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| Foto: A.W. |
In meiner Arbeit höre ich immer wieder Geschichten, die mir den Atem stocken lassen. Ich habe schon in viele menschliche Abgründe geblickt. Und doch gibt es immer wieder etwas, das noch schlimmer ist als das Schlimmste, von dem ich bisher erfahren habe. Und es macht etwas mit mir. Natürlich weiß ich, wie ich mich professionell abgrenzen kann. Ich mache regelmäßig Supervision und weiß um die Bedeutung von Selbstfürsorge. Und trotzdem gibt es Geschichten, die mir so tief in die Knochen fahren, dass ich Tage brauche, um sie zu verarbeiten.
Es ist unfassbar, was Menschen Menschen antun können.
Und was es dann mit denen, denen es angatan wurde macht. Es kann ein Leben zerstören, ein Leben zur Qual machen. Und doch leben diese schwer verletzen Menschen ein Leben.
Irgendwie kriegen sie es hin. Irgendwie stehen sie jeden Morgen auf und beginnen den neuen Tag. Und irgendwie überleben sie den Tag. Aber genau das ist das Traurige - sie überleben. Mit ihren Ängsten, ihren Zwängen, ihren Depressionen, ihren Erinnerungen und ihren Symptomen. Sie funktionieren. Sie halten durch. Sie überstehen den Tag. Und am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.
Leben ist das nicht, sagen sie, es ist existieren. Und manche fragen sich dann: Wofür? Um zu leiden? Um zu kämpfen, um zu hoffen, dass es doch noch irgendwann besser wird und ein Leben wird. Und ich verstehe, was sie meinen.
Aber, was ist ein Leben?
Was bedeutet es zu leben?
Und ist existieren schon Leben?
Wenn ein großer Teil der eigenen Kraft dafür gebraucht wird, den Tag irgendwie zu überstehen, bleibt kaum Raum für das, was wir gewöhnlich mit Leben verbinden. Für Leichtigkeit. Für Neugier. Für Freude. Für Verbundenheit. Wenn jeder Tag ein Kampf ist, ist das Leben nicht unbedingt ein Ort, auf den man sich freut. Es wird zu etwas, das man bewältigen muss.
Und ja, irgendwann stellt sich dann die Frage: Wofür eigentlich?
Wofür all das Durchhalten? Wofür das tägliche Kämpfen, wenn es sich anfühlt, als würde man doch immer wieder am selben Punkt landen? Wofür hoffen, wenn die Hoffnung schon so oft enttäuscht wurde?
Vielleicht doch wegen der Hoffnung.
Weil irgendwo tief in jedem von uns die Vorstellung lebt, dass es anders werden könnte. Dass es irgendwann einen Morgen geben könnte, an dem wir nicht sofort gegen uns selbst und unsere Vergangenheit ankämpfen müssen. Einen Tag, an dem wir nicht nur froh sind, ihn überstanden zu haben, sondern an dem wir tatsächlich etwas gefühlt haben, das sich nach Leben anfühlt.
Was bedeutet es also, zu leben?
Ist es das bloße DaSein? Ist es das Durchhalten, auch wenn man längst nicht mehr weiß, wofür?
Denn genau das geschieht, wenn Menschen schwer traumatisiert wurden. Ein Teil von ihnen fragt sich ständig wofür. Ein Teil bleibt in einem Zustand zurück, in dem Sicherheit nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu hergestellt werden muss. Selbst dann, wenn die Gefahr längst vorbei ist. Der Körper reagiert, als müsste er sich noch immer schützen. Die Seele hält fest, was sie einmal schützen musste. Und das Leben wird zu einem ständigen Versuch, mit etwas zurechtzukommen, das eigentlich längst vorbei sein sollte. Und dann sitzen diese Menschen vor mir und fragen sich wofür?
Ich wünschte, sie könnten sehen, was ich sehe.
Nicht nur ihre Symptome, ihre Ängste, ihre Zwänge oder das, was in ihrem Leben nicht funktioniert. Sondern auch den Menschen, der all das überstanden hat. Den Menschen, der gelernt hat, sich irgendwie durchzuschlagen, obwohl ihm vielleicht niemand jemals gezeigt hat, wie sich Liebe, Geborgenheit und Sicherheit anfühlen. Den Menschen, der Strategien entwickelt hat, um mit Umständen zurechtzukommen, die kein Mensch hätte ertragen sollen. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass sie nicht grundlos so geworden sind. Dass ihr Leiden eine Geschichte hat. Dass ihr Leben nicht ein bloßes Existieren ist, weil sie heute mit den Folgen dessen kämpfen, was ihnen widerfahren ist. Dass sie Menschen sind die denken und fühlen, Sehnsüchte und Wünsche haben, Bedürfnisse und Träume.
Ich möchte ihnen nicht sagen, dass sie einfach nur stark sind. Denn in meinen Augen ist es eine Zumutung, Menschen dafür zu bewundern, dass sie stark sind und überlebt haben, wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, als endlich nicht mehr kämpfen zu müssen. Nicht jeder Mensch möchte stark sein. Nicht jeder möchte noch eine Krise bewältigen, noch einen Rückschlag verkraften, noch einmal aufstehen und mit all dem, was schmerzt, weitermachen. Manche Menschen möchten einfach, dass es aufhört, so weh zu tun.
Sie möchten morgens aufwachen und nicht sofort von Angst überwältigt werden. Sie möchten sich entspannen können, ohne dass die innere Unruhe sie einholt. Sie möchten Freude empfinden, ohne sich dafür schuldig zu fühlen. Sie möchten sich selbst vertrauen können. Sie möchten sich endlich sicher fühlen. Sie möchten nicht länger nur überleben. Sie möchten endlich leben, in Leben, in dem die Vergangenheit nicht länger jeden gegenwärtigen Moment bestimmt. In dem Nähe wieder möglich werden darf. In dem eigene Bedürfnisse zählen. In dem Entscheidungen nicht ausschließlich von Angst geleitet werden. In dem es nicht nur darum geht, Schlimmes zu verhindern, sondern auch darum, Gutes zu erfahren. Indem ihre Symptome nicht ihr ganzes Denken und Fühlen beherrschen.
Ein Leben in dem sie irgendwann nicht mehr nur sagen: „Ich habe den Tag überstanden.“ Sondern: „Heute war ein guter Tag.“
Leben beginnt dort, wo wir wieder etwas anderes tun können, als nur zu überleben. Wo wir uns verbunden fühlen. Wo wir lieben. Wo wir neugierig werden. Wo wir Wünsche entwickeln. Wo wir uns selbst nicht länger nur als jemanden erleben, der irgendwie überleben muss.
Das ist die Hoffnung, die ich den Menschen, die zu mir kommen, vermitteln möchte, nicht, dass ihre Geschichte ungeschehen gemacht werden kann. Nicht, dass irgendwann alles gut sein wird. Nicht das alle Wunden heilen. Sondern dass ihre Geschichte nicht alles ist, was sie sind. Dass das, was ihnen widerfahren ist, erklärt, warum sie heute leiden, ohne festlegen zu müssen, wie ihr ganzes Leben aussehen wird. Dass es einen Weg geben kann, auf dem aus bloßem Überleben allmählich wieder Leben wird. Und dass sie es verdienen, diesen Weg zu gehen. Nicht, weil sie so viel ausgehalten haben. Nicht, weil sie stark genug waren, sondern einfach, weil sie Menschen sind.
Und weil ein Leben mehr sein sollte, als es irgendwie zu überleben.

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