Donnerstag, 31. März 2016

Absolute Beginner



Beginne dort, wo du stehst, mit dem, was du hast.
Schau nicht auf das, was du nicht mehr hast.
Schau nicht auf das, was du noch nicht hast.
 Beginne dort, wo du stehst, mit dem, was du hast.

Mittwoch, 30. März 2016

Gedankensplitter





Wir sind das Alte leid, wir wissen, dass es so wie es war und wie ist, nicht ist, wie es sich jetzt noch richtig anfühlt. Ein Platz vielleicht, den wir einnehmen, aber keine Heimat, kein angekommen sein - in uns selbst.  Und dann begeben wir uns auf die Suche nach einem anderen Land.
Aber, zwischen dem Land, das wir hinter uns lassen, und dem Land, auf das wir zugehen, liegt ein mühsamer Weg durch ein Niemandsland, unbekannt, unberechenbar.
Eine lange Phase der Herausforderung, des Willens, der Unbeirrbarkeit, des Nichtwissens.
Geh ... geh ... geh einfach ...


Montag, 28. März 2016

Meine Wahrheit



Ich bin überzeugt davon, dass Menschen nicht veränderbar sind, sondern nur das entfalten können, was in ihrem ureigenen Wesen angelegt ist - im Guten wie im Unguten.
Ich weiß, dass jede menschliche Entwicklung keine lineare ist, sondern, dass wir unsere Anlagen, unsere Stärken und Schwächen, bedingt und beinflusst durch die Menschen und den jeweiligen Kontext in dem wir leben, mal stärker in die eine Richtung und mal schwächer in die andere Richtung und umgekehrt, entfalten und ausleben. Wir werden niemals ein neuer Mensch, sondern bestenfalls mehr wir selbst.

Ich glaube an einen Gott, der mich trägt und mir hilft, wenn ich nicht weiter weiß. Ich stelle mir nicht die Frage ob es ihn gibt und zweifle nicht.

Ich bin überzeugt davon, dass nur der wahrhaft lieben kann, der als Kind geliebt wurde, so wie er es brauchte. Ein Mensch, der diese Liebe nicht gefühlt und erfahren hat, wird sein Leben lang nur Konstruktionen von Liebe machen, die in der Welt seiner Gedanken existiert - eine Vorstellung von  Liebe, die nicht gefühlt ist, weil etwas nicht Gefühltes immer nur ein Gedanke ist. Die Welt ist voll von diesen ungeliebten Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur das in uns wecken können, was in uns angelegt ist. Alles andere sind aufgesetzte Falschheiten, Wunschdenken und Gaukeleien unserer Gedanken. Wenn die Liebe aber in uns angelegt ist, werden wir sie wecken, auch ohne als Kind geliebt worden zu sein.

Ich bin überzeugt davon, dass ein Mensch seine Wahrheit nur in der Stille und im Alleinsein finden kann. Ich hüte mich davor zu viel Nähe mit Menschen aufzubauen, die die Einsamkeit nicht aushalten, weil ich weiß, wer die Einsamkeit nicht aushält, kann sich selbst nicht aushalten und braucht andere, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Ich halte den Lärm und die Reizüberflutung in unserer Welt für zerstörerisch und krank machend für Körper, Geist und Seele. Ich halte ein Übermaß an Zerstreuung für den größten Schaden, den wir unserer Kreativität und unserer Spiritualität antun können. Ich interessiere mich weder für die täglichen Nachrichten, noch für Gazetten. Das sind Informationen, die ich nicht beeinflussen kann, die jedoch mich beeinflussen und wie Müll und Unrat mein Innerstes vergiften.

Ich halte Schöpferkraft für die größte Gabe des Menschen. Sie auszuüben heißt, Gott am Nächsten sein. Wenn die Schöpferkraft eines Menschen brach liegt und/oder ungenutzt bleibt, stirbt seine Lebendigkeit und er empfindet Sinnleere.

Ich glaube nicht an die Existenz eines freien Willens, denn ich weiß um die frühkindlichen Prägungen, die unser Unterbewusstsein dominieren und jeden scheinbar bewussten Gedanken oder Handlung stark beeinflussen. Ich weiß jedoch, dass wir die Fähigkeit haben, unser Unterbewusstsein zu ergründen und zu lernen, was für uns wahr ist und was uns Unwahres über uns selbst beigebracht wurde, um es dann zu korrigieren. Ich weiß, dass das unendlich schwer ist und lange dauert.

Ich vertraue keinem Menschen bedingungslos, außer mir selbst, weil ich um die Unberechenbarkeit  der Menschen weiß, auch um meine eigene. Ich mag Menschen, die sich selbst und anderen nichts vormachen und halte die Selbstlüge für die größte Lüge, die alle anderen Lügen nach sich zieht.

Ich halte es für eine der größten Anmaßungen, zu behaupten einen anderen zu kennen, denn niemand kennt sich selbst in seiner Ganzheit. Daher misstraue ich Menschen, die meinen mich zu kennen. Den anderen ganz und gar kennen zu wollen heißt, ihn für sich selbst berechenbar machen zu wollen, um ihn zu kontrollieren.

Ich weiß, dass Sicherheit eine Illusion ist und ich Halt nur in mir selbst finden kann.
Die absolute Wahrheit gibt es nicht.
Glück ist kein Verdienst, es zu empfinden ist in uns angelegt oder nicht.
Das Verlässlichste ist nicht angelesenes fremdes Wissen, sondern gelebte Erfahrung und die kontinuierliche Auseinandersetzung mit derselben.

Ich glaube an die Kraft der Liebe, die nicht Bedürftigkeit ist.
Ich weiß, dass das wertvollste Geschenk in meinem Leben, mein Leben und das Leben mein Kindes ist.

Ich lebe lieber allein als schlecht begleitet. 

Ich habe gelernt aus Stroh Gold zu spinnen und aus Zitronen Limonade zu machen.
Ich weiß, dass Krisen immer auch eine Chance sind.
Ich weiß, wie es ist, mit einem gebrochenen Herzen weiter zu leben und trotzdem das Schöne im Leben zu sehen.

Ich habe gelernt meinen Eltern zu verzeihen, weil ich weiß, dass auch sie ungeliebte Kinder sind und das für mich getan haben, was sie konnten. Ich weiß, das ich ohne meine Kindheit und alle meine Erfahrungen nicht der Mensch wäre der ich bin. Ich bin überzeugt davon, dass alles im Leben einen Sinn hat.

Ich weiß um meine Aufgabe im Leben und erfülle sie mit Freude und allem, was ich zu geben habe.
Ich habe eine Vision und sie gibt mir immer wieder Kraft, auch in schweren Zeiten.

Ich weiß, das Selbsthass das Leben und alle Beziehungen vergiftet, Seele, Geist und Körper schwächt und zu Sucht und Krankheit führen kann. 
Ich habe gelernt, dass Wut, Groll, Nachtragen, Ablehnung und Unverzeihlichkeit über lange Zeit, den Geist und den Körper schwächen und zu schlimmen Krankheiten führt.
Ich weiß, dass alle Drogen im Übermaß konsumiert Gift sind und dass Sucht in Siechtum endet.

Ich weiß, das Veränderung nicht in allein in Gedanken statt findet, sondern im hilfreichen, selbstfürsorglichem Handeln und Verhalten.

Ich weiß, dass stark sein bedeutet, auch Schwäche zuzugeben und um Hilfe zu bitten.
Ich weiß, dass es wunderbar ist, Hilfe zu geben und zu empfangen.

Ich weiß, dass im Leben alles auf mich zurückfällt - im Guten, wie im Unguten.
Ich weiß, dass Worte Macht haben -  im Guten wie im Unguten.

Ich weiß, dass das einzig Sichere im Leben die Veränderung ist.
Ich weiß, dass romantische Liebe wunderschön und vergänglich ist.
Ich weiß, dass ich Licht und Schatten bin und lerne immer mehr welchen Wolf ich besser füttere und welchen nicht. Ich kenne meine alten unguten Überzeugungen über mich selbst und arbeite jeden Tag daran, dass sie mich nicht beherrschen.

Ich weiß, dass ich endlich bin und an manchen Tagen fürchte ich mich davor.
Ich habe Angst und ich habe Mut.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen und Versöhnen der einzige Weg ist, inneren Frieden zu finden.
Ich weiß, dass ich erst mich selbst lieben muss um eine gesunde Beziehung leben zu können.

Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss und bin bereit die Lektionen, die ich noch zu lernen habe, zu lernen. Ich bin dankbar für mein Leben, auch wenn es nicht immer nur schön ist.

Ich weiß, dass all das nur meine Wahrheit ist.
Ich vertraue ihr.

wahrheit finden wir nicht durch das denken, 

wir finden sie in der bereitschaft, nicht zu wissen.

wir finden sie, wenn wir mitfühlen,
mit uns selbst und anderen 
und wenn wir offen sind für den moment.

Gedankensplitter

 

Foto AW

Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, 
heißt das, 
dass du noch immer den alten Überzeugungen Glauben schenkst, 
die man dir über dich selbst beigebracht hat.

Sonntag, 27. März 2016

Was bleibt ist die Liebe


Foto: AW

Heute feiern wir Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Die Wiedergeburt des Gottessohnes als Sieg über den Tod. Mit dem Auferstehungsglauben verbindet sich für viele gläubige Menschen die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort über das Leben hat, dass es nicht endlich ist unser irdisches Dasein, dass es da mehr gibt als das eine Leben, das mit dem Tod endet.

Christus selbst ist das Licht der Welt, das mit der Osterkerze in die Kirchen hineingetragen wird. Bei der Weihe der Kerze in der Osternacht ritzt der Pfarrer ein Kreuz in die Kerze. Über dem Längsbalken befindet sich der erste Buchstabe des griechischen Alphabets, Alpha, darunter der letzte Buchstabe, das Omega  - Anfang und Ende, der ewige Kreislauf des Lebens.

„Ich habe vergessen wie Leben geht“, sagt gestern ein wunderbarer Mensch zu mir und ich antwortete: „Ja, das kenne ich.“ Wir saßen also da, dieser wunderbar Mensch und ich,  in einem kleinen Café in der kühlen Märzsonne und fragten uns, was ist das Leben? Und ich fragte den wunderbaren Menschen, was macht dir Freude. Und er fand keine Antwort. Er fand sie nicht, weil es sie in diesem Moment seines Lebens einfach nicht gibt. Da war zu viel, das ist zu viel, was traurig macht, was all die normalen Dinge, die Menschen Freude machen, nicht möglich macht, jetzt in diesem Moment in der Zeit.
„Es geht vorbei“, sagte ich, weil ich weiß, dass es vorbei geht, weil alles einen Anfang und ein Ende hat.
Aber ist das wirklich wahr, auch die Trauer, geht auch sie vorbei, frage ich mich heute an diesem verregneten Ostersonntagmorgen? Hat auch die Trauer ein Ende? Oder endet sie erst wenn der Trauernde endet, weil sie so groß ist, dass sie allen Raum ausfüllt, so voll, so prallvoll, dass es sich anfühlt, als müsse man platzen vor Schmerz?

Trauer, die kein Ende findet, ist das Sterben im Leben, so fühlt sich das an, tot innen, kein Gefühl, das die Macht hat, diese Trauer zu besänftigen. Trauern heißt Wertvolles verloren zu haben, unwiederbringlich verloren, einen Menschen, einen Traum, Werte, eine Lebenskonstruktion, die es doch anfangs hätte sein sollen und am Ende nicht mehr ist. Asche zu Asche, Staub zu Staub, in der Hoffnung, was wir liebten, möge nicht vom Winde verweht werden, in der Hoffnung es möge das ewige Leben geben, kein Ende, Alpha und Omega.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, steht es im Korinther 13 zu lesen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es von diesen dreien immer weniger in dieser Welt gibt. Da ist zu viel, was die Liebe in Frage stellt, zu viel, was den Glauben erschüttert und zu wenig um die Hoffnung halten zu können, angesichts all dessen, was wir in diesen Zeiten erleben müssen.

Es herrscht Krieg in der Welt, nicht nur in Syrien und anderswo, weit weg von uns. Es ist Krieg, hier vor unserer Haustür, in U-Bahnen und öffentlichen Gebäuden und Plätzen und er tötet Unschuldige und er tötet die Hoffnung, dass die Trauer um diese Zerstörung mit der wir leben müssen, ein Ende hat. Nichts ist mehr sicher, wir sind nicht mehr sicher und wir alle wissen es und spüren es und sind machtlos ob des Zerstörerischen, was da draußen jeden Tag sein gewaltsames Unwesen treibt. Und die Angst wächst und mit ihr verlieren die Menschen den Glauben und die Hoffnung, dass all das jemals wieder ein Ende haben kann.

Der Boden auf dem wir gehen ist brüchig, der Glaube an das Gute ist brüchig, die Hoffnung eine fragwürdige Größe. Was bleibt?, frage ich mich.
Was bleibt ist die Liebe, ...die Liebe ist die größte unter ihnen ... 
Denn sie ist das Einzige an das wir uns halten können, wenn alles andere wegfällt oder zusammenbricht. Aber kann sie heilen, kann Liebe diese Welt heilen, kann Liebe all das Leid, das tagtäglich im Großen und im Kleinen geschieht von uns nehmen? Kann die Liebe unsere Trauer beenden?

Liebe ist die stärkste Kraft, auch in der Trauer ist sie das. Sie ist das, was uns am Leben hält – die Liebe zum Leben selbst. So wie es ist das Leben, jetzt in diesem Moment in der Zeit, mit allem was ist, auch mit der Trauer und auch mit der Angst, denn Alles ist mehr als das Leid, alles ist auch das, was außer dem Leid ist - die Schönheit einer Blume, das Grün der aufblühenden Bäume, der Duft des Morgenkaffees, der Spaziergang im Wald, das Lächeln unseres Kindes, die Umarmung eines Menschen, den wir lieben, unser Atem, der fließt, ohne unser Zutun und über all diese kleinen Dinge hinaus – das, was wir zu tun lieben, eine Vision, die wir in uns tragen und verfolgen, egal wie unmöglich sie uns in Momenten der Trauer erscheinen mag – das ist Liebe zum Leben. Das ist für mich auf (er)stehen, jeden Tag aufs Neue, so lange wir leben. Und was das Leben über den Tod hinaus angeht, darüber nachdenken macht keinen Sinn. Wir werden sehen oder nicht. Entscheidend ist das, was wir im Hier und Jetzt tun können. Dafür ist Jesus ein Beispiel, er ist das Licht im Dunkeln. 

Euch allen gesegnete Ostern!

Herzlich,
Angelika


Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.


Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.


Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.


Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Korinther 13 






Freitag, 25. März 2016

Unabhängigkeit




Malerei AW


Unabhängigkeit ist für unser Leben von entscheidender Bedeutung.
Unabhängig sind wir, wenn wir wissen - ich bin fähig und kompetent. Fähig für mich selbst zu sorgen und kompetent genug um es auch zu tun. Das ist die Basis für Unabhängigkeit.
Sie heißt: Selbstvertrauen.

Unabhängigkeit ist die Fähigkeit eine klare Grenze zwischen mir und anderen zu ziehen und dafür zu sorgen, dass sie gewahrt wird.

Wenn ich weiß, wer ich bin und ein gesundes Gefühl dafür habe, wo meine Grenze zwischen mir und dem Außen ist, bin ich fähig gesunde Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen und sie zu leben. Ich werde mich nicht mehr verbiegen um etwas zu bekommen, was ich mir selbst nicht geben kann. Dann verschwinden giftige Beziehungen aus meinem Leben, die nur darauf ausgerichtet sind gegenseitige Mängel zu kompensieren.

Wenn ich unabhängig bin, weiß ich, wer ich bin, was ich verdiene und was ich nicht verdient habe.

Wenn ich unabhängig bin, werden Menschen in mein Leben treten, die mich in meiner Ganzheit spiegeln. Ich werde gesunde Beziehungen führen, Beziehungen, die auf gegenseitiger Achtung und Unterstützung basieren, Beziehungen, die inspirierend sind, wandelnde Kraft besitzen und erfüllt sind von Liebe.

Sonntag, 20. März 2016

Aus der Praxis – Co-Abhängige Liebe lässt nicht gehen



"Verwirrung" AW, 2016

Liebe ist etwas Wunderbares. Es gibt nichts Schöneres im Leben als zu lieben und geliebt zu werden. Liebe bindet nicht, sie klammert nicht, sie stellt keine Bedingungen, sie fordert nicht, sie erwartet nicht, sie benutzt nicht. Liebe ist ein Gefühl, das man in sich trägt und das man aus sich heraus verschenkt. Sie ist freiwillig. Wenn sie gehen will, lassen wir sie, wenn wir wirklich zur Liebe fähig sind, gehen weil wir um ihre Freiwilligkeit wissen. Wir lassen sie gehen, auch wenn es uns schmerzt. Co-Abhängige Liebe lässt nicht gehen. Sie hält fest im Glauben ohne die Liebe nicht leben zu können. Co-abhängige Liebe stellt immer Forderungen, sie macht sich abhängig und andere von sich, aber sie liebt nicht. Es ist wunderbar geliebt zu werden, aber wenn wir nicht mehr geliebt werden, möchten wir dann, dass ein Mensch bei uns bleibt? Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht, dass jemand bei mir bleibt, der sich mit mir nicht mehr gut fühlt. Das tut weh, aber es tut weniger weh, als sich etwas vorzumachen und trotz erloschener Gefühle zu bleiben, weil man glaubt, ohne den anderen nicht leben zu können.

Co-Abhängige glauben das. Sie sind überzeugt davon ohne den Anderen nicht leben zu können. Um eine Liebe, die nicht  mehr ist, zu halten greifen sie zu unzähligen Methoden um ihre abhängige Beziehung aufrecht erhalten zu können.

Schon zu Beginn einer Beziehung versucht der Co-Abhängige ein Abhängigkeitsverhältnis herzustellen, indem er sich im Leben des Anderen unentbehrlich macht. Co-abhängige Persönlichkeiten tun alles für den anderen, sie versuchen ihm alles recht zu machen, sie machen den Anderen zum Mittelpunkt ihres ganzen Denkens und Handelns, mit dem Ziel gebraucht zu werden und unentbehrlich zu sein. Sie kontrollieren den Anderen, sind eifersüchtig darauf bedacht immer zu wissen, was der Andere tut und denkt, um die Kontrolle über das Objekt ihrer Anhaftung zu bekommen. Das gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Das Gefühl gebraucht zu werden ist der Ersatz für geliebt werden, etwas, das Co-Abhängige nicht können, weil sie sich selbst nicht lieben können.
Aber Brauchen ist kein Lieben, Geben um zu Bekommen ist kein Lieben und irgendwann ist es dann so weit: Der Co-Abhängige spürt, dass seine Art von "Liebe" weder Konflikte noch eine Trennung verhindern kann. 
Was macht er dann?

Er setzt auf Mitleid. Er macht sich zum armen verkannten Opfer und den anderen zum schlechten Menschen.“ Ich liebe dich so sehr, ich tue alles für dich und du liebst mich nicht, wie kannst du mir das nur antun? Du bist es nicht wert. Du bist ein schlechter Mensch. Du hast mich nur benutzt und jetzt wo du mich nicht mehr brauchst, lässt du mich fallen." Das sind typische Sätze dieser Menschen, wenn sie verlassen werden und es sind ihre tiefsten inneren Überzeugungen, die sind nicht fähig sind zu hinterfragen. Sie sprechen den Anderen schuldig und sich selbst von aller Verantwortung für das Scheitern der Liebe frei.

In Wahrheit aber hat der Co-Abhängige den Andern benutzt. Er hat ihn benutzt um sich selbst im anderen zu spüren, um das Gefühl zu spüren: Ich werde gebraucht, was er für Liebe hält, weil er das aus seiner Kindheit so kennt und es nicht anders gelernt hat. In meiner Arbeit mit Co-Abhängigen stellt sich immer wieder heraus, dass sie meist emotional missbrauchte Kinder waren, die den Eltern oder einem Elternteilt als Ausdehnung des Selbst dienten und etwas für sie tun mussten, das sie für sich selbst brauchten und nicht getan haben oder in ihrem eigenen Leben nicht verwirklichen konnten. Viele spätere Co-abhängige sind nicht selten Kinder von Suchtkranken, deren gefühlte Daseinsberechtigung darin bestand für den süchtigen Elternteil als Krückstock für dessen Unfähigkeit das Leben zu meistern, herhalten mussten.

Spürt der Co-Abhängige, das die Beziehung zu scheitern droht, macht er dem Anderen Vorwürfe und überhäuft ihn mit Schuldzuweisungen, damit er bleibt. Dem Co-Abhängigen ist es egal, ob er um seiner selbst willen und freiwillig geliebt wird – es geht ihm darum den anderen zu halten, koste es, was es wolle. Das geht bis zu Selbstverleugnung. Aber was, wenn auch das nicht mehr gelingt? Was, wenn alles Geben, alles sich unentbehrlich machen, alle Liebesschwüre, alle Anklagen, alles Mitleiderregen nicht zum Ziel führt? 

Dann kommt der Groll auf den Anderen, der sich partout nicht halten lässt. Der Andere wird abgewertet, er wird schlecht gemacht, er wird verteufelt, er wird als Täter stigmatisiert, der einen „Liebenden“ verletzt. Und das natürlich böswillig. Es wird kein gutes Haar mehr an ihm gelassen – er ist der Böse, der die Liebe mit Füßen tritt. Und dafür muss er büßen. Der Co-Abhängige kann nur noch eins: Den Anderen zerstören. Nach dem Motto: "Wer mich nicht liebt, den hasse ich und der soll mich hassen." Für den Co-Abhängigen ist es besser zu hassen und gehasst zu werden als zu ertragen, was er überhaupt nicht ertragen kann: Gleichgültigkeit. Er tut alles um dem anderen Angst zu machen. Angst vor dem, was er sich selbst antun könnte, Angst vor dem, was er dem Anderen antun könnte. Und er tut es. Er wird zum Aggressor, sich selbst (autoaggressiv) und dem Anderen gegenüber und allen gegenüber, die in seinem System leben.
 
Manche Co-Abhängige gehen soweit, dass sie sich selbst und alles um sich herum zerstören, nur damit der Andere endlich erkennt, was er ihm angetan hat. Er will, wird er schon nicht mehr gebraucht, zumindest beachtet werden, und jetzt ist es ihm egal, ob im Guten oder im Schlechten. Er will Aufmerksamkeit um jeden Preis, wenn er schon keine Liebe mehr bekommen kann. Die "Liebe" wird zum Machtkampf mit dem Ziel zu zerstören, was man mit aller Macht nicht am Leben halten konnte.

Das schafft unendliches Leid, aber der Co-Abhängige, auch wenn er seinem zerstörerischen Verhalten in klaren Momenten von Außen noch zusehen kann, kann nicht aufhören. Warum? Weil er ein Süchtiger ist. Weil seine Sehnsucht gebraucht zu werden zum Siechtum wird. Sucht ist Siechtum, nichts anderes. Und da endet die Sucht des zurückgewiesenen Co-Abhängigen, wie die Sucht aller Süchtigen – im Siechtum. Siechtum führt zum Tod. Erst zum Tod alles Lebendigen, dann zum seelischen Tod.

Wie ist einem Co-Abhängigen zu helfen?  
Gar nicht. Er kann nur sich selbst helfen. Diese Selbsthilfe beginnt mit der Einsicht: Ich bin süchtig. Und der Entscheidung: Ich will diese Sucht überwinden. Und das bedeutet: Die Abhängigkeit zu überwinden. Dann erst, wenn er das wirklich aus tiefstem Herzen will, kann einem Co-Abhängigen geholfen werden.




















 











Samstag, 19. März 2016

Gedankensplitter

Statt abwertendes Bagatellisieren, statt „guter“ Ratschläge und ein lapidares „das wird schon wieder“, braucht ein verletzter Mensch die empathische Anerkennung seiner Verletzung. Statt verurteilende Besserwisserei, braucht er Trost und Mut um seinen Schmerz zuzulassen. Dann erst kann er lernen zu begreifen, warum er sich hat verletzen lassen.

Wofür brennst du?

 

ich, ganz klein


wenn du weißt wofür du brennst 
weißt du was dein leben von dir will
auch in zeiten in denen man dich am liebsten verbrennen würde ...

du wirst nicht verbrennen.

 was in dir brennt ist eine innere kraft, die nichts und niemand auslöschen kann, 
auch wenn es sich manchmal so anfühlt ...


wofür brennst du?


Mittwoch, 16. März 2016

Portrait des Narziss





Narzissmus ist keine Selbstliebe. 
Der Narziss kann nicht lieben, nicht sich selbst und nicht andere.

Narzissmus ist Selbstsucht, die Selbstsucht eines Menschen, dessen Denken nur auf sich selbst ausgerichtet ist. Die narzisstische Persönlichkeit leidet an übersteigerter Eitelkeit, einem Mangel an Einfühlungsvermögen, einer hohen Empfindlichkeit angesichts mangelnder Anerkennung und kennzeichnet sich durch die Abwertung anderer Menschen. 
Seine Sucht und seine Droge ist Anerkennung.

Der Narziss mutet anderen heftige Kritik zu, bewertet und beurteilt andere gnadenlos und ist nicht in der Lage an sich selbst auch nur im Geringsten zu zweifeln. Ständig ist er erfüllt von Misstrauen. 
Er kann sich nicht in andere hineinfühlen, nur sein eigenes Gefühl ist ihm wichtig - das macht ihn so gefährlich. Der Narziss versteht das Leid der anderen nicht – er kann mit niemanden leiden. Er fühlt sich dadurch großartig, dass er andere entwertet. Er kann sich nicht entschuldigen. Wer nicht seiner Meinung ist, ist sein Widersacher.

Das macht ihm das Menschliche fremd.

Er ist der ständig Beleidigte. Er trägt um sich die Aura: Mir ist Unrecht geschehen.  
Er sieht immer irgendwie bitter und gekränkt aus. Begegnet man ihm, hat man das Gefühl, man hat ihm etwas getan und man sei schuld daran, dass er leidet.


Der Narziss spiegelt sich selbst im anderen.

Erkennt er im Spiegel des Gegenübers etwas, das ihm missfällt, muss er diesen Spiegel zerschlagen. Die größte Angst des Narziss ist die Angst vor einem noch größeren Narziss.

Hinter der Maske des Narziss verbirgt sich ein nach Liebe schreiendes Kind ...




wo auch immer wir die endgültige wahrheit ergreifen wollen, stehen wir am ende des nichts ...

Malerei AW

                                         das nichts ...
                    der anfang vom anfang ...

Dienstag, 15. März 2016

Gedankensplitter

Jedes Problem von sich abzuweisen, indem man anderen die Schuld gibt, ist eine Haltung, die niemals dazu führt einen Konflikt beizulegen. Es ist einfach dem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, die eigentlich in die eigenen Schuhe gehört.
Aber die Realität lässt sich nichts in die Schuhe schieben - sie rächt sich an dem, der sie beharrlich leugnet. Etwas auf Andere abzuwälzen um die Verantwortung für die eigene Schwäche und Fehlbarkeit nicht übernehmen zu müssen, ist ein kläglicher Versuch um sich nicht mit sich selbst und seinem Schatten auseinandersetzen zu müssen. Aber man wird ihn nicht los - der Schatten holt einen ein, wenn auch an anderer Stelle.

Aus der Praxis – Vom Umgang mit Kränkung

Malerei AW 2016


Kränkungen erfahren wir alle im Laufe unseres Lebens. Sie sind mehr oder weniger intensiv. Die tiefste Kränkung, die wir als Erwachsene empfinden, sind der Verrat eines Freundes und der Betrug, die Lüge oder der Vertrauensbruch des Lebenspartners oder naher Angehöriger.

Wir sind als Menschen kränkbare Wesen.

Eine Kränkung kommt immer von Außen.
Die Kränkung ist keine Emotion. Sie löst zwar Emotionen aus,  aber sie ist in ihrem Wesen eine eine Interaktion zwischen dem Kränkenden, dem Empfänger der Kränkung, und dem, was die Kränkung ist – eine Kränkungsbotschaft. Die Kränkung hat immer einen destruktiven Charakter, sie hat etwas Verletzendes. Immer trifft sie einen sensiblen Punkt.

Es ist ein Kennzeichen der Kränkung, dass sie über lange Zeit  schwelt. Sie entwickelt sich einem gärenden Prozess gleich, bis sie zum Durchbruch kommt.
Eine Kränkung ist eine nachhaltige Erschütterung des Selbst und seiner Werte. Tiefe Kränkungen, bsonders von Menschen, die wir lieben, können zur Krise führen, zu seelischen und körperlichen Krankheiten. Im schlimmsten Falle führt sie zur Verbitterung, der Mensch stirbt innerlich, er resigniert, die Wunde der Kränkung ist nicht mehr zu heilen.

Alle Kränkungen haben den Effekt, dass sie zur Ent-täuschung führen. Es ist die bittere Erkenntnis der Selbsttäuschung der man unterlegen ist, das Erkennen, dass man sich hat täuschen lassen. Dieses Gefühl führt über die Kränkung zur Selbstkränkung,  ein Zustand, der das bisherige Wertesystem eines Menschen zutiefst erschüttern kann.


Demnach sind Kränkungen Situationen, die zu viel Unglück und Seelenleid führen können. Eine Kränkung ist das Erleben, das wir uns entwertet, gedemütigt und erniedrigt fühlen. Wir sind als Menschen nun einmal kränkbare Wesen. Erleben wir eine Kränkung, fühlen wir uns in unserem Selbstwertgefühl verletzt. Bei besonders sensiblen Menschen kann eine Kränkung dazu führen, dass das ganze Lebensgefühl in die Minderwertigkeit sinkt. Kränkungen mindern uns gefühlt in unserem Wert – wir haben das Gefühl von innerer Entwertung. Es kommt zu Gefühlen von Ohnmacht, Scham, Wut, Trauer oder gar Verzweiflung. Eine tiefe Kränkung kann sogar eine Lebenskrise einläuten und manche Kränkungen gehen so tief, dass wie sie ein Leben lang mit uns herum tragen.

Kränkungen kränken wie das Wort schon sagt. Sie schwächen unsere Lebensenergie, weil sie uns das Gefühl der Erniedrigung geben. 

Jede Kränkung ist Ausdruck der Missachtung eines Anderen, die uns trifft oder sogar treffen soll. Wenn wir uns gekränkt fühlen, verlieren wir das innere Gleichgewicht. Kränkung führen zu Unfrieden mit uns selbst und dem, der uns gekränkt hat. Kränkungen in einer Beziehung fungieren im schlimmsten Fall als Beziehungsguillotine. Mit einer Kränkung endet die Beziehung abrupt und ohne jede Chance auf Wiederbelebung.
Wie gesagt: Eine Kränkung ist immer der Ausdruck der Missachtung eines Anderen uns gegenüber. Egal ob er uns zurückweist, belügt, verrät oder betrügt, die Kränkung macht uns zunächst einmal enorm wütend. In der Psychologie spricht man auch von der Kränkungswut, die nichts anderes will als sich am Anderen rächen und ihn zerstören. Rache aber führt zu nichts, außer dass sie zwei Gräber schaufelt. Nicht hilfreich also um aus dem erstickenden Sumpf des Gekränktseins wieder aufzutauchen. 

Besser ist wir nutzen die Wut konstruktiv. 

Konstruktive Wut ist eine Form der Aggression, die uns schützt. Sie sagt Stopp! Sie schützt uns nicht nur, sie führt dazu, dass wir dem anderen die Verantwortung für sein kränkendes Handeln zurückgeben und ihm signalisieren: "Hier ist meine Grenze!" Wir haben die Wahl. Auch nach der ersten Wut können wir noch sagen: Wenn der andere uns mies behandelt kann ich es als Entwertung nehmen, aber ich kann es auch bei ihm lassen. Wir können uns sagen: Du kannst mich nicht kränken, du kannst mich zwar schlecht behandeln, aber du kannst mir meinen Selbstwert nicht nehmen. Ich lasse das nicht zu.
Aber so einfach ist es nicht, das weiß ich sehr gut aus meiner jüngsten Erfahrung mit Kränkung. Es ist schwer, weil das, was wir als Kränkungen empfinden in der Regel dort ansetzt wo der Andere unseren wunden Punkt trifft, dort wo wir ein unverarbeitetes Thema haben. Das ist der Grund dafür, dass wir uns Kränkungen gegenüber nicht abgrenzen können – jede Kränkung setzt immer nur da an, wo man einst unser Selbstwertgefühl massiv verletzt hat. Meist waren wir da sehr kleine Wesen.

Um Kränkungen zu überwinden ist es wenig sinnvoll den Anderen zurück verletzen zu wollen. War sie gefühlt weniger schlimm für uns, können wir versuchen mit dem Anderen darüber zu sprechen, wir können ihm sagen, was sein verletzendes Handeln oder seine kränkenden Worte mit uns machen und wir können ihn fragen, weshalb er das gemacht hat – vorausgesetzt der Andere zeigt Empathie und versucht unsere verletzten Gefühle zu verstehen. Tut er das nicht, macht es keinen Sinn diesen Menschen weiter in unseren Leben zu beherbergen, in welcher Form auch immer. Dann ist es besser uns abzuwenden. Und uns uns selbst zuzuwenden und zwar unseren Gefühlen. Wenn wir das tun, begreifen wir - die Kränkung hat mit uns selbst zu tun und nicht wesentlich mit dem anderen. 

Es macht Sinn die Gefühle, die ob einer Kränkung auftauchen, zuzulassen, ihnen nachzuspüren, sie beobachtend anzuschauen und herauszufinden, was sie uns über uns selbst zu erzählen haben. 

Schmerz, Scham, Angst, Wut, Trauer – all das sind Gefühle, die mit der Kränkung einhergehen. Schmerz weil es weh tut, wenn wir erniedrigt werden und wir begreifen wie verletzlich wir doch sind. Angst weil wir denken, wir sind wertlos, nicht achtens-und und liebenswert und wir begreifen, dass wir uns selbst nicht genug achten und lieben. Scham, weil sie unsere Grenzen auflöst und wir das Gefühl haben unser Gesicht zu verlieren. Scham, auch wenn es viele von uns nicht zugeben wollen ist das stärkste Gefühl, das einer Kränkung folgt. Wenn wir uns schämen fühlen wir uns ausgeliefert, wir fühlen uns klein und in Grund und Boden gerammt und genau darin, möchten wir dann auch am Liebsten versinken. Aber die Scham zeigt uns auch: Jetzt brauchen wir Trost und Schutz. Wut, weil wir spüren, wir sind ohnmächtig, wir haben nicht über alles die Kontrolle, schon gar nicht über andere Menschen. Wir sind machtlos, der Pfeil der Kränkung hat uns getroffen. Wir begreifen wieder einmal wie wenig wir doch beeinflussen können, auch wenn wir uns das immer wieder vormachen.Trauer weil man uns als Mensch gedemütigt und ent-täuscht hat. Wir begreifen, dass es keine Sicherheit im Leben gibt und keinen Halt, den wir im Außen festmachen können. Wir können lernen, dass Sicherheit ein Ort in uns selbst ist.

All diese Gefühle sind starke Gefühle, es sind existentielle Gefühle, die uns die Kränkung um die Seele haut. Gefühle, die wenn wir sie zulassen, sehr viel über das Wesen unserer Existenz erzählen: Sie ist brüchig und je abhängiger wir uns von anderen machen, desto instabiler sind wir. Und je instabiler wir sind, desto leichter fallen wir nach einer Kränkung in die Bodenlosigkeit. Aber genau das zu akzeptieren ist die große Herausforderung: Es gibt keinen Boden, der nicht unter uns einbrechen kann. Das ist die große Desillusionierung.
Wie hält ein Mensch das aus?
Indem er ja sagt zur Bodenlosigkeit, indem er anerkennt, das sie eine der großen Wahrheiten unseres irdischen Lebens ist, indem er trotzdem jeden Tag mit seinen Füßen den Boden der Erde betritt und mit Freude und Dankbarkeit sein Leben gestaltet im Wissen der Weisheit, dass das Fallen dazu gehört. Am Ende fallen wir alle - in den Tod. Gut das Sterben im Leben geübt zu haben.



Ich wurde in diese Welt geboren,
Ich verlasse sie mit meinem Tod
In tausend Städte
Haben meine Füße mich getragen
Und in ungezählte Häuser -
All dies, was ist es?
Ein Mond spiegelt sich im Wasser,
Eine Blume treibt im Himmel,
Ho!

Sterbegedicht eines Zen-Meisters











Montag, 14. März 2016

Auf dem Weg



Meine Kleinen in einem neuen Zuhause, Foto: Lisa Eberhardt


vielleicht verlierst du deine gutgläubigkeit auf dem weg.
vielleicht verlierst du dein vertrauen in worte auf dem weg, 
worte, die man dir sagte, in zeiten von liebe.
vielleicht verlierst du den glauben an menschen auf dem weg, 
menschen, die dir sagen, du bist alles für sie.
vielleicht verlierst du die leichtigkeit auf dem weg, 
die leichtigkeit, die dir half dich fallen zu lassen.
vielleicht verlierst du die illusion auf dem weg, 
die illusion, irgendwo anzukommen, außerhalb deiner selbst.
vielleicht verlierst du die hoffnung auf dem weg, 
die hoffnung, es könnte endlich gut werden.

vielleicht gewinnst du klarheit auf dem weg und erkennst, 
dass es nur eine wahrheit gibt: veränderung.
das ist der weg. 

Freitag, 11. März 2016

Nichts und Niemand



Malerei AW 2016

Wir sind nicht sicher, vor nichts und niemanden. 
Wir haben keinen Schutz, vor nichts und niemanden.
Wir finden keinen Halt, in nichts und niemanden.
Wir können nicht kontrollieren, nichts und niemanden.
Wir besitzen nichts und niemanden.
Wir haben kein Recht auf nichts und niemanden.

Wir können loslassen... uns fallenlassen .... wenn wir diese Lektion verinnerlicht haben.
Das ist der erste Schritt zur geistigen Freiheit.


Mittwoch, 9. März 2016

Über die Trauer



"Trauer" AW

Die Wunden der Seele heilen wie die Wunden des Körpers, langsam.
Überlass es der Zeit, du kannst nichts beschleunigen.
Die Wunde verlangt nach Tränen.
Schmerz, der nicht gefühlt wird, hält dich in der Vergangenheit gefangen.
Trauer bringt dir die Vergangenheit nicht zurück, aber zu trauern bringt dir die Zukunft zurück.
Die Vergangenheit wird dann noch immer lebendig sein, aber sie wird dich nicht mehr lähmen.

... on n'oublie jamais rien on vit avec.

Dienstag, 8. März 2016

Aus der Praxis – Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum



Foto: AW

Wir alle sind durch unsere Erziehung, unsere Erfahrung und unsere Biografie konditioniert, bzw. determiniert. Dadurch entsteht ein sich selbst stabilisierendes und sich selbst aufrecht erhaltendes System, in dem wir in unseren Reaktionstendenzen eingeschränkt sind, bzw. beschränkt sind auf alte Muster, die uns in bestimmten Situationen in den immer gleichen Reaktionsmodus fallen lassen, obwohl wir das nicht wollen und eigentlich besser wissen, wie wir angemessener reagieren könnten.

Aus unseren im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen und Konditionierungen heraus reagieren wir automatisch auf alles was uns begegnet und widerfährt. Mit anderen Worten: Wir reagieren “gelernt“ auf die Welt. Wir tun das unbewusst. Wie ein Computer spulen wir gegen unseren Willen immer wieder die  auf unserer Festplatte installierten alten  Programme ab. Auch wenn wir immer noch glauben wollen, dass wir einen freien Willen haben, wir haben ihn nicht – unsere Willensfreiheit ist durch unsere Prägungen, unsere Glaubensmuster und Überzeugungen sogar stark eingeschränkt. Diese Wahrheit begegnet mir in Veränderungsprozessen meiner Klienten und in meinem eigenen immer dann, wenn es trotz besserer Einsicht nicht gelingt Verhaltensveränderungen umzusetzen.

Sind wir jetzt aber auf Gedeih und Verderb unseren Programmen ausgeliefert? Ist Veränderung nicht möglich oder nur sehr schwer?
Die Erfahrung sagt: Ja. Leider ist es bei den meisten Menschen  so. Zwischen wollen und können liegt eine schier unüberwindbare Grenze. Und nur wenige Menschen schaffen es diese zu übertreten um neues, hilfreiches Verhalten zu lernen und zu leben.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit“, schrieb der Psychoanalytiker Viktor Frankl. Und um diesen Raum geht es – den Raum, den wir selbst schaffen müssen um uns von alten Reaktionsmusterm zu befreien, um freier zu werden von uns selbst und unseren destruktiven Programmen.

Wie geht das?
Mit Achtsamkeit. Achtsamkeit zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns selbst gewissermaßen selbst wie von außen betrachten können. Wir achten auf uns. Wir achten darauf was wir denken, was wir fühlen, was wir tun. Wir wechseln in einen anderen Blickwinkel, nehmen eine andere  Perspektive zu unserem emotionalen Erleben ein. Wie werden uns klar: „Wir haben ein Gefühl, aber wir sind nicht das Gefühl", wie es der Begründer der transpersonalen Psychologie Roberto Assagioli formulierte und „Disidentifikation“ nannte. Was heißt: Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem Gefühl, als seien wir ganz und gar dieses Gefühl. Wir schauen es uns an unser Gefühl - die Angst, den Schmerz, die Scham, die Schuld, die Trauer, die Wut, die Ohnmacht, die Verzweiflung. All die schmerzhaften Gefühle, die dazu führen, dass ihr Reiz uns reagieren lässt, meist nicht in einem Sinne der hilfreich für unser Seelenheil ist.

Das heißt nicht, dass wir diese Gefühle wegdrücken – im Gegenteil -  wir nehmen sie an und wir beobachten sie, wir beobachten was sie mit uns „machen“. Sie mit uns. Und wir lernen zu entscheiden, was wir mit ihnen machen können, indem wir sie beobachten und uns nicht in sie hineinfallen lassen, bis wir nur noch das Gefühl sind. Denn das ist nicht hilfreich.

Dieses Beobachten und sich disidentifizieren entspricht der gefühlsdistanzierten Haltung des Buddhismus. Wir können also im ersten Schritt aus dem momentanen Aktivierungszustand aussteigen und auf eine höhere Regulationsebene, bzw. in eine andere Perspektive wechseln. Das braucht Übung. Immer wieder und wieder. Im Grunde ist dies eine bewusst herbei geführte Spaltung. Eine Spaltung wie sie auch in der Arbeit mit der „Inneren Bühne“ gemacht wird. Diese Arbeit macht Sinn, sagt die Erfahrung. Sie macht Sinn, weil sie uns nach und nach hilft Herr im eigenen Gefühlshaus zu werden, uns zu schützen, bevor dieses Haus über uns einstürzt.

Desidentifikation funktioniert, indem wir den spontanen Impuls desaktualisieren bzw. loslassen und Raum für die Beobachterposition schaffen, indem wir uns neu orientierten, bevor wir wie gewohnt automatisch auf unsere Gefühle und Gedanken reagieren. Dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion lässt uns wieder angemessen agieren, anstatt emotional überflutet nur zu reagieren. Dieser Schritt der Disidentifikation in der therapeutischen Bewegung entspricht wie gesagt der buddhistischen Haltung und wir wissen, wie gelassen Menschen sind, die Achtsamkeit praktizieren. Die meisten von ihnen jedenfalls.

Ohne den Raum für einen achtsamen inneren Beobachter freizumachen können wir nicht auf diese Selbstreflexionsebene wechseln um uns dem Sog der automatischen Reiz - Reaktionshandlung, sprich dem spontanen Handlungsimpuls,  zu entziehen. Gelingt es uns nicht im Moment der sich zusammenbrauenden emotionalen Aktivierung zu erleben was gerade in uns reagieren will, können wir nicht rechtzeitig sinnvoller als gewohnt reagieren, bzw. handeln. Wir werden zum Opfer unserer alten Denk. Gefühls- und Verhaltensmuster. Wir wissen dann zwar hinterher, was wir gerne gesagt oder getan hätten, aber wem nutzt das etwas?

Mit anderen Worten: Wir müssen mit unserer Bewusstheit gewissermaßen online sein um alte destruktive Reaktionsmuster durch neue hilfreiche zu ersetzen. Man könnte das auch Geistesgegenwart nennen, oder wie es Viktor Frankl formulierte: Wir können uns die „Trotzmacht des Geistes“ zum Freund und Helfer machen um aus der Reiz-Reaktionsfalle zu entfliehen, hin zu mehr innerer und dadurch auch äußerer Freiheit.

Montag, 7. März 2016

Gedanken über Jesus


"Ichthys" AW

Jesus weiß, wie es ist, wenn die Eltern einen nicht verstehen.
Jesus weiß, was es heißt, ein Außenseiter zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, einsam zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, verraten zu werden.
Jesus weiß, was es heißt, enttäuscht zu sein.
Jesus weiß, was es heißt, zu leiden.
Jesus weiß, was es heißt, sein Kreuz zu tragen.
Jesus weiß, wie es ist, wenn sein Vater ihn verlässt.
Jesus weiß, was es heißt, Gottes Plan zu vertrauen.
Jesus weiß, was es heißt: Dein Wille geschehe.
Jesus weiß, was es heißt, wieder aufzu(er)stehen.
Jesus weiß, trotz allem, zu vertrauen, zu lieben, zu helfen, zu heilen und zu trösten.





Sonntag, 6. März 2016

Über das Schreiben



Foto: AW

Schreiben ist eine Brücke zwischen Innen und Außen, zwischen unserer Innenwelt und der Außenwelt. Schreiben ist eine künstliche Brücke – und zugleich ist es eine künstlerische Brücke. Schreiben ist ein Gang über eine virtuelle Brücke zwischen der Innenwelt des Schreibenden und der Welt des Außen, in der seine Worte gelesen werden.
Schreiben ist eine geistige Brücke, eine fragile Brücke, gebaut aus Gedanken und Wörtern.
Der Schreibende weiß nicht, ob das Geschriebene am anderen Ende ankommen wird. 
Und doch ist es genau das, warum Menschen schreiben: Sie wollen eine Brücke bauen, zwischen Innen und Außen, mit dem Ziel gegenseitiger Berührung.
Das gilt ebenso für alle anderen Künste. 
Kunst, wahrhaftige Kunst, will berühren. 

Donnerstag, 3. März 2016

Sei du selbst!

Erkenne dein wahres Selbst! Sei du selbst!
Das sind Aufforderungen, denen sich mehr und mehr Menschen unterworfen fühlen. Das Selbst, von dem keiner weiß, was es wirklich ist, das Selbst über das in der Psychologie, der Philosophie, im Buddhismus usw, unendlich viel gedacht und geschrieben wurde und wird. Das Selbst ist, wie es scheint, eine nicht fassbare Größe und gerade deshalb für viele von uns enorm erstrebenswert.
Ich will ich selbst sein.
Aber was bedeutet das?
Wir können unendlich viel darüber lesen und werden es nicht begreifen können. Im Grunde aber ist es einfach, das "Ich selbst sein. "
Die Dinge sind nicht so kompliziert wie wir sie gerne machen. Wir alle haben ein Selbst, es ist längst da, in uns, all das, was wir sind, das ist das Selbst, das sind wir selbst.
Mit jedem Tag, mit jeder Erfahrung entdecken wir ein Stück unseres Selbst.
Wir spüren es, wenn wir lernen uns selbst anzunehmen, so wir wir im Moment sind.
Genauso wie wir Jetzt sind.
Wenn wir wir selbst sind, bedeutet das: Wir akzeptieren uns wie wir jetzt sind. Mit dem was war, mit dem was ist, mit unserer eigenen Geschichte, mit unseren Gefühlen und unseren Gedanken, ohne zu trennen in "gut" und "ungut". Wir akzeptieren es und uns genauso wie es ist. Wir akzeptieren uns selbst mit unseren Schwächen und unseren Stärken, wir akzeptieren unseren Körper in gleicher Weise wie wir unser geistiges, emotionales und spirituelles Sein akzeptieren - jetzt, in diesem Moment. Das sind wir selbst. Und das müssen wir nicht suchen, denn genau diese Suche nach etwas anderem als dem, der wir sind, entfernt uns von uns selbst.
"Sei du selbst!" bedeutet nichts anderes als SEIN.

Dienstag, 1. März 2016

Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche?


"Caput" Malerei: AW


Manche von uns landen immer wieder im gleichen emotionalen Projekt. Es heißt: Ich muss mich um kaputte Menschen kümmern, ich muss ihnen  helfen, ich muss ihre Probleme lösen, ich muss für sie da sein, ich muss für sie leben. Wenn wir immer wieder in einem solchen Projekt landen, könnten wir uns fragen: Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche? Bringt gebraucht werden mir, was ich wirklich brauche?
Und dann könnten wir die Antwort abwarten. Zum Beispiel indem wir darüber meditieren. Sitzen und darüber meditieren.
Über diese Fragen:
Ist gebraucht werden das, was ich wirklich brauche?
Bringt gebraucht werden mir das, was ich wirklich brauche?
In der Stille sitzen, eine Weile und abwarten, ohne Druck, ohne Erwartung, abwarten was kommt.
Und wenn dann kommt: Lass mal den emotionalen Ballast anderer fallen. Lass mal ein Vakuum entstehen. Für eine Weile, vielleicht sogar für eine lange Weile.
Mach den Raum frei, lass Platz in deinem Leben. Ohne zu erwarten, einfach den Raum frei machen vom ewigen Kümmern.
Und wenn wir das tun, wird Erstaunliches passieren, denn das Universum mag kein Vakuum. Es wird den Raum füllen mit etwas, das uns besser dient, als immer nur anderen dienlich zu sein.

 ...
 
Dir verTRAUEN. Auf Deinen eigenen Füßen stehen. Mit Deinen eigenen Augen sehen. Deine eigenen Wege gehen. Mit Deinen eigenen Händen begreifen. Mit Deinen eigenen Gedanken bedenken. Mit Deinen eigenen Gefühlen fühlen. Mit Dir selbst leben. Dich selbst achten. Dich selbst lieben.

Meditationstext von Werner Sprenger