Malerei: A.Wende
Wir alle möchten geliebt sein. Und viele Menschen suchen Liebe. Manche suchen sie sogar verzweifelt. Sie wünschen sich eine Beziehung, jemanden, mit dem sie ihr Leben teilen können. Und manche verwechseln dabei Beziehung mit Liebe.
Diese Verwechslung ist verständlich, weil Beziehung etwas Greifbares ist. Man kann sie benennen, definieren., zeigen. „Wir sind zusammen“. Das klingt nach Sicherheit, nach Ankommen, nach einem emotionalen Zuhause. Eine Beziehung gibt Form und Form wirkt in einer Welt, die unsicher ist, wie ein Ersatz für innere Stabilität.
Liebe dagegen ist weniger eindeutig. Sie ist kein Status, den man erreicht, sondern etwas, das sich im Erleben zeigt. Sie ist nicht nur das Gefühl von Nähe, von Begehren, nicht nur getragen von gegenseitiger Fürsorge, von Respekt und tiefer Wertschätzung, von inniger Vertrautheit udn Verbundenheit, sondern auch von der inneren Haltung, den anderen wirklich zu sehen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Grenzen, seiner Eigenständigkeit, in seinem Wesen. Liebe ist nicht Besitz, sondern Beziehung im tieferen Sinn - ein inneres Antworten auf das Dasein eines anderen Menschen und der Wunsch, dass es ihm gut geht.
Die Verwechslung von Beziehung mit Liebe entsteht dort, wo das Äußere für das Innere gehalten wird.
Wenn zwei Menschen viel Zeit miteinander verbringen, gemeinsame Routinen entwickeln, etwas gemeinsam aufbauen oder sich als Paar definieren, entsteht schnell die Annahme: Dann muss da auch Liebe sein. Aber Nähe ist nicht automatisch Liebe. Vertrautheit ist nicht automatisch Zuwendung. Eine gemeinsame Geschichte ist nicht automatisch Liebe.
Wenn Menschen sich eine Beziehung wünschen spielen dabei oft auch Angst und Bedürftigkeit eine Rolle. Die Angst vor Einsamkeit kann dazu führen, dass eine Beziehung allein durch ihre Existenz schon als „Liebe“ interpretiert wird, weil die Alternative schwer auszuhalten ist. Oft spielt dabei auch eine tiefere Dynamik hinein - das Bedürfnis, im Außen etwas zu finden, was im eigenen Inneren fehlt. Dann ist die Beziehung nicht nur Verbindung, sondern hat auch eine Funktion. Sie soll halten, ausgleichen, beruhigen, bestätigen. Das geben, was man selbst nicht hat. Und genau dort beginnt die Verschiebung von Liebe hin zu etwas anderem.
Wer mit sich selbst nicht gern zusammen ist, wer die eigene innere Leere schwer aushalten kann, wer im Alleinsein eher Einsamkeit empfindet, statt Ruhe und Selbstgenügsamkeit, der sucht im Anderen nicht nur Nähe, sondern emotionale Stabilisierung.
Der andere wird dann zum Halt, zum Ausgleich, zur Ergänzung eines inneren Mangels. Und je größer dieser Mangel ist, desto weniger wird der andere als eigenständiges Wesen gesehen. Wer den anderen braucht, um sich vollständig zu fühlen, verwechselt Liebe mit Ergänzung. Wer den anderen als Beruhigung der eigenen Unsicherheit nutzt, verwechselt Liebe mit Absicherung. Und wer im anderen vor allem das sucht, was im eigenen Inneren fehlt, erlebt zwar Bindung, aber nicht unbedingt Liebe. Das Festhalten wird wichtiger als das Fühlen. Die Struktur ersetzt das Erleben. So entstehen Beziehungen, die innerlich leer sind. Man ist zusammen, aber begegnet sich nicht wirklich. Und genau hier liegt der Unterschied: Man glaubt, man hätte Liebe, nur weil man eine Beziehung hat.
Aber Liebe entsteht nicht aus Mangel.
Sie wächst dort, wo zwei Menschen sich begegnen, ohne sich gegenseitig zu etwas machen zu müssen, was sie nicht sind. Sie ist kein Mittel gegen Einsamkeit, sondern eine Form von Verbundenheit, die auch dann bestehen kann, wenn man innerlich ganz bei sich bleibt. Das bedeutet nicht, dass wir keine Nähe brauchen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Bindung, Resonanz, Austausch. Aber der Unterschied liegt darin, ob der andere zur Lösung eines inneren Problems wird, oder ob er als freier Mensch gesehen wird, dem wir frei begegnen. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Liebe beginnt dort, wo der andere nicht mehr Funktion ist. Nicht Halt, nicht Ergänzung, nicht Rettung, sondern ein eigenständiges Gegenüber. Wenn beides zusammenkommt, fühlt sich eine Beziehung nicht nur richtig an, sie ist lebendig und echt. Erst wenn diese Freiheit möglich ist, kann eine Beziehung mehr sein als Form und Struktur, nämlich ein lebendiger Raum zwischen zwei Menschen, die einander nicht brauchen, um vollständig zu sein, sondern sich trotzdem wählen.
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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