Sonntag, 4. Oktober 2026

Wenn der eigene Körper zum „Verräter“ wird

 

Malerei: A.W.


Eine plötzliche schwere oder eine chronische Krankheit kann sich anfühlen wie ein Verrat unseres eigenen Körpers. Da ist Vertrauen wiederzugewinnen sehr schwer. Wir würden ja auch einem Menschen, der uns verraten hat, nicht einfach wieder vertrauen können. Da ist so Entäuschung, da ist Trauer, und da ist ein existenzieller Verlust. Wie können wir uns einem Körper wieder anvertrauen, von dem wir jetzt wissen, dass er uns trotz unserer Liebe und Fürsorge verletzen kann?
 
Solange wir gesund sind, denken wir nicht darüber nach, dass wir unserem Körper vertrauen. Dieses Vertrauen ist so selbstverständlich, dass wir es gar nicht als Vertrauen wahrnehmen. Wir leben einfach. Wir versorgen unseren Körper. Wir bewegen ihn. Wir achten auf ihn. Und irgendwo tief in uns entsteht daraus eine stille Gewissheit: Wenn wir gut für unseren Körper sorgen, wird er uns tragen. Nicht immer. Nicht perfekt. Aber grundsätzlich. Unser Körper ist nicht etwas, über das wir nachdenken müssen. Er ist das Medium, durch das wir überhaupt in der Welt sind.
Und plötzlich werden wir krank.
Vielleicht nach Jahrzehnten eines gesunden Lebens. Trotz aller Fürsorge. Es gibt keinen Fehler, auf den wir zeigen können, keine Entscheidung, die wir rückgängig machen könnten, keine Schuld, dir wir uns zuweisen können. Wir haben unseren Körper nicht vernachlässigt. Und trotzdem passiert etwas mit ihm, das wir nicht verhindern können. Und dann kann sich Krankheit wie Verrat anfühlen. Nicht, weil unser Körper uns tatsächlich verraten hätte. Er hat keine böse Absicht. Aber wir erleben etwas, das sich wie Verrat anfühlt: Der Körper, dem wir vertraut haben, wird zur Quelle von Schmerz, Leid, Angst und Bedrohung.
 
Wenn ein Mensch uns verrät, können wir gehen. Wir können Abstand schaffen. Wir können die Beziehung beenden. Wir können sagen: Ich vertraue dir nicht mehr.
Aber was tun wir, wenn derjenige, dem wir nicht mehr vertrauen, unser eigener Körper ist?
 
Wir können nicht aus ihm ausziehen. Wir können nicht sagen: Mit diesem Körper möchte ich nichts mehr zu tun haben. Wir müssen in ihm bleiben. Darin liegt die besondere Erschütterung dieser Erfahrung: Wir sind auf etwas angewiesen, von dem wir wissen, dass es uns verletzen kann.
Das kann unser Verhältnis zu uns selbst verändern. Was vorher selbstverständlich war, ist plötzlich fragil. Wir beginnen, unseren Körper zu beobachten. Wir horchen in ihn hinein. Wir achten auf jedes Symptom. Wir fragen uns, ob etwas normal ist, ob etwas gefährlich ist, ob wir etwas falsch gemacht haben. Wir versuchen herauszufinden, was wir kontrollieren können, damit es nicht noch einmal passiert.
 
Aus Vertrauen wird Vorsicht. Aus Vorsicht wird Kontrolle. 
Und unter der Kontrolle liegt die Angst und das Nervensystem reagiert: Wenn ich nur aufmerksam genug bin, wenn ich nur alles richtig mache, kann ich verhindern, dass mein Körper mich wieder verrät. Und genau darin liegt die Tragik. Denn irgendwann müssen wir erkennen, dass wir diese Sicherheit nicht herstellen können. Wir können unseren Körper gut versorgen. Wir können gesund leben. Wir können Vorsorge treffen. Wir können aufmerksam sein. Aber wir können nicht erzwingen, dass unser Körper niemals schwer krank wird. Das ist eine der erschütterndsten Wahrheiten des Menschseins: Unsere Fürsorge ist keine Versicherung. Wir können alles richtig machen und trotzdem krank werden. Und damit verlieren wir nicht nur Gesundheit. Wir verlieren etwas Wesentliches - die Selbstverständlichkeit, mit der wir bisher in unserem Körper gelebt haben. Wir verlieren Spontaneität. Unbekümmertheit. Bewegungsfreiheit. Vertrauen in unsere Körpersignale. Vielleicht verlieren wir sogar ein Stück unserer Identität. Wir müssen Abschied nehmen von einer Version unseres Lebens, in der wir in Sicherheit mit unserem gesunden Körper lebten.
 
Das ist ein schwerer Verlust. Darüber dürfen wir trauern. 
Um etwas, das nie wieder genauso zurückkommt. Wir trauern um den Körper, den wir einmal hatten und um das Vertrauen, das einmal selbstverständlich war. Um eine Freiheit, die wir nie als Freiheit wahrgenommen haben, weil wir sie nicht infrage stellen mussten. Der Gedanke: Ich muss wieder lernen, meinem Körper zu vertrauen, ist zu einfach. Denn nach einer schweren Krankheit wissen wir etwas, was wir vorher so nicht wussten, worüber wir uns nie Gedanken gemacht haben: Unser Körper ist verletzlich. Er ist nicht vollständig kontrollierbar. Er kann krank werden, obwohl wir gut für ihn sorgen. Er kann uns Schmerzen zufügen, obwohl wir ihn lieben. Und er kann uns keine Garantie dafür geben, dass das, was heute sicher ist, auch morgen sicher sein wird. Das alte, unschuldige Vertrauen lässt sich nicht mehr zurückholen.
Diese Trauer wird oft übergangen.
Stattdessen versuchen wir viel zu schnell, aus dieser Erfahrung eine Aufgabe zu machen Wir sollen unserem Körper wieder vertrauen. Wir sollen ihn akzeptieren so wie er jetzt ist, wir sollen lernen mit ihm zu leben, so wie er jetzt ist. Aber um das zu können, müssen wir zunächst überhaupt anerkennen, dass etwas zwischen uns und unserem Körper zerbrochen ist.
Wir dürfen trauern, wir dürfen wütend sein. Wir dürfen sagen: Ich habe dich gut behandelt. Ich habe dir vertraut. Ich habe dich gepflegt und geschützt. Und trotzdem hast du mir das angetan.
Auch wenn wir wissen, dass dieser Vorwurf biologisch absolut keinen Sinn ergibt, kann er emotional wahr sein. Denn Krankheit kann sich wie ein Verrat anfühlen, gerade weil wir unseren Körper nicht als etwas Fremdes erleben. Wir sind auch dieser Körper. Wenn er krank wird, passiert nicht einfach etwas mit einem Körper, den wir besitzen. Es passiert mit uns, mit dem ganzen Menschen. Mit Körper, Geist und Seele.
 
Deshalb ist die Frage nach dem verlorenen Vertrauen so schwierig. 
Vielleicht können wir das alte Vertrauen gar nicht zurückgewinnen. Das Vertrauen, das wir hatten, bevor wir wussten, dass unser Körper uns jederzeit etwas nehmen kann, war ein unschuldiges Vertrauen. Wir wussten nicht, was wir heute wissen. Wir fühlten nicht, was wir heute fühlen. Vielleicht müssen wir deshalb nicht versuchen, wieder so zu vertrauen wie früher. Vielleicht muss etwas Neues entstehen. Ein Vertrauen, das den Verrat kennt. Ein Vertrauen, das nicht mehr glaubt, mein Körper wird mich nicht verletzen, sondern: Ich weiß jetzt, dass mein Körper mich verletzen kann. Ich weiß, dass ich ihn nicht vollständig kontrollieren kann. Ich weiß, dass meine Fürsorge keine Garantie ist. Und trotzdem ist das mein Körper. Das ist viel schwerer als das alte Vertrauen. Denn es bedeutet, die Illusion der vollständigen Sicherheit aufzugeben. 
 
Heilung besteht dann nicht darin, wieder sicher zu sein, dass der Körper uns nicht verraten wird. 
Sie besteht darin mit der Tatsache leben zu lernen, dass wir einem Körper anvertraut sind, der wunderbar, verletzlich, unberechenbar und manchmal grausam sein kann. Dann ensteht irgendwann eine andere Form von Vertrauen. Nicht das Vertrauen in einen Körper, der uns niemals im Stich lässt, sondern das Vertrauen darin, dass wir auch dann bei uns bleiben können, wenn unser Körper uns wieder etwas nimmt oder noch mehr nimmt. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Es ist eine neue, schwer erworbene Form von Verbundenheit mit uns selbst. Nicht weil wir endlich wieder glauben, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern weil wir aufgehört haben, von ihm die Unmöglichkeit zu verlangen, uns vor allem Leid und Schmerz zu bewahren. Er hat es lange getan, so lange bis er es nicht mehr konnte, warum auch immer.
 
Darin liegt die schwerste und zugleich tiefste Form von Vertrauen: nicht darauf zu vertrauen, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern darauf, dass wir uns selbst nicht verlassen werden, wenn er es tut. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Etwas, das vielleicht erst durch die Krankheit entstehen kann, eine neue, schwer erworbene Verbundenheit mit uns selbst, nicht trotz der Verletzlichkeit unseres Körpers, sondern im Wissen um sie.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

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