"Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: "wofür ich Dich gehalten habe." Und wofür hat man ihn denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Dieser Eintrag entstammt dem Tagebuch von Max Frisch 1946–1949. Und an einer anderen Stelle schreibt er: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“
Wir alle haben ein Bildnis von uns selbst. Man nennt das Selbstbild, das oft mit dem Fremdbild nicht übereinstimmt, also wie wir uns sehen und wie uns andere sehen. Und wir alle machen uns ein Bild von anderen.
Auf gewisse Weise sind wir darauf angewiesen. Keiner von uns ist ein offenes Buch in dem wir alles über ihn lesen können. Wir Menschen machen uns ein Bild von anderen, um sein Verhalten einzuschätzen zu können und es vorhersehbarer zu machen. Es hilft Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren, indem es Verhalten vorhersehbar macht und um Energie zu sparen, weil unser Gehirn dann nicht jede Handlung neu bewerten muss. Dabei spielen unsere Wahrnehmung, unsere Überzeugungen, unsere Erfahrungen, unsere Erwartungen und innere Werte eine Rolle. Das führt dazu, dass unsere Sicht auf den anderen unvollständig ist und nicht selten auf Vorstellungen Projektionen und Übertragungen beruht. Bisweilen führt kann es auch dazu führen, dass wir andere idealisieren.
Idealisierung ist ein zentraler Mechanismus in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen.
Dabei wird der andere nicht als vollständige, vielschichtige Person wahrgenommen, sondern vor allem durch ein Bild, das den eigenen Erwartungen entspricht. Oft projizieren Menschen dabei ihre Wünsche, Hoffnungen oder ihre Sicherheitsbedürfnisse auf den anderen. Sie sehen vor allem die Eigenschaften, die ihrem inneren Bild von Stärke und Kompetenz entsprechen, und blenden Aspekte aus, die nicht in diese Vorstellungen passen. Idealisierung beeinflusst stark die Erwartungsstruktur (verfestigte Erwartungen darüber, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten sollen) die jemand an Beziehungen stellt. Wir entwickeln quasi ein inneres Drehbuch, wie sich der andere verhalten soll und was er für uns sein soll. Stimmt etwas nicht mit diesem Drehbuch überein, passt es nicht ins Bild, entstehen Irritation, Verunsicherung oder sogar Enttäuschung.
Menschen, die stark idealisieren, tun dies oft aus aus Unsicherheit, Schutzbedürfnis und dem Wunsch nach Halt und Orientierung.
Sie haben häufig ein hohes Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit und neigen zu schwarz-weiß-Denken. Alles, was nicht in das innere Bild passt, wirkt irritierend oder gar bedrohlich. Idealisierung kann auch ein Ausdruck von Bewunderung sein. Menschen, die dazu neigen sind besonders empfänglich für Status, Kompetenz und Leistung und neigen dazu, bestimmte Eigenschaften zu überhöhen. Dabei spielen frühere Beziehungserfahrungen eine Rolle. Wer in der Kindheit instabile oder unsichere Bindungen erlebt hat, neigt oft dazu, Bezugspersonen zu idealisieren. Die Idealisierung wirkt dann wie ein Schutzmechanismus - indem die Person idealisiert wird, wird die Angst vor Enttäuschung und Verletzung abgemildert.
Idealisierung und Erwartungsstrukturen sind eng mit emotionalen Bedürfnissen verknüpft. Sie können Beziehungen intensivieren und auch belasten.
Ist das Bild, das wir uns vom anderen machen zu starr, fällt es schwer, Grenzen, Einschränkungen oder normale menschliche Schwächen zu akzeptieren. Wer zur Idealisierung neigt, darf lernen, den anderen als ganzen, komplexen Menschen wahrzunehmen, mit seinen Stärken, seinen Schwächen und seinen Grenzen. Er muss begreifen, dass Schwächen menschlich und normal sind und keine Bedrohung darstellen. Darüber hinaus dürfen diese Menschen lernen, ihre eigenen Erwartungen zu reflektieren inde sie sich fragen: Welche Vorstellungen entstammen meinen eigenen Bedürfnissen und welche sind Projektionen? Dabei geht es darum, flexibler auf Abweichungen reagieren zu können und Irritationen oder Enttäuschungen auszuhalten.
Unvollkommenheit aushalten können – sowohl die der anderen als auch die eigene, heißt das Menschliche in uns selbst und im anderen zu würdigen.
Nobody is perfect. Wir nicht und der andere nicht. Wir sind alle Menschen und keine programmierbaren Roboter, die genauso funktionieren, wie wir das gerne hätten.
Es geht darum echte Verbindung statt Projektion zu leben, Beziehungen bewusst auf Augenhöhe zu gestalten, den anderen mit allem, was ihn ausmacht, wahrzunehmen und zu achten, ohne Angst vor Enttäuschung oder Kontrollverlust. Es geht darum Realität und Wunschbild zu unterscheiden, die Grenzen und Schwächen anderer zu akzeptieren wie unsere eigenen und gleichzeitig die eigene innere Sicherheit zu stärken - eine die Grundlage für gesunde, stabile und authentische Beziehungen.
„Du sollst dir kein Bildnis machen“, oder wie es Max Frisch so formuliert: „Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“

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