Freitag, 15. Dezember 2017

Aus der Praxis – Der Wahnsinn der Co-abhängigen





Sarah ist blass, unter ihren schönen Augen liegen dunkle Schatten. Ihre zarten Hände nesteln haltsuchend an dem Kleenex mit dem sie gerade die Tränen getrocknet hat. Ich verstehe das nicht, immer wieder gerate ich an Männer, die irgendwie kaputt sind, die einen Knacks haben, die anders sind. Ich habe das Gefühl, dass ich die anziehe wie ein Magnet, naja oder sie mich. Ich weiß es nicht. Eine Weile ist alles ganz toll, intensiv und ledenschaftlich und ich denke jedes Mal: So ist es gut, so kann es bleiben. Es bleibt nicht so. Sie weint wieder. Es wird die Hölle, sagt sie. Ich verstehe das nicht. Auf einmal ist es dann vollkommen anders. Es ist schrecklich anders.
Er wird anders.
Er wird zu einem kalten Menschen. Er ruft nicht mehr so oft an, er ist genervt wenn ich ihn dann frage, warum er nicht mehr so oft anruft, wenn wir uns dann ab und zu sehen, viel weniger als am Anfang, meckert er an mir herum, und wenn ich etwas dagegen sage, dann sagt er meine Wahrnehmung sei falsch und dass ich hysterisch sei und aus allem ein Drama mache. Er sei wie immer, ich sei die, die anders ist. Aber ich spüre es doch, er ist einfach nicht mehr liebevoll. Er hackt mich bei allen Gelegenheiten klein, ich weiß gar nicht mehr was richtig oder falsch ist und alles andere scheint ihm plötzlich wichtiger als unsere Beziehung. Ich fange dann an und laufe ihm hinterher wie ein hungriges Hündchen. Das nervt ihn dann noch mehr. Er schreit mich an, beschimpft mich, sagt, ich sei krank und lauter andere verletzende Dinge. Wir streiten nur noch, dann haut er ab, er geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe, er straft mich ab und ich sitze zuhause und habe nur noch Angst ihn zu verlieren. Ich habe eine so große Verlustangst, dass ich vollkommen gelähmt bin. Ich bin nicht mehr ich, ich löse mich förmlich auf. Ich fühle mich unendlich verlassen und bin überzeugt davon, dass ich ohne ihn nicht leben kann. Und dann fühle ich mich auch noch schuldig. Ich schäme mich, dass ich so bin, wie ich dann bin, so hilflos so ohnmächtig, so klein, so abhängig davon ob er da ist oder nicht. Ich frage mich, ob ich er nicht Recht hat und ich alles falsch mache und ihn nerve und zu sehr klammere oder ob ich einfach nicht normal bin. Ich halte das nicht mehr aus, ich weiß nicht mehr wer ich bin. Ich werde wahnsinnig.
Sarah ist nicht die Einzige. Sie ist wie viele Frauen, die immer wieder an den sogenannten Falschen geraten eine Co-abhängige der Liebe. Genau dieses Verhalten beschreibt sie hier in einer gemeinsamen Sitzung.

Co-abhängig, der Begriff wurde früher für die Partner von Alkoholikern verwendet. Co-abhängig beschreibt einen Menschen, der unfähig ist ein selbstbestimmtes Leben zu leben, weil er die Verantwortung für einen Suchtkranken übernommen hat. Mittlerweile gilt der Begriff für alle Menschen, die sich zum Opfer machen, die sich abhängig von einem Anderen machen, indem sie sich völlig auf den Anderen, meist einen schwachen, seelisch kranken, süchtigen, emotional missbrauchenden, narzisstischen, zwanghaften oder psychopathischen Menschen fixieren, um ihn zu retten. 
Alle Co-abhängigen sind unbewusst fest davon überzeugt, dass sie, wenn sie den Anderen nur genug lieben, versorgen, untersützen, dazu bringen seine Störung einzusehen und sich professionall helfen zu lassen, damit alles gut wird und die Liebe wunderbar.
Nichts wird wunderbar.
Der Co-abhängige wird wieder und wieder verwundet. Und der, den sie retten wollen, bleibt der, der er ist. Nur sie selbst verändern sich, sie werden zu einem Menschen ohne Form. Sie lösen sich im Anderen auf ,verlieren sich selbst und die Fähigkeit die Realität als das wahrzunehmen was sie ist - nämlich ein destruktives Beziehungskonstrukt ohne Aussicht auf Heilung, ein rasender Zug in Richtung Selbstaufgabe und Selbstzerstörung.

Sarahs Aussage: Ich ziehe die Falschen an stimmt nicht ganz. Sie selbst fühlt sich zu den Falschen hingezogen. Falsch im Sinne von: Nicht gut für sie. Instinktiv spürt sie, dass da einer ist, den sie retten könnte. Unbewusstes erkennt Unbewusstes blind. Die Retterin findet ihr Opfer und wird selbst zum Opfer. Sie wird zum Opfer ihrer Sucht gebraucht zu werden. Diese Sucht hat ihre Wurzeln bei allen co-abhängigen Persönlichkeiten in der Kindheit.

Zurück zu Sarah. Sarahs Vater war ein schwacher, unglücklicher, verbitterter Mann, der unter dem Pantoffel der dominanten Mutter stand. Er war launisch, aggressiv und phasenweise depressiv. Er beklagte sich ständig, keiner konnte ihm etwas Recht machen. Wenn er getrunken hatte wurde er aggressiv und tyrannisierte die Familie mit seinen Wutausbrüchen. Wenn er wieder nüchtern war entschuldigte er sich und war zerknirscht. Sarah konnte tun was sie wollte, es gelang ihr nicht den "armen" Vater glücklich zu machen, geschweige denn seine Liebe zu gewinnen. Er wies sie ab, er ignorierte sie, er demütigte sie, er lobte sie nicht, egal wie gut sie in der Schule war, egal, wieviel Mühe sie sich gab ihm alles Recht zu machen - er sah sie nicht. Er machte ihr Angst.

Wie fühlt sich ein Kind, das so etwas erlebt?
Es ist von der Schwäche und Lieblosigkeit, die ihm begegnet verwirrt und emotional vollkommen überfordert. Es denkt, wenn ich es nur weiter versuche, wird der Papa mich lieben. Es hat Schuldgefühle, glaubt es sei nicht liebenswert und verantwortlich für das Elend des Vaters. Es denkt über sich, ich bin nicht okay. Es erfährt, dass alle Anstrengungen nur in Eins münden - in Vergeblichkeit. Es fühlt sich ohnmächtig und verlassen. Es sucht Halt und erfährt Zurückweisung. Es sucht Liebe und erfährt emotionalen Missbrauch wie Demütigung, Ignoranz und die Vernichtung seines ganzen Wesens. Diese Wunde sitzt tief. Sie sitzt so tief, dass sie ein Leben lang danach schreit geheilt zu werden.

Sarahs Wunde schreit nach Liebe. Sie schreit nach einer Liebe, die sie niemals erhalten hat, nach einer Liebe von der Sarah nicht einmal weiß wie sie aussieht oder sich anfühlt, denn alles was Sarah für Liebe hält ist das, was sie versucht hat dem Vater zu geben - ihr ganzes Sein, das von seiner Nichtliebe vernichtet wurde. Sarah hat nicht die leisteste Ahnung wer sie ist und was Liebe ist.
Mit jedem Mann, dem Sarah später begegnet, reinszeniert sie zwanghaft was sie für Liebe hält. Die Wahl ihrer Männer wird diktiert vom Drama der Kindheit. Diese Männer sind nichts anderes als Stellvertreter für den lieblosen, schwachen Vater. Ihre Wahl wird diktiert von ihrem unbewussten Bedürfnis das Schuldgefühl dem Vater gegenüber, weil sie ihn nicht retten konnte, zu mindern. Es wird diktiert vom emotionalen Klima, dass sie als Kind erlebt hat und das sich in jeder neuen destruktiven Beziehung wie Heimat anfühlt. Es wird diktiert von Sarahs Erfahrung von Nichtliebe. Es wird diktiert vom Beziehungserleben in der Ursprungsfamilie.

Das klingt absurd, das klingt paradox, das klingt geradezu nach Wahnsinn. Und so fühlt es sich für Sarah auch an, wahnsinnig. Denn welcher normale Mensch würde sich so einen Albtraum ein weiteres Mal antun, wenn er ihm endlich entkommen ist?
Alle Co-abhängigen tun das. Egal wie intelligent, wie erfolgreich, wie klug sie sind, egal ob sie wissen, dass das, was sie da leben, zerstörerisch ist und falsch und ungut für ihr ganzes Leben ist, sie können nicht anders. Sie sitzen in der Falle und obwohl sie es wissen - sie kommen da alleine nicht raus.

Viele Menschen begreifen das nicht, sie finden es unfassbar, dass ein Mensch das traumatische Erleben seiner Kindheit in Endlosschleife wiederholt. Aber der Trieb das Erlebte, Vertraute zu wiederholen, ist uns allen gleich. Man nennt es Wiederholungszwang: Das Vertraute gibt uns ein Gefühl von Heimat, egal wie schmerzlich und grausam es dort war. Es vermittelt uns das Gefühl von Sicherheit, eben weil es vertraut ist. So befremdlich es ist: Das Kind von damals wiederholt das alte Leid im unbewussten Versuch es dieses Mal besser zu machen: Nämlich den Vater zu retten und den Kampf gegen die eigene Ohmacht, gegen die eigene Scham und die eigenen Schuldgefühle zu gewinnen. Der Kampf war nie zu gewinnen und er ist nicht zu gewinnen. Er endet wie damals im Verlust des eigenen Selbst. Um dieses Selbst zurückzugewinnen müssen Co-abhängige lange kämpfen, aber dieses Mal für sich selbst und nicht für andere, die ihre Rettung in Wahrheit nicht brauchen. Sie müssen sich selbst retten.

Zurück zu Sarah. Langsam lernt sie, das Geben nicht sich Aufgeben bedeutet und Liebe nicht Schmerz und Verletzung.
Wir arbeiten weiter daran.


www.wende-praxis.de








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