Selfies über Selfies. Die sozialen Medien sind voll davon. Auch ich poste ab und an mal ein Selfie. Auf den ersten Blick wirkt das Selfie wie ein Akt der Selbstermächtigung und der gesunden Selbstwertschätzung. Wir zeigen uns der Welt, wie wir gesehen werden wollen. Doch wer die Dynamik hinter der Kamera psychologisch analysiert, erkennt das Paradoxon: Eine inflationäre Produktion des eigenen Abbilds führt nicht zu einem starken, gefestigten Ich, sondern vielmehr zu dessen schleichender Schrumpfung.
Um zu verstehen, warum das „Selbst“ mit jedem Klick schrumpft, lohnt sich der Blick auf das Konzept der Objektifizierung.
Wenn wir ein Selfie machen, betrachten wir uns nicht mehr primär von innen heraus. Wir schlüpfen in die Rolle des externen Beobachters. Das Individuum spaltet sich auf, in den Betrachter und das betrachtete Objekt.
Wir bewerten unser Aussehen und zugleich unsere Makel. Und letztere werden dann retuschiert oder mit einem Filter überzogen. Aus einem fühlenden Subjekt wird ein zu optimierendes Objekt. In der Psychologie sprechen wir hier von der Selbst-Objektifizierung. Wer sich permanent durch diese Brille der Fremdwahrnehmung betrachtet, verliert den Zugang zu seinen introzeptiven Signalen, sprich dem inneren Gespür dafür, wer er eigentlich ist, abseits von Lichtverhältnissen, Aufnahmewinkeln und Filtern.
Ein weiterer psychologischer Mechanismus ist die Verschiebung des Selbstwertgefühls.
Ein stabiles Selbst ruht idealerweise in einer intrinsischen Stabilität. Es ist sich seines Wertes bewusst, unabhängig von der Meinung oder der Bewunderung anderer. Das Selfie-Zeitalter jedoch verlagert den Selbstwert nach außen, was man extrinsische Validierung nennt. Jedes gepostete Bild ist quasi ein ins außen gerichteter Antrag auf Bestätigung. Die Währung, in der bezahlt wird, sind Likes, Kommentare und Shares. In der Folge reagiert das Gehirn reagiert auf die digitale Resonanz mit der Ausschüttung von Dopamin. Bleibt das Feedback aus oder fällt es geringer aus als erhofft, wird dies als Ablehnung interpretiert. Das „Selbst“ wird dadurch hochgradig volatil und abhängig von den Algorithmen der Plattformen. Es existiert nicht mehr aus sich heraus, sondern vornehmlich im Spiegel der anderen. In der Psychologie unterscheiden wir zwischen dem wahren Selbst und dem falschen Selbst. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie Version unserer selbst zu kuratieren, inszeniert in den besten Momenten des Lebens. Je mehr Energie und Zeit wir in die Pflege dieses digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen Ecken und Kanten, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifizieren wir uns mit der glänzenden Fassade, während das eigentliche Wesen dahinter verschwindet.
Dass die digitale Selbstdarstellung oft das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bezwecken will zeigt sich in der Fremdwahrnehmung.
Studien der Washington State University belegen das sogenannte Selfie-Paradoxon. Obwohl Menschen regelmäßig Selfies machen, werden Accounts mit einer hohen Dichte dieser Bilder oft als weniger sympathisch, weniger erfolgreich und unsicherer wahrgenommen. Selbst bei identischen Inhalten, wie Reisen oder persönlichen Erfolgen, wirken Personen auf Selfies unnahbarer als auf Fotos, die von Dritten aufgenommen wurden. Während Befürworter das Phänomen gern als kreativen Ausdruck von Selbstliebe verteidigen, offenbart die psychologische Realität ein tief verwurzeltes, oft missverstandenes Phänomen: den Narzissmus. Viele Menschen setzen Narzissmus meist mit exzessiver Eigenliebe gleich. Die klinische Psychologie zeigt jedoch ein anderes Bild. Der Narzissmus speist sich nicht aus zu viel, sondern aus zu wenig Selbstwertgefühl. Das narzisstische Ego gleicht einem Fass ohne Boden und ist permanent auf externe Bestätigung angewiesen, die sogenannte narzisstische Zufuhr. Hier setzt die Dynamik des Selfies an. Jedes hochgeladene Bild ist ein digitaler Köder, ausgeworfen in der Hoffnung auf Likes und Bewunderung. Diese Reaktionen fungieren als kurzfristige Dopamin-Injektionen, die das fragile Selbstwertgefühl künstlich stabilisieren.
Je mehr Selfies jemand postet, desto höher ist die Gefahr einer chronischen Selbst-Objektifizierung.
Aus psychoanalytischer Sicht lässt sich hierbei eine fatale Kuration des „falschen Selbst“ beobachten. Das Selfie-Protokoll zwingt uns dazu, eine idealisierte, fehlerfreie und grandiose Version unserer selbst zu erschaffen. Je mehr Energie, Zeit und emotionale Ressourcen wir in die Pflege dieses makellosen digitalen Zwillings investieren, desto größer wird die Kluft zum realen, unvollkommenen Ich. Das wahre Selbst, mit all seinen verletzlichen, ungeliebten oder abgelehnten Teilen, wird als ungenügend empfunden und ins Unbewusste verdrängt. Am Ende identifiziert sich der Mensch mit seiner eigenen Fassade und verwechselt die digitale Performance mit seiner Existenz. Mein Aphorismus „Je mehr Selfies, desto weniger Selbst“ warnt vor dieser emotionalen Insolvenz. Wenn wir die emotionale Verbindung zu uns selbst nicht verlieren wollen, müssen wir den Blick wieder öfter nach innen richten und die Kamera ausschalten, um das Leben nicht bloß abzubilden, sondern uns selbst und das Leben zu spüren.

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