Dienstag, 6. Januar 2026

Blackout

 



Jeden Tag lese ich die Berichte über die Menschen, die in Berlin ohne Strom in der eisigen Kälte sitzen. Ich bin fassungslos, schockiert und traurig. In Gedanken bin ich bei ihnen. Ich möchte helfen, irgendwie, aber ich bin weit weg. Ich sitze im Warmen, ich habe zu essen, ich habe Licht, ich habe Internet, ich kann telefonieren, rausgehen, einkaufen, arbeiten. Alles ist gut. Ich bin dankbar. Mir ist klar, das ist nicht selbstverständlich. Nicht für die Menschen, die unter dieser Katastrophe leiden müssen. Ich versuche mich in sie hineinfühlen.
Ich stelle mir vor, ich sitze allein in meiner Wohnung, dick angezogen, eingehüllt in eine dicke Decke, aber sie bietet kaum Schutz gegen die eisige Kälte, die mehr und mehr in die Räume zieht. Der eisige Wind pfeift durch die Ritzen der Fenster. Die Kälte dringt tief in meine Knochen ein und ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Gedanken an Unterkühlung kommen hoch. Ich bin mir bewusst, dass ich in dieser eisigen Umgebung ernsthaft in Gefahr bin. Mein Magen knurrt, ich überlege was ich an Vorräten habe. Ein Blick in die Küche zeigt mir, dass die frischen Lebensmittel, die ich noch vor ein paar Stunden als selbstverständlich erachtet habe, jetzt unbrauchbar sind. Ich kann sie nicht kochen. Das Brot wird bald schimmeln, und ich keine Konservendosen, weil ich immer alles frisch koche. Der Hunger wird zu einem nagenden Gefühl der Verzweiflung. Ich frage mich, wie lange ich aushalten kann, ohne etwas Warmes zu essen.
Die Stille, die der Blackout mit sich bringt, ist erdrückend und wird immer bedrohlicher. Es gibt kein Geräusch, keine Musik im Hintergrund, alles ist still. Ich kann nicht telefonieren, mein Handy Akku ist seit Stunden leer. Ich habe kein Internet und kein Radio. Ich vermisse die vertrauten Geräusche des Lebens. Die Kälte, die mir mehr und mehr in die Knochen kriecht, die Ungewissheit über die Dauer des Stromausfalls, schwirren durch meinen Kopf. Denken ist schwer wenn man vor Kälte zittert.
Am Abend spüre ich, wie die Dunkelheit um mich herum immer erdrückender wird. Ich fühle Angst. Kein Licht, nur ein paar Kerzen. Ich muss sie sparsam anzünden, ich kann keine neuen kaufen, die Supermärkte sind geschlossen. Die S-Bahn in die Stadtteile, die Strom haben fährt nicht mehr. Ich habe kein Auto. 
 
In dieser Situation wird mir klar, dass hier um das reine Überleben geht.
Ich muss einen Plan machen. Ich überlege, wie ich meine wenigen Vorräte rationieren kann. Ich habe ein Geld um in ein warmes Hotel zu gehen. Ich muss das hier aushalten. Was, wenn die Wasserrohre platzen? Je kälter es wird, desto stärker wird der Gedanke an Unterkühlung. Ich weiß, mit sinkender Körpertemperatur können Verwirrung und Desorientierung auftreten, die Muskeln reagieren langsamer, was das Gehen und andere Bewegungen erschwert, der Körper verbraucht viel Energie, um die Temperatur zu regulieren, was zu extremer Müdigkeit führt. Wenn die Körpertemperatur weiter sinkt, kann es zu im worst case zu Bewusstlosigkeit kommen. Eine stark reduzierte Körpertemperatur kann zu Herzrhythmusstörungen und Herzschäden durch anhaltende Hypothermie führen.
im schlimmsten Fall zu einem Herzstillstand. Bei extrem niedrigen Temperaturen kann der Körper die Funktionen der Organe nicht mehr aufrechterhalten, was zu lebensbedrohlichen Zuständen führt. Ich habe Angst. Daran darf ich gar nicht denken.
 
Ich spüre, wie meine Hände und Füße anfangen, blau und eiskalt zu werden. Ich bewege mich so oft es geht, ich gehe raus, laufe, um die Blutzirkulation zu fördern, aber die eisige Kälte dringt wie tausend Messerstiche in meine Knochen. Ich weiß, dass ich handeln muss. Ich suche nach allem, was ich nutzen kann, um mich warm zu halten: zusätzliche Kleidung, Decken. Wie soll ich weitere eiskalte Tage und eiskalte dunkle Nächste überstehen? Was, wenn ich krank werde? Wo bekomme ich Hilfe? Und wie? Ich kann nicht telefonieren. Ich gehe nach draußen, suche Orte an denen es Hilfe gibt, einen warmen Tee, etwas zu essen, einen Ort, wo ich mein Handy aufladen kann für den Notfall, einen Ort an dem ich mich aufwärmen kann, bevor ich in die eiskalte Wohnung zurückmuss.
Jeden Tag warte ich nur auf eins, dass die Stromversorgung bald wiederhergestellt wird. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich noch in dieser Kälte aushalten kann. Alle Gedanken kreisen darum das reine Überleben zu sichern und die Herausforderungen des Moments zu meistern. Und mir wird klar wie zerbrechlich alles ist und immer zerbrechlicher wird in dieser Welt.
Ich denke an die Menschen in Berlin. Ich bete für sie.

Sonntag, 4. Januar 2026

Gedanke für den Tag

 



Hör auf, an das zu denken, was du nicht willst.
Energie folgt der Aufmerksamkeit.
Je mehr du dich auf Mangel konzentrierst,
desto mehr nährst du ihn.
Du kannst nur nehmen, was du gibst.
Triff Entscheidungen basierend auf dem,
was wesentlich ist und was für dich Bedeutung hat.
Sei dankbar und schätze,
was du bereits hast und was du bereits bist.
Wenn du das Gefühl hast, genug zu sein und genug zu haben, erreichst du einen Ort der Ruhe.
Beschwerden zehren Energie.
Dankbarkeit schenkt Energie.
Dankbarkeit ist der Schlüssel zu innerem Frieden.

Samstag, 3. Januar 2026

Der neue Hype: Das Heilversprechen Vagusnerv

 



Influencer und Coaches verkünden die frohe Botschaft via Instagram und Tiktok: Stimuliert Euren Vagusnerv und heilt!
Angeblich ist die Wirkung so universell und durchschlagend, dass man sich sogar herkömmliche Therapieformen sparen kann. Den Vagusnerv muss man nur stimulieren und Heilung ist garantiert. Zudem ist sie ganz einfach und für jeden anwendbar. Es geht nur darum den Vagus zu regulieren und das funktioniert indem wir laut tönen, lachen, gurgeln, singen, summen, mit den Augen nach rechts und links schauen, tiefe entspannende Klänge hören, Selbstmassage an den richtigen Stellen anwenden, mit Atmen, Mediation und Yoga. In der Welt der InfluencerInnen ist klar: Die Healingjourney geht allein über den Vagusnerv. Somatische Übungen regulieren nicht nur Stress, sondern heilen Depressionen, Angststörungen und Traumata gleich mit.
Zu schön um wahr zu sein, wenn es denn wo wäre.
 
Was ist wirklich dran an diesem Hype?
Der Vagusnerv (Nervus vagus) ist der längste der zwölf Hirnnerven und fungiert wie eine Datenautobahn in unserem Gehirn, die weitreichende Verbindungen zu den inneren Organen wie Herz, Lunge, Magen und Darm hat. Der Vagusnerv steuert Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Blutzuckerspiegel, Herzfrequenz und Blutdruck. Er beginnt im Hirnstamm und zieht an beiden Seiten des Körpers durch den Hals, den Brust- und Bauchraum, bis zu Dünn- und Dickdarm. Er ist der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems, das für Entspannung, Beruhigung und Regeneration zuständig ist. Er ist der Gegenspieler des Sympathikus, der den Körper in Stress- oder Gefahrensituationen aktiviert. Bei Stress wird der Sympathikus stärker aktiviert als der Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die Alarmbereitschaft zuständig, der Parasympathikus dafür, dass wir entspannen. Es macht also durchaus Sinn den Körper einzubeziehen, um den Geist zu beruhigen. Sich über den Vagusnerv selbst zu regulieren ist ein hilfreicher Weg, um das Nervensystem zu beruhigen. 
 
Aber lassen sich allein damit Traumata auflösen, Angst- und Zwangsstörungen, Süchte, Depressionen oder Neurosen heilen?
Die Existenz der Körper-Geist-Verbindung ist nichts Neues.
Dass Traumata im Nervensystem gespeichert sind, auch nicht. Wir wissen, dass Traumata das autonome Nervensystem, insbesondere den Vagusnerv, in seiner Funktion stören. Die Stimulation des Vagusnervs kann dabei unterstützen das Nervensystem zu regulieren, indem sie den Parasympathikus aktiviert und so einen inneren Zustand der Ruhe fördert. Studien haben gezeigt, dass es durch die Vagusnervstimulation zur Verbesserungen bei PTBS-Symptomen kommen kann.
Schon Peter Levine wusste, als er mit Somatic Experiencing einen körperorientierten Ansatz zur Traumatherapie entwickelte, dass Traumata als blockierte Energie im Nervensystem gespeichert werden und dass sanfte, körperfokussierte Arbeit hilfreich ist um Stressreaktionen zu regulieren. Dabei wird die Aufmerksamkeit auf innere Empfindungen und das autonome Nervensystem gelenkt, anstatt sich primär auf die kognitive Verarbeitung des Traumas zu konzentrieren. Nach und nach soll so das Nervensystem entlastet werden, um eine Dauerübererregung zu vermeiden, wobei Geduld und Kontinuität wichtig sind, um das System langfristig zu regulieren.
Es kommt zu einer Symptomlinderung.
Man beachte „Linderung“ und das bedeutet nicht Heilung.
 
Die Verarbeitung von Traumata, Angststörungen und Depressionen ist hochkomplex und nicht jede Methode wirkt bei jedem Menschen gleich. Heilung umfasst Körper, Geist und Seele. Heilung erfordert weit mehr als die Fähigkeit des Körpers zur Selbstregulation zu verbessern.
Die Stimulation des Vagusnervs zur Selbstregulation und zur Beruhigung des Nervenssystems um das Gefühl von Sicherheit im eigenen Körper wiederzuerlangen ist ein wirksames Werkzeug zur Unterstützung einer traditionellen Therapie. Sie allein ersetzt aber weder die Aufarbeitung eines Traumas, noch heilt sie eine Angststörung. Heilung ist ein Prozess und kein Quick Fix. Sie erfordert in der Regel eine umfassende, oft langwierige psychologische Behandlung, die darauf abzielt, belastende Erinnerungen zu verarbeiten, zu integrieren und vor allem neue Bewältigungsstrategien zu erlernen. Traumata und Ängste lassen sich nicht wegmassieren und Depressionen lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, indem wir tönen und singen.
Die Vagusnervstimulation ist hilfreich und unterstützend. Sie ist jedoch keine eigenständige Heilmethode und schon gar kein Wunderheilmittel. Die Healingjourney kennt keine Abkürzung. 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de