutig zur Seite schieben, um zu erkennen, was unsere Angst uns sagen will. Wir müssen die Angst zunächst zulassen und erfahren, bevor wir sie transzendieren können.

 

 

 

 

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Dinge nicht zu persönlich nehmen

 



 
Ein Schüler kam zum Meister.
Meister, wie kann ich lernen nicht alles so persönlich zu nehmen?
Der Meister lächelte und sagte: Um aufzuhören alles zu persönlich zu nehmen musst du wissen, was du dir gehört und was nicht. Du musst wissen, wo du aufhörst und wo der andere anfängt. Dinge zu persönlich zu nehmen entspringt der ängstlichen Überzeugung, dass du kontrollieren musst, was andere denken und fühlen. Aber du kannst andere nicht kontrollieren, nicht was sie denken und nicht was sie fühlen.
Du hast keine Macht über andere Menschen, noch liegt es in deiner Verantwortung zu entscheiden, was sie über dich denken und fühlen sollen. In dem Moment wo du aufhörst andere zu kontrollieren und aufhörst zu erwarten von jedem verstanden zu werden, erlangst du deine innere Freiheit zurück. Und du lässt den anderen ihre innere Freiheit. 
 
Aber wie reagiere ich dann, wenn ich nicht alles persönlich nehme?, fragte der Schüler weiter.
Der Meister lächelte wieder und sagte: Du reagierst aus Klarheit heraus, nicht aus alten Wunden, Ängsten und unerfüllten Bedürfnissen. Du bist bei dir selbst und nicht reaktiv. Du schützt deine Grenzen und deinen Frieden. Du lässt dich nicht in einen Kampf ziehen, der nicht der deine ist und du entfachst keinen Kampf. Du begreifst, die anderen sprechen, wie du selbst, aus ihren eigenen Erfahrungen, Wunden, Bedürfnissen und Ängsten heraus. Dann hörst du auf, alles auf dich selbst zu beziehen und es zu persönlich zu nehmen. 
 
 
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 13. Dezember 2025

Awaken

 

 

 
The more you awaken
the less you can play games
you have changed
you stop pretending
that makes you incompatible with the way
most people act and live
you see through the games
and that makes you lonely in a certain way

Dienstag, 9. Dezember 2025

Die Allgegenwart des Todes

 

Der Mensch hat eine sehr begrenzte Wahrnehmung des Todes, bis er selbst damit konfrontiert ist. So faszinierend die Vorstellungen über den Tod sein mögen, so sind sie doch imaginär. Vor allem sind diese Vorstellungen psychologische Abwehrmechanismen, die dazu dienen, sich der Angst vor dem eigenen Tod nicht stellen zu müssen und ihn stattdessen zu verdrängen, abzuspalten, zu ignorieren oder mit spirituellen Konzepten die Herrschaft über ihn zu erlangen. Statt sich ihre Angst vor der Realität des Zerfalls, dem Sterben und dem Tod bewusst einzugestehen und sie durchzuarbeiten, werden Menschen wegen irgendwas ängstlich. Wann immer wir etwas leugnen, abspalten, verdrängen oder mit Süchten betäuben, sucht es sich andere Plätze und Objekte im Leben, an denen es uns mit all dem konfrontiert. Die Allgegenwart des Todes gehört zum Leben. Es macht Sinn uns mit unserer Endlichkeit auseinanderzusetzen, um uns dem Lebens und dem, was wir im Leben (noch) gestalten wollen, bewusster zu widmen. Ein erfülltes Leben kann die Angst vor dem Tod mildern.

Sonntag, 7. Dezember 2025

Woher nehmen Sie die Kraft?

 


Neulich fragte mich eine Klientin woher ich die Kraft nehme, zu tun, was ich tue und was mich antreibt.

Ja, woher nehme ich sie? Was treibt mich an?

 

Es gab in meinem Leben viele Momente, wo ich kurz davor war, alles hinzuwerfen. Ich hatte alles gegeben, doch die Dinge bewegten sich nicht in die Richtung, die ich erhofft hatte. Es gab Momente da schlug das Schicksal hart zu und das so kurz hintereinander, dass ich dachte, Gott oder wer auch immer, will mich vernichten. Das waren Momente wo ich das Gefühl hatte, es zerbröselt mich. Es hat mich nicht zerbröselt, aber es hat mich verändert, in immer anderer Weise. Irgendwie habe ich immer weitergemacht. 

 

Mein Geheimnis? 

Aushalten, Durchhalten, Weitergehen, auch ohne zu wissen wo ich lande.

Gehen, einfach gehen. Oft ging ich allein. Kein schönes Gefühl. Die Angst ging mit. Die Angst vor dem Unbekannten, die Angst es nicht zu schaffen, die Angst wieder einen Schlag verpasst zu bekommen. Egal, ich ging mit der Angst einfach weiter. Es gibt einen Teil in mir, der immer weitermacht, der stärker ist als die Angst. Ich ging oft mit der Angst. Und mit der Zeit lernte ich zu akzeptieren, dass sie ein Teil von mir ist. Ich habe sie nicht mehr als meine Feindin gesehen, sondern als etwas, das zu mir gehör. Ich habe den Widerstand gegen sie aufgegeben, nicht mehr gesagt: Ich will dich nicht haben!, sie nicht verdrängt und nicht abgewehrt. Und je mehr ich sie da sein ließ, desto milder und kleiner wurde sie und ich wurde ein bisschen größer. Groß genug um mich dem zu stellen, was das Leben in den schwierigen Phasen von mir wollte. Und genauso mache ich es mit der Trauer und dem Schmerz. Wenn sie da sind, sind sie da und ich lasse sie da sein. Ich muss sie nicht wegmachen, weil ich weiß, was ich schwächen will wird stark und was ich verkleinern will, wird größer. Bodo Schäfer schrieb einmal: „Die meisten Menschen geben kurz vorm Ziel auf.“ Das erlebe ich oft in der Praxis. Sie geben auf, wenn sie ihr Ziel nicht schnell genug erreichen. Ich sehe es so: Die meisten Menschen geben auf, WEIL sie ein Ziel im Fokus haben und nicht den Weg. Der Weg erfordert Hingabe, egal was passiert und nichts zu erwarten und dankbar zu sein, für das, was wir haben - unser Leben. 

Ich habe mich an mein „Warum“ erinnert, wenn die Zweifel kamen und die Hoffnung eine fragwürdige Größe wurde

Manchmal habe ich die Hoffnung für mich selbst sogar verloren. Dann bin ich ohne Hoffnung weitergegangen. Immer nur für diesen Tag, nur für heute und bin gegangen. Mein „Warum“ ist meine größte Kraftquelle. Was mich antreibt ist mein „Warum.“ Ich weiß, warum ich morgens aufstehe, ich weiß, warum ich tue, was ich tue. Ich tue es, um der Liebe willen. Der Liebe zum Leben selbst, seiner Schönheit, die mich immer wieder tröstet und der Liebe zu meinem Sohn und zu meiner Arbeit. Ich tue es mit Liebe zu dem, was mir an Gaben geschenkt wurde, an Fähigkeiten und Potenzialen. Und das ist viel. Ich bin reich beschenkt und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Und weil ich das weiß, gehe ich achtsam damit um und wertschätzend und mache etwas damit. Etwas, das über mich selbst hinausgeht, was andere erreicht, die es vielleicht brauchen können.

Mich an dieses „Warum“ zu erinnern, gibt mir die Kraft auch in schweren Momenten weiterzugehen. Egal wie oft mir das Leben Steine in den Weg legte, mein Warum ließ sich nicht darunter begraben. Dazu muss ich bewusst gar nichts tun, es ist einfach in mir. Es ist mein innerer Kompass, dem ich vertraue und dem ich folge, egal was andere sagen, meinen oder über mich denken. 

Ich vergleiche mich nicht, wenn, dann mit den früheren Versionen meiner selbst, aber niemals mit anderen. Und auch das gibt mir Kraft. 

Ich bin ein Kind Gottes, einzigartig und ich gehe meinen ureigenen Weg, so wie jeder Mensch, ohne mich zu vergleichen. Der Vergleich ist ebenso unsinnig wie schädlich. Indem wir uns mit anderen vergleichen, verleugnen wir unseren eigenen Weg. Und unsere Weg entsteht indem wir ihn gehen. Einfach gehen. Bis es an der Zeit ist zu gehen. Geh wohin dein Herz dich trägt, habe ich zu meinem Sohn, als er ein kleiner Junge war, gesagt. Er tut es, ich tue es und auch das gibt mir Kraft. 

 
"Am Abend unseres Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden, die Liebe, die wir allmählich in uns haben wachsen und sich entfalten lassen, in Barmherzigkeit für jeden Menschen."
 
Frère Roger

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

 

 

Dienstag, 2. Dezember 2025

Was in Beziehung krank wurde, kann nur in Beziehung heilen

 



 
„Es ist die Beziehung, die heilt, die Beziehung, die heilt, die Beziehung, die heilt – mein professionelles Rosenkranzgebet.“
Dieser Satz stammt aus dem Buch des Psychoanalytikers Irvin D. Yalom mit dem Titel „Die Liebe und ihr Henker“. Ich habe alle seine Bücher gelesen. Jedes einzelne hat mich viel gelehrt über Menschen, ihre Sorgen, ihr Leid, ihre Kämpfe und über die Arbeit mit Menschen. Vieles was er an Fällen beschreibt erkenne ich in meiner eigenen Arbeit wieder. Yalom ist ein außergewöhnlicher Schriftsteller und ein außergewöhnlicher Therapeut, mit unorthodoxen Methoden. Wenn er schreibt: „Es ist die Beziehung, die heilt", meint er damit die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. 
 
Man weiß, dass diese Beziehung für den Therapieerfolg von hoher Bedeutung ist
Nur ein sicheres, tragendes Fundament aus Wertschätzung, vorurteilsfreier, nicht bewertender Annahme, Achtsamkeit, Vertrauen, Empathie und gegenseitigem Respekt ermöglicht es dem Klienten, sich vollkommen zu öffnen, intime Details preiszugeben und an schwierigen Themen zu arbeiten. Manche Menschen erfahren sogar zu ersten Mal in ihrem Leben eine gesunde Beziehung, die dann, aufgrund dieser heilsamen Erfahrung der positiven Interaktion, als Modell für künftig gesündere Beziehungen im weiteren Leben dienen kann. Eine starke therapeutische Allianz, die als partnerschaftliche Zusammenarbeit wahrgenomen wird, ist sogar entscheidend für tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen.
 
Irvin D. Yalom betont in seinen Büchern immer wieder die offene und authentische therapeutische Beziehung in der der Therapeut eine Rolle spielt, die der eines guten Freundes ähnelt. Er sieht diese enge Verbindung als zentral für die Überwindung von Problemen an. Im Gegensatz zu dem, was man angehenden Therapeuten in der Interaktion mit Klienten beibringt - nämlich professionelle Distanz zu wahren, plädiert Yalom für Authentizität und Offenheit. Er übt Kritik an der rein „anonymen“ Therapie. Er weicht von der traditionellen, anonymen Rolle des Therapeuten ab und betont den unschätzbaren Wert einer persönlichen, menschlichen Interaktion. Der Therapeut sollte sich öffnen, um eine echte Verbindung zu schaffen. Das kann bedeuten, auch seine eigenen Erfahrungen zu teilen, um dem Patienten zu helfen, seine Probleme aus einer neuen Perspektive zu betrachten. 
Für Yalom ist Therapie Begegnung auf Augenhöhe.
Und so sehe ich das auch. Was in Beziehung krank wurde kann nur in Beziehung heilen und eine Beziehung ist nur dann heilsam, wenn sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen. Der Klient, der vor mir sitzt ist kein Fall, er ist ein Mensch wie ich.
 
 
„Kenne alle Theorien, beherrsche alle Techniken, aber wenn du eine menschliche Seele berührst, sei einfach nur eine weitere menschliche Seele."
C.G.Jung
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 
Zur besseren Lesbarkeit habe ich das generische Maskulinum verwendet. Die verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich auf alle Geschlechter.

Sonntag, 30. November 2025

Einen Abschluss machen

 


Am Jahresende tragen viele von uns weit mehr Belastungen mit und in uns herum, als wir uns vielleicht bewusst sind. Das können sein: Längst überfällige Entscheidungen, unerledigte Aufgaben, anhaltende Themen und Probleme, für die wir bisher keine Lösung finden konnten, nicht abgeschlossene To-Dos, Türen, die wir längst schließen sollten und die wir noch immer halb offen stehen lassen.
Diese mentale Last sitzt nicht nur in unserem Geist, sie raubt uns Energie und stresst unser Nervensystem.  Im Dezember neigt sich das Jahr dem Ende zu. Ich finde, ein guter Monat um alles, was unerledigt ist, so gut wie es uns möglich ist, zum Abschluss zu bringen, innezuhalten und uns zu fragen: 

Was will ich nicht ins nächste Jahr mitnehmen?

Was will ich jetzt abschließen?

 

Dazu sind folgende Fragen hilfreich:

 

Was oder wer raubt mir Energie?

Was oder wer bringt mich immer wieder aus dem Gleichgewicht?

Für wen oder was habe ich keine Kapazitäten mehr frei?

 

Welches Projekt macht keinen Sinn mehr, weil es bis jetzt, trotz meiner Anstrengungen, keinen Erfolg hatte?

Welches Ziel, für das ich vergeblich gekämpft habe, darf ich sein lassen?

Was ist die größte Illusion, die ich mir mache?

Worauf warte ich schon zu lange vergeblich?

 

Was oder wer interessiert mich nicht mehr, auch wenn ich denke es oder er müsste mich noch interessieren?

Was will ich nicht mehr tolerieren?

Was kann ich ausmisten, was nicht mehr zu mir und meinem jetzigen Leben passt?

Was oder wem bin ich entwachsen?

Welche Gewohnheiten dienen mir nicht mehr oder schaden mir sogar?

Welche längst überfällige Entscheidung will ich treffen?

Wie würde es sich anfühlen, wenn ich dies oder das sein lasse?

 

Wenn du all diese Fragen beantwortet hast, könntest du dich fragen

Was würde mich jetzt interessieren?

Was könnte ein Funke sein, durch den ich mich wieder lebendiger und leichter fühle?

 

Finden wir heraus, was sich gut für uns anfühlt, und lassen wir den unheilsamen Rest hinter uns. Klarheit entsteht, wenn wir aufhören, uns selbst zu belügen, uns unserer selbst bewusst werden und zielgerichtet zu handeln und dazu gehört auch Dinge endgültig abzuschließen, um den Raum zu öffnen, damit Neues in unser Leben treten kann.

 

 

 

Samstag, 29. November 2025

Jetzt reiß dich doch mal zusammen!

                                                                   Malerei: A.W.


Wenn jemand in einer schweren emotionalen Situation ist, ist eine Phrase wie: „Jetzt reiß dich doch mal zusammen!“, weder hilfreich für den Betroffenen, noch zeugt sie vom Versuch Verständnis zu zeigen. Vielmehr zeugt sie von einem Empathiedefizit und weckt den Eindruck, dass die Gefühle des anderen nicht ernst genommen werden.

Jeder Mensch hat seine eigenen Kämpfe und Herausforderungen. Wer vorschnell zu solchen Phrasen greift, neigt dazu den individuellen Kontext und die emotionale Befindlichkeit und Bedürfnisse anderer zu übersehen. Er geht von sich selbst und seinem begrenzten Denkrahmen aus, dem es nicht gelingt über das Eigene hinauszublicken.

Wer sich zusammenreißen soll, hat das in den meisten Fällen längst lange und oft genug getan. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich das Zusammenreißen erschöpft, dann, wenn die Seele gewisse Situationen oder emotionale Belastungen, wenn sie lange genug anhalten, nicht mehr ertragen kann. Anstatt Unterstützung anzubieten, Betroffene aufzufordern, sich mal zusammenzureißen, tut nichts für sie, außer, dass es den emotionalen Druck erhöht.

Menschen, die über längere Zeiträume hinweg chronischem Stress oder großen Belastungen ausgesetzt sind, können sich irgendwann nicht mehr zusammenzureißen, sie sind seelisch am Limit. Chronische Belastungen können zu einer Erschöpfung der emotionalen Ressourcen führen, was das "Zusammenreißen" nahezu unmöglich macht. Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist aufgebraucht. Ein Zustand physischer und emotionaler Erschöpfung, der oft durch anhaltenden Stress verursacht wird, kann Menschen daran hindern, ihre Emotionen zu regulieren und Lösungen zu finden. Auch Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, haben oft Schwierigkeiten sich in belastenden Situationen zusammenzureißen.  Bestimmte psychische Erkrankungen, wie Angststörungen oder Depressionen, können die Fähigkeit zur emotionalen Regulation erheblich beeinträchtigen. Menschen mit Zwängen und Angstzuständen fällt es schwer sich selbst zu beruhigen, was das Zusammenreißen erschwert. Bei Depressionen kann es zu einem Gefühl der Antriebslosigkeit und tiefer Hoffnungslosigkeit kommen, was das Zusammenreißen unmöglich macht. Und das sind nur einige Beispiele.
In solchen Fällen ist professionelle Unterstützung notwendig, um die emotionale Stabilität wiederherzustellen.

All das sehen jene, die vom Zusammenreißen sprechen nicht.
Sie gehen von sich selbst aus. Sie argumentieren aus einem Ich heraus, das all das nie erfahren hat und unfähig oder derart ignorant und von Hochmut besselt ist, dass es ihm nicht gelingt über die eigene Erfahrung und das eigene begrenzte Bild von Welt hinauszudenken. Meist haben diese Menschen wenig Kontakt mit unterschiedlichen Lebensrealitäten oder es fehlt ihnen schlicht und einfach der Wille den anderen als das zu sehen, was er ist – ein eigener Mensch mit eigenen Gefühlen und keine Blaupause für das Verhalten, die Entscheidungen, die Strategien, Lösungsmöglichkeiten oder die Entwicklung eines Individuums.

Jetzt reiß dich doch mal zusammen!
Mit Phrasen wie diesen sollte man sich zurückhalten.

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 27. November 2025

Einzigartig und nicht ersetzbar

 




Wenn es dir seelisch nicht gut geht, ist die vorweihnachtliche Zeit nicht einfach zu ertragen. Wenn du einen Verlust erlitten hast, kann diese Jahreszeit deine Trauer verstärken. Die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, die vertrauten Rituale, die Tage an denen Freude und Leichtigkeit zu deinem Leben gehörte. All die Echos von dem, was verloren ist, machen das Herz schwer. Da ist Sehnsucht, Traurigkeit, Einsamkeit, Angst, Wut, Erschöpfung ja vielleicht sogar Scham darüber, dass du dich nicht dankbar fühlst, für das was noch da ist, trotz dem Verlust. Du könntest dich von den Menschen getrennt fühlen, die dich nicht verstehen oder deine Gefühle nicht nachempfinden können. Du könntest dich noch mehr in dich selbst zurückziehen, weil du denkst, so wie du dich fühlst mag keiner in deiner Gesellschaft sein. Du verkriechst dich vielleicht immer öfter drinnen während draußen die Menschen auf den Weihnachtsmärkten feiern. Du fürchtest dich vielleicht vor den Feiertagen oder du fühlst dich wie ein Alien, der mit all dem nichts zu tun hat. Dir wird wieder schmerzhaft klar: Was war ist vorbei und mit dem was war, ist ein Teil von dir verschwunden. Und so ist es auch.
 
Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, ist es nicht nur der Verlust dieses Menschen, der uns zutiefst erschüttert. Wir verlieren den Teil in uns, den nur dieser Mensch in uns zum Leben erwecken konnte und der nun verschwunden ist. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird uns bewusst, wie wahr das ist. Es gab Seiten an uns, die nur dieser Mensch kannte. Seiten, die nur dieser Mensch aus uns herausholte. Seiten an uns, die wir nur diesem Menschen gegenüber zeigen konnten. Seiten an uns, die sich nur im Raum des vollkommenen Vertrautseins entfalten konnten.
Wenn dieser Mensch nicht mehr da ist, verstummen diese Seiten in uns. Wir vermissen nicht nur diesen Menschen, sondern auch den Menschen, der wir waren, an seiner Seite. Und wir spüren es in den kleinen Momenten. Wenn wir Worte nicht mehr sagen, die wir gesagt haben, wenn wir Gedanken für uns behalten, die wir in Worte fassen konnten, wenn wir Gefühle unterdrücken, die wir offenbart haben, wenn wir Erinnerungen nicht mehr teilen können. Wir vermissen den Teil in uns, der sich nur mit diesem Menschen zeigen und lebendig sein konnte. Dieser Teil unserer Selbst ist mit diesem Menschen verloren. Wir vermissen nicht nur diesen Menschen, wir vermissen Teile unserer selbst. Und wir wissen nicht, wie wir sie wieder zum Leben erwecken können.
Und vielleicht ist das auch gar nicht die Aufgabe.
Vielleicht ist es okay, sie dort zu lassen, wo sie einst waren.
In Erinnerung an diesen Menschen und an uns, die wir mit ihm waren. 
Einzigartig und nicht ersetzbar.
 
Es ist okay. Nichts was mit deiner Trauer einhergeht bedeutet, dass du in dieser Zeit etwas falsch machst. Es gibt keinen richtigen Weg, die vorweihnachtliche Zeit zu erleben, sei
ehrlich, mitfühlend und gütig zu dir selbst.
So gut du es kannst. 
 
Kontakt: aw@wende-praxis.de
 

Mittwoch, 26. November 2025

Das Glück in der Einsamkeit

 



Heute morgen lese ich in Facebook: Immer mehr Menschen sind alleine glücklich. Sie wollen keine Beziehung mehr. Sie feiern ihr Alleinsein, manche romantisieren sogar die Einsamkeit, wobei die Meisten das eine mit dem anderen verwechseln.
Was ich in der Praxis täglich erlebe spricht andere Worte. Immer mehr Menschen, unabhängig vom Alter, vereinzeln und immer mehr Menschen leiden unter schmerzhafter Einsamkeit.
Die Zahl der Singlehaushalte hingegen steigt. Dies untermauert oben genannte Behauptung. Aber nur insofern, dass immer mehr Menschen allein leben. Ob sie das feiern, wage ich zu bezweifeln. Fakt ist: Viele Menschen werden immer beziehungsunfähiger. Die einen weil sie zu viele Enttäuschungen erlebt haben und sich vor neuen Verletzungen schützen, die anderen weil ihnen Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg im Leben wichtiger sind als eine Beziehung.
Wenn ich beides genauer betrachte und beide Abwehrformen in ihrer Entstehung zurückverfolge, stelle ich fest, dass sie letztlich einem Bedürfnis nach Liebe entspringen, das sich gebrochen hat an den Erfahrungen von Enttäuschung, Zurückweisung, Schmerz, Trennung, Verlust. Angesichts dessen flüchten die einen in unbrauchbare Lebensphilosophien - was bleibt noch anderes übrig als die Einsamkeit in den Himmel zu loben? Während die anderen die Flucht nach vorne in die grandiose Besonderheit und Vereinzelung auf Kosten liebevoller Beziehung antreten. Phantasien der eigenen Großartigkeit sollen die Einsamkeit kompensieren. Ob diese Strategien auf Dauer erfüllend sind ist zu bezweifeln. Möglicherweise könnte das Glück in der Einsamkeit immer mickriger ausfallen.

Dienstag, 25. November 2025

Man kann nichts verändern, was man nicht akzeptiert und was nicht nahe genug ist.


                                                          Art: Louis Bourgeois


Jetzt arbeite ich seit Monaten an mir selbst und mir geht es schlechter, sagt ein Klient. Ich höre an dieser Stelle auf. Er will damit demonstrieren: Schauen Sie, was dabei herauskommt, wenn ich mich wirklich auf alles einlasse, was ich verdrängt habe. Was die Frage impliziert: War es nicht besser zu verdrängen?

 

War es das?

Der Klient hat sich gewöhnlich damit begnügt sich zu beklagen, vor seinen Ängsten wegzulaufen und seine Probleme mit Alkohol zu betäuben.

Indem er die innere Arbeit macht, muss er jetzt den Mut und die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber aufbringen seine Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen seiner Probleme zu richten. Seine Probleme müssten, um sie zu lösen, nicht abgelehnt, sondern ein würdiges Gegenüber werden aus dem er Wertvolles schöpfen kann damit es ihm mit der Zeit besser geht. All das Verdrängte, alle Selbstlügen, die so lange unterdrückt wurden, brauchen Kontakt, sie brauchen Nähe, Mitgefühl und Liebe. Um dahin zu gelangen braucht es Bereitschaft auch Unangenehmes auszuhalten und die Einsicht, dass das, was jahrzehntelang im Argen lag, nicht in kurzer Zeit anders wird und dass es mühsam ist all das zu be-und zu verarbeiten.

 

Wann immer wir uns lost oder blockiert fühlen, sind wir im Widerstand gegen das Leben, das eine neue Version von uns verlangt, weil die alte Version nicht mehr unserer Realität entspricht.  Wir sind im Widerstand gegen eine tiefe innere Wahrheit, die wir längst wissen, aber nicht sehen wollen und schon gar nicht akzeptieren wollen.



Der Klient in der Mitte seiner Sechziger meint, er müsse unbedingt noch etwas Großes erreichen. Er hat Ideen, er macht Pläne und Konzepte, aber er kommt nicht ins Handeln. Immer wenn es an die Umsetzung geht ist er blockiert. Er tut dann nichts und macht weiter Pläne, ständig getrieben von dem Gedanken: Ich muss noch etwas Großes erreichen, bevor meine Zeit abläuft.

Dabei ignoriert er, dass es ihm an Vielem fehlt um das "Große" umzusetzen. Er ignoriert, dass er eigentlich gar nicht die Disziplin, die emotionale Stabilität und die Ausdauer hat um kontinuierlich dran zu bleiben.

Er ignoriert, dass er wenig Chancen mit seinem Projekt hat, weil der Markt übersättigt ist und es viele Jüngere in diesem Bereich gibt, die sehr erfolgreich sind.

Er weiß im Grunde – es ist für das „Große“ zu spät. 

Er will es aber nicht sehen. Er drückt sich vor der Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgabe. Er will nicht (ein) sehen, dass das Leben jetzt etwas anderes von ihm will – nämlich sich sich selbst zuzuwenden und das „Große“ in sich selbst zu entdecken, um innere Ruhe, Zufriedenheit, Wertschätzung für sich selbst und Gelassenheit zu finden. Er jagt einer Illusion hinterher, die mit der Version seiner selbst, die er zu diesem Zeitpunkt seines Lebens ist, nicht kompatibel ist. Er will nicht wahrhaben, dass diese Lebensphase eine neue Version seiner selbst von ihm verlangt. Er verdrängt eine tiefe innere Wahrheit, nämlich, dass er im Tiefsten sein Leben als sinnlos und unerfüllt empfindet. Er weicht aus, indem er sich auf etwas „Großes“ im Außen fixiert, was seinem Leben dann noch einmal Sinn geben soll. Das wahre Problem ist seine Angst ein misslungenes Leben gelebt zu haben. Die Aufgabe ist - den Weg nach Innen zu gehen und sich mit sich selbst und seinem Leben zu versöhnen und das Jetzt zu akzeptieren, um dann einen Weg zu gehen, der dem Menschen entspricht, der er in dieser Lebensphase ist. Seine Herausforderung wäre, würde er sie annehmen: Die Chance zur Entdeckung neuer Entwicklungs- und Erfahrungsufer, unabhängig davon, sich selbst und anderen "Großes" beweisen zu wollen. Er aber geht in den Widerstand und alles bleibt beim Alten.

 

Die Aufgabe ist nie unklar, sie ist nur unangenehm.

Solange die Probleme und deren Ursachen, die durch die innere Arbeit ans Licht kommen, abgelehnt oder als „verschlimmert“ beklagt werden, sind wir im Widerstand. So gelingt weder die Versöhnung mit dem Verdrängten noch dessen Integration. Mit anderen Worten: Es braucht eine eine gewisse Toleranz und im besten Falle: Akzeptanz, Mitgefühl und Liebe für unser Leiden.

 

Wir müssen aufhören wegzulaufen vor dem, was wir nicht sehen wollen.

Es ist normal, dass sich durch jede Art der inneren Arbeit belastende Erinnerungen, Symptome und Wahrheiten hervordrängen, die früher nicht wahrgenommen, bzw. verdrängt, abgewehrt oder abgespalten wurden und dass innere und äußere Konflikte verschärft werden. Das ist eine vorübergehende Verschlechterung, die es durchzustehen gilt. Nur brechen viele genau an dieser Stelle die Arbeit an sich selbst ab. Sie gehen, bewusst oder unbewusst, in den Widerstand und wenden sich wieder den vertrauten alten Überlebensmustern und Gewohnheiten zu – eben auch der Verdrängung, der Abspaltung, der Betäubung und der Selbstlüge. Mit dem Ergebnis: Die ganze Arbeit hat nichts gebracht, außer der fälschlichen Annahme: Es geht mir schlechter damit.

 

Man kann nichts verändern, was man nicht akzeptiert und was nicht nahe genug ist.

Der Widerstand aber scheut sich vor wahrer Nähe mit sich selbst.

 

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de