Mittwoch, 1. November 2023

Aus der Praxis: No Way! Wenn Menschen nicht zu helfen ist

 


Niemand ist gerne psychisch angeschlagen oder hat ernsthafte psychische Probleme oder Störungen. Es ist nicht leicht sich einzugestehen, dass die eigene Seele krankt. Dazu gehört eine große Portion Mut, Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Selbsterkenntnis. Nun ist Selbsterkenntnis kein leichtes Unterfangen, sie ist jedoch die Voraussetzung um sich professionelle Hilfe zu suchen. Vor allem ist die Bereitschaft sich selbst erkennen zu wollen, die unbedingte Voraussetzung dafür, dass Hilfe wirken kann. Oft wird die Annahme von Hilfe als Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfunden. Das Eingeständnis sich selbst gegenüber, dass man Hilfe braucht, ist jedoch Stärke und nicht Schwäche. Die Erkenntnis, dass wir nicht alles alleine bewältigen können oder sogar nicht mehr können,bedeutet, dass wir die Realität anerkennen und aufhören uns selbst etwas vorzumachen.
Damit Hilfe wirkt, müssen wir wie gesagt auch innerlich bereit sein sie anzunehmen.
Damit sie wirken kann bedarf es ...
 
1. Leidensdruck
Betroffene müssen ihren Zustand als Belastung empfinden und ihn als Belastung (an)erkennen.
2. Krankheitseinsicht
Dies ist die wichtigste Voraussetzung. Man muss wirklich einsehen, dass man ein Problem hat und Hilfe braucht. Das bedeutet, man muss sich dem Problem bewusst stellen. Fehlt die „Krankheitseinsicht“, sehr oft ist das bei Sucht so, kann Hilfe nichts ausrichten.
3. Eigenmotivation
Dieser Punkt ist ebenfalls mehr als relevant. Oft versuchen Angehörige, ihren Partner oder ein Familienmitglied zu einer Therapie zu bewegen. Die Betroffenen machen es dann halt, damit der Angehörige endlich Ruhe gibt. Es bringt meiner Erfahrung nach absolut nichts, wenn ein Mensch aufgrund von äußerem Druck in die Praxis kommt. Wenn er selbst keine Einsicht verspürt, ist er auch nicht bereit mitzuarbeiten.
 
Eine Therapie oder ein Coaching in Anspruch zu nehmen ist immer eine freiwillige Entscheidung, die allein aus uns selbst kommen muss. Unser Zustand muss uns bewusst sein und wir müssen die Bereitschaft haben zu genesen.
Leider ist es so, dass nicht allen Menschen zu helfen ist. 
 
Woran erkennt man, dass einem Menschen nicht zu helfen ist?
Wenn er die Schuld für alles immer bei anderen oder den Umständen sieht und nicht bereit ist Eigenverantwortung zu übernehmen.
Wenn er andauernd widerspricht, es besser weiß und sich dem Prozess verweigert.
Wenn er nichts an hilfreichen Werkzeugen, die ihm an die Hand gegeben werden - wie Übungen, Skills etc., einübt und kontinuierlich praktiziert.
Wenn er trotz Absprache keine Expositionsübungen macht.
Wenn er ständig klagt und nichts aktiv tut, damit eine Besserung eintritt. Der Klagende will klagen. Er hat keinen Impuls etwas zu tun, um seine Situation konstruktiv zum Besseren zu verändern. Ihm fehlt die innere Bereitschaft und Einsicht. So kann er natürlich keine Eigeninitiative ergreifen und handlungsfähig werden.
Wenn er sein Verhalten und seine Probleme immer wieder bagatellisiert.
Wenn er keine Eigenmotivation zeigt und in der Haltung verharrt: "Das ändert doch alles sowieso nichts."
Wenn er meint, er habe schon so viel getan und ihm kann sowieso keiner (mehr) helfen.
Wenn er glaubt, er weiß besser was mit ihm los ist als jeder andere, sogar besser als der, die TherapeutIN.
Wenn er den Helfer manipuliert und/oder offen oder subtil abwertet.
Wenn er meint, dass sein Leiden das Schlimmste der Welt ist, keiner ihn versteht und es unheilbar ist.
Wenn er meint mit seinem Leiden alles rechtfertigen und entschuldigen zu können, was ihm im Leben nicht gelingt.
Wenn er nicht daran glaubt, dass er selbst etwas ändern könnte.
Wenn er nicht bereit ist sich selbst zu hinterfragen.
Wenn er nicht daran arbeitet, sein destruktives Denken und Handeln oder seine selbstzerstörerischen Gewohnheiten zu verändern.
Wenn er nicht einsieht, warum er sich verändern soll und meint der Rest der Welt müssen sich ihm anpassen.
Wenn er zwar hohen Leidensdruck hat, aber kaum oder keine Krankheitseinsicht und keine Eigenmotivation.
Wenn er immer wieder betont: "Ich bin halt so. Ich kann nichts dagegen tun."
Wenn die Therapie lediglich als Ersatz fungiert für all das, was der Betroffenen im Leben nicht finden kann: stabile Beziehungen, Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Zuwendung.
Wenn er sich selbst nicht zwingend als einen Teil der Lösung sieht, sondern sich als Opfer fühlt. Wenn er also der festen Überzeugung ist, dass die Lösung seines Problems von außen kommen muss oder glaubt, dass jemand anderes sich ändern muss, damit es ihm besser geht. Aus dieser Opferidentifikation heraus kann der Mensch nicht handeln und sich nicht wandeln.
Wenn die unbewusste Überzeugung ist: "Es darf nicht heilen."
Wenn es einen sekündären Krankheitsgewinn gibt, der mehr Benefit hat, als die Genesung haben könnte.
Wenn er oft zu spät kommt oder Sitzungen absagt, vergisst und ausfallen lässt.
 
"Man kann nicht alle Umstände ändern, denen man sich stellt. Aber nichts wird sich je ändern, wenn du dich ihnen nicht stellst."
- James Baldwin

Montag, 30. Oktober 2023

Wiederholung

 



Du grübelst, deine Gedanken drehen sich im Kreis, es sind die immer gleichen. 
Deine Ängste, deine Befürchtungen, deine Sorgen, deine Überzeugungen, sind die immer gleichen. Sie wiederholen sich in Endloschleife, verfolgen dich am Tag, in der Nacht. Du findest keine Ruhe. Immer bist du am wiederholenden Denken.
Und du schweigst.
Du gibst deinen Gedanken keine Antworten.
Du glaubst ihnen ohne Widerrede. Glaubst, dass sie wahr sind. Folgst ihnen, weil dein Gehirn das schon immer tut. Weil es schon immer so war. Das immer gleiche Denken.
Je öfter du denkst, was du immer denkst, desto eingefahrener ist die neuronale Autobahn in deinem Denkapparat. Je öfter du diese Autobahn fährst, desto breiter wird sie. Je breiter die Autobahn ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Autopilot automatisch diese Autobahn nimmt.
Dein Gehirn bevorzugt alles was eingefahren ist, es liebt Wiederholungen. 
Es liebt Gewohnheiten. 
Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Handlung, die oft genug wiederholt wird, verselbstständigt sich und läuft automatisch ab.
Das ist einfach für dein Gehirn.
Du machst es ihm einfach.
Solange du ihm keine Antworten gibst, solange du ihm nicht widersprichst, wird dein Gehirn weiter nur das wiederholen, was es kennt.

Sonntag, 29. Oktober 2023

Aus der Praxis: Die Funktion zwanghaften Denkens

 

                                                                Malerei: A.Wende

 

 

Der Klient klagt ständig. Seine Arbeit gehe ihm nicht aus dem Kopf. Er könne an nichts anderes mehr denken und über nichts anderes mehr reden, sagt er. Auch in jeder gemeinsamen Sitzung ist das alleinige Thema seine Arbeit. Er beklagt sich, wie unerträglich der Chef ist, meint, dass die anderen Mitarbeiter auch Probleme mit ihm haben und dass der endlich weg muss, damit es ihm besser geht.

 Sein ganzes Denken dreht sich zwanghaft um den Chef und Arbeit, die wegen ihm so frustrierend ist.  In seinem Kopf ist permanentes Affengeschnatter, wie es die Buddhisten nennen, ein ruheloser Geist, der wie ein Affe von einem Ast zum anderen springt. 

In einem solchen Geisteszustand sind wir nicht mehr fähig klar zu denken. Wir sind gedanklich nicht da wo wir gerade sind. Der Körper ist anwesend, während der Geist ganz woanders ist. 

 

Die Abneigung und die Wut, die der Klient ständig mit sich herumschleppt, führen dazu, dass er nicht mit sich selbst im Einklang ist. Diese innere Disharmonie hat zur Folge, dass ihm die Aufmerksamkeit fehlt um in die Tiefe zu gehen und eine Lösung zu finden. Wir beschäftigen uns seit Wochen nur mit der Oberfläche des Problems und sind unfähig an die Substanz zu kommen, sprich: das tiefere Problem zu ergründen.

 

Ein Affengeist, der nicht selten zwanghaftes Denken nach sich zieht, ist also zu nichts gut, könnte man meinen. Aber so ist es nicht. Jedes zwanghafte Denken hat eine Funktion, nämlich, dass wir vom wahren Problem – also von der Tiefe, von dem, worum es wirklich geht, abgelenkt sind und uns dem nicht stellen müssen. Es wird abgewehrt.

 

Mein Klient macht sein ganzes Unglück an einem schlimmen Chef fest. Er projiziert und überträgt, was in seinem Leben an Unheilsamen ist – unter anderem ein Suchtproblem, ein massives Selbstwertthema und zwischenmenschliche Probleme in Beziehungen – auf das Außen. Das zwanghafte Denken lenkt ihn von dem ab, was er wirklich anschauen müsste, damit sich an seinem emotionalen Zustand und seiner Lebenssituation Zustand etwas ändern kann.

 

Als ich ihn frage, wenn sie nicht bereit sind, ihren Chef und ihre Arbeitssituation zu akzeptieren, warum suchen Sie sich dann nicht einen anderen Job?, schüttelt er nur müde den Kopf.

 

 Leave it or love it. Machen sie etwas anderes oder akzeptieren sie was ist, sage ich.

 

Auf keinen Fall sei er dazu bereit. Weder das eine noch das andere geht. Er beharrt darauf, dass der Chef weg muss und klagt weiter.

Okay, was könnten Sie bei sich selbst ändern, wenn das auf keinen Fall geht?, frage ich weiter.

 

Ich habe keine Probleme, der Chef ist das Problem, wenn der geht, ist alles gut, kommt als Antwort.

Und, was soll ich jetzt machen?

 

Love it, geht nicht, leave it, geht nicht. Change it, sage ich. Das würde bedeuten, dass wir beide in die Tiefe gehen.

 

Wie oft, geht er mich aggressiv an, soll ich Ihnen noch sagen, ich bin nicht das Problem!

 

Ja, sage ich, sie sind vielleicht nicht das Problem, aber Sie haben Probleme, um nur eins zu nennen, ihr Alkoholproblem.

 

Ich habe kein Alkoholproblem. Was soll ich denn machen, wenn der Job mich kaputt macht, meine Beziehungen nicht funktionieren und ich jeden Abend alleine da sitze? Dann muss ich mich halt runterbeamen. Da reicht eine Flasche Wein nicht um das alles zu schlucken, kontert er.

 

Mit runterbeamen ist runtertrinken gemeint, was er natürlich nie sagen würde, denn dann müsste er seinen Blick vom schlimmen Chef auf sich selbst richten.

Der Klient zeigt keine Bereitschaft. Sein innerer Widerstand ist nicht zu lösen. Die fehlende Bereitschaft in die Tiefe zu gehen ist ein massives Hindernis, an dem weder er, noch ich, noch wir beide gemeinsam weiterkommen.

 

Wenn keine Bereitschaft vorhanden ist, wenn es nur Gründe gibt, warum etwas nicht geht und keine Wege gesehen werden, um etwas zu verändern, ändert sich nichts.Das Problem kann nicht gelöst werden.  

Es bleibt an der Oberfläche und erfüllt damit weiter die Funktion die tiefere Ursache zu verdrängen, weil diese für den Klienten gefühlt unaushaltbar erscheint. Mit einer solchen Haltung dreht sich die unheilsame Spirale nach Unten. Der Geist wird mit immer mehr Frust, Wut und Widerstand gefüttert. Es kommt zu mentalem und körperliche Energieverlust, im Zweifel sogar zu psychischen und/oder körperlichen  Beschwerden. Beide Probleme – jenes, was an der Oberfläche ist und jenes, das im eigenen Inneren ist, kumulieren zur massiven Krise mit hohem Leidensdruck. Das ist dann oft der Moment in dem Menschen erstmals bereit sind etwas zu ändern oder auch nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Grübeln - Fühlen statt Denken

 



Die Gedanken kreisen, wie können nicht aufhören zu grübeln, ein ständiges Affengeschnatter im Kopf. Es ist schwer das abzustellen. Manche Dinge beschäftigen uns so sehr, dass unsere Gedanken darin im wahrsten Sine des Wortes gefangen sind und wir in ihnen. Wir finden den Schlüssel nicht um den Gedankenkäfig aufzuschließen.
Wir versuchen es mit dem Gedankenstopp, es funktioniert nicht, wir versuchen es mit Achtsamkeitsübungen, mit Atmen, mit Meditieren, es funktioniert nicht. 
 
Gedanken, die immer wiederkehren und sich immer wieder um das Gleiche drehen, können zwanghaft werden. Meist geschieht das, wenn wir für etwas keine Lösung finden, wenn wir mit etwas nicht abschließen können, was unabänderlich in der Vergangenheit passiert ist, wenn wir uns ständig nach einem Warum fragen und antwortlos zurückbleiben. Immer ist es etwas, das wir nicht akzeptieren können. Etwas in unserem Leben, das wir, so wie es ist, nicht fassen können oder nicht haben wollen.
 
Wenn zwanghaftes Grübeln und negative Gedanken unseren Ihren Alltag bestimmen, ist das enorm belastend. Wir sind im Dauerstress und nicht bei uns selbst.  
Wir verlieren das Jetzt und sind irgendwo in der Zukunft oder in der Vergangenheit, wir sind nicht präsent. Wir nehmen gar nicht mehr wahr was jetzt ist, wir leben wie in Trance und verlieren den Bezug zur Realität. Wir nehmen das Gute und Schöne, das es in unserem Leben auch gibt nicht mehr wahr oder wir nehmen es wahr, aber es berührt uns nicht.
Wie ein Zombie laufen wir durch die Tage und funktionieren nur noch, aber gefühlt leben wir nicht mehr. Die Macht der negativen Gedanken schnürt jede Leichtigkeit und alle Freude ab und kann im worst case in Ängsten, Panikattacken oder einer Depression enden.
Höchste Zeit etwas zu tun. 
 Aber was denn?, wir haben doch schon alles versucht.
Ja, aber vielleicht nicht konsequent genug. 
 
Alles was wirken soll braucht Wiederholung, Übung und Kontinuität. Methoden gegen negative Gedanken und Grübeleien, erfordern Zeit und Übung, um eine positive Wirkung zu erzielen.
Es hilft nichts, wenn wir ab und zu meditieren, ab und zu eine Atemübung machen, ab und zu den Gedankenstopp machen und es dann wieder sein lassen, weil es nicht gleich klappt. Es hilft nichts, wenn wir ab und zu ein Dankbarkeitstagebuch schreiben und es dann zur Seite legen, weil wir keinen Bock mehr haben. Es hilft nichts, wenn wir unser Tagebuch nicht regelmäßig führen. Es hilft auch nichts uns ständig abzulenken. Spätestens wenn die Ablenkung vorbei ist, sitzen wir wieder im Gedankenkäfig. 
 
All diese Methoden brauchen Disziplin, Wiederholung und Kontinuität. Man kann sich auch nicht zwingen etwas zu akzeptieren oder loszulassen, damit das Denken und Grübeln endlich aufhört, denn Akzeptanz und Loslassen ist ein Prozess.
Es ist vollkommen normal, dass wir manche Dinge nicht so schnell verarbeiten wie wir es gerne hätten, denn dass wir das nicht können, hat ja einen Grund. Unsere Gefühle nämlich. Die lassen sich nicht wegdenken. Sie sind da und sie haben ihre Berechtigung, auch wenn uns jemand etwas anderes erzählen will. Auch wenn wir mit dem Verstand genau wissen, dass wir uns unsere destruktiven Gedanken sparen können, weil sie nichts ändern und wir nur leiden, die Gefühle machen da nicht mit.
 
Darum kann es hilfreich sein uns, wenn wir belastende Gedanken nicht los werden, zu fragen: Welches Gefühl steckt dahinter?
Und uns dann dem Gefühl zuwenden und es da sein lassen, bis es sich auflöst. Und es löst sich auf, wenn es da sein darf. Wenn wir den inneren Widerstand aufgeben und es da sein lassen.
Ein Beispiel: Eine Beziehung zu Ende. Wir grübeln über diese Beziehung nach, wir fragen uns warum alles kam wie es ist, was schief gelaufen ist, was wir uns gegenseitig angetan haben, was uns verletzt hat und und und. Das sind endlose Fragen ohne befriedende Antworten. Ein endloses, sinnloses Grübeln, das an der Trennung nichts ändert. Und im Grunde wissen wir ja, warum sie gescheitert ist.
Wenn wir uns aber fragen: Was sind meine Gefühle hinter all den Gedanken?, werden wir gewahr: Da ist Schmerz, da ist Trauer, da ist Sehnsucht nach den guten Tagen, nach dem Menschen, der am Anfang so wunderbar war und dann nicht mehr oder wir haben Sehnsucht nach Beziehung überhaupt. Da ist das Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit, da sind Gefühle von Angst, Groll, Wut, Schuld oder Scham.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Gefühle richten, brechen wir aus dem Denken aus – wir kommen bei uns selbst an und dem, was wirklich ist – nämlich unser emotionaler Zustand. Und den erkennen wir an. Mehr nicht. Einfach anerkennen.
 
Ja ich fühle Trauer. Es ist okay!
Ja, ich fühle Schmerz. Es ist okay!
Ja, ich fühke Wut. Es ist okay!
Es ist okay, weil es normal ist so zu fühlen. Es darf sein. Was ich fühle darf sein. Ich muss das nicht wegmachen.
Und dann wenden wir uns dem zu, was wir jetzt für unsere Gefühlslage tun können.
Welches Bedürfnis ist jetzt da?
Und wie kann ich es mir erfüllen?
Was genau brauche ich jetzt?
Bei Trauer z.B. dürfen wir Weinen und Trost suchen. Wir steigen aus dem Grübeln aus und kommen bewusst ins Fühlen und dann ins Handeln, zu unserem Besten, um zu genesen.

Samstag, 21. Oktober 2023

Aus der Praxis: "… Ich bin, was ich beschließe zu werden“


 

 

 

Für alle Menschen, die Traumata und/oder Schicksalsschläge erlebt haben, ist die Genesung ein Prozess. Dieser Prozess dauert in der Traumaarbeit meist mehrere Jahre und umfasst vieles. Erlebtes durcharbeiten und neu bewerten, Glaubenssätze identifizieren und sich von ihnen disidentifizeren, Selbstwertgefühl und Selbstberuhigungskompetenz stärken, innere und äußere Blockaden beseitigen, Verstrickungen erkennen und lösen, und und und.
Eine Menge Arbeit, eine Menge Anstrengung und vor allem - die Zuversicht nicht verlieren ist in diesem Prozess essentiell wichtig. Dieser Prozess verläuft nicht linear, sondern eins fließt ins andere. Er ist auch keine einmalige Angelegenheit mit klar definiertem Anfang und Ende, dieser Prozess beginnt immer wieder von neuem. Jeder Heilungsprozess ist individuell und hängt von jedem einzelnen Menschen selbst ab. Er hängt nicht von der Stärke oder Anzahl von Traumata ab, auch nicht von der Wucht eines Schicksalsschlages, sondern wie der Betroffene, das, was ihm widerfährt, empfindet, oder wie es der Traumaexperte Dr. Gabor Mate in seinem Buch „Vom Mythos des Normalen“ auf den Punkt bringt: "Trauma – aus dem Griechischen für „Wunde“ – „ist nicht das, was dir passiert; es ist das, was in dir als Ergebnis dessen passiert, was dir passiert. Es ist nicht der Schlag auf den Kopf, sondern die Gehirnerschütterung, die ich bekomme."
Genauso ist es beim Schicksalsschlag, jeder Kopf, jede Seele empfindet anders. Jeder Organismus ist anders, jede Erziehung ist anders, Gene und Bindungserfahrung sind anders, jeder Körper ist anders, jede Haltung zum Leben ist anders, jeder Geist ist anders, kurz - kein Mensch gleicht dem anderen. Die einen sind hart im Nehmen, die anderen fragil wie Glas. Auch die Fähigkeit der Resilienz ist nicht jedem gegeben und sie kann sich nach zu vielen Schicksalsschlägen und traumatischen Erfahrungen sogar verlieren. Das ist dann der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt: ein Mensch bricht zusammen, der zuvor alles Schwere gemeistert und überwunden hat.


Wenn wir Trauma erleben mussten, sitzt das fest. Es löst sich nicht von selbst. Es kann zu einer PTBS kommen, bei manchen lebenslang. Es ist nicht alles heilbar, das müssen wir demütig anerkennen. Und nicht jeder ist heilbar, denn Genesung hat viel mit der Person selbst zu tun. Aber sind wir deshalb ein Leben lang an Vergangenes gefesselt? Die Antwort ist: Nein! Es gibt Wege, uns zu entfesseln – die Frage ist nur: Was das bedeutet und zwar allein für uns selbst. Welche Vorstellungen wir davon haben.
 

Heilung bedeutet nicht – alles wird wie früher und es bedeutet auch nicht Neuwerdung, wie manche meinen. Heilung kann auch bedeuten – genesen. Das Wort ist mir persönlich lieber als das große Wort „Heilung“. Was kaputt ist wird nicht mehr heil, aber wir können die Wunde versorgen, damit sie sich schließt und nicht mehr schmerzt, oder vielleicht ab und an, wenn das Wetter umschlägt, so wie wir es von körperlichen Narben kennen. Wir lernen damit zu leben, mit dem was unveränderbar ist und hören auf es ändern zu wollen. Wir hören auf mit: „Es soll endlich weggehen, ich muss das endlich loslassen!“
Manches geht nicht weg und manches lässt sich nicht loslassen.
Aber es lässt sich anders sehen und neu bewerten. Wir hören auf uns damit zu identifizieren, wir erkennen es an, weil es zu unserer Biografie gehört, auch wenn es schmerzhaft war. Wir hören auf uns als Opfer zu denken und zu fühlen, auch wenn wir Opfer waren. Klingt paradox, hilft aber. Zum einen mitfühlend anerkennen: Ich war Opfer und zum anderen: Ich bin jetzt kein Opfer mehr, weil ich jetzt nicht mehr ohnmächtig, sondern handlungsunfähig bin – ich bin jetzt der Mensch, der gestalten kann.


„Ich bin nicht das, was mir passiert ist, ich bin, was ich beschließe zu werden“ schrieb Carl Gustav Jung


Und damit reiht er sich in all jene Menschen ein, die Opfer waren wie z.B. Viktor Frankl, Edith Eger, Dr. Gabor Maté, denen Grausames widerfahren ist. Diese Menschen sind bewusste, kluge, empathische Menschen, die sich entschieden haben, sich über ihre Traumata und die, die sie verursacht haben, zu erheben. Sie beschlossen zu „werden“.
Warum kann das nicht jeder? Ich habe mich das oft gefragt. Oder zunächst: Warum können diese Menschen das?
Unter anderem, weil sie vergeben haben, ist meine Antwort. Sie haben den Tätern vergeben. Sie haben sich sich selbst zugewandt, sie haben sich für ihre Genesung entschieden und sie haben sich einer Aufgabe verschrieben, die Aufgabe anderen zu helfen, als Psychoanalytiker, als Psychiater, als Arzt, als Therapeutin, als Autor, als Autorin. Sie haben einen Sinn gewählt, der über sie selbst hinaus geht. Der Focus dieser Menschen liegt auf der Aufgabe, die sie sich gestellt haben und nicht auf ihrem Trauma. Er liegt darauf aus diesem Trauma zu lernen, an ihm zu wachsen, es zu nutzen, es zu wandeln und andere, mittels ihrer Erfahrungen und ihres Wissens, zu unterstützen auch der zu werden, der sie sein wollen.


Bitte nicht falsch verstehen – das soll nicht heißen, alle anderen machen etwas falsch. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, aber es gibt hilfreich und nicht hilfreich. Es ist immer der eigene Weg, der zur Genesung führt, der, der sich stimmig anfühlt, der Schritt für Schritt fühlbar und erlebbar Genesung bringt. Es ist ein: den Weg gehen und nicht aufhören ihn zu gehen. Es gibt nicht die eine Methode, die allen Menschen gleich hilft. Es gibt viele Methoden und Wege, aber was entscheidend ist, das sagt meine Erfahrung über all die Jahre meines Wirkens ist Bereitschaft, Geduld und die Fähigkeit dem, was war, einen Sinn zu verleihen und dem Jetzt einen selbstgewählten Sinn zu geben – und sei es der, zu genesen.
 

Jede Art der Abwehr, jedes: „Ich will das so nicht haben!“, jedes: „Ich bin Opfer und werde es immer sein, ist eine Blockade, die Genesung unmöglich macht. Denn damit würde man den Kern des Schmerzes umgehen.


Man kann seine Geschichte nur selbst aufarbeiten. Und man muss es auch wirklich wollen. Man kann sich Hilfe suchen beim Aufarbeiten, auch das muss man wirklich wollen. Und man muss die Hilfe annehmen wollen. Nur was wir aufgearbeitet haben kann sich wandeln. Es kann eine neue Form annehmen, auch wenn der Inhalt der gleiche bleibt.
Neulich sagte eine Klientin zu mir: Hätte meine Mutter mich nicht gehasst und geschlagen und hätte mein Vater nicht gesoffen, wäre ich beziehungsfähig geworden. Ich hätte ein gutes Leben gehabt.“ Sie ist so davon überzeugt, dass das Schlimme, was ihr widerfahren ist, der Grund für alles ist, was sie im späteren Leben nicht erfahren durfte, dass sie zwanghaft jedes Mal, sobald ich mit ihr gemeinsam versuche die Dinge neu zu bewerten, sofort zurückfällt in ihre Überzeugung. Es darf nicht gut sein! Es war zu furchtbar. Damit wird es auch nicht gut oder zumindest besser. Durch den Groll und das Festhalten an der Opferrolle fügt sie sich selbst weiteren Schmerz zu und baut eine undurchdringliche Mauer auf. Aus Schmerz wird Leiden. Wie kann sich so eine Liebesbeziehung entwickeln, wie kann sich so das Leben zum Besseren wenden, wenn diese Blockade vorhanden ist? Die Blockade schreit ja förmlich: „Ich bin machtlos!“


„Ich bin nicht machtlos!“ Das ist die Wahrheit, wenn ich sie glauben will, wenn ich die Bereitschaft habe, zu glauben. Dann kann Genesung beginnen. "… ich bin, was ich beschließe zu werden“. Damit beginnt der Weg aus der Ohnmacht in die Handlungsbereitschaft.
Es geht nicht um Wegmachen oder Neuwerden – es geht darum aus dem, was war, das zu machen, was werden soll. Es geht nicht um neu erfinden oder ums unbedingte Loslassen – es geht um die Integration des Traumas, als Teil unseres Seins und es geht darum dieses Sein selbst zu gestalten um der Mensch zu werden, der wir sein wollen.
Ja, das ist in der Tat schwer, aber nichts ist unmöglich. Daran glaube ich. Es sei denn, ich sage: „Auch wenn ich weiß, dass ich noch könnte, ich weiß nicht, ob ich noch will.“ Auch das ist eine Entscheidung, die ich mir selbst vorbehalte, wenn ich einmal nicht mehr will.  
 
 
 


Mittwoch, 18. Oktober 2023

Spaltung

 

                                                                      Foto: www

 
Das menschliche Bewusstsein und die Gesellschaft erleben gerade eine extreme Veränderung. Es kommt mehr und mehr zu einer großen Spaltung der Menschheit. Eingeleitet wurde diese Spaltung durch die Coronapandemie, die die Menschen weltweit voneinander getrennt hat, physisch und in der Folge emotional und auf Seelenebene. Freundschaften sind zerbrochen, Familien sind zerbrochen, Beziehungen jeder Art sind zerbrochen. Die Menschen haben sich in zwei Lager gespalten anstatt gemeinsam die Krise zu bewältigen. Statt Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung waren Angst, Krieg, Kampf und Hass die Energien dieser Jahre.
 
Wir haben uns gesellschaftlich entzweit, wir haben Andersdenkende attackiert und ausgegrenzt oder wir haben die anderen einfach nicht mehr wahrgenommen, weil sie anders denken. Dieser Prozess zeigt jetzt seine Auswirkungen. Die Gesellschaft strukturiert sich vollkommen um. Das menschliche Gesellschaftssystem ist seit der Pandemie auf Angst, Aggression und Feindseligkeit aufgebaut, die aus unbewältigter Angst entsteht. Andersdenkende werden weiter als Bedrohung wahrgenommen und müssen bekämpft und am Besten vernichtet werden. 
 
Die einen halten sich für die Guten und was ihrem Denkrahmen nicht entspricht, wird als Böse bezeichnet. Die anderen meinen die Wahrheit zu kennen und bezichtigen die anderen der Manipulation, während sie exakt das Gleiche tun. Wieder andere meinen die Welt retten zu müssen und die magische Medizin zu besitzen und bekämpfen alle, die sie nicht schlucken wollen. Wieder andere predigen Wasser und trinken Wein. 
 
Anstatt unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu achten, zu pflegen und zu stärken um als Gemeinschaft die Krisen dieser Zeit zu bewältigen, breiten sich Individualismus, Egoismus, Narzissmus, Vereinzelung und in der Folge eine kollektive Einsamkeit aus. Sobald ein Gesellschaftssystem auf Angst aufgebaut ist, sucht sich die Evolution einen anderen Weg. Wie der aussieht, erleben wir gerade. Um uns herum ist mehr und mehr Zerstörung.
 
Die Mehrzahl der Menschen begreift nicht, dass unsere Stärke und Kraft nicht in der Individualität sondern in der Gemeinschaft liegt. Das Bewusstsein, dass wir alle miteinander verbunden sind, ist verloren. Solange wir dieses Bewusstsein nicht wiedererlangen, werden wir nicht zusammenfinden, wir werden immer schwächer, individuell und kollektiv. Wir brauchen keine Kriege, wir löschen uns als Gemeinschaft selbst aus. 
 
Die Fragen, die wir uns jetzt stellen können, lauten: 
Wozu will ich meinen Beitrag leisten? Wer will ich in dieser Zeit sein?

Montag, 16. Oktober 2023

Frieden

 

                                                                  Art: Banksy
 
Viele wollen ihn und wundern sich warum es ihn nicht gibt:
Frieden.
Es wird in dieser Welt keinen Frieden geben.
Frieden verwirklicht sich in den Herzen der einzelnen Menschen.
In so vielen Herzen herrscht Unfrieden.
In so vielen Herzen herrscht Unzufriedenheit, Undankbarkeit, Selbstsucht, Gier, Neid, Wut, Empathielosigkeit, Intoleranz, Leere, Bewusstlosigkeit, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit.
Wie soll eine Welt so Frieden finden?