Dienstag, 3. März 2015

Aus der Praxis – Die dunkle Seite des Inneren Kindes und seine destruktive Macht

 


So wie wir Erwachsenen haben auch kleine Kinder eine oder mehrere Seiten. Jeder von uns kennt mindestens zwei Seiten kleiner Kinder: den lieben, kleinen Engel und den bösen, kleinen Teufel. So hat auch das Innere Kind in uns eine dunkle Seite: das tyrannische Kind. Diese Seite will ihren Willen haben. Geschieht das nicht, wird das Innere Kind wütend, ängstlich, gemein oder trotzig.

Egal um welches Innere Kind es sich handelt – es will nicht erwachsen werden und es will keine Verantwortung übernehmen. Das kann es auch nicht, denn es steckt fest in den Gefühlen der Vergangenheit, weil es keiner dort herausgeholt. Es ist Kind geblieben.

Viele Menschen wissen nicht einmal, dass ein Inneres Kind in ihnen wohnt, wer sollte es ihnen auch sagen? Solche Dinge werden uns nicht beigebracht. Und wo kein Wissen ist bleiben die Dinge unentdeckt. Nun ist es aber, was die Seele anbelangt, in der Regel immer das Unentdeckte, was den Menschen leiden lässt, weil es ihn beherrscht und somit zu seiner eigenen Marionette macht.

Die dunkle Seite des inneren Kindes hat viele Werkzeuge. 
Werkzeuge, die es entwickeln musste um sich vor Verletzung und Leid, das es erfahren musste, zu schützen und zwar um seelisch zu überleben. Das muss in unseren erwachsenen Augen kein großes, gewaltiges Leid gewesen sein, es genügt, wenn das Kind beispielsweise lernt, dass es nur dann geliebt wird, wenn es seine eigenen Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisse der Eltern oder eines Elternteiles aufgeben muss. Um das zu bewältigen erschafft es sich eine Identität des „braven, ruhigen, folgsamen Kindes“, das seine Wünsche aufgibt um den Eltern zu gefallen. In diesem Aufgeben aber schafft sich das kleine Wesen ein Selbst, das es künstlich herstellen muss. Entgegen seinem wahren Wesen, welches seiner innersten Natur nach vielleicht wild und kreativ ist, nimmt es all seine Kraft zusammen um sich ruhig und angepasst zu verhalten, um geliebt zu werden. Das kostet nicht nur immense mentale und emotionale Kraft, es führt zu einer Selbstverleugnung, die katastrophale Folgen für das psychische Gleichgewicht und das wahre Selbst eines Kindes hat.

Zum Einen entwickelt dieses Kind, um geliebt zu werden, ein falsches Selbst, zum Anderen empfindet es auf einer tiefen Ebene eine große Trauer und zugleich eine trostlose Wut, und zwar darüber, nicht als das Wesen geliebt zu werden, das es ist: um seiner selbst willen. Diese Gefühle muss es jedoch unterdrücken, denn sonst gelänge das brav sein tun nicht und die Liebe zu den Eltern würde erschüttert. Diese zu verlieren bedeutet für jedes Kind einen inneren Tod, den es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern muss.
Je länger aber Gefühle von Trauer und Wut unterdrückt werden müssen, desto tiefer gleiten sie ins Unterbewusstsein. Im Gegenzug schaltet die falsche Identität auf Automatik und das Kind verliert sich in dieser falschen Identität von der das Unterbewusste genau weiß – sie ist nicht echt.

Jedes Innere Kind findet seiner Lebenssituation entsprechend andere Werkzeuge um seelisch zu überleben.
Wenn das innere Kind z. B. Angst als ein Werkzeug benutzt, um sich vor seelischem Leid zu schützen und wir verstehen nicht, dass es eine alte Schutzhaltung in einem kindlichen Teil von uns ist, werden wir es als Erwachsene mit der Angst zu tun haben.

Ein Beispiel:
Eine Frau hat, sobald sie beruflich oder privat gefordert wird etwas zu erreichen, panische Angst. Die Angst wird so mächtig, dass sie glaubt, nicht fähig zu sein, die Situation zu meistern. Die Angst führt dazu, dass sie unter extremen seelischen Druck gerät und völlig irrational handelt: anstatt die Verantwortung zu übernehmen um zu erreichen, was sie schaffen soll, übernimmt sie diese erst gar nicht. Sie macht sich klein, regrediert in den Status den Inneren Kindes, duckt sich und lässt die Anderen entscheiden. Auf diese Weise lebt sie fremdbestimmt und gerät so in immer neue Abhängigkeiten. Das macht ihr wiederum Angst, denn die Erwachsene weiß genau, dass ihre Angst zu versagen sie handlungsunfähig und somit um Spielball fremder Mächte macht.

Die Verantwortungsübernahme für eigenes Handeln, koppelt sich automatisch mit der Angst zu versagen. Als Kind hat diese Frau gelernt, dass sie nur dann geliebt wird, wenn sie etwas erreicht, was für die Mutter wichtig ist. Jedes Mal wenn sie etwas tun sollte, das ihre Leistung forderte, sagte die Mutter: „Wenn du das schaffst, bekommst du eine Belohnung.“ Schaffte es das Mädchen nicht, gab es nichts. Dazu ist zu sagen, dass diese Belohnung die einzige Liebesbezeugung war, die die Mutter zu geben fähig war. Sie war eine unglückliche Mutter, die dem Kind ständig vermittelte. "Es wäre besser es gäbe dich nicht."

Das Innere Kind dieser Frau hat gelernt, dass es nur dann Liebe in Form einer materillen Belohnung bekommt, wenn es „gut genug“ ist, um etwas zu erreichen, wenn es sich anstrengt um Mama glücklicher zu machen. Ein Teil dieses Kindes wusste instinktiv, dass das keine Liebe ist. Unter diesem Druck hatte es so viel Angst die Belohnung nicht zu bekommen, dass es sich von Anfang an bereits von der Aufgabe komplett überfordert fühlte, die ihm davon abgesehen nicht einmal Liebe "verschaffen" konnte. Dass es in der Folge aufgrund seiner Angst und dem Wissen um Vergeblichkeit scheitern musste, muss ich nicht erklären. Auch nicht wie groß die Angst war wieder zu versagen und die innere Einsamkeit brennend zu spüren, zu spüren ein ungewünschtes Kind zu sein, dass egal was es tut, ungeliebt bleibt. Um sich vor diesem Gefühl zu schützen tut das Kind das Einzige was es in seinen Augen tun kann - es handelt nicht mehr aktiv um ein Ziel zu erreichen. Gleichzeitig aber geht mit dieser Enttäuschung und diesem Gefühl innerer Einsamkeit auch eine große Wut auf die Mutter einher, die dem Kind beibringt: "Du bist nur gewünscht, wenn du etwas schaffst, also nicht weil du mein geliebtes Kind bist, denn eigentlich liebe ich dich gar nicht." Die dunkle Seite des inneren Kindes hat durch die traumatischen Verletzungen seitens der Mutter Angst und gleichzeitig Wut aufgestaut, die sich immer dann zeigen, wenn das Leben (Mama) etwas fordert. Es projizierte Wut auf alle Menschen, die etwas von ihm fordern, wovon es glaubt, dass es das sowieso nicht leisten kann. Die Angst wieder „verarscht“ zu werden führt zur Abwehrreaktion: "Was nützt es, wenn ich es schaffe, ich bin sowieso allein und ungeliebt, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge. Die Folge einer solchen Traumatisierung ist eine lebensbeherrschende Angst vor Herausforderungen und eine trostlose Wut darüber überhaupt etwas leisten zu müssen, um als Mensch „geliebt“ und gewünscht zu sein. 

Die Realität der Gegenwart dieser Frau ist von der dunklen Seite des inneren Kindes beherrscht, das trotzig seine alten Überzeugungen immer wieder bestätigen muss, um sich zu schützen. Ein Teufelskreis. Dass diese Frau in einer inneren Zerrissenheit lebt und wie ein Dampfkochtopf vor Wut innerlich brodelt ist kein Wunder. Und dass die alte Angst dazu führt, dass sie denkt – alle wollen mich verletzen, auch nicht.

Die dunkle Seite des Inneren Kind warnt die Frau in diesem beispiel also mit Angst. Das Innere Kind handelt so, weil es keinen anderen Ausweg sieht, um sich vor neuen Verletzungen zu schützen. Und es ist wütend, weil es diese Angst hat und wütend auf die Welt, die an seiner Angst Schuld hat. Und so schreit die Stimme des kleinen Tyrannen wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat: "Du schaffst das nie und auch wenn du es schaffst, das hilft dir gar nichts, du bist sowieso mutterseelenallein, also lass es oder willst du wieder verarscht werden!"

Hier ist die dunkle Seite des inneren Kindes absolut destruktiv für die Frau. Das Dunkle im Inneren Kind sabotiert ihr Leben und hält sie davon ab neue positive Erfahrungen zu machen.

Was ist hilfreich?

Zuerst muss folgendes erkannt werden: Das tyrannische Kind blockiert den körperlich erwachsenen Menschen durch seine unbewusste Rückwärts­gewandtheit.
Wenn die dunkle Seite des Kindes die Macht über ihn hat, lebt der Erwachsene in einer ihm unbewussten traumartigen Rückwärtsgewandtheit, die in der Gegenwart in bestimmten Situationen immer wieder zwanghaft reaktiviert wird. Der Erwachsene regrediert, was heißt: er fällt auf frühere Stufen seiner Entwicklung zurück – er fühlt und denkt wie das verletzte Kind, das er einst war. Der kleine Teufel hat ihn in der Hand. Damit denkt, fühlt und handelt er aus der Vergangenheit heraus und verliert damit den Kontakt zur Gegenwart, mehr noch – die Gegenwart wird mit den alten Erfahrungen geradezu überlagert und kann daher nicht rerfahren und erlebt werden wie sie wirklich ist, sondern wird mit den alten Gefühlen gespeist, gedanklich verzerrt und aus Kindersicht umgedeutet. Solange das nicht erkannt wird und die Frau von der dunklen Seite des Inneren Kindes abgeschnitten ist, d.h. sich ihrer nicht bewusst ist, wird das Innere Kind weiter in ihr wüten. Es bleibt in der Vergangenheit hängen und schafft immer neues Leid in der Gegenwart.

Wenn jemand Angst hat, braucht er uns am meisten. Das Innere Kind braucht die erwachsene Frau.
Er braucht Verständnis, Annahme und Liebe. Auch wenn es schwer fällt so eine teuflische Seite zu lieben, es ist der einzige Weg ihr zu helfen um ihre destruktive Macht zu entmachten. Aber es braucht keine Liebe, die alles erlaubt, die seinem Willen nachgibt und sich alles gefallen lässt – es ist eine starke, erwachsene Liebe, die dem teuflischen Tun mit Klarheit, Konsequenz und einem bewussten: "Stopp, so schadest du mir und dir! Das ist nicht hilfreich!" Einhalt gebietet. Das tyrannische Kind muss erkannt und dann sehr bewusst beobachtet werden, um zu erkennen wann es sein zerstörerisches Tun in Gang setzt. Es braucht die liebevolle Aufmerksamkeit und die klare bebachtende Haltung des Inneren Erwachsenen, der seine alten Mechanismen und Handlungsmuster nach und nach entlarvt um sie zu verstehen und dann los zu lassen. Es braucht Grenzen, wie alle Kinder. 

Wenn wir uns der Verzerrung des Jetzt, welche die dunkle Seite des verletzten Inneren Kindes in uns kreiert, bewusst werden und verstehen, dass da ein Teil in uns wirkt, der noch nicht in der Gegenwart angekommen ist, ist es möglich, dass in einem langen Prozess Wandlung geschieht. Die Antworten, die das Leben erfordert, ergeben sich aus dem realen Moment heraus und nicht aus den erschütternden Erfahrungen der Vergangenheit, die das Jetzt verzerren. Hilfreichen Antworten finden wir erst dann, wenn wir begreifen was da "Altes" in uns wirkt, das ein wahrhaft erwachsenes Leben verhindert, und es aus seinem emotionalen Gefängnis herausholen.





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