Sonntag, 8. August 2010

Don Juan, eine Betrachtung

Don Juan, Mischtechnik 2015


Don Juanismus ist weiter verbreitet als man glauben möchte. In einer dem Narzissmus verfallenen Gesellschaft ist er das Synonym für eine egoistische, narzisstische Verführungssucht, derer, die sich selbst bespiegelnd im anderen lieben.
Don Juan ist eine tragische Figur. Seine Tragik liegt im Steckenbleiben in der Selbstbewunderung. Don Juan sucht die Bestätigung der eigenen Attraktivität und Bewunderung durch ständig wechselnde Partnerinnen, er ist zu stabilen Beziehungen zu leben. Dadurch entstehen innere Leere und Langeweile. In Don Juans Wegwerfbeziehungen wird die Sexualität ihrer kommunikativen Funktion entkleidet und zur bloßen Befriedigung seiner sexuellen Triebe. Seine rastlose Suche nach Bestätigung ist eine Kompensation der bodenlosen Einsamkeit durch immer neue flüchtige Liebesabenteuer. Dieses Verhalten führt mit der Zeit zum Verlust der Moral und des Gewissens. Die rein sexuellen Beziehungen bestärken den Mann zwar in seiner Männlichkeit, doch verachtet er die Frauen dafür, dass es ihm immer wieder aufs Neue gelingt sie zu verführen.

Solche Männer sind oft realitätsfremd, naiv, kindlich und verträumt. Wichtig sind ihnen die Illusion ewiger Jugend und die Vermeidung von Verantwortung. Don Juan hat Angst vor dem Endgültigen.
Don Juan skizziert sich auf drei Ebenen:
-    der berechnende Sucher
-    der gebeutelte Suchende
-    der verbitterte Zerstörer

Wie weit geht Don Juan um sein Ziel zu erreichen?
Wie ist seine Natur?
Was ist sein Ziel?
Was ist sein Motiv?
Was ist seine Strategie?
Was ist der Mythos?

Natur und Ziel
Don Juan ist ein unabhängiger Mensch, den nichts und niemand binden kann und für den Stillstand mit Tod gleichzusetzen ist. Konstanz und Dauer sind nicht seine Sache, er sucht die Herausforderung in wechselnden Abenteuern. Diese Unabhängigkeit ist die eine Seite seiner Natur. Die andere Seite ist seine Skrupellosigkeit. Er betrachtet Frauen als „Objekte“ und genauso behandelt er sie auf dem Weg zu seinem Ziel. Dieses Ziel ist von Besessenheit nach Eroberung gekennzeichnet. Don Juan erobert wahllos, um des Eroberns willen. Das Ziel ist also nicht die eroberte Person, sondern die Jagd und das Erzwingen seines Willens. Je größer die Hindernisse, desto größer sein Sieg. 
Don Juan lässt sich immer wieder aufs Neue faszinieren. Im selben Moment, in dem er ein neues Opfer für seinen triebhaften Eros gefunden hat, ist das Vergangene vergessen. Sein Denken ist auf Zukunft ausgerichtet. Die Welt des Don Juan ist allein von seinem Ego beherrscht. Nichts anderes hat eine Bedeutung. Er ist ein von egozentrierten Motiven beherrschter Mensch, für den die Gesetze von Moral nicht gelten. Seine Welt besteht aus dem Augenblick, der bereits die Zukunft in sich birgt und diese ist nicht vom Wunsch nach Dauerhaftigkeit geprägt, ebenso wenig wie seine Beziehungen. 
Seine Beziehungen sind der Spiegel seines Inneren. Sobald er eine flüchtige Beziehung eingeht existiert die andere nicht mehr. In Don Juans Welt gelten nur seine Waffen mit denen er es immer wieder schafft Eindringlingen, die mit seiner Welt nichts zu tun haben, Paroli zu bieten. Daher hat er keinen Bezug zu einer Familie oder zu Freunden. Er ist ein Einzelgänger, ein einsamer Jäger, der sich vor Irritationen, die seine Jagd stören könnten, wie tiefe Bindungen, hütet und sie vermeidet. Don Juans Waffe ist die Kommunikation, er lebt von den Worten und vom Beenden derselben. Am Ende ist Schweigen, Ignoranz und das Verlassen des Schauplatzes, das Entwerten dessen, was das verletzte Gegenüber sagt. Es besteht eine tiefe innere Weigerung sich mit einer Sache dauerhaft auseinanderzusetzen.
Don Juans Strategie 
Don Juan ist ein Schönredner. Mit Worten verherrlicht er sein Gegenüber. Er holt es mit Schmeicheleien, Überhöhungen und Versprechungen aus seiner Welt heraus und malt ihm die große Liebe in den buntesten Farben aus. Er schlüpft in die Rolle des Retters aus der Monotonie eines normalen Lebens.
Die Frauen und Don Juan
Nachdem eine Frau einmal diese, seine Welt, betreten hat gibt es nichts mehr was sicher ist. Die Werte der „normalen“ Welt verlieren ihre Gültigkeit. Ein Zurück nachdem er sie fallen lässt, lässt ihre normale Welt leer und unerfüllt erscheinen. Das Gefühl seiner Opfer - das Höchste an Liebe erlebt zu haben - verhindert das sich wieder Abfinden mit der Normalität. Die Frau ist aus der normalen Welt herausgefallen, sie ist verwirrt, instabil, bezugs- und orientierungslos. Dazu kommt die Scham einer Täuschung erlegen zu sein und das bittere Erkennen einer Lüge anheim gefallen zu sein. Sie begreift den Verrat der eigenen Gefühle von Liebe, die missachtet und entwertet wurde. Sie wird sich schmerzhaft bewusst, dass sie nicht die Schönste, die Begehrenswerteste und nicht die große Liebe des ewigen Verführers ist.
Die Erfahrung mit Don Juan lässt ein Weltbild ins Wanken kommen. Sie macht die Illusion eines weiblichen Selbstbildes zunichte, das durch Don Juan künstlich und bewusst erhöht wurde - mit dem Ziel es am Ende zu zerstören. Was bleibt ist ein Misstrauen gegen das Männliche schlechthin. Don Juan zerstört den Glauben an das eigene Selbst der Frau, den Glauben an die Wahrhaftigkeit und an die Liebe.
Don Juan und die Schuld
Don Juan verführt und lockt die Frauen mit Versprechungen, unterschlägt aber, dass sie keine dauerhafte Gültigkeit haben. Er handelt mit Vorsatz, ohne Rücksicht und Empathie und nimmt die Zerstörung weiblicher Seelen billigend in Kauf.
Das ist der Punkt, wo Don Juan sich schuldig macht. 
Der verbitterte Zerstörer
Wie viele Menschen ist Don Juan ein Suchender nach dem Ideal endlicher Befriedigung. Er sucht, was Leben ausmacht, in den Frauen. Dabei will nicht hinnehmen, sondern nehmen. Eine Suche, die enttäuscht wird, mit jeder neuen Erfahrung einmal mehr. Er fordert das Schicksal heraus, aus Bitterkeit, weil ihm sein Wunsch versagt bleibt, seine Sehnsucht unerfüllt bleibt. Er muss zerstören aus Verachtung für die Menschen und für Gott, die ihm seinen Wunsch nicht erfüllen. Doch diese dämonische Besessenheit macht ihn nicht abstoßend. Vielmehr macht der tiefe Schmerz, die Enttäuschung und seine Leidenschaft das aus, was die Frauen in ihrer Sehnsucht nach Liebe anzieht. Don Juan ist der Spiegel für ihre eigene Enttäuschung. Er ist der Resonanzboden auf dem ihre ungelebten Sehnsüchte schwingen und das macht ihn begehrenswert. Don Juan zieht genau diese sehnsüchtigen Frauen an und entzündet ihr Feuer mit seiner Sinnlichkeit. 
Er ist ein Dämon in der Gestalt eines Retters. 
Don Juan und die Worte
Die Kraft und die Magie Don Juans liegen im Wort. Er benutzt jedoch Stereotypen und meint sie nicht ernst. „Don Juan gibt nichts, am allerwenigsten sein Wort.“ (Aus Moliere „ Don Juan ou le festin de Pierre“). Er benutzt Worte so, dass sein Gegenüber das Imaginäre seiner eigenen Illusionen wieder erkennt und sich ihnen hingeben kann. Durch seine Worte wird er zum Mittler und reißt sämtliche Widerstände ein. Er ist ein Gaukler, der der Frau den Spiegel der eigenen Sehnsucht vorhält. Doch dieser Spiegel wird am Ende zum Zerrspiegel. „Die Menschlein um in herum sind nur aufgestellt zu seiner Lust...“ ( Aus E.T.A Hoffmann, Don Juan) 
Das Ende des Don Juan
Don Juan bekommt vom Schicksal eine Chance. Er begegnet Donna Anna. Doch er erkennt das positive Lebensgeheimnis, das ihm in Gestalt dieser letzten Frau offenbart wird, nicht. „In Ihr begegnet ihm auf den Flügeln der Kunst das ewig Weibliche, und als Inbegriff des Menschlichen und somit des Göttlichen erschließt ihm diese Begegnung das Reich des Geistes, jenes Wunderland, dahin schon immer seine Sehnsucht ging.“ (Aus George Byron, Don Juan).
Don Juan gelingt es nicht, als Donna Anna zu seiner Erlösung auftaucht, seine Jagd zu beenden. Er verspielt die letzte Möglichkeit von Liebe. Don Juan ist verbittert. Er kann nicht gerettet werden und verblasst als bemitleidenswerter Rächer.  
Der Mythos Don Juan
Seinem Mythos zufolge ist Don Juan trotz allem ein Genie. Und wie bei allen Genies schwingt die Tragödie mit. Er hat keine Angst vor der Zukunft. Sein Denken ist geradezu auf Zukunft ausgerichtet und nur wenig kann ihn überraschen. Am Ende jedoch liegt das Scheitern, weil das Herausfallen des Menschen aus der ihn umgebenden Welt nur in der Selbstzerstörung enden kann, denn die Welt ist ein Teil des eigenen Ganzen. Spaltet das Individuum die äußere Welt ab, spaltet es einen Teil von sich selbst ab. Wie immer führt das Abspalten einzelner Teile unweigerlich zur Zerstörung des ganzen Menschen.  
Don Juan erkennt nicht, dass Lügen einsam machen. Indem er andere belügt, stößt er sich selbst in die schrecklichste Einsamkeit. Don Juan glaubt nicht an die Liebe. Er sucht sein Glück in der vergänglichen Verliebtheit. Er liebt das Leben in seiner Unvollkommenheit. Doch scheitert er letztlich nicht daran, sondern an der Unfähigkeit seine eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren.
Das wovor wir uns am meisten fürchten ist das, was uns letztlich zerstört.


Kommentare:

  1. Wow. Bin zufällig drüber gestolpert. Das passt so gut und ist so psychologisch fundiert. Das Schlimmste an/für Don Juan ist, dass er keine Wahl hat, weil er ein Getriebener ist, der zwanghaft handelt. Seine Erkenntnis würde ihm nichts nützen. Er kann die Beziehung zur Welt nicht so mir nichts, dir nichts herstellen, weil er sie nie hatte. Das ist seine Tragödie. Er kann selbst in der Erkenntnis die Beziehung nur simulieren/vortäuschen. Der Unterschied wäre nur, dass er sich seiner Getriebenheit bewusst würde. Glücklich würde er auch so nicht.

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  2. danke!

    und ja, glücklich würde er auch so nicht ...

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  3. Eine Darstellungsweise eines Krankheitsbildes, mit der man etwas anfangen kann. Doch würde ich das Wort Dämon weglassen, das ist eine Wertung einer Person, die Wertung hier nichts zu suchen hat. Denn jedes Verhalten oder Charaktereigenschaft ist irgendwo begründet, Leben entsteht immer aus Leben. »Er benutzt jedoch Stereotypen und meint sie nicht ernst«. Wie viele dieser nicht ernst gemeinten Sterotypen muss er von seinen Eltern, vor allem von seiner Mutter gehört haben und dies weiter angewendet und gelebt hat. Es soll das Verhalten ob nun Frau oder Mann nicht entschuldigen. Aber sich dessen Bewusstsein und Änderungen anstreben, das muss man zu erst mal machen, die Verantwortung für diese Arbeit nimmt niemand ab.

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