Sonntag, 4. Oktober 2026

Wenn der eigene Körper zum „Verräter“ wird

 

Malerei: A.W.


Eine plötzliche schwere oder eine chronische Krankheit kann sich anfühlen wie ein Verrat unseres eigenen Körpers. Da ist Vertrauen wiederzugewinnen sehr schwer. Wir würden ja auch einem Menschen, der uns verraten hat, nicht einfach wieder vertrauen können. Da ist so Entäuschung, da ist Trauer, und da ist ein existenzieller Verlust. Wie können wir uns einem Körper wieder anvertrauen, von dem wir jetzt wissen, dass er uns trotz unserer Liebe und Fürsorge verletzen kann?
 
Solange wir gesund sind, denken wir nicht darüber nach, dass wir unserem Körper vertrauen. Dieses Vertrauen ist so selbstverständlich, dass wir es gar nicht als Vertrauen wahrnehmen. Wir leben einfach. Wir versorgen unseren Körper. Wir bewegen ihn. Wir achten auf ihn. Und irgendwo tief in uns entsteht daraus eine stille Gewissheit: Wenn wir gut für unseren Körper sorgen, wird er uns tragen. Nicht immer. Nicht perfekt. Aber grundsätzlich. Unser Körper ist nicht etwas, über das wir nachdenken müssen. Er ist das Medium, durch das wir überhaupt in der Welt sind.
Und plötzlich werden wir krank.
Vielleicht nach Jahrzehnten eines gesunden Lebens. Trotz aller Fürsorge. Es gibt keinen Fehler, auf den wir zeigen können, keine Entscheidung, die wir rückgängig machen könnten, keine Schuld, dir wir uns zuweisen können. Wir haben unseren Körper nicht vernachlässigt. Und trotzdem passiert etwas mit ihm, das wir nicht verhindern können. Und dann kann sich Krankheit wie Verrat anfühlen. Nicht, weil unser Körper uns tatsächlich verraten hätte. Er hat keine böse Absicht. Aber wir erleben etwas, das sich wie Verrat anfühlt: Der Körper, dem wir vertraut haben, wird zur Quelle von Schmerz, Leid, Angst und Bedrohung.
 
Wenn ein Mensch uns verrät, können wir gehen. Wir können Abstand schaffen. Wir können die Beziehung beenden. Wir können sagen: Ich vertraue dir nicht mehr.
Aber was tun wir, wenn derjenige, dem wir nicht mehr vertrauen, unser eigener Körper ist?
 
Wir können nicht aus ihm ausziehen. Wir können nicht sagen: Mit diesem Körper möchte ich nichts mehr zu tun haben. Wir müssen in ihm bleiben. Darin liegt die besondere Erschütterung dieser Erfahrung: Wir sind auf etwas angewiesen, von dem wir wissen, dass es uns verletzen kann.
Das kann unser Verhältnis zu uns selbst verändern. Was vorher selbstverständlich war, ist plötzlich fragil. Wir beginnen, unseren Körper zu beobachten. Wir horchen in ihn hinein. Wir achten auf jedes Symptom. Wir fragen uns, ob etwas normal ist, ob etwas gefährlich ist, ob wir etwas falsch gemacht haben. Wir versuchen herauszufinden, was wir kontrollieren können, damit es nicht noch einmal passiert.
 
Aus Vertrauen wird Vorsicht. Aus Vorsicht wird Kontrolle. 
Und unter der Kontrolle liegt die Angst und das Nervensystem reagiert: Wenn ich nur aufmerksam genug bin, wenn ich nur alles richtig mache, kann ich verhindern, dass mein Körper mich wieder verrät. Und genau darin liegt die Tragik. Denn irgendwann müssen wir erkennen, dass wir diese Sicherheit nicht herstellen können. Wir können unseren Körper gut versorgen. Wir können gesund leben. Wir können Vorsorge treffen. Wir können aufmerksam sein. Aber wir können nicht erzwingen, dass unser Körper niemals schwer krank wird. Das ist eine der erschütterndsten Wahrheiten des Menschseins: Unsere Fürsorge ist keine Versicherung. Wir können alles richtig machen und trotzdem krank werden. Und damit verlieren wir nicht nur Gesundheit. Wir verlieren etwas Wesentliches - die Selbstverständlichkeit, mit der wir bisher in unserem Körper gelebt haben. Wir verlieren Spontaneität. Unbekümmertheit. Bewegungsfreiheit. Vertrauen in unsere Körpersignale. Vielleicht verlieren wir sogar ein Stück unserer Identität. Wir müssen Abschied nehmen von einer Version unseres Lebens, in der wir in Sicherheit mit unserem gesunden Körper lebten.
 
Das ist ein schwerer Verlust. Darüber dürfen wir trauern. 
Um etwas, das nie wieder genauso zurückkommt. Wir trauern um den Körper, den wir einmal hatten und um das Vertrauen, das einmal selbstverständlich war. Um eine Freiheit, die wir nie als Freiheit wahrgenommen haben, weil wir sie nicht infrage stellen mussten. Der Gedanke: Ich muss wieder lernen, meinem Körper zu vertrauen, ist zu einfach. Denn nach einer schweren Krankheit wissen wir etwas, was wir vorher so nicht wussten, worüber wir uns nie Gedanken gemacht haben: Unser Körper ist verletzlich. Er ist nicht vollständig kontrollierbar. Er kann krank werden, obwohl wir gut für ihn sorgen. Er kann uns Schmerzen zufügen, obwohl wir ihn lieben. Und er kann uns keine Garantie dafür geben, dass das, was heute sicher ist, auch morgen sicher sein wird. Das alte, unschuldige Vertrauen lässt sich nicht mehr zurückholen.
Diese Trauer wird oft übergangen.
Stattdessen versuchen wir viel zu schnell, aus dieser Erfahrung eine Aufgabe zu machen Wir sollen unserem Körper wieder vertrauen. Wir sollen ihn akzeptieren so wie er jetzt ist, wir sollen lernen mit ihm zu leben, so wie er jetzt ist. Aber um das zu können, müssen wir zunächst überhaupt anerkennen, dass etwas zwischen uns und unserem Körper zerbrochen ist.
Wir dürfen trauern, wir dürfen wütend sein. Wir dürfen sagen: Ich habe dich gut behandelt. Ich habe dir vertraut. Ich habe dich gepflegt und geschützt. Und trotzdem hast du mir das angetan.
Auch wenn wir wissen, dass dieser Vorwurf biologisch absolut keinen Sinn ergibt, kann er emotional wahr sein. Denn Krankheit kann sich wie ein Verrat anfühlen, gerade weil wir unseren Körper nicht als etwas Fremdes erleben. Wir sind auch dieser Körper. Wenn er krank wird, passiert nicht einfach etwas mit einem Körper, den wir besitzen. Es passiert mit uns, mit dem ganzen Menschen. Mit Körper, Geist und Seele.
 
Deshalb ist die Frage nach dem verlorenen Vertrauen so schwierig. 
Vielleicht können wir das alte Vertrauen gar nicht zurückgewinnen. Das Vertrauen, das wir hatten, bevor wir wussten, dass unser Körper uns jederzeit etwas nehmen kann, war ein unschuldiges Vertrauen. Wir wussten nicht, was wir heute wissen. Wir fühlten nicht, was wir heute fühlen. Vielleicht müssen wir deshalb nicht versuchen, wieder so zu vertrauen wie früher. Vielleicht muss etwas Neues entstehen. Ein Vertrauen, das den Verrat kennt. Ein Vertrauen, das nicht mehr glaubt, mein Körper wird mich nicht verletzen, sondern: Ich weiß jetzt, dass mein Körper mich verletzen kann. Ich weiß, dass ich ihn nicht vollständig kontrollieren kann. Ich weiß, dass meine Fürsorge keine Garantie ist. Und trotzdem ist das mein Körper. Das ist viel schwerer als das alte Vertrauen. Denn es bedeutet, die Illusion der vollständigen Sicherheit aufzugeben. 
 
Heilung besteht dann nicht darin, wieder sicher zu sein, dass der Körper uns nicht verraten wird. 
Sie besteht darin mit der Tatsache leben zu lernen, dass wir einem Körper anvertraut sind, der wunderbar, verletzlich, unberechenbar und manchmal grausam sein kann. Dann ensteht irgendwann eine andere Form von Vertrauen. Nicht das Vertrauen in einen Körper, der uns niemals im Stich lässt, sondern das Vertrauen darin, dass wir auch dann bei uns bleiben können, wenn unser Körper uns wieder etwas nimmt oder noch mehr nimmt. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Es ist eine neue, schwer erworbene Form von Verbundenheit mit uns selbst. Nicht weil wir endlich wieder glauben, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern weil wir aufgehört haben, von ihm die Unmöglichkeit zu verlangen, uns vor allem Leid und Schmerz zu bewahren. Er hat es lange getan, so lange bis er es nicht mehr konnte, warum auch immer.
 
Darin liegt die schwerste und zugleich tiefste Form von Vertrauen: nicht darauf zu vertrauen, dass unser Körper uns niemals wieder verraten wird, sondern darauf, dass wir uns selbst nicht verlassen werden, wenn er es tut. Das ist keine Rückkehr zu dem Menschen, der wir vor der Krankheit waren. Es ist etwas anderes. Etwas, das vielleicht erst durch die Krankheit entstehen kann, eine neue, schwer erworbene Verbundenheit mit uns selbst, nicht trotz der Verletzlichkeit unseres Körpers, sondern im Wissen um sie.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Samstag, 3. Oktober 2026

"Die Straße" von Robert Seethaler

 



Eine Straße, irgendwo. Sie kann in Berlin sein, sie kann in Wien sein. Man weiß es nicht. Es zu wissen, ist auch nicht wichtig. Eine Straße und die Menschen, die in ihr wohnen und leben. Gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Leben, graue Normalität und banaler Alltag. Nichts wirklich Spektakuläres ereignet sich und doch begegnen dem Leser innere und äußere Dramen menschlicher Existenz.

Kein Plot, kein Handlungsstrang. Keine Hauptfiguren.
Nur Momente innerer und äußerer Dramen. Da ist die Mutter, deren Baby stirbt, weil sie zu spät zum Arzt geht. Der Arzt, der sich für seine Patienten aufopfert und sich mit Alkohol betäubt. Der Junge, der aus ohnmächtiger Wut einen Polizisten verprügelt. Die Heimleiterin, die sich täglich um ihre alten Schützlinge kümmert und selbst die Einsamste von allen ist. Die Blumenhändlerin, die sich in einen Mann verliebt, den sie nicht einmal kennt. Kleine Dramen in einer kleinen Welt. Menschliche Dramen, wie sie sich Tag für Tag irgendwo in den Straßen abspielen und die keinen interessieren. Robert Seethaler schon. In seinem Buch "Die Straße" sind es genau diese scheinbar gewöhnlichen Menschen, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt, denen er eine Stimme verleiht und ein Gesicht.

Die Straße ist melancholisch, poetisch und voll mit Sätzen, die man mehrmals lesen will, weil sie so tief berühren. So wie dieser: „Manche Menschen scheinen um das Unglück zu kreisen wie Fliegen um einen Schießhaufen. Dabei weiß man gar nicht, ob man ihn bedauern oder bewundern soll. Unermüdlich in seinem Kampf. Geradezu attraktiv in seiner Verzweiflung.“
Und irgendwie trifft dieser Satz den Kern des Buches. Eine Straße voller Verzweifelter. Menschen, die mit ihrem Unglück leben, daran scheitern, sich ihm widersetzen oder es einfach mit sich herumtragen.


Angelika Wende

Freitag, 2. Oktober 2026

Wir müssen es heute noch nicht wissen

Foto: A.W.



Du siehst im Moment kein Licht am Ende des Tunnels.
Und vielleicht musst du es auch nicht sehen.
Du hast viel verloren.
Menschen, die du geliebt hast.
Nähe. Vertrautheit. Halt. Verbundenheit. Geborgenheit. Gewissheiten. Und vielleicht auch einen Teil von dir selbst und die Vorstellung davon, wie dein Leben weitergehen kann.

Du weißt, was dir fehlt.
Du weißt auch, dass du diese Dinge nicht einfach herstellen kannst.
Liebe lässt sich nicht planen.
Nähe lässt sich nicht erzwingen.
Einen geliebten Menschen kann man nicht ersetzen.
Einen neuen Sinn kann man nicht einfach konstruieren.
Glück kann man nicht machen oder kaufen.
Die Trauer hat uns und nicht wir sie.
Du kannst sie nicht einfach abstellen.
Auch deinen Schmerz können wir nicht einfach wegmachen.
Und deshalb sage ich dir nicht: Du musst nach vorne schauen.
Du musst positiv denken. Ich kann dir auch nicht sagen: Du wirst bestimmt wieder glücklich werden.
Das weiß ich nicht.
Aber eines weiß ich: Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht.
Du weißt es nicht. Ich weiß es nicht.

Du kannst dir im Moment vielleicht nicht vorstellen, dass dein Leben noch einmal anders aussehen könnte. Das ist okay. Du musst dir heute keine Zukunft vorstellen können. Aber dass du dir etwas nicht vorstellen kannst, bedeutet nicht, dass es unmöglich ist. Dass du heute keine Freude empfindest, bedeutet nicht, dass du niemals wieder Freude empfinden wirst. Dass du heute keine Nähe hast, bedeutet nicht, dass dein Leben für immer ohne Nähe bleiben muss. Dass du heute Schmerz fühlst, bedeutet nicht, dass dieser Schmerz nicht kleiner werden kann.
Und dass du heute kein Licht in der Dunkelheit siehst, bedeutet nicht, dass die Zukunft bereits entschieden ist. Du musst nicht versuchen, heute ein Licht am Ende des Tunnels zu finden. Du musst nur nicht entscheiden, dass es niemals anders werden kann. Es reicht zunächst, nicht zu behaupten, dass es nie mehr heller wird.

Heute weißt du nur, was heute ist.
Heute fühlst du Trauer.
Heute empfindest du Schmerz.
Heute quält dich Sehnsucht.
Heute bist du einsam.
Heute fühlst du Angst.
Heute fehlt dir Liebe.
Heute fehlt dir ein Mensch, mit dem du dein Leben teilen kannst.
Heute fühlt sich vieles leer an.
Heute hast du keine Hoffnung, dass es jemals besser wird.
Das ist deine Wahrheit für heute.

Aber die Zukunft ist keine festgeschriebene Tatsache.
Sie ist noch nicht geschehen. Und deshalb müssen wir heute nicht wissen, wie du in einem Jahr leben wirst. Wer du sein wirst. Was du tun wirst. Wir müssen nicht wissen, ob du noch einmal einen Menschen finden wirst, der dich tief berührt. Wir wissen nicht, ob du eine neue Liebe erleben wirst. Wir müssen nicht wissen, ob und wann deine Freude zurückkommt.

Wir wissen es einfach noch nicht.
Vielleicht ist das für den Moment die kleinste Form von Hoffnung, die möglich ist. Nicht: Alles wird gut, sondern: Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Und vielleicht kannst du irgendwann sagen: Und ich muss es heute noch nicht wissen.

 

Angelika Wende
Kontakt: aw@wende-praxis.de

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Hiob – wenn ein Leben alles verliert

 

Malerei: A.W.

Die Tragödie des Hiob ist weit mehr als eine biblische Erzählung. Sie ist eines der grundlegenden Gleichnisse für die Erfahrung des unverschuldeten menschlichen Leidens und für die Frage, was mit einem Menschen geschehen kann, wenn die vertraute Ordnung seines Lebens plötzlich zerbricht. Hiob steht dabei für eine existenzielle Erschütterung, die in unterschiedlicher Form jedem von uns begegnen kann, für den Moment, in dem Krankheit, Verlust, Tod, ein Unglück oder ein massiver Schicksalsschlag die Vorstellung zerstört, das eigene Leben sei im Wesentlichen planbar und kontrollierbar.
Die Geschichte beginnt mit einem Menschen, dessen Leben geordnet erscheint. 
Hiob besitzt Wohlstand, soziale Anerkennung, Familie und Gesundheit. Er lebt in einer Welt, die vertraut und sicher ist und deren Regeln scheinbar funktionieren. Doch diese Ordnung erweist sich als zerbrechlich. Innerhalb kürzester Zeit verliert Hiob alles, worauf sein bisheriges Leben gegründet war. Besitz, Beziehungen, körperliche Unversehrtheit und Zukunft werden ihm genommen. Aus einem Menschen, der sein Leben gestaltet, wird ein Mensch, dem das Leben auf brutale Weise widerfährt.
Darin liegt die Radikalität der Hiobsgeschichte. 
 
Leiden bedeutet nicht lediglich, dass einem Menschen etwas Schlimmes widerfährt. Leiden kann sein gesamtes Weltverständnis erschüttern. 
Wir Menschen leben nicht nur von dem, was tatsächlich geschieht, sondern auch von unseren Annahmen und Erwartungen darüber, wie Welt funktioniert. Wir gehen gewöhnlich davon aus, dass unser Handeln Folgen hat, dass Beziehungen Bestand haben, dass unser Körper uns trägt und dass die Zukunft zumindest in groben Zügen berechenbar bleibt. Diese Annahmen bilden den unsichtbaren Hintergrund unseres Alltags. Solange sie sich bestätigen, nehmen wir sie kaum wahr. Erst wenn sie zerbröseln, erkennen wir, wie sehr wir unser Leben darauf gebaut haben.
Hiob wird genau in diese Erfahrung hineingeworfen.
Sein Leiden zerstört nicht nur seine äußere Lebenssituation, sondern auch die innere Ordnung, mit der er seine Existenz bisher verstanden hat. Plötzlich reicht es nicht mehr aus, vernünftig zu handeln. Es reicht nicht, ein guter Mensch zu sein. Es reicht nicht, Verantwortung zu übernehmen. Die Welt folgt nicht mehr der erwarteten Logik von Ursache und Wirkung. Damit begegnet Hiob einer der erschütterndsten Erfahrungen menschlicher Existenz: der Erfahrung der eigenen Begrenztheit.
Im Alltag verwechseln wir Handlungsfähigkeit leicht mit Kontrolle. Wir planen, entscheiden, vermeiden Risiken und versuchen, unser Leben zu organisieren. Daraus entsteht die Vorstellung, wir könnten unser Schicksal zumindest in einem gewissen Maß selbst bestimmen. Schwere Krisen können diese Vorstellung zerstören.
 
Eine Krankheit kann unseren Körper unser ganzes Leben verändern. Ein Verlust kann eine Beziehung und eine Identität beenden. Der Tod eines Menschen kann eine gemeinsame Zukunft und den eigenen Lebenssinn auslöschen. Eine finanzielle Krise kann unsere Autonomie erschüttern. Das Erschreckende ist dabei nicht nur der Verlust selbst. Es ist die Erkenntnis, dass das eigene Handeln plötzlich nicht mehr ausreicht, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen.  
Der Mensch kann nicht mehr einfach handeln, um das Geschehen zu verändern. Er muss zunächst aushalten, was geschieht. Bei Hiob wird diese Ohnmacht besonders radikal, weil sie zu allem Übel am Ende den eigenen Körper erreicht. Der Körper ist normalerweise die Voraussetzung unserer Freiheit. Wir bewegen uns, arbeiten, essen, trinken, gehen, schlafen und handeln, ohne ständig darüber nachzudenken, dass all dies überhaupt möglich ist. Krankheit und Schmerz zerstören diese Selbstverständlichkeit. Der Körper wird nicht länger als etwas erlebt, das uns selbstverständlich trägt. Er wird zum Ort der Begrenzung. Er setzt Grenzen, die der Wille nicht überwinden kann, und zwingt uns in eine fremde Gegenwart, aus der es keinen einfachen inneren Rückzug gibt. Körperliches Leiden bedroht deshalb nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern kann auch unsere Autonomie, unsere Lebensweise, unsere Psyche und Selbstverständlichkeiten erschüttern.
 
Hiob sitzt in der Asche. Dieses Bild ist zugleich körperlich und symbolisch. Die äußere Welt, die ihm Sicherheit gegeben hat, ist zusammengebrochen, sein Körper wird zum Ausdruck dieser inneren Zerstörung.  
Doch gerade an diesem Punkt geschieht etwas Entscheidendes: Hiob, der bisher alles ertragen und ausgehalten hat, schweigt nicht weiter. Er klagt. Er widerspricht. Er fragt. Er hadert mit Gott und mit der Welt. Er weigert sich, sein Leiden mit einer einfachen Erklärung zu versehen. Sein Protest ist deshalb mehr als bloße Verzweiflung. In seiner Klage liegt auch eine Form der Selbstbehauptung.
Wer seinen Schmerz ausspricht, bezeugt damit, dass dieser Schmerz real ist. Hiob kann die Ereignisse nicht kontrollieren. Aber er kann sich weigern, seine eigene Erfahrung zu verleugnen.Darin liegt für mich eine bemerkenswerte Form psychischer Integrität. Ein Mensch muss nicht alles beherrschen können, um sich selbst treu zu bleiben. Selbst dort, wo unsere äußere Handlungsmacht verloren geht, kann die eigene Stimme erhalten bleiben.
 
Hiobs Größe besteht nicht darin, dass er enorm leidensfähig und unerschütterlich wäre. Im Gegenteil, er ist erschüttert, er ist wütend, verzweifelt und verzagt. Aber er versucht nicht, diese Gefühle hinter einer künstlichen Fassade von Stärke zu verbergen. 
 Gerade dadurch wird sein Leiden wahrhaftig. In dieser Hinsicht verweigert Hiob eine Form von Resignation, die sein Leiden lediglich hinnehmen und mit einer fertigen Erklärung versehen würde. Sein Hadern ist ein metaphysischer Protest gegen die Vorstellung, das Unrecht müsse nur deshalb gerecht sein, weil es sich ereignet hat.
Besonders deutlich wird dies im Umgang mit seinen Freunden. Sie kommen zu Hiob, um ihn zu trösten, doch ihre Vorstellungen von Trost geraten zunehmend in Konflikt mit seiner tatsächlichen Erfahrung. Die Freunde suchen nach einer Ursache für das Leiden. In ihrer Welt muss das Geschehen einen moralischen Zusammenhang besitzen. Wer leidet, muss etwas getan haben, das dieses Leiden erklärt. Wenn Hiob so gerecht ist, wie er behauptet, dann kann seine Katastrophe innerhalb dieses Systems eigentlich nicht existieren. Also versuchen sie die Widersprüchlichkeit aufzulösen.
Genau darin liegt ihre Empathielosigkeit. Nicht deshalb, weil sie bewusst grausam wären, sondern weil sie das Leiden nicht einfach stehen lassen können. Das Unbegreifliche macht ihnen Angst. Wenn Leid keinen erkennbaren Grund hat, wird die Welt unberechenbar. Eine Erklärung vermittelt zumindest die Illusion, dass alles einem System folgt oder einen Sinn hat. Doch die Suche nach Ordnung kann auf Kosten des leidenden Menschen gehen. Aus der Frage „Warum geschieht ihm das?“ wird schnell die Frage „Was hat er falsch gemacht?“ Damit wird aus Leid Schuld. Und aus Schuld kann Scham werden. Schuld bedeutet, dass ein Mensch etwas Falsches getan hat. Scham lässt den Menschen selbst als falsch erscheinen.
 
Die Geschichte Hiobs zeigt eine grundlegende psychologische Unterscheidung. Nicht alles, was uns geschieht, ist von uns selbst verursacht. Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe. 
Eine Krise wird besonders schmerzhaft, wenn der Mensch mit seiner Erfahrung nicht nur leidet, sondern sich zusätzlich unverstanden fühlt. Man kann von Menschen umgeben sein und trotzdem vollkommen allein sein. Das geschieht, wenn die anderen nicht wirklich zuhören, sondern wissen wollen, welche Bedeutung das Geschehen haben muss. Der leidende Mensch erzählt von seinem Schmerz und bekommt eine Erklärung. Er spricht über seine Angst und erhält einen Ratschlag. Er zeigt seine Verzweiflung und man sagt ihm: Sei stark.
Solche Reaktionen entstehen nicht aus Bosheit. Sie können aus Hilflosigkeit entstehen. Menschen möchten das Leiden des anderen beenden, weil sie es selbst nicht aushalten. Doch wirkliche Begleitung beginnt genau dort, wo das Bedürfnis nach einer schnellen Lösung endet. Mitgefühl bedeutet nicht, eine Antwort zu haben. Manchmal bedeutet es einfach, beim anderen bleiben zu können, obwohl es keine Antwort gibt. In diesem Sinne ist die Hiobsgeschichte zeitlos. Sie stellt nicht nur die Frage nach Gott und warum das Leiden in die Welt kommt, sondern auch nach unserem Umgang mit einem leidenden Menschen.
 
Der überraschendste Teil der Geschichte ist Gottes Antwort auf Hiobs Klage. 
Gott bestraft Hiob nicht für seine Wut. Er verurteilt ihn nicht dafür, dass er sich beschwert hat. Stattdessen bricht er sein Schweigen und antwortet Hiob aus dem Wettersturm heraus. „Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, und du sollst mich belehren!“ Diese Worte markieren eine besondere Form der Begegnung. Gott nimmt Hiob als Gegenüber ernst. Er behandelt ihn nicht wie einen Menschen, dessen Gefühle korrigiert, reguliert oder beruhigt werden müssten.
Allerdings liefert Gott auch keine kleine logische Erklärung für Hiobs Leiden. Er sagt nicht: Das ist geschehen, weil … Er gibt Hiob keine Antwort, mit der sich sein Schmerz nachträglich erklären oder rechtfertigen ließe. Stattdessen richtet sich Gottes Rede auf die Größe und Komplexität der Schöpfung. Er fragt Hiob, wo er war, als die Fundamente der Erde gelegt wurden. Er spricht vom Meer, von den Sternen, von den Tieren und von den Kräften einer Welt, die sich dem menschlichen Verstand nicht vollständig unterordnet. Damit verschiebt sich die Perspektive.
 
Die Welt ist größer und komplexer, als der Mensch sie mit seinen Kategorien von Belohnung und Bestrafung, Sinn und Unsinn, Schuld und Sühne, erfassen kann. Das bedeutet nicht, dass Hiobs Leiden dadurch erklärt wäre. Vielmehr wird die Erwartung zurückgewiesen, der Mensch könne die gesamte Wirklichkeit in ein einfaches Ursache-Wirkungs-Schema bringen.
Gottes Antwort ist deshalb keine Erklärung des Leids.
Sie ist vielmehr eine Konfrontation mit der Grenze menschlichen Verstehens. Besonders bedeutsam ist, dass Gott am Ende nicht Hiob, sondern dessen Freunde zurechtweist. Er sagt zu ihnen: „Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.“ Damit erhält Hiobs Klage eine besondere Bedeutung. Seine Wut und sein Hadern werden nicht als moralisches Versagen zurückgewiesen. Die Freunde dagegen, die Hiobs Leiden mit scheinbar eindeutigen Erklärungen und Bedeutungen versehen haben, werden gemahnt.
Das ist für mich eine der stärksten Aussagen der Erzählung. Ehrliches Ringen mit dem Leid kann wahrhaftiger sein als eine scheinbar fromme Erklärung, die den Schmerz des anderen nicht mehr sehen muss. Hiob darf wütend sein. Er darf fragen. Er darf die Ungerechtigkeit aussprechen. Seine Klage wird nicht dadurch falsch, dass sie schmerzhaft oder unbequem ist.
Darin liegt eine tröstliche Dimension der Geschichte.
 
Hiobs Schmerz bleibt nicht unsichtbar. Er wird nicht kleingeredet und nicht dadurch entwertet, dass jemand anderes eine Erklärung dafür gefunden zu haben glaubt.  
Viele Menschen kennen keine andere Form der schnellen Erklärung als die Forderung, jedem Leiden einen Sinn abgewinnen zu müssen. In und nach einer Krise entsteht bei vielen von uns häufig der Wunsch, das Geschehene in einen größeren Sinnzusammenhang einzuordnen.
Wir fragen, ob und woran wir gewachsen ist, was wir daraus gelernt haben oder welcher neue Weg sich daraus ergeben haben könnte. Eine solche Perspektive kann hilfreich sein. Sie wird jedoch dann problematisch, wenn Sinn zur Pflicht wird. Nicht jedes Leid muss sofort in persönliches Wachstum verwandelt werden. Nicht jede Verletzung muss eine Lektion enthalten. Nicht jede Katastrophe muss im Nachhinein durch Sinngebung gerechtfertigt werden. Manchmal ist die ehrlichste Antwort: Das war schmerzhaft. Das war ungerecht. Und ich weiß nicht, warum es geschehen ist. Erst wenn der Schmerz seinen Platz bekommen darf, kann später möglicherweise eine neue Bedeutung entstehen.
 
Auch unsere Vorstellung von Resilienz muss vor diesem Hintergrund neu betrachtet werden. Häufig wird ein starker Mensch als jemand verstanden, der funktioniert, sich zusammenreißt und möglichst schnell wieder aufsteht. Hiob ist ein starker Mensch und dennoch erzählt er eine andere Geschichte. Er zeigt, dass ein Mensch auch dann psychisch lebendig bleiben kann, wenn er nicht mehr stark ist. Resilienz bedeutet nicht Unverletzbarkeit. Sie bedeutet nicht, dass eine Krise den Menschen nicht verändert. Trauer ist nicht das Gegenteil von Stärke. Angst ist nicht das Gegenteil von Stärke. Wut ist nicht das Gegenteil von Stärke. Manchmal besteht Stärke gerade darin, diese Gefühle wahrzunehmen und auszuhalten, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren. Hiob ist nicht deshalb stark, weil er nicht zerbricht. Seine Stärke liegt vielmehr darin, dass selbst in der Zerbrechlichkeit etwas von ihm erhalten bleibt. Seine Stimme, sein Urteil, sein Anspruch auf Wahrheit. 
Nach der schweren Erschütterung stellt sich nicht die Frage: Warum ist das geschehen?, sondern: Was ist von hier aus noch möglich?
Diese Frage markiert den Übergang von Ohnmacht zu Selbstwirksamkeit. 
 
Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, die Vergangenheit verändern zu können. Sie bedeutet auch nicht, vollständige Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen. Sie beginnt viel kleiner. 
Ein Mensch entscheidet, wem er vertraut. Er nimmt Hilfe an. Er setzt eine Grenze. Er ruht sich aus. Er trifft wieder eigene Entscheidungen. Er übernimmt Verantwortung für das, was tatsächlich in seiner Macht liegt, und hört auf, sich für das verantwortlich zu machen, was er niemals kontrollieren konnte. So entsteht langsam wieder ein innerer sicherer Boden. Es ist jedoch nicht derselbe Boden wie zuvor.
Eine schwere existenzielle Krise kann die Vorstellung vom eigenen Leben dauerhaft verändern. Genau deshalb ist Heilung nicht unbedingt eine Rückkehr in den Zustand vor dem Zusammenbruch. Heilung bedeutet nicht, dass nichts geschehen ist. Sie bedeutet auch nicht, wieder der Mensch zu werden, der man vor der Krise war. Wer einen tiefen Verlust erlebt hat, trägt das Wissen um die eigene Verletzlichkeit weiter in sich. Wer erfahren hat, wie schnell Sicherheit zerbrechen kann, wird anders auf das Leben blicken. Beziehungen, Prioritäten und Vorstellungen können sich verändern. Das muss nicht bedeuten, dass das Leiden im Nachhinein „gut“ gewesen wäre. Eine solche Verklärung würde den Schmerz erneut entwerten. Es bedeutet lediglich, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, aus einer erschütterten Existenz langsam eine neue Form von Leben entstehen zu lassen. 
Vielleicht erkennt er, welche Dinge tatsächlich wichtig sind und welche nur deshalb wichtig erschienen, weil sie Sicherheit versprochen haben. Vielleicht lernt er, seine Grenzen ernster zu nehmen. Vielleicht verändert sich sein Verhältnis zu anderen Menschen. Vielleicht versteht er, dass der eigene Wert nicht von Leistung, Besitz, Gesundheit oder Anerkennung abhängen darf. Transformation bedeutet dann nicht, dass die Katastrophe notwendig gewesen wäre. Sie bedeutet, dass der Mensch ihr nicht das letzte Wort über seine Existenz überlassen muss.
 
Die stärkste Botschaft der Geschichte liegt deshalb nicht darin, dass am Ende alles wieder gut wird. Sie liegt darin, dass ein Mensch im Zustand größter Ohnmacht seine innere Stimme bewahren kann. 
Hiob verliert seine äußeren Sicherheiten. Er verliert seine Selbstverständlichkeit. Er verliert zeitweise sogar die Fähigkeit, seine Welt zu verstehen. Aber er gibt seine eigene Wahrnehmung nicht auf. Er lässt sich nicht von den Erklärungen anderer vereinnahmen. Er bleibt bei sich und seinem Schmerz. Und genau darin liegt seine Würde. Heilung beginnt nicht mit der Antwort auf die Frage, warum uns etwas geschehen ist. Sie beginnt mit bescheideneren Fragen: Was ist trotz allem noch lebendig? Was gehört noch zu mir? Wo kann ich wieder handeln? Wem kann ich mich anvertrauen? Welche Teile meines alten Lebens darf ich betrauern, und welche Teile meines neuen Lebens kann ich selbst gestalten?
Hiob gibt darauf keine einfache Antwort.  Denn das wirkliche Leben hält selten einfache Antworten bereit. Es verlangt uns vielmehr ab, mit Ungewissheit zu leben, ohne daran zu zerbrechen. Wir können nicht verhindern, dass das Leben uns erschüttert. Wir können nicht jede Krankheit, jeden Verlust und jede Enttäuschung verhindern oder kontrollieren. Aber wir können lernen, zwischen Ohnmacht und Selbstaufgabe zu unterscheiden. Ein Mensch kann verletzt sein und trotzdem nicht herzlos sein. Er kann zusammenbrechen und trotzdem wieder aufstehen. Er kann alles verlieren, ohne sich selbst zu verlieren. Ein Mensch kann etwas nicht verhindern und trotzdem seine Würde bewahren. Für mich liegt genau darin die tiefste Bedeutung der Geschichte Hiobs. Nicht darin, dass das Leid am Ende einen Sinn hat und verschwindet, sondern darin, dass der Mensch im Leid nicht vollständig verschwindet.
 
 
Angelika Wende
Kontakt: aw@wendepraxis.de