Sonntag, 15. April 2018

Einsamkeit und wie wir damit umgehen können

 
Foto: AW

Einsamkeit kann zur Qual werden. Die Folgen sind Depression, Verbitterung, Verzweiflung, seelische und körperliche Krankheiten und sogar Selbstmord. Der «Proceedings of the Royal Society B» veröffentlichten Studie zufolge haben einsame Menschen sogar ein deutlich erhöhtes Sterberisiko. Wir alle sind auf enge Beziehungen angewiesen, weil sie unsere Grundbedürfnisse nach Verlässlichkeit, Geborgenheit und Verstehen erfüllen. Ohne diese Beziehungen vereinsamen wir. Fast jeder von uns kennt das Gefühl der Einsamkeit. Man fühlt sich ungeliebt, überflüssig und von aller Welt verlassen.
Aber was genau ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist das quälende Gefühl des Getrenntseins von anderen Menschen und die gleichzeitige Sehnsucht nach Verbundenheit in Beziehungen, die erfüllend sind.
Der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar beschrieb die Einsamkeit einmal so: „Wenn dich alles verlassen hat kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast kommt die Einsamkeit.“
Hier spüren wir deutlich: Einsamkeit kommt von innen. 
Der Einsame zieht sich  zurück - vom Außen in sich selbst hinein. Meist aus einer tiefen Enttäuschung heraus, einer Enttäuschung über die Menschen und/oder das Leben, das es nicht gut mit ihm meint. Der Einsame hat den vertrauensvollen Bezug zum Leben verloren, er traut ihm nicht mehr und vor allem, er vertraut anderen nicht mehr. Er verliert sich in seinem eigenen Innenleben und leidet an sich selbst. Die Welt da draußen, hat ihm nichts mehr zu geben. Er hat resigniert und am Ende kapituliert er vor dem was für ihn unerreichbar zu sein scheint -  nämlich sinnvolle, lebendige, erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen.

Der Mensch ist  nicht für das Einsamsein geschaffen. Damit glücklich werden nur wenige. 
Auch große Philosophen wie Nietzsche oder Kierkegaard, die sich in die Einsamkeit verzogen, waren damit nicht glücklich. Sie litten an der Unvollkommenheit der Welt, die sie nicht nach ihrem Ideal gestalten konnten trotz allem klugen und tiefen Denkens. Apropos Denken - wer einsam ist denkt viel. 
Denken macht traurig, zu viel denken macht sogar unglücklich. „In allem Denken“, schreibt Schelling in seinem 1809 erschienen Werk „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“, besteht diese Urstrahlung, diese dunkle Materie weiter als Traurigkeit, als Schwermut die zugleich schöpferisch ist. Wir sind gleichsam traurig erschaffen.“  Eine Aussage gesättigt mit dem Gefühl tiefer Melancholie, ein Zustand, der dem Einsamen bestens vertraut ist. Oh ja, Denken kann auch Freude sein, der Einsame jedoch hat die Freude verloren. Seine Einsamkeit ist der Zeitpunkt im Leben an dem er nur sich selbst begegnet. Und findet er in sich selbst nicht den besten Freund so ist das fatal für die Seele.

Einsamkeit ist die Unglücksursache Nummer eins.  
Untersuchungen der Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie ergaben, dass Einsamkeit grundsätzlich jeden, unabhängig von Alter, sozialer Schicht und Geschlecht betrifft.   
Es gibt jedoch zwei Phasen im Leben, in denen der Mensch besonders häufig von Einsamkeit betroffen ist, so der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch „Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“.  Zum einen im Alter, da der Stellenwert von Ehe und Familie abgenommen hat und jüngere Menschen. Der Grund: Die Urbanisierung und die übermäßige Nutzung der sozialen Medien. „Die Digitalisierung bringt Menschen nämlich nicht, wie oft behauptet wird, zusammen, sondern bewirkt eine Zunahme von Unzufriedenheit, Depression und Einsamkeit", so Spitzer. Auch das Mitgefühl nimmt laut Spitzer ab: Eine Analyse über drei Jahrzehnte hat einen deutlichen Rückgang der Empathie ergeben. Die Menschen kümmern sich weniger umeinander und legen weniger Wert auf Gemeinschaft wie früher. 

Unsere moderne Welt ist voll einsamer Menschen. Die virtuelle Welt trägt maßgeblich dazu bei. Wir müssen nicht mehr raus ins wirkliche Leben, wir kaufen im Netz ein, wir haben unzählige „Freunde“ in Facebook, die uns Gesellschaft und Bindung vorgaukeln, wir erfahren Anerkennung Aufmerksamkeit via Instagramm, wir suchen im Netz sogar nach potentiellen Lebenspartnern. Singlebörsen und Tinder füttern das Gefühl, dass das Suchen des richtigen Partners mit einem Wisch oder weg wischen gelingen kann. Die Zeiten in denen man einander begegnete irgendwo draußen, sind nahezu vorbei. Der moderne Mensch ist auf sein Handy fixiert, das er sich wie ein Tablett für die Glückseligkeit permanent vor Augen hält. Wie soll der Blick da noch auf das richtige Leben fallen und sich im Blick eines anderen verfangen? Der Mensch ist zum Konsumgut geworden. Man schaut, man wählt, man probiert und wenn es nicht passt - wisch und weg und auf ein Neues. Was bleibt sind unerfüllte Sehnsüchte in einsamen Tagen und Nächten. Das zermürbt die Hoffnung. Und es stumpft ab, uns selbst und anderen gegenüber. 

Die wichtigste Liebesbeziehung ist die zu uns selbst. Aber wir sind fast alle weit davon entfernt uns selbst zu lieben. Und weil es uns an dieser Liebe zu uns selbst fehlt sind wir unglücklich und innerlich leer. Diese Leere suchen wir durch das Außen zu füllen. Wir suchen sie in Beziehungen, im Erfolg, im Konsumieren und über jegliche Art von Ablenkung. Doch dort finden wir sie nicht. Wir bleiben leer und innerlich einsam.

Der Weg aus der Einsamkeit ist schwer. Aber Einsamkeit kann auch der Weg in ein besseres Leben bedeuten.  Wenn wir Einsamkeit nicht als Unglück oder Fluch begreifen kann sie uns vieles begreifbar machen über den Menschen, der wir sind. Ganz wichtig ist es zu begreifen: Wir sind jemand, auch wenn wie einsam sind.
Ich glaube, niemand kommt zufällig in eine Phase der Einsamkeit. Abgesehen von äußeren Umständen, wie der Verlust eines Partners, der Auszug der Kinder oder ein Ortswechsel gibt es durchaus Phasen in denen die Einsamkeit einen Grund hat und einen Sinn macht zu diesem Moment in der Zeit. Und danach könnten wir fragen.
Vielleicht brauche ich einen Cut? Zeit für mich selbst um in mich zu gehen, Zeit auszuruhen, Zeit über mein Leben nachzudenken oder um etwas Wesentliches zu korrigieren, was mir bisher nicht gelang, weil da zu viel war, das mich von mir selbst abgelenkt hat. Oder das Leben will mich dazu bringen endlich Autonomie zu entwickeln, mich unabhängiger machen von anderen. Vielleicht soll ich lernen mich selbst mehr zu lieben und gut für mich zu sorgen, wenn da keiner ist, der das für mich tut.

Wie auch immer die Lernaufgaben aussehen, die in der Einsamkeitsphase verborgen liegen, sie sind eine Chance mehr zu uns selbst zu finden und uns klar darüber zu werden, was wir wirklich wollen und was wir nicht mehr wollen. Einsamkeit ist die wertvolle Chance uns unserer selbst bewusst zu werden. Werde dir deiner selbst bewusst!, das ist der verborgene Schatz, der auf dem dunklen Grund der Einsamkeit liegt. All das sind Möglichkeiten die Qual der Einsamkeit zu wandeln – in ein Gefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbewusstheit und der inneren Freiheit. Dazu gehört allerdings, dass wir akzeptieren, dass es jetzt so ist.

„Jeder ist allein“ schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Im Nebel“. 
Ja so ist es. Und weil das so ist, tun wir gut daran, das zu akzeptieren. Menschen sind Begleiter, manche auf kurzen Strecken, andere ein Leben lang, aber wir selbst begleiten uns jeden einzelnen Tag in guten und in schlechten Zeiten. Dann wäre es doch gut, wenn wir gut zu uns selbst sind. Und dazu gehört Zufriedenheit aus uns selbst zu ziehen, anstatt sie immer im Außen zu suchen. 

Um mit der Einsamkeit Frieden zu schließen könnten  wir erst einmal innehalten und aufhören vor ihr zu flüchten. Denn nur was wir annehmen kann sich wandeln.
Und wenn es mal wieder ganz schlimm kommt, könnten wir uns fragen: Was brauche ich jetzt, damit es mir besser geht? Brauche jetzt wirklich Jemanden außer mir selbst?  Die Erfahrung zeigt: Es ist ein sinnloses Unterfangen die innere Leere durch die Anwesenheit anderer Menschen zu füllen. Ein Fass ohne Boden.
Einsamkeit verliert dann ihren Schrecken, wenn wir sie annehmen. Wenn wir uns nicht als Opfer sehen, als bemitleidenswert und von aller Welt verlassen. Das ist schwer, denn viele von uns triggert dieses Verlassenheitsgefühl, das wir aus der Kindheit kennen. Und genau darum ist es so wichtig dieses Kind in uns nicht zu verschrecken, indem wir seine Angst und seine Hilflosigkeit füttern, sondern es liebevoll zu versorgen mit dem, was wir in diesem Moment in der Zeit haben, auch in der Einsamkeit – die Möglichkeit der Zuwendung, der Fürsorge, der Achtsamkeit und der liebevollen Annahme unserer Selbst. Wenn das alleine nicht gelingt: Sich dabei helfen zu lassen ist keine Schwäche, sondern ein Akt der Selbstliebe.



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