Dienstag, 4. November 2014

Aus der Praxis – Trauma, Posttraumatisches Belastungssyndrom und Retraumatisierung




Unsere Psyche verschafft uns Zugang zum Innen und zum Außen. In ihr enthalten ist wahrnehmen, fühlen, denken, erinnern und das sich selbst bewusst sein. Die Psyche ist in der Lage sich anzupassen, auch an destruktive Bedingungen und Beziehungen. Erleben Menschen allerdings ein Trauma, zerfällt ihre Psyche in Einzelteile.

Ein Trauma ist ein Ereignis das dazu führt, dass sich mentale und körperliche Strukturen in sich trennen. Ein Trauma wird dann erlebt, wenn in einer lebensbedrohlichen Situation alle Stressprogramme versagen, sprich, wenn kämpfen oder fliehen nichts helfen und der totale Verlust der Kontrolle über das eigene Sein stattfindet. Der Traumatisierte erfährt: Alles was normalerweise hilft, hilft nichts, die Situation ist ausweglos. Also muss etwas im Gehirn die Stressprogramme ausschalten, was zur Folge hat, dass die Psyche ihre Ganzheit aufgibt, das Ich fragmentiert sich und spaltet sich auf. Die lebensbedrohliche Situation, die Ohnmacht, die Angst, das Ausgeliefertsein werden im Gehirn gespeichert. Wird der Traumatisierte später mit einem Reiz, der nur irgendeinem Reiz aus der traumatischen Situation ähnelt, konfrontiert, löst dieser sofort die in der Erinnerung gespeicherten Gefühle aus. Es kommt zu verschiedenen körperlichen Symptomen wie Atemnot, Schweißausbruch, Übelkeit oder Herzrasen, im schlimmsten Fall zu Panikattacken. Hier kann die bewusste Wahrnehmung oft keinen Zusammenhang herstellen, der Traumatisierte versteht sich selbst nicht mehr, er ist allein mit seiner Angst und seiner Ohnmacht, die er immer wieder erlebt, ohne zu wissen wann und wo sie ihn treffen werden.

Manche Menschen erleben ein so schweres Trauma, dass sich nach einem diesem Ereignis eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, eine psychische Störung, die auftreten kann, nachdem ein Mensch etwas Außergewöhnliches erlebt hat, etwas, was mit drohendem Tod oder der ernsthafter Verletzung der eigenen oder einer anderen Person einher ging. Die PTBS zeigt sich meistens ca innerhalb von einem halben Jahr nach dem traumatischen Ereignis, sie kann aber auch mit einer Verzögerung von vielen Jahren oder Jahrzehnten auftreten und geht mit unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Symptomen einher. Häufig kommt es zu einem grundlegenden Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen durch die traumabedingte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses sowie einem Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen Menschen. Man könnte sagen, der Traumatisierte hat den Kontakt verloren zum Boden der Realtität und allem was sich darauf bewegt. Die Welt erscheint ihm unberechenbar und feindselig. Der Glaube, das auch nur etwas in der Welt verlässlich ist, geht verloren.

Wenn das Ereignis als sehr belastend erlebt wird oder zur Folge hat, dass der Betroffene danach ein völlig anderes Leben als vorher führen muss, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eine PTBS zu entwickeln, das heißt - der Mensch bleibt mit seinen Gedanken in dem belastenden Ereignis "stecken". 

Gemäß der Definition der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschafte)  ist die „Posttraumatische Belastungsstörung "eine mögliche Folgereaktion eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse, wie z. B. das Erleben von körperlicher und sexualisierter Gewalt, auch in der Kindheit, Vergewaltigung, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person, Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Krieg, Kriegsgefangenschaft, politische Haft, Folterung, Gefangenschaft in einem Konzentrationslager, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit, die an der eigenen Person, aber auch an fremden Personen erlebt werden können."

Bei Menschen, die eine PTBS haben, sind die Antennen für Gefahr immerzu weit ausgefahren. Alles Laute, alles Aggressive, jeder Reiz, jede Begebenheit, alles was nur im entferntesten Gefahr bedeuten kann, wird zum potentieller Trigger, zum Auslöser für den Beginn einer erneuten Traumatisierung. Besonders Bilder, Geräusche, Gerüche und Ereignisse, die der Traumatisierte mit dem Erlebten verbindet, können dazu führen, dass es zu einer Retraumatiserung kommt. Eine Retraumatisierung benötigt also keine tatsächliche Wiederholung des Ereignisses, sie kann schon durch die Konfrontation mit einer abstrakten Gefahr oder der Vorstellung einer Gefahr ausgelöst werden, mit anderen Worten: Das Trauma verzerrt die Realität der Gegenwart, weil es nicht auszuhalten war, was in der Vergangenheit erlebt wurde.

Nicht aufgelöste Traumata fressen unendlich viel psychische Energie, auch wenn ihre Folgen sich bei jedem Menschen anders zeigen und sie machen auf Dauer krank. So kommt es laut einer Studie der Universität Kalifornien aus dem Jahr 2011 bei Frauen, die von PTBS betroffen sind, häufiger chronische Entzündungen auf, die zu Herzerkrankungen und anderen chronischen, das Leben verkürzenden Krankheiten führen können.

Grundsätzlich ist der traumatisierte Mensch nicht sein Trauma, aber die Psyche jedes traumatisierten Menschen ist gespalten in gesunde Anteile, traumatisierte Anteile und Überlebensanteile. Das Leben mit PTBS ist extrem anstrengend, denn die Innenwelt der Betroffenen hat permanent mit diesen verschieden Teilen zu tun, die gegeneinander ankämpfen. Für Menschen, die das nicht erlebt haben ist das schwer oder gar nicht nachzuvollziehen, daher fühlen sich Menschen mit PTBS oftmals innerlich sehr einsam und vom Leben ausgeschlossen.

Die Symptome einer PTBS werden in der Traumapsycholgie in drei Cluster unterteilt:
Der erste Cluster ist das sogenannte Wiedererleben, der zweite Cluster ist die Vermeidung und der dritte Cluster ist die körperliche Übererregung, die Hypervigilanz.

Wiedererleben
Wiedererleben bedeutet, dass der Betroffene nach dem traumatischen Ereignis nicht aufhören kann, das Ereignis oder Teile des Ereignisses immer wieder zu erleben. Diese Nachhallerinnerungen führen in Situationen, die der erlebten Belastung ähneln, zur inneren Bedrängnis und lösen u. U. sogenannte Flashbacks aus, wie zum Beispiel nach einem Autounfall. In der Erinnerung sieht der Betroffene den ganzen Unfallhergang oder Szenen des Unfalls vor seinem inneren Auge wie einen Film ablaufen. Er träumt nachts davon, oder die Gedanken daran schieben sich in den Alltag und laufen wie ein Subtext mit. Er muss immer wieder daran denken. Wohlgemerkt: Er „muss“ immer wieder daran denken, nicht "er will daran denken“. Das Ereignis ist in den Traumaanteilen der Psyche einprogrammiert und viel stärker als die gesunden Anteile, so dass diese keine Chance haben, dieses "müssen" zu blocken oder erst gar nicht entstehen zu lassen.

Vermeidung
Vermeidung bedeutet, dass der betroffene Mensch nach dem traumatischen Ereignis entweder das ganze Ereignis oder Teile, die er damit verbindet, vermeidet. Das klassische Beispiel nach einem Autounfall: Der Traumatisierte vermeidet das Autofahren, weil das Auto selbst ein Trigger ist.

Hypervigilianz
Diese erhöhte Wachsamkeit führt zu körperliche Erregung und zeigt sich in Symptome wie Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und ständiger innere Unruhe. Hypervigilanz bedeutet auch, dass die Person zum Beispiel Geräusche generell lauter wahrnimmt, als sie tatsächlich sind.

Das sind nur einige Parameter, die das Störungsbild der so genannten "Posttraumatischen Belastungsstörung" ausmachen. Grundsätlich aber hat ein Mensch, der schwer traumatisiert ist und unter einer PTBS leidet, hat das Vertrauen in das Leben selbst verloren, er hat wenig Energie für ein normales Leben oder für andere, denn er verbraucht sie um psychisch zu überleben. 

Erst wenn es gelingt das Trauma zu er-lösen wird Energie frei. Dann erst haben diese Menschen Kraft für die Gegenwart. Was sie brauchen ist neben einer sinnvollen Therapie viel Ruhe, Akzeptanz und das Verständnis und die Geduld derer, mit denen sie ihr Leben teilen.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen