„Wenn du Zuneigung brauchst, kannst du keine Zuneigung geben.“
Krishnamurtis Aussage, dass ein Mensch keine Zuneigung geben kann, solange er selbst Zuneigung braucht, verweist auf einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen echtem Geben und einem Geben, das aus einem inneren Mangel entsteht. Manche Menschen schenken anderen Aufmerksamkeit, Fürsorge oder Zuneiung, weil sie sich insgeheim danach sehnen, genau das selbst zu erfahren. Das Geben ist dann nicht frei, sondern von der Hoffnung begleitet, etwas zurückzubekommen. Anerkennung, Verbundenheit, Nähe, Dankbarkeit oder Liebe. Es wirkt wie Großzügigkeit, innerlich ist es jedoch der Versuch, ein eigenes Bedürfnis zu stillen.
Gerade das sogenannte Helfersyndrom macht diese Dynamik deutlich. Der Helfer handelt meist nicht bewusst eigennützig. Der Schatten des Helfers liegt nicht im Helfen selbst, sondern in seiner verborgenen Quelle.
Hilfe kann aus Mitgefühl entspringen, sie kann aber ebenso aus der eigenen Bedürftigkeit hervorgehen, die sich hinter dem Ideal der Selbstlosigkeit verbirgt. Der Helfer sucht dann unbewusst das, was ihm selbst fehlt: Zuneigung, Anerkennung, Bedeutung oder das Gefühl, gebraucht zu werden. Indem er gibt, hofft er zu empfangen, ohne sich diese Hoffnung eingestehen zu müssen. Der Helfer erlebt sich als selbstlos, weil ihm die eigentliche Triebkraft seines Handelns verborgen bleibt. Die eigene Bedürftigkeit wird nicht erkannt, sondern verdrängt und in den Dienst des Helfens gestellt. Was als Fürsorge erscheint, ist zugleich der Versuch, eine innere Leere zu überdecken. Das Helfen wird zur Bühne, auf der ein ungelöstes Bedürfnis nach Zuniegung und Bestätigung ausagiert wird.
Der Schatten besteht nicht darin, dass geholfen wird, sondern darin, dass das Geben unbewusst zu einem Mittel der Selbstversorgung geworden ist.
Solange dieser Zusammenhang unbewusst bleibt, hält sich der Helfer für altruistisch, während sein Handeln zugleich von einem unbewussten Eigeninteresse getragen wird. Erst wenn diese verdrängte Bedürftigkeit erkannt wird, kann das Helfen seinen instrumentellen Charakter verlieren und zu einer freien Handlung werden, die den anderen nicht mehr für die eigenen seelischen Bedürfnisse in Anspruch nimmt.
Folgt man Krishnamurti ist es dort keine Zuneigung im eigentlichen Sinn, wo das Geben an eine Erwartung gebunden ist. Es ist ein Tauschgeschäft, auch wenn es unbewusst geschieht. Für Krishnamurti ist dies der grundlegende Irrtum des Ichs. Solange das Ich aus einem Gefühl des Mangels handelt, verwandelt es jede Beziehung in einen Deal. Zuneigung wird zur Hoffnung auf Erwiderung, Fürsorge zum Wunsch nach Bedeutung. Selbst die edelste Absicht kann so zu einer subtilen Form der Selbstversorgung werden.
Damit stellt Krishnamurti eine radikale Frage: Kann Zuneigung Ausdruck innerer Fülle sein statt ein Versuch, einen Mangel auszugleichen?
Seine Antwort ist klar. Zuneigung wird erst dort wirklich frei, wo sie nicht von psychologischer Abhängigkeit getragen ist, wo wir sie nicht selbst brauchen.
Das bedeutet nicht, dass wir kein Bedürfnis nach Zuneigung, Nähe und Bindung haben dürften. Es bedeutet vielmehr, dass Zuneigung ihren eigentlichen Charakter verliert, wenn sie dazu dient, die eigene Sehnsucht danach zu befriedigen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir geben, sondern warum wir geben.
Echte Zuneigung beginnt für ihn erst dort, wo das eigene Bedürfnis endet, wenn wir den anderen nicht mehr dazu brauchen, um die eigene innere Unvollständigkeit zu überwinden. Das Geben entspringt dann keiner Absicht mehr. Es ist kein Mittel, kein Tausch, kein Versuch, etwas zu bekommen. Es ist Ausdruck einer inneren Fülle, die nichts gewinnen muss.
Erst dort, wo das Verlangen nach Zuneigung verstummt, kann Zuneigung zu einer freien Bewegung werden. Zuneigung ist dann nicht länger ein Bedürfnis, sondern ein Ausdruck von Freiheit.

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