Freitag, 20. März 2026

Du sollst dir kein Bildnis machen

 



"Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: "wofür ich Dich gehalten habe." Und wofür hat man ihn denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Dieser Eintrag entstammt dem Tagebuch von Max Frisch 1946–1949. Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
 
Wir alle haben ein Bildnis von uns selbst. Man nennt das Selbstbild, das oft mit dem Fremdbild nicht übereinstimmt, also wie wir uns sehen und wie uns andere sehen. Und wir alle machen uns ein Bild von anderen.  
Auf gewisse Weise sind wir darauf angewiesen. Keiner von uns ist ein offenes Buch in dem wir alles über ihn lesen können. Wir Menschen machen uns ein Bild von anderen, um sein Verhalten einzuschätzen zu können und es vorhersehbarer zu machen. Es hilft Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren, indem es Verhalten vorhersehbar macht und um Energie zu sparen, weil unser Gehirn dann nicht jede Handlung neu bewerten muss. Dabei spielen unsere Wahrnehmung, unsere Überzeugungen, unsere Erfahrungen, unsere Erwartungen und innere Werte eine Rolle. Das führt dazu, dass unsere Sicht auf den anderen unvollständig ist und nicht selten auf Vorstellungen Projektionen und Übertragungen beruht. Bisweilen führt kann es auch dazu führen, dass wir andere idealisieren. 
 
Idealisierung ist ein zentraler Mechanismus in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen. 
Dabei wird der andere nicht als vollständige, vielschichtige Person wahrgenommen, sondern vor allem durch ein Bild, das den eigenen Erwartungen entspricht. Oft projizieren Menschen dabei ihre Wünsche, Hoffnungen oder ihre Sicherheitsbedürfnisse auf den anderen. Sie sehen vor allem die Eigenschaften, die ihrem inneren Bild von Stärke und Kompetenz entsprechen, und blenden Aspekte aus, die nicht in diese Vorstellungen passen. Idealisierung beeinflusst stark die Erwartungsstruktur (verfestigte Erwartungen darüber, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten sollen) die jemand an Beziehungen stellt. Wir entwickeln quasi ein inneres Drehbuch, wie sich der andere verhalten soll und was er für uns sein soll. Stimmt etwas nicht mit diesem Drehbuch überein, passt es nicht ins Bild, entstehen Irritation, Verunsicherung oder sogar Enttäuschung. 
 
Menschen, die stark idealisieren, tun dies oft aus aus Unsicherheit, Schutzbedürfnis und dem Wunsch nach Halt und Orientierung.  
Sie haben häufig ein hohes Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit und neigen zu schwarz-weiß-Denken. Alles, was nicht in das innere Bild passt, wirkt irritierend oder gar bedrohlich. Idealisierung kann auch ein Ausdruck von Bewunderung sein. Menschen, die dazu neigen sind besonders empfänglich für Status, Kompetenz und Leistung und neigen dazu, bestimmte Eigenschaften zu überhöhen. Dabei spielen frühere Beziehungserfahrungen eine Rolle. Wer in der Kindheit instabile oder unsichere Bindungen erlebt hat, neigt oft dazu, Bezugspersonen zu idealisieren. Die Idealisierung wirkt dann wie ein Schutzmechanismus - indem die Person idealisiert wird, wird die Angst vor Enttäuschung und Verletzung abgemildert.
 
Idealisierung und Erwartungsstrukturen sind eng mit emotionalen Bedürfnissen verknüpft. Sie können Beziehungen intensivieren und auch belasten.  
 Ist das Bild, das wir uns vom anderen machen zu starr, fällt es schwer, Grenzen, Einschränkungen oder normale menschliche Schwächen zu akzeptieren. Wer zur Idealisierung neigt, darf lernen, den anderen als ganzen, komplexen Menschen wahrzunehmen, mit seinen Stärken, seinen Schwächen und seinen Grenzen. Er muss begreifen, dass Schwächen menschlich und normal sind und keine Bedrohung darstellen. Darüber hinaus dürfen diese Menschen lernen, ihre eigenen Erwartungen zu reflektieren inde sie sich fragen: Welche Vorstellungen entstammen meinen eigenen Bedürfnissen und welche sind Projektionen? Dabei geht es darum, flexibler auf Abweichungen reagieren zu können und Irritationen oder Enttäuschungen auszuhalten.
 
Unvollkommenheit aushalten können – sowohl die der anderen als auch die eigene, heißt das Menschliche in uns selbst und im anderen zu würdigen. 
Nobody is perfect. Wir nicht und der andere nicht. Wir sind alle Menschen und keine programmierbaren Roboter, die genauso funktionieren, wie wir das gerne hätten.
Es geht darum echte Verbindung statt Projektion zu leben, Beziehungen bewusst auf Augenhöhe zu gestalten, den anderen mit allem, was ihn ausmacht, wahrzunehmen und zu achten, ohne Angst vor Enttäuschung oder Kontrollverlust. Es geht darum Realität und Wunschbild zu unterscheiden, die Grenzen und Schwächen anderer zu akzeptieren wie unsere eigenen und gleichzeitig die eigene innere Sicherheit zu stärken - eine die Grundlage für gesunde, stabile und authentische Beziehungen.
 
„Du sollst dir kein Bildnis machen“, oder wie es Max Frisch so formuliert: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Mittwoch, 18. März 2026

Nicht: Wer bin ich?, sondern: Werde, der Du bist.

 


Wenn eine alte Identität zusammenbricht fühlt sich das wie ein Verlust an. Plötzlich fehlt, was uns vorher Orientierung und Halt gegeben hat. Gleichzeitig liegt in diesem Verlust auch die Chance, etwas Neues entstehen zu lassen. Das hört sich tröstlich an, ist aber ein langer, mitunter schmerzhafter Prozess.

Eine neue Identität lässt sich nicht einfach bewusst erfinden. 

Identität entwickelt sie sich langsam – sie formt sich aus Erfahrungen, Erlebnissen, Entscheidungen und Bedeutungen, die wir uns selbst und dem Leben geben. Bevor sich eine neue Identität überhaupt zeigen kann, steht am Anfang des Prozesses das Verstehen dessen, was eigentlich zerbrochen ist. Das Gefühl für unsere Identität hängt mit vielen Lebensbereichen und den dazugehörigen Rollen und Selbstbildern zusammen. Beruf, Beziehung, ein Lebensplan, Werte, Weltbild und dem Gefühl unseres In der Welt seins. Wenn nur einer dieser Pfeiler wegbricht, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Brechen mehrere weg, bricht ein ganzes Identitätsempfinden weg. Alles, womit wir uns identifiziert haben, worüber wir uns definiert haben, was unserem Leben Sinn und Halt gab, zerbröselt und im Zweifel wir mit. Und dann kommt sie die bange Frage: 

Wer bin ich jetzt noch?

Wenn wir an diesem Punkt stehen ist es hilfreich, uns zu fragen, was genau verloren gegangen ist und welche Teile davon wirklich zu unserem inneren Kern – uns selbst - gehörten. 

Manches, was wir für unsere Identität gehalten hat, stammt vielleicht aus Erwartungen von außen – von Familie, Gesellschaft oder dem Umfeld in dem wir leben. Vielleicht haben wir nie bewusst darüber nachgedacht, wer wir sind ohne das außen. Vielleicht kennen wir uns nicht wirklich, weil wir über endlos lange Zeit funktioniert haben, unsere Bedürfnisse ignoriert haben und unsere Wünsche hintenangestellt haben, Wünsche, die nur uns selbst betreffen.  

Wer nicht mehr weiß oder nicht weiß wer er ist, befindet sich in einem Niemandsland. Einer Zwischenphase, in der vieles unklar und nichts fassbar ist. Wir wissen nicht, wer wir noch sind und schon gar nicht wer wir künftig sein möchten. Diese Phase kann sich zutiefst beängstigend anfühlen, sie ist aber ein wichtiger Teil des Prozesses. In dieser Phase dürfen wir uns auf die Suche begeben, Dinge ausprobieren, Ansichten hinterfragen, neue Rollen ausprobieren und Dinge verwerfen, die sich nicht mehr richtig anfühlen oder nie richtig angefühlt haben. Eine neue Identität entsteht nicht aus einem festen Plan oder einem Weg, dessen Ziel wir definieren, sie formt sich aus vielen kleinen Experimenten im Alltag.

Wenn alte Rollen wegfallen, kann es hilfreich sein uns künftig weniger über Rollen zu definieren und stattdessen über Werte.

Wenn mehrere Teile der eigenen Identität gleichzeitig wegfallen – PartnerIn, Mutterrolle, Vaterrolle, Berufstitel oder soziale Positionen, das Gefühl von Jugend, Attraktivität oder körperliche Kraft, kann sich das anfühlen, als wäre der tragende Boden unter den Füßen weggebrochen. Rollen geben nicht nur Struktur im Alltag, sondern auch eine Antwort auf die Frage: Wer bin ich eigentlich? Wenn sie zusammenbrechen, entsteht ein Gefühl von Leere, Trauer und Orientierungslosigkeit. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, welche Rolle man hat, bedeutet jedoch nicht, dass man keine mehr hat. Es bedeutet eher, dass die alten Rollen sehr stark waren und nun Platz entstanden ist, der noch nicht gefüllt ist. Diese Leere kann sehr schmerzhaft sein, aber sie gehört zu diesem Übergangszustand. In solchen Übergängen fühlt sich Identität oft vorübergehend „aufgelöst“ an.

Ein wichtiger erster Schritt ist zu verstehen, dass solche Reaktionen absolut normal sind. Wenn Identitäten an Beziehungen, Lebensphasen oder körperliche Zustände gebunden waren, bedeutet ihr Verlust nicht nur eine radikale Veränderung, sondern auch einen Abschied. 

Wir trauern gewissermaßen um eine frühere Version des eigenen Lebens und um die Person, die wir darin waren. Neue Identität entsteht Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem wir uns erlaubt haben, die alte wirklich zu betrauern. Diese Trauer braucht Raum. Diesen Raum dürfen wir ihr geben. Neue Identität entsteht in solchen Situationen oft langsam, Schritt für Schritt, und manchmal erst nachdem man sich erlaubt hat, die alte wirklich zu betrauern.

Rollen sind instabil - Werte und Fähigkeiten und innere Qualitäten hingegen sind stabiler.

Rollen können sich im Laufe eines Lebens mehrfach verändern – Beziehungen beginnen und enden, Kinder werden selbstständig, der Körper verändert sich. Die Fähigkeiten, Erfahrungen und Werte, die man in diesen Rollen entwickelt hat, bleiben jedoch Teil der eigenen Person. Wenn wir wissen weiß, was uns wirklich wichtig ist – etwa innere Freiheit, Kreativität, Wissen, Ehrlichkeit, Liebe, Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Beziehung –, können wir unser Leben auf unterschiedliche Weise danach gestalten. Die äußere Form mag sich verändern, aber die innere Richtung bleibt erkennbar – sie ist ein Kompass, nach dem wir uns innerlich ausrichten können.

Mit der Zeit wächst eine neue Identität vor allem durch wiederholte neue Handlungen. 

Statt zu beschließen, ein völlig neuer Mensch zu sein, entstehen Veränderungen durch kleine Entscheidungen im Alltag. Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die zu den eigenen Werten passen, formen langsam ein neues Selbstbild. Irgendwann beginnt man sich selbst als jemand zu sehen, der bestimmte Dinge tut, bestimmten Werten und Prinzipien folgt oder auf eine bestimmte Weise sein Leben gestaltet. Wir finden neue Routinen, neue Interessen, vielleicht neue soziale Kontakte. Dadurch entstehen langsam neue Bedeutungen im Alltag.

Identität baut sich nicht als großer Plan auf, sondern wächst aus vielen kleinen Handlungen und Erfahrungen.

Dabei muss die alte Identität nicht verschwinden. Alles, was wir erlebt haben, bleibt Teil der eigenen Geschichte. Hilfreich ist - bewusst zu entscheiden, welche Aspekte wir aus der Vergangenheit mitnehmen möchten und welche wir hinter uns lassen, weil sie sich überlebt haben. Es geht nicht um eine radikale Trennung zwischen einem „alten“ und einem „neuen“ Selbst, sondern um eine biografische Entwicklungslinie, in der all unsere Erfahrungen integriert werden. Während das Ich mit all seinen Rollen und Identifikationen nur einen kleinen Teil der Psyche repräsentiert, verbindet das Selbst alle bewussten und unbewussten Elemente zur Ganzheit - das Selbst als inneres Zentrum und zugleich als die Gesamtheit der Persönlichkeit. Dieses Selbst ist kein festes Objekt, sondern eher ein inneres Ordnungsprinzip, das uns Menschen zur Ganzheit und damit zum inneren Gleichgewicht führt. So besteht die Chance im Laufe unseres Lebens immer mehr zu dem Menschen zu werden, der in uns angelegt ist. Einerseits ist der Mensch ein Wesen, das sich ständig wandelt, andererseits trägt er eine verborgene innere Ordnung in sich, die ihn zu sich selbst führen will. Das Selbst ist nicht etwas, das man einfach besitzt. Vielmehr ist dieses Selbst ein Werden - ein Weg zu uns hin, ein langsames Annähern an unsere Ganzheit.

Wir Menschen verstehen unser Leben stark über Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen.  

Wenn eine Identität zerbricht, verändert sich auch diese innere Geschichte. Was zunächst wie ein Zusammenbruch oder ein Scheitern wirkt, kann jedoch ein Wendepunkt sein – eine Phase, die uns dazu zwingt, uns neu zu definieren und neue, bewusstere Entscheidungen über das eigene Leben zu treffen. Viele stabile und reflektierte Identitäten entstehen gerade nach solchen Brüchen, weil man gezwungen ist, grundlegende Fragen neu zu stellen. Eine neue Identität entsteht nicht in einem einzigen Moment, sondern langsam. Sie wächst aus Reflexion, Experimenten, Entscheidungen und der Bereitschaft, sich selbst immer wieder neu zu entdecken, zu verstehen und im Kern des eigenen Wesens zu erkennen und anzunehmen.

In solchen Phasen hilft es manchmal, die Frage zu verändern.

Statt sofort zu fragen: „Wer bin ich jetzt?“, können wir fragen: „Wie möchte ich leben, auch wenn gerade vieles offen ist?“„Welche Art von Mensch möchte ich in dieser neuen Lebensphase werden?“

 Also nicht: Wer bin ich?, sondern „Werde, der Du bist“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Dienstag, 17. März 2026

Verlässlichkeit – das stille Fundament von Beziehungen

 

                                                                                            Foto: www

 
 
Viele Menschen empfinden mehr und mehr den Verlust von Verlässlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen als etwas sehr Reales.
Woran liegt das?
Dahinter steckt eine Mischung aus gesellschaftlichen Veränderungen, sozialen Medien und inneren, psychologischen Dynamiken. Einerseits gibt es heute mehr Freiheit, gleichzeitig bleibt Kommunikation oft oberflächlich, Erwartungen werden nicht klar ausgesprochen, Vertrauen wird dadurch fragiler.
Soziale Medien und Datingplattformen tragen dazu bei, dass Menschen sich stärker vergleichen und schneller weiterziehen. Dabei entsteht der Eindruck, dass andere jederzeit verfügbar sind und dass Menschen gewissermaßen wie ein Konsumgut behandelt werden: austauschbar, ersetzbar, nie ganz „genug“, immer kann es noch jemand Besseres geben – das Netz ist übervoll mit "Angeboten". 
Das erzeugt das Gefühl ständiger Alternativen und schwächt die Bereitschaft, sich festzulegen. Hinzu kommt oft Inkonsistenz im Verhalten. Worte und Handlungen passen nicht zusammen, Nähe und Distanz wechseln sich abrupt ab. Dieses unvorhersehbare Verhalten verunsichert und untergräbt Vertrauen, denn Verlässlichkeit entsteht vor allem durch Commitment und Klarheit.
Auch innere Unsicherheit spielt eine Rolle.
Wer instabil ist, nicht weiß, was er will, oder Angst vor Enttäuschung oder Verletzung hat, bleibt oft widersprüchlich, er sucht Nähe, zieht sich aber zurück, sobald es ernst wird und wirkt dadurch unzuverlässig. So treffen äußere Möglichkeiten, digitale Einflüsse und Ängste aufeinander. Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen werden immer freier, aber auch immer unzuverlässiger, oberflächlicher und fragiler.
 
Verlässlichkeit ist ein unsichtbares Band, das Menschen miteinander verbindet.  
Sie ist ein gelebter Wert, der Beziehungen Stabilität verleiht, sie lässt Vertrauen wachsen und schafft das Gefühl von Sicherheit, was Nähe und echte Verbundenheit erst möglich macht. In jeder Art von zwischenmenschlichen Beziehungen wirkt sie wie ein Anker - wer hält, was er sagt, wer präsent ist, vermittelt Vertrauen und Zuverlässigkeit.
 
Unzuverlässigkeit dagegen wirkt wie eine subtile Erosion.
Wenn Zusagen und Absprachen nicht eingehalten werden, entsteht beim Gegenüber Verunsicherung und Misstrauen. Nähe und Vertrauen geraten ins Wanken, es entsteht ein innerer Rückzug – der Versuch, sich selbst zu schützen. Wer Unzuverlässigkeit zeigt, sendet ein Signal über sich selbst. Unzuverlässigkeit sagt viel darüber aus, wie ernst er oder sie Worte und Zusagen nimmt, wie er Verantwortung wahrnimmt und wie er Prioritäten setzt. Wer unzuverlässig handelt, vermittelt subtil: Meine Worte und Versprechen sind nicht verbindlich. Die Verantwortung wird leichtfertig verschoben. Vertrauen kann nicht sicher aufgebaut werden. 
 
Verlässlichkeit ist die Basis konsistenter Beziehungen. Sie signalisiert nicht nur:„Du kannst dich auf mich verlassen“, sondern, dass der andere respektiert, wertgeschätzt und geachtet wird.  
Verlässlichkeit ist die stillschweigende Versicherung, dass eine Verbindung Wert und Bestand hat. Unzuverlässigkeit sendet das Gegenteil: Nähe und Vertrauen sind unsicher, fragile Räume entstehen, und das Fundament der Beziehung wackelt.
Verlässlichkeit entsteht dort, wo wir trotz dieser Dynamiken bewusst, klar, präsent und verbindlich bleiben. Verlässlichkeit ist mehr als ein Versprechen, sie ist ein Wert, sie ist gelebte Präsenz, Achtung und Respekt. Sie schafft Räume, in denen Nähe, Verständnis und gegenseitige Wertschätzung wachsen können, Räume, in denen Vertrauen nicht nur ein Wort ist, sondern gelebt wird. Für mich ist sie das Fundament, das jede zwischenmenschliche Beziehung trägt. 
 
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Montag, 16. März 2026

Gedankensplitter

 

                                                               Malerei: A.Wende

 

Alt werden ist eine Herausforderung, eine Anpassungsleistung, ein Lebensübergang, der mit unendlich vielen Emotinen verbunden ist. Alter bedeutet Verlust von sehr vielem, innen wie außen. Und Verluste schmerzen. Sie tragen immer Abschied und Trauer in sich. 

Auch die eigene Endlichkeit wird uns bewusst. 

Alt werden ist eine Kunst, die wir nicht gelernt haben und jetzt lernen dürfen. 

Alt werden ist nicht einfach, wenn man es sich nicht schönredet, sondern in all seinen hellen und dunklen Aspekten betrachtet.

Sonntag, 15. März 2026

Aged by Culture oder warum ältere Frauen unsichtbar werden

 



Was ist eigentlich damit gemeint, dass wir Frauen „unsichtbar“ werden, wenn wir alt werden? Das klingt übertrieben, fast metaphorisch. Niemand verschwindet schließlich wirklich aus dem Raum – es sei denn, er zieht sich in die soziale Isolation zurück oder stirbt. Mit „unsichtbar“ ist eine Erfahrung gemeint, die viele Frauen teilen – die Erfahrung, mit zunehmendem Alter weniger gesehen, seltener beachtet und seltener angesprochen zu werden. „Unsichtbar“ werden, meint nicht ein tatsächliches Verschwinden, sondern eine Abnahme von Sichtbarkeit. Ältere und alte Frauen tauchen seltener in den Medien auf und erhalten insgesamt weniger Aufmerksamkeit. Ein Phänomen, das durch ein Zusammenspiel kultureller Normen, psychologischer Wahrnehmungsmuster und sozialer Strukturen entsteht. 
 
Unsichtbar werden geschieht nicht abrupt, sondern schleichend.
Eine Studie am Women's Studies Research Center der Brandeis University von Margaret Morganroth Gullette, der Autorin des Buches „Aged by Cultue“, ergab, dass viele Frauen einen bestimmten Moment erleben, an dem sie Veränderungen in ihrer Sichtbarkeit bemerken. Zwischen 45 und 60 Jahren bemerken sie oft zum ersten Mal bewusst, dass sie weniger Aufmerksamkeit erhalten. Auf der Straße werden sie seltener angesehen, im Gespräch öfter überhört, im Beruf weniger ernst genommen. Besonders auf Dating-Plattformen werden sie häufig kaum mehr wahrgenommen. Insgesamt verschwindet ein Teil der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit.
 
Warum ist das so?, habe ich mich gefragt.
Ein wesentlicher Grund liegt in den Schönheitsidealen unserer Gesellschaft. Weiblichkeit und Schönheit werden kulturell stark mit Jugend verknüpft. Werbung, Filme und soziale Medien zeigen vor allem junge, schöne Gesichter. Wenn Frauen älter werden, entsprechen sie nicht mehr diesem Ideal von Attraktivität und geraten aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Susan Sontag beschreibt in ihrem Essay „The Double Standard of Aging“ genau dieses Phänomen: Während Männer mit zunehmendem Alter oft als erfahren oder charismatisch gelten, werden Frauen weiterhin nach Jugendlichkeit und Attraktivität bewertet. Wenn diese schwindet, verschwindet auch ein Teil ihrer gesellschaftlichen Sichtbarkeit – sie werden „unsichtbar“.
Hinzu kommen Altersstereotype.
In der Forschung spricht man von Ageism, dem Phänomen, dass ältere Menschen automatisch mit Eigenschaften wie Passivität, Schwäche oder geringerer gesellschaftlicher Relevanz verbunden werden. Treffen solche Vorstellungen dann noch auf traditionelle Geschlechterrollen, werden ältere Frauen leicht übersehen.
Interessant ist, dass ein Teil dieses Prozesses unbewusst abläuft. Psychologische Studien mittels Eye-Tracking, bei denen die Augenbewegungen von Versuchspersonen gemessen werden, zeigen: Menschen betrachten junge Gesichter im Durchschnitt länger als ältere. Der Blick bleibt dort hängen, wo kulturell geprägte Schönheitsnormen Attraktivität definieren. Diese Reaktionen passieren automatisch und beeinflussen, wer gesehen wird und wer als unsichtbar wahrgenommen wird.
Dazu kommt der sogenannte Attraktivitäts-Bias, der durch Medienbilder entsteht, in denen junge Frauen stark präsent sind. Die Unsichtbarkeit älterer Frauen ist also kein individuelles Problem, sondern basiert auf einem gesellschaftlichen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. 
 
Genug Gründe um die Unsichtbarkeit zu erklären und zu verstehen. Das kann man jetzt akzeptieren oder nicht. Man kann unter Unsichtbarkeit leiden oder nicht. 
Das ist individuell von Frau zu Frau verschieden und hat viel damit zu tun, was im Leben einen persönlichen Wert bedeutet und welche Bedürfnisse einem wichtig sind. Wer gesehen werden will und plötzlich „unsichtbar“ ist, wird darum trauern, dass die eigene Vergänglichkeit nicht mitspielt.
Aber es gibt eine andere Seite dieser Unsichtbarkeit. Viele Frauen sagen, dass sie sich freier fühlen, wenn der Druck nachlässt, ständig gefallen, gesehen und bewertet zu werden. Plötzlich ist da Raum für Selbstbestimmung, für eigene Wünsche für die eigene Entfaltung, für den Weg nach Innen. Es kann durchaus befreiend sein nicht mehr gefallen zu müssen, man darf endlich man selbst sein oder sich endlich selbst fnden. In dieser Freiheit liegen kreative Möglichkeiten. Zudem verändert sich das Bild langsam. Gerade die Literatur gibt älteren Frauen Stimmen, die lange ungehört blieben. Romane von und über „unsichtbare“ Frauen zeigen, dass Frauen gesehen werden, wenn sie den Mut haben, sichtbar zu sein. 
 
Unsichtbarkeit ist keine unverrückbare Tatsache, sie ist ein Blickwinkel. Und Blickwinkel lassen sich ändern. Ältere und alte Frauen sind nicht unsichtbar, sie werden nur oft durch die Augen der anderen übersehen. Es liegt an uns Frauen, uns zu zeigen – voller Erfahrung, voller Wissen, voller Leben, in voller Präsenz.

Samstag, 14. März 2026

Masken der Scham

 

                                                                                                              Malerei: A.Wende


Du kannst nicht Nein sagen.

Du kannst keine Grenzen setzen.
Du passt dich ständig anderen an.
Du funktionierst für die Erwartungen anderer.

Du hast an dich selbst überzogene Erwartungen.

Du willst Konflikte vermeiden.

Du willst perfekt sein. 

Du willst perfekt aussehen.

Du willst alles und jeden unter Kontrolle haben.

Du definierst dich über Leistung.

Du denkst, du musst und kannst alles alleine schaffen.

Du schützt dich durch Arroganz, durch Wissen oder Erfolg.

Du entwertest dich selbst.

Du kannst Komplimente nicht annehmen.

Du bleibst innerlich leer. 

Du ziehst dich zurück.

Du isolierst dich.

Dahinter verbirgt sich oft ein abgespaltenes Selbst, eine zweite Version der Persönlichkeit, die entsteht, wenn ein Mensch früh lernt, dass bestimmte Seiten von ihm nicht erwünscht sind und besser im Verborgenen bleiben.

Weil er so wie er war, nicht willkommen war.
Weil er zu viel, zu lebendig, zu empfindlich, zu anders, falsch war.

Weil er nie genug war. 

Weil er für seine Gefühle bestraft wurde.

Weil er beurteilt, verurteilt, missbraucht, verraten, lächerlich gemacht und beschämt wurde.

Weil er sich als entwertet, bedeutungslos, klein, unwürdig und minderwertig empfindet.

Scham folgt oft auf Komplexe Traumata.

Sie wirkt leise, zersetzend und nachhaltig.

Scham friert ein.
Scham führt zu Schutzmechanismen.

Scham und Schuld sind Schwestern.

Scham trägt Masken.

Scham will sich den Blicken anderer entziehen.

Scham sagt Worte der Selbstentwertung.

Scham hat ständig Angst vor erneuter Kränkung, Entwertung und Zurückweisung.


Sie trägt Masken, nur um nicht als der, der wir auch sind, gesehen und erkannt zu werden. 

Scham sagt: Du darfst nicht sein. Du musst dich verbergen. Du musst verhindern, dass andere sehen, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Scham lügt, von Anfang an, durch die, dich beschämt haben.




 

Freitag, 13. März 2026

Gedankensplitter


 

Es gibt Erfahrungen, die man nicht überleben kann. Danach fühlt man, dass alles, was man auch täte, keine Bedeutung mehr haben kann. Das gewöhnliche Leben verliert jeglichen Reiz. Es gibt keinen „Sinn“ im klassischen Sinne, kein Ziel, kein Licht am Ende des Tunnels. Manchmal ist das Leben einfach schwer, ohne Antwort, und die Trauer, die Enge, der Überdruss, die Müdigkeit sind die vollständige Wahrheit des Moments.
Bleibt nur noch die Passion für das Absurde.

Donnerstag, 12. März 2026

Trauer

 



Manche Abschiede kommen, wenn du nicht bereit ist.
Menschen, die du liebst, gehen.
Sie leben jetzt in dir weiter, in den Teilen von dir, die du ohne sie nie gekannt hättest.
Es gab ein Leben vor dem Verlust und ein Leben nach dem Verlust, und du kannst nicht zurück, egal wie sehr du es dir wünscht.
Nach dem Verlust weiterzumachen ist nicht einfach. Alles hat sich verändert. Du hast dich verändert.
Und nun musst du lernen, mit dieser Veränderung zu leben.
Egal wie viele andere Dinge du erlebst, der Schmerz ist da.
Die Trauer ist da.
Die Trauer ist nicht das Ende deiner Geschichte.
Sie ist ein Teil davon. Sie gehört jetzt zu dir.
Und vielleicht verschwindet sie nie ganz.
 
 
Angelika Wende

Dienstag, 10. März 2026

Leben

 



Es gibt kein neues Leben.
Es gibt nur ein Leben.
Und dieses Leben ist so alt wie wir selbst.
Die Vorstellung eines neuen Lebens ist so töricht
wie die Vorstellung von Unsterblichkeit.

In jedem Leben gibt es Abschnitte.
Und jeder Abschnitt ist nur ein Stück
auf demselben Weg.

Wir werden keine neuen Menschen.
Wir werden im Leben die, die wir sind –
oder wir werden es nicht.

Montag, 9. März 2026

Die stille Kraft der Dankbarkeit

 



Dankbarkeit ist das Gefühl der Wertschätzung für das Gute, das uns widerfährt. Sie ist zugleich eine Emotion und eine innere Haltung, eine Gabe, die uns hilft, das Leben bewusster wahrzunehmen. Dankbarkeit bedeutet, Vertrauen ins Leben zu haben und das Positive in unserem Alltag zu erkennen.
Sie beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln auf tiefgreifende Weise. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Dankbarkeit erstaunliche Auswirkungen auf unser Gehirn hat. Wenn wir Dankbarkeit empfinden, wird das Belohnungssystem aktiviert. Gleichzeitig steigt der Spiegel der Neurotransmitter Dopamin und Serotonin – zwei Botenstoffe, die maßgeblich zu unserem Wohlbefinden und unserer emotionalen Ausgeglichenheit beitragen.
 
Dankbarkeit beginnt oft im Kleinen, kann jedoch große Auswirkungen haben. Sie ist ein kraftvolles Werkzeug, mit dem wir unser Leben bewusst positiver gestalten können. Verschiedene Praktiken helfen uns dabei, Dankbarkeit im Alltag wahrzunehmen und zu vertiefen. Wenn wir sie regelmäßig anwenden, lernen wir, unseren Blick stärker auf die guten Aspekte unseres Lebens zu richten und mehr Zufriedenheit zu empfinden.
 
Wege, Dankbarkeit im Alltag zu kultivieren:
Das Dankbarkeitstagebuch
Diese Methode gilt als besonders wirksam – das zeigen zahlreiche Studien. Nimm dir täglich ein paar Minuten Zeit, morgens oder abends, und schreibe mindestens drei Dinge auf, für die du an diesem Tag dankbar bist.
 
Der Dankbarkeits-Rückblick
Nimm dir am Wochenende einige Minuten Zeit, um auf die vergangene Woche zurückzuschauen. Notiere dir die Momente, in denen du Dankbarkeit empfunden hast. So wird dir bewusst, wie viele positive Erfahrungen dein Alltag bereithält.
 
Dankbarkeit teilen
Schreibe einem Menschen, der dir wichtig ist, eine Nachricht und teile mit ihm, wofür du gerade dankbar bist. Vielleicht entsteht daraus eine kleine gemeinsame Gewohnheit: regelmäßig Dinge miteinander zu teilen, für die ihr dankbar seid.
 
Das Dankbarkeitsglas
Nimm ein großes Glas und einige kleine Zettel. Jedes Mal, wenn du etwas erlebst, wofür du dankbar bist, schreibe es auf einen Zettel und lege ihn in das Glas. Stelle es an einen gut sichtbaren Ort. Mit der Zeit kannst du beobachten, wie sich das Glas füllt. Am Ende des Jahres kannst du alle Zettel noch einmal lesen und dich an die vielen schönen Momente erinnern.
 
Das Erbsensammeln
Nimm dir morgens eine Handvoll Erbsen und stecke sie in deine Hosen- oder Jackentasche. Immer wenn du einen Moment der Dankbarkeit erlebst, nimm eine Erbse und lege sie in die andere Tasche. Am Abend zählst du die Erbsen und siehst, wie viele Momente der Dankbarkeit dein Tag enthalten hat.
 
Die Metta-Meditation
Die Metta-Meditation stammt aus der buddhistischen Meditationspraxis. Ihr Ziel ist es, „liebende Güte“ (Metta) und Wohlwollen gegenüber sich selbst und allen Lebewesen zu entwickeln. Dabei üben wir eine freundliche, wohlwollende Haltung, zunächst uns selbst gegenüber, dann gegenüber Menschen, die uns nahestehen, anschließend gegenüber schwierigen Menschen und schließlich gegenüber allen Lebewesen. Durch diese Praxis entwickeln wir Gefühle von Dankbarkeit, Mitgefühl und Verbundenheit. Sie stärkt Empathie, fördert inneren Frieden und kann zu mehr Zufriedenheit im Leben beitragen.
Zentral für die Metta-Meditation sind kurze, wohlwollende Sätze, die innerlich wiederholt werden:
 
Möge ich glücklich sein.
Möge ich mich sicher und geborgen fühlen.
Möge ich gesund sein.
Möge ich unbeschwert leben.
 
Anschließend richten wir diese Wünsche auch an andere:
Mögen alle Menschen und Lebewesen glücklich sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen sich sicher und geborgen fühlen.
Mögen alle Menschen und Lebewesen gesund sein.
Mögen alle Menschen und Lebewesen unbeschwert leben.
 
Dankbarkeit ist eine stille Kraft, die unser Leben verändern kann. Sie verlangt nichts von uns, außer einen Moment der Aufmerksamkeit. Einen Moment, in dem wir innehalten und erkennen, wie viel Gutes bereits in unserem Leben vorhanden ist. Wenn wir beginnen, Dankbarkeit bewusst zu kultivieren, verändert sich unser Blick auf uns selbst und die Welt. Aus Selbstverständlichem wird etwas Wertvolles. Aus kleinen Augenblicken entstehen kostbare Erinnerungen. Und aus dem Gefühl des Mangels wächst langsam ein Gefühl von Fülle. Dankbarkeit bedeutet nicht, dass alles im Leben immer leicht ist. Aber sie hilft uns, auch in schwierigen Zeiten Lichtpunkte zu entdecken, kleine Zeichen des Guten, die uns Kraft geben. Mit jedem dankbaren Gedanken öffnen wir unser Herz. Für das Leben, für andere Menschen und auch für uns selbst.
Dankbarkeit beginnt mit einer einfachen Entscheidung:
Heute nehme ich mir einen Moment Zeit, um dankbar zu sein. Denn wer Dankbarkeit im Herzen trägt, entdeckt im Alltag immer wieder kleine Wunder.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Sonntag, 8. März 2026

Die heilsame Kraft des expressiven Schreibens

 



„Menschen, die von einem schrecklichen traumatischen Erlebnis berichteten und dieses geheim hielten, hatten weitaus mehr gesundheitliche Probleme als Menschen, die offen über ihre Traumata sprachen." Diese Worte sind von dem amerikanischen Psychologen James W. Pennebaker, dem Erfinder des Expressiven Schreibens. 
 
Manche von uns tragen Erinnerungen in sich wie verschlossene Räume
Wir wissen, dass sie da sind, doch wir betreten sie nur selten oder nie. Die Türen bleiben geschlossen, die Geschichten unausgesprochen. Doch was wir verschweigen, verschwindet nicht. Es wirkt weiter – im Körper, in unseren Gedanken, in unserem Leben. James W. Pennebaker widmete einen großen Teil seiner Forschung genau diesem Zusammenhang: der Frage, wie Sprache, Gefühle und körperliches Wohlbefinden miteinander verbunden sind. Pennebaker untersuchte, wie Menschen sprechen und schreiben und was ihre Worte über ihre inneren Zustände verraten. Seine Forschung bewegte sich an der Schnittstelle von Persönlichkeitspsychologie, Sozialverhalten und psychosomatischen Erkrankungen. Besonders interessierte ihn, ob und wie sich belastende Erfahrungen auf unsere Gesundheit auswirken, wenn wir sie verschweigen – und was geschieht, wenn wir ihnen Worte geben.
In den 1980er-Jahren führte Pennebaker ein Experiment durch, das bis heute als Meilenstein in der Forschung zum sogenannten expressiven Schreiben gilt. Eine Gruppe von Studierenden schrieb an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils fünfzehn Minuten lang über alltägliche, eher belanglose Ereignisse. Eine zweite Gruppe erhielt eine andere Aufgabe: Sie sollte über belastende oder traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit schreiben – offen, ehrlich und ohne Zensur.
In den folgenden sechs Monaten beobachtete Pennebaker das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Das Ergebnis war überraschend und zugleich bemerkenswert: Denjenigen, die sich schreibend mit ihren traumatischen Erinnerungen auseinandergesetzt hatten, ging es langfristig psychisch besser als der Kontrollgruppe. Das Schreiben über Schmerz, Verlust und Angst schien nicht zu belasten, im Gegenteil - es wirkte entlastend. Aus diesen Beobachtungen zog Pennebaker eine Schlussfolgerung, die heute von vielen Studien gestützt wird: Schreiben kann heilsam sein.
 
Auch aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit mit Menschen in der Praxis und auch in meinen Schreibworkshops, weiß ich, welche Kraft im Schreiben liegen kann. 
Wenn wir schreiben, beginnen wir, unsere Gedanken zu ordnen. Wir halten inne, schauen hin und versuchen zu verstehen. Aus Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken entsteht langsam eine Geschichte, eine Erzählung, in der unsere Erfahrungen einen Platz finden. Indem wir sie aufschreiben analysieren wir sie und fügen sie zu einer kohärenten Geschichte zusammen - wir fügen sie in unsere Biografie ein. Was zuvor nur als diffuse Empfindungen oder drängende Gedanken in uns kreiste, bekommt eine Form. Und mit dieser Form entsteht oft auch ein neues Verständnis. Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Die Vergangenheit verliert einen Teil ihrer Macht. Erinnerungen werden nicht gelöscht, aber sie werden integrierbar und genau darum geht es wenn wir von Heilung sprechen.
 
Wie Schreiben wirkt
Schreiben hilft uns zunächst, Struktur zu finden. Während wir formulieren, greifen wir automatisch auf Wörter zurück, die zeitliche und logische Zusammenhänge herstellen. Unsere Gedanken ordnen sich entlang einer inneren Linie. Das Chaos der Gefühle beginnt sich zu sortieren. Gleichzeitig eröffnet das Schreiben einen Raum der Beobachtung. Wenn wir unsere Gedanken zu Papier bringen, treten wir gewissermaßen einen Schritt zurück und betrachten, was in uns vorgeht. Wir erkennen Muster, Verbindungen und haben manchmal auch überraschende Einsichten: Warum uns bestimmte Situationen so stark berühren. Welche Geschichten wir über uns selbst erzählen. Und welche vielleicht längst überholt sind und mit welchen wir uns noch immer zu auf selbstschädigende Weise identifizieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Distanz, die durch das Schreiben entsteht. Indem wir ein Erlebnis beschreiben, verwandeln wir es in eine erzählbare Erfahrung. Wir sehen uns selbst nicht mehr nur als Betroffene oder Betroffene eines Ereignisses, sondern auch als Erzählerinnen und Erzähler unseres Lebens. Diese Beobachter - Perspektive kann ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückbringen. Wir beginnen zu spüren: Ich bin nicht nur Teil der Geschichte, ich gestalte sie auch.
 
Während sich die frühe Forschung vor allem mit der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beschäftigte, zeigte sich später, dass die positive Wirkung des Schreibens weit darüber hinausreicht.  
Schreiben kann helfen, kreisende Gedanken zu beruhigen, Klarheit in schwierigen Entscheidungen zu finden oder Übergänge im Leben zu begleiten. Es kann ein Ort sein, an dem wir Krisen verstehen und als Chance erkennen, Veränderungen reflektieren und akzeptieren und selbst alltägliche Erlebnisse bewusster wahrnehmen und verarbeiten.
 
Ob expressives Schreiben allein ausreicht, um schwere Traumata zu heilen, lässt sich sicherlich nicht pauschal beantworten. Ich wage es zu bezweifeln. Jeder Mensch braucht etwas anderes um zu genesen. 
Manche Erfahrungen und schwere Traumata brauchen therapeutische Begleitung, Zeit, Geduld und andere Formen der Unterstützung. Doch das Schreiben kann ein kraftvolles Werkzeug sein – ein stiller Raum, in dem Gedanken und Gefühle Ausdruck finden dürfen. Beim Schreiben brechen wir aus dem inneren Gefängnis unausgesprochener Emotionen aus. Wir geben dem eine Sprache, was sich in uns festgesetzt hat. Was zuvor nur gespürt wurde, darf ausgesprochen werden. Und manchmal ist genau das schon der erste Schritt zur Entlastung.
 
Wenn wir regelmäßig schreiben, beginnen wir, mit uns selbst in einen Dialog zu treten. Wir hören genauer hin. Wir lernen unsere inneren Stimmen kennen – die zweifelnden, die ängstlichen, die verletzten, die trauernden, die hoffenden, die sehnenden und die mutigen Stimmen. Mit der Zeit vertieft sich dadurch unsere Selbstwahrnehmung, unser Verständnis und unser Mitgefühl für uns selbst. So wird das Schreiben zu mehr als einer Methode der Verarbeitung. Es wird zu einer Form der Begegnung mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Gefühlen und letztlich auch mit der eigenen Lebendigkeit.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 7. März 2026

Buchtipp: "Einsamsein" von Daniel Haas

 



„Es ist erstaunlich, wie sich das Bewusstsein aufspalten kann: in einen überwältigten Teil, der vor einem Schmerz, einer Angst kapituliert. Und in einen funktionierenden, der angemessene Reaktionen – Reden, Handeln – simuliert, als sei die Welt noch in Ordnung. Meine Welt war in den vergangenen Jahren zerbrochen. Was zuvor nur eine Tendenz zur Isolation gewesen war, hatte sich in tiefe Einsamkeit verwandelt.“
Diese Worte aus dem Buch "Einsamsein" von Daniel Haas treffen mit erschreckender Präzision was viele Menschen erleben.
 
Der Einstieg in das Buch fällt mir zunächst schwer. Fast lege ich es wieder zur Seite. Zu Beginn entsteht der Eindruck, hier gehe es weniger um Einsamkeit als um die literarische Aufarbeitung der Beziehung des Autors zu seiner Mutter, einer außergewöhnlich schönen Frau, von ihm zugleich bewundert und rätselhaft. Erst allmählich wird klar, dass diese Mutter-Sohn Beziehung der Schlüssel zum eigentlichen Thema ist. Auch die Mutter war eine Einsame. Jahre nach dem Suizid des Vaters entscheidet sie sich ebenfalls für den Freitod – mithilfe einer Sterbehilfeorganisation. Sie lässt ihren Sohn zurück: elternlos, traumatisiert.
„Aber was ist, wenn es ihr gelungen war, den Ärzten ein Krankheitsbild zu vermitteln, das diesen Schritt rechtfertigte? Wenn sie in Wirklichkeit einfach keine Lust mehr auf ein Leben hatte, in dem sie nicht mehr als Schönheit und Respektsperson auftreten konnte, sondern nur noch eine alte Frau unter vielen war – schwach und, in ihren eigenen Augen, unansehnlich?“
 
Haas beschreibt den Verlust der Mutter ohne Pathos, aber mit großer analytischer Schärfe. Mit der Zeit entfaltet das Buch eine Sogwirkung. Haas erzählt nicht nur die Geschichte seiner Mutter, sondern auch seine eigene – die Geschichte eines Menschen, der in die Einsamkeit hineingerät und sich darin fast verliert. In Interviews spricht er von einer Art „Erbe der Einsamkeit“, das in seiner Familie weitergegeben worden sei. Dieses Erbe zu verstehen, wird zum Antrieb des Buches. Jahre vor dem Freitod der Mutter gerät der Autor immer tiefer in die Isolation. Er verliert seinen Job, wird suchtkrank und verliert beinahe sich selbst. "Einsamsein" erzählt davon mit einer schonungslosen Offenheit, die stellenweise schmerzhaft ist. 
 
Haas beschreibt nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Einsamkeit ist längst kein Randproblem mehr, sondern eine stille Epidemie der Gegenwart. "Einsamsein" ist ein eindringliches, erschütterndes und zugleich ein aufrüttelndes Buch. Vor allem aber ist es ein wichtiges Buch.
Daniel Haas findet schließlich einen Weg aus der Dunkelheit. Viele andere schaffen es nicht und bleiben in chronischer Einsamkeit gefangen.
 
„Ich glaube, wir werden irgendwann alle Einsamkeitsexperten und -expertinnen sein und verlernen, Gesellschaftlichkeit konkret und real zu gestalten sowie zu erfahren. Wir sind so vernetzt wie nie, aber die konkrete Begegnung wird als belastend und befremdlich empfunden“, sagt Haas in einem Interview.
Man liest diesen Satz und spürt, wie sehr er unsere Gegenwart beschreibt.

Donnerstag, 5. März 2026

„Solange Sie das Unbewusste nicht bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen."

 


„Solange Sie das Unbewusste nicht bewusst machen, wird es Ihr Leben lenken und Sie werden es Schicksal nennen."
Dieser Satz ist von dem Psychoanalytiker C.G.Jung.
Ein krasser Satz, den ich nicht glauben will, denn ich bin der Überzeugung, es gibt etwas, das größer ist als wir, ich nenne es Gott, andere nennen es das Universum oder eben Schicksal.
Aber wenn ich tiefer darüber nachdenke und meinen inneren Widerstand gegen den Satz löse muss ich Jung zustimmen - er hat in dem Sinne Recht, dass weder Gott, noch das Universum uns Schaden zufügt oder uns rettet. Schaden tun wir Menschen uns selbst und gegenseitig, und retten dürfen wir uns auch selbst. 
 
Vieles von dem, womit wir uns schaden, ist uns nicht bewusst, es kommt aus dem Unterbewusstsein.
Das sogenannte Eisberg-Modell ist eine psychologische Metapher, die Sigmund Freud zugeschrieben wird. Es veranschaulicht, wie unser Bewusstsein und unser Unterbewusstsein zusammenspielen.
Das Bild: Ein Eisberg im Meer. Nur eine kleine Spitze ragt sichtbar aus der Wasseroberfläche, während der weitaus größere Teil unsichtbar unter Wasser liegt. Der kleine Teil über dem Wasser steht für unser Bewusstsein. Hier befinden sich unsere aktuellen Gedanken, Entscheidungen, Wahrnehmungen und alles, worüber wir uns Moment bewusst sind. Dieser Bereich ist uns zugänglich und kontrollierbar. Er macht aber nur einen kleinen Teil unseres gesamten Erlebens aus. Unter der Wasseroberfläche liegt das sogenannte Unterbewusstsein, der Teil unseres Gehirns, auf den wir nicht direkt zugreifen können. In diesem Bereich liegen verdrängte Erinnerungen, frühkindliche Erfahrungen, Traumata, Ängste, Wünsche, Triebe und automatische Verhaltensmuster. 
 
Alles was wir abspalten, ausblenden oder vergessen löst sich nicht in Luft auf. Es verlässt unser Bewusstsein, wandert ins Unterbewusstsein und von dort aus beeinflusst es weiterhin unser Denken, Fühlen und Handeln - und zwar stärker, als wir es bewusst wahrnehmen und als uns lieb ist. Wir glauben zwar bewusst zu entscheiden, doch viele unserer Gedanken, Gefühle, Reaktionen und Handlungsweisen haben tiefere, unbewusste Ursachen. Mit anderen Worten: Ein großer Teil unserer inneren Prozesse läuft automatisch und außerhalb unseres Bewusstseins ab.
Wir alle haben Gedanken und Gefühle, die unsere täglichen Handlungen beeinflussen. Vieles von dem was wir tun, führen wir unbewusst aus, weil wir einfach nicht wahrnehmen warum wir es tun. Jede Aktion, jede Handlung hat Folgen, sie erzeugt eine Reaktion in uns selbst, in unserem Leben und in den Menschen mit denen wir in Kontakt gehen.
 
Jung geht mit seiner Annahme, wie Freud, davon aus, dass es in uns unbewusste Anteile gibt – also Gedanken, Prägungen, Ängste, Wünsche und innere Konflikte, die wir nicht bewusst wahrnehmen. Diese unbewussten Inhalte beeinflussen jedoch unser Verhalten, unsere Entscheidungen und vor allem auch unsere Beziehungen. Wir agieren automatisch, ohne zu verstehen, warum wir so handeln, wie wir handeln.
Ein Beispiel: Eine Frau gerät immer wieder an Männer, die emotional nicht erreichbar sind und sie schlecht behandeln. Sie sagt sich: „Ich habe einfach Pech in der Liebe“ oder „Das ist mein Schicksal“.
Wir wissen aber heute, auch dank Freud und Jung, dass Erfahrungen, Prägungen und unbewusst verinnerlichte Bindungsmuster aus der Kindheit dazu führen, dass genau das vertraut wirkt, was wir kennen und wir es unbewusst, in einer Art Wiederholungszwang, immer wieder suchen. Es zieht uns an. Dabei wiederholt sich ein frühes unbewusstes Muster. Weil die Frau in meinem Beispiel den Zusammenhang aber nicht erkennt, wirken ihre unheilsamen Beziehungen wie äußeres Schicksal – obwohl es innerlich, also aus ihr selbst heraus, gesteuert ist.
 
Mit „das Unbewusste bewusst machen“, statt es Schicksal zu nennen, meint Jung also Selbstreflexion, heißt: sich mit den eigenen Motiven, Ängsten, Schatten und Prägungen auseinanderzusetzen um das, was unbewusst ist, ins Bewusstsein zu holen. 
Erst wenn wir tief tauchen und diese inneren Prozesse erkennen, gewinnen wir mehr innere Freiheit. Wir sind nicht mehr Marionetten des Verdrängten, sondern fähig bewusster zu entscheiden, anstatt automatisch zu reagieren. Kurz gesagt: Was wir nicht in uns anschauen, steuert uns im Hintergrund. Und was uns im Hintergrund steuert, fühlt sich dann wie Schicksal an.
Hört sich richtig gut an. Wir machen es uns bewusst und gut ist es. Nur funktioniert das aber nicht immer gut.
 
Der Verstand kann zwar erkennen, dass eine bestimmte Beziehung, Gewohnheit oder Entscheidung unheilsam ist, doch Gefühle wie Angst vor Verlust, Einsamkeit oder Unsicherheit sind oft stärker als jede rationale Einsicht. Unser inneres System ist darauf ausgerichtet, emotionale Sicherheit zu bewahren, selbst dann, wenn diese Sicherheit uns schadet.
Hinzu kommt, dass alte Verhaltensmuster vertraut sind. Vertrautheit vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Wenn wir beispielsweise in einem Umfeld aufgewachsen ist, in dem emotionale Kälte vertraut war, fühlt sich das später richtig, bzw. oder gewohnt an, auch wenn es schmerzhaft ist. Das Nervensystem bevorzugt das Bekannte gegenüber dem Unbekannten, selbst wenn Letzteres heilsamer wäre. Zu allem Übel erfüllen selbstschädigende Verhaltensweisen häufig unbewusste Bedürfnisse. Manche Handlungen verschaffen kurzfristige Erleichterung oder emotionale Betäubung. Das kommt besonders bei der Sucht zum Tragen. Auch wenn das Suchtmittel schadet, wird es innerlich als belohnend empfunden und wiederholt.
Gleichzeitig leben in uns innere Anteile mit unterschiedlichen Zielen: Ein Teil möchte Veränderung, ein anderer sehnt sich nach Vertrautem und Sicherheit, ein anderer hat Angst vor den Konsequenzen, der nächste ist schlicht und einfach faul. Diese inneren Konflikte und Ambivalenzen führen dazu, dass wir widersprüchlich handeln oder uns wieder besseren Bewusstseins selbst Schaden zufügen.
Auch Gewohnheiten spielen eine große Rolle.
Durch Wiederholung entstehen im Gehirn stabile Muster, die automatisch ablaufen. Selbst wenn wir wissen, dass ein Verhalten schädlich ist, reagiert unser System oft schneller als unser bewusster Wille.
Und dann sind da noch die tief verankerten Glaubenssätze. Wer z.B. innerlich davon überzeugt ist, nicht gut genug zu sein oder nichts Gutes zu verdienen, wird unbewusst Situationen wählen oder tolerieren, die dieses Selbstbild bestätigen.
 
Was sagt uns das?
Wissen findet auf kognitiver Ebene statt und verändert erst mal wenig bis nichts. 
Echte Veränderung bedarf komplexer emotionaler, körperlicher und identitätsbezogener Prozesse. Bewusstwerdung ist ein wichtiger erster Schritt, doch nachhaltige Veränderung und inneres Wachstum braucht viel Bereitschaft, Geduld, Zeit, Kontinuität, Konsequenz und Disziplin und bewusstes Handeln um unser „Schicksal“ in eine bessere Richtung zu wenden.
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de