Krankheitsangst ist die perfideste Angst, weil sie Recht hat.
Sie weiß, dass es jeden, jeden Moment treffen kann.
Sie weiß, dass kein Mensch ohne jemals krank zu sein oder Schmerz zu fühlen das Leben übersteht.
Sie weiß, dass kein Leben ohne Leiden gibt.
Sie weiß, dass wir sterblich sind.
Sie weiß, dass jeder Check-Up nur den Jetzt Zustand abbildet und morgen schon alles anders sein kann.
Sie weiß, dass nichts im Leben sicher ist.
Nicht einmal der eigene Körper.
Die Krankheitsangst ist deshalb so perfide und hartnäckig, weil ihr Fundament, die Verletzlichkeit und Endlichkeit unseres Körpers, eine unumstößliche Realität ist. Und genau dieses Wissen macht die Heilung der Krankheitsangst so schwer, besonders wenn sie chronisch ist.
Die perfide Logik der Krankheitsangst liegt genau darin: Sie baut ihre Überzeugung auf etwas auf, das tatsächlich wahr ist.
Wir sind sterblich. Unser Körper ist verletzlich. Krankheiten können unvorhersehbar kommen. Keine medizinische Untersuchung kann garantieren, dass morgen nichts passiert. Daraus folgt nicht, dass die Angst absolut recht hat, denn sie vermischt zwei völlig verschiedene Dinge: Es gibt keine absolute Sicherheit. Das ist eine Tatsache. Und: Deshalb muss ich ständig auf der Hut sein, weil jederzeit etwas passieren kann, das ist die Antwort der Angst auf die Tatsache.
Die Behandlung von Krankheitsangst ist schwer, nicht zuletzt deshalb, weil die Störung ihre eigenen Heilungsmechanismen blockiert.
Betroffene sind zutiefst davon überzeugt, körperlich schwer krank zu sein oder es zu werden, weshalb sie die Ursache fälschlicherweise hauptsächlich im Organischen statt im Psychischen suchen, selbst dann, wenn sie sich ihrer Störung bewusst sind. Um die massive Angst zu bewältigen, greifen sie zu Kontrollverhalten wie exzessivem Symptom-Googeln (Cyberchondrie), ständigem Arzt-Hopping, Rückversicherung durch vertraue Menschen oder zum permanenten Abtasten und Scannen des eigenen Körpers. Diese Maßnahmen bringen jedoch nur für wenige Minuten Erleichterung und wirken langfristig wie eine Droge, die die Angst chronisch macht. Zudem führt die extreme Fokussierung auf den eigenen Körper zu einer somatosensorischen Verstärkung. Völlig normale, alltägliche Körperprozesse werden wie durch eine Lupe wahrgenommen, katastrophisierend als echte Bedrohung bis hin zur Lebensgefahr fehlinterpretiert und lösen eine echte Stressreaktion im Körper aus, was den Betroffenen in seiner Krankheitsannahme bestätigt.
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und dem Gehirn abzugewöhnen, jeden kleinsten Reiz als lebensbedrohlich einzustufen, setzt die kognitive Verhaltenstherapie auf die Methode der Exposition mit Reaktionsverhinderung.
Betroffene sollen lernen, die aufkommende Angst und die medizinische Unsicherheit bewusst auszuhalten, ohne der Versuchung nachzugeben, sich durch Kontrollen rückzuversichern. Wenn dieser Kontrollimpuls durch die Aufschiebe-Taktik verzögert wird, greift die biologische Gewöhnung und die Angstkurve flacht nach einer anfänglichen Spitze von ganz alleine wieder ab. Begleitet wird dieser Prozess durch eine kognitive Umbewertung, bei der das Gehirn aktiv mit harmlosen Alternativerklärungen und Wahrscheinlichkeiten gefüttert wird, um Schmerz nicht länger als Alarmsignal für köreprlichen Schadens zu deuten, sondern als harmlosen Schutzmelder eines arbeitenden Körpers zu begreifen. Durch Verhaltensexperimente, Exposition und das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit nach außen lernt das Nervensystem schrittweise um. Es reguliert seine Fehlalarme herunter und bricht die neuronale Autobahn von der Wahrnehmung zur Katastrophe dauerhaft auf. Um angstfrei zu werden, müssen die tieferen Mechanismen der Störung und das was sie aufrecht erhält, verstanden und gezielt im Alltag umgesetzt werden.
Betroffene lernen die Biologie des Schmerzes neu zu bewerten.
Das Gehirn hat gelernt: Schmerz
= Bedrohung, bzw. Lebensgefahr. Das ist medizinisch falsch. Schmerz ist ein
Schutzmelder, kein Schadensmelder. Das Gehirn erzeugt Schmerz oft rein
vorsorglich, weil es gestresst ist oder eine Situation falsch bewertet. Ein
lebendiger Organismus ist niemals still. Muskeln spannen sich an, Nerven
feuern, Organe bewegen sich. Ein Stechen, Ziehen oder Pochen ist der Beweis,
dass der Körper lebt, nicht unbedingt, dass er krank ist oder stirbt. Was natürlich nicht heißt, wenn man Schmerzen hat nicht zum Arzt zu gehen.
Des Weiteren geht es darum Wahrscheinlichkeits-Denken etablieren.
Wenn das Gehirn eine schlimme
Diagnose sieht, zwingt man es zu einem rationalen Gegengutachten. Die
Angstbehauptung (1 % Wahrscheinlichkeit): „Das Kopfweh ist ein Tumor.“ Versus die
Realität (99 % Wahrscheinlichkeit): „Ich habe zu wenig getrunken, oder meine
Nackenmuskeln sind vom Stress und der Angst verspannt.“
Was bedeutet zu lernen: Glaube nicht alles, was dein Gehirn dir ungefiltert
erzählt. Es ist ein extrem schlechter Ratgeber, weil seine Alarmanlage falsch
eingestellt ist.
Hilfreich ist es zudem den Unterschied in der Bewertung erkennen.
Das Ziel der Übung ist nicht, sich einzureden: „Ich bin zu 100 % für immer gesund.“ Das kann niemand wissen. Das wahre Ziel ist, dass das Gehirn lernt: „Dieses Symptom ist kein medizinischer Notfall, der mich in den nächsten Stunden umbringt. Ich muss deshalb nicht sofort in Panik verfallen.“
Die größte Herausforderung: Die Akzeptanz der Unsicherheit
Die größte Hürde bei Krankheitsangst ist der Wunsch nach hundertprozentiger Sicherheit. Betroffene brauchen die absolute Garantie, gesund zu sein. Doch genau diese Garantie gibt es im Leben nicht. Damit hat die Krankheitsangst leider Recht. Diese nicht zu erlengende Sicherheit wird paradoxerweise, wider besseren Wissens, versucht durch das zwanghafte Googeln, den Arztbesuch und alle anderen Rückversicherungen herzustellen. Aber jedes Mal, wenn versucht wird diese Sicherheit durch Googeln oder Kontrollieren zu erzwingen, füttert das die Angst. Heilung bedeutet hier nicht, maximale Sicherheit zu erlangen, sondern Unsicherheit akzeptieren und aushalten zu lernen. Daher müssen Betroffene lernen das Googeln und Rückversichern zu lassen um bewusst Unsicherheit auszuhalten. Mitsamt den schrecklichen Gefühlen, die sie macht. Und damit sind wir beim Kernproblem der Krankheitsangst.
Betroffene halten die Unsicherheit unter enormer Anstrengung vielleicht einmal oder zweimal aus, aber die Angst kommt beim nächsten Trigger trotzdem genauso heftig zurück.
Es fühlt sich an, als würde man gegen eine Wand kämpfen, ohne dass sich etwas verändert. Und das hat einen biologischen Grund: Das Gehirn hat über Jahre gelernt, dass Körperreize Gefahr bedeuten. Diese neuronale Verknüpfung ist wie eine tief ausgetretene Autobahn im Kopf. Wenn die Angst jetzt ein oder zwei mal ausgehalten wird, baut das Hirn gerade mal einen winzigen Trampelpfad der Entwarnung. Die Autobahn der Angst ist natürlich immer noch viel breiter und schneller als der neue Trampelpfad. Das Gehirn braucht viel Zeit und ständige Wiederholungen, um zu begreifen, dass trotz der Unsicherheit keine Katastrophe eintritt. Erst durch die Menge an sicheren Erfahrungen verkümmert die Angst-Autobahn langsam, und der neue Pfad wird zur beruhigenden Gewohnheit.
Der Denkfehler, den hier viele machen ist: Die Angst muss sofort weg sein.
Wenn wir versuchen, die Unsicherheit auszuhalten, tun wir das oft mit der Erwartung: „Ich halte das jetzt aus, damit die Angst aufhört.“ Wenn die Angst dann beim nächsten Mal wieder da ist, glauben wir, es bringt nichts oder fühlen uns als Versager. Darum ist es wichtig, den Druck rauszunehmen. Nicht zu erwarten, dass man die die Unsicherheit immer perfekt aushältst. Das schafft niemand. Manchen Betroffen gelingt es jedoch und die Krankheitsangst wird erträglicher oder zumindest so gering, dass sie das Leben nicht mehr dominiert.
Warum Googeln leider oft gewinnt.
Wenn wir googeln, passiert im Gehirn Folgendes: Da ist Todesangst und massiver Stress. Durch das Googlen entsteht das positive Gefühl: ich bin nicht vollkommen hilflos, ich kann noch etwas kontrollieren, indem ich mir Wissen aneigne und Rückversicherung verschaffe. Läuft es gut, wird dann eine harmlose Erklärung gefunden. Das Gehirn schüttet schlagartig Dopamin aus und es wird emotionale Entlastung empfunden. Es ist eine sofortige, chemische Belohnung. Das Gehirn speichert dann ab: „Googeln hat mir geholfen.“ Dass die Angst beim nächsten Symptom wiederkommt, vergisst es in diesem Moment. Es will einfach nur den schnellen Schuss Erleichterung.
Wird die Angst dagegen ausgehalten, passiert genau das Gegenteil: Es gibt keine Belohnung. Der Körper schüttet immer mehr Adrenalin aus. Die Angst steigt, das Herz rast, der Bauch krampft, die Verzweiflung wird unerträglich. Es fühlt sich an, als würde man absichtlich in ein brennendes Haus rennen und darin stehen bleiben.
Hinzu kommt: Das Gehirn lernt durch Belohnung und positive Verstärkung und wehrt sich mit allem, was es hat, gegen Schmerz. Wenn das Gehirn so tief in der Angstschleife einer chronischen Krankheitsangst steckt, dass jeder Minischmerz Panik auslöst, ist der Spiegel an Stresshormonen Cortisol und Adrenalin im Körper dauerhaft auf Anschlag. In diesem Zustand kann das Gehirn rein biologisch gesehen gar nicht mehr logisch lernen. Man kann diese Angststruktur nicht mit reiner Logik wegmachen, weil die Amygdala schneller schießt als der präfrontale Kortex denken kann.
Die schmerzhafte, biologische Wahrheit über Krankheitsangst, die kaum jemand ausspricht, ist: Sie ist, wie die Zwangsstörung, extrem schwer zu behandeln und hat eine der höchsten Abbruchraten in der Psychotherapie.
Und sie ist der Zwangsstörung in vielem ähnlich. Zudem liegt, wie bei der Zwangsstörung, bei der Krankheitsangst in vielen Fällen ein Trauma im Hintergrund, was nicht verarbeitet und integriert wurde. Dann ist mit reiner Verhaltensänderung nicht von einer Heilung auszugehen, was leider viele Therapeuten und Therapieansätze übersehen.
Bei der Krankheitsangst ist der Körper der Behälter für all das, was die Seele nicht verarbeiten oder ertragen kann.
Krankheitsangst ist schwer heilbar, aber nicht unheilbar.
Der Grund, warum Menschen trotzdem genesen liegt oft darin, dass man in einer wirksamen Therapie zuerst das zugrundeliegende Trauma bearbeitet und dann den biologischen Teufelskreis der Krankheitsnagst nicht mit purer Willenskraft durchbricht, sondern das System von außen aushebelt.
Das heißt: Die Belohnung wird umgeleitet. Ein erfahrener Therapeut verlangt nicht, dass Betroffene die Angst einfach so ertragen. In der Therapie wird der Verzicht auf das Googeln und das Rückversichern anfangs in winzige, erträgliche Mikro-Schritte zerlegt. Die Erleichterung und das Lob des Therapeuten, gepaart mit dem wachsenden Stolz, die Kontrolle überhaupt einmal um ein paar Minuten verzögert zu haben, aktivieren ganz langsam ein neues, gesundes Belohnungssystem im Gehirn. Dieser Prozess braucht viel Mitgefühl seitens des Therapeuten, viel Selbstmitgefühl, viel Geduld und vor allem Kontinuität und Zeit.
Allen Betroffenen möchte ich Folgendes mitgeben: Der Fehler liegt nicht an deiner Schwäche, sondern daran, dass du versuchst, ein hochkomplexes biologisches Problem mit reiner Logik und Willenskraft zu lösen. Das kann nicht funktionieren. Es braucht viel mehr um zu genesen und es braucht für jeden etwas anderes. Das zu suchen lohnt sich.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de




