Foto: A.W.
Meine Klientin ist aufgelöst. Sie erzählt, sie habe fest geglaubt, die Trennung von ihrem Ex-Partner bereits weitgehend überwunden zu haben. Nach einer längeren Phase der Verarbeitung habe sie sich innerlich wieder stabiler gefühlt und sei vorsichtig wieder offener für neue soziale Kontakte geworden. Dabei ist ein alter Bekannter wieder in ihr Leben getreten. Zunächst hat sie damit die Hoffnung verbunden, wieder angenehme soziale Nähe zu erleben, sich treffen, reden, einen Kaffee zu trinken, ohne Druck und ohne große Erwartungen. Schon nach wenigen Treffen hat sie jedoch erkannt, dass die Gespräche stark einseitig verlaufen. Ihr Gegenüber hat sehr viel von sich erzählt, sie ständig unterbrochen und kaum Fragen an sie gestellt. Obwohl sie mehrfach versucht hat, darauf hinzuweisen und selbst mehr Raum einzufordern, hat sich nichts verändert. Bei meiner Klientin ist zunehmend das Gefühl entstanden, nicht wirklich gesehen oder ernst genommen zu werden.
Sie schwankt zwischen Wut und Trauer: „Jetzt öffne ich mich wieder und dann diese Enttäuschung. Ich werde wohl immer allein bleiben und das macht mir Angst.“
Ich verstehe sie gut. Diese Erfahrung hat sie emotional zurückgeworfen.
Gefühle, die sie im Zusammenhang mit der Trennung als verarbeitet erlebt hat, sind wieder aktiviert worden. Die aktuelle Situation hat nicht nur Enttäuschung im Hier und Jetzt ausgelöst, sondern auch alte emotionale Wunden, die durch den Verlust des Partners entstanden sind, wieder spürbar gemacht. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich ihre Reaktion als Aktivierung eines Bindungssystems verstehen, das auf Gegenseitigkeit und Responsivität ausgerichtet ist. Wird dieses Muster nicht erfüllt, kommt es zu einer Kombination aus Enttäuschung und Rückzugstendenzen. In der beschriebenen Situation hat sich das zusätzlich mit Wut und Trauer überlagert, einerseits als Reaktion auf die Enttäuschung im Jetzt, andererseits als Aktivierung des früheren Verlustes.
Um Verbindung zu spüren, brauchen wir in Gesprächen ein gewisses Maß an Gegenseitigkeit.
Wenn jemand dauerhaft nur redet, nicht fragt und kaum zuhört, entsteht beim Gegenüber schnell ein Gefühl von innerem Rückzug und emotionaler Leere. Genau dieses Gefühl der Leere hat bei meiner Klientin etwas Altes wieder berührt. Die aktuelle Begegnung hat Erinnerungen an ihre frühere, sehr bedeutsame Beziehung ausgelöst, in der sie echte Gegenseitigkeit erlebt hat, Zuhören, Interesse und Resonanz auf beiden Seiten. Diese frühere Erfahrung ist bei ihr zu einer Art innerem Maßstab geworden, an dem sie neue Kontakte unbewusst misst. Dadurch hat sich die aktuelle Enttäuschung verstärkt. Nicht nur die konkrete Situation war für sie belastend, sondern der Verlust der einst erlebten Qualität von Nähe ist wieder spürbar geworden. Das hat Trauer ausgelöst, aber auch Wut. Wut darüber, nicht gehört zu werden und Trauer über das, was einmal möglich war und verloren ist. Dass daraufhin die Angst vor Einsamkeit hochkriecht ist nachvollziehbar.
Obwohl meine Klientin rational weiß, dass sie lediglich einen für sie unpassenden Kontakt beendet hat, hat sich emotional das Gefühl verstärkt, wieder allein zu sein und es im Zweifel zu bleiben. Auch wenn sie schließlich erkannt hat, dass diese Art von einseitigem Kontakt nicht ihren Bedürfnissen entspricht und sie Beziehungen braucht, in denen es echten Austausch gibt, und sich aus diesem Grund sie entschieden hat, den Kontakt zu beenden – es entsteht wieder die alte Leere, die sie nach der Trennung von ihrem Partner empfunden hat. Das ist normal udn menschlich. Auch nach dem einer unbefriedigenden Beziehung entsteht kurzfristig ein Vakuum, das subjektiv als soziale Leere oder als Angst vor Vereinsamung erlebt werden kann. Dieser Zustand ist jedoch weniger der Ausdruck realer Isolation als vielmehr eine Reaktion unsers Bindungssystems auf den Wegfall einer, wenn auch dysfunktionalen, sozialen Verbindung.
Gleichzeitig zeige sich in dieser Situation aber auch eine wichtige Entwicklung: Meine Klientin nimmt ihre eigenen Bedürfnisse heute deutlich klarer wahr als früher. Sie ignoriert innere Signale von Unwohlsein nicht mehr, sondern erkennt sie frühzeitig und nimmt sie ernst. Statt sich in unheilsame Dynamiken zu verstricken, zieht sie Grenzen und trifft bewusste Entscheidungen für sich selbst. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstschutz und gesunder Abgrenzung.
Worum geht es jetzt?
Es geht darum, ihre Gefühle von Trauer, Wut und Angst einzuordnen und zu beruhigen. Gleichzeitig ist es für meine Klientin hilfreich, diese Phase auch als positiven Entwicklungsschritt zu erkennen: hin zu mehr Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge, klareren Grenzen und der Fähigkeit, frühzeitig Beziehungen zu beenden, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhen und sich nicht gut anfühlen. Sie hat Größe bewiesen, sie hat auf sich selbst geachtet und sich nicht auf etwas eingelassen, was ihr nicht guttut, sie hat sich nicht von ihrer Sehnsucht nach Verbindung zum Preis der Selbstverleugnung leiten lassen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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